Sonntag, 17. Dezember 2006

Durch den Fagarasch zum Königstein

Über die höchsten Gipfel Rumäniens (21.06. – 01.07.00)



Als wir morgens gegen 8.30 Uhr die ungarisch – rumänische Grenze überschreiten und sich unser Bus auf die erste größere Stadt in Rumänien zubewegt, setzt bei mir die Müdigkeit ein , die ich mir auf unserer nächtlichen Fahrt durch Österreich und Ungarn sehnlichst erwünscht hätte. Jetzt, wo ich als Rumänien – Neuling „Terra incognita“ betrete, nicke ich immer wieder ein.
Arad wirkt irgendwie chaotisch, die sozialistischen Wohnsilos erscheinen mir desolater, als ich es von meinen bisherigen Reisen in den ehemaligen Ostblock kenne, die Atmosphäre hat jedoch meridionale Züge, oder liegt das vielleicht mehr am schönen Wetter? Andere größere Städte auf unserem Weg, wie Deva und Sebes, hinterlassen einen ähnlichen Eindruck. Auf den Busbahnhöfen immer das selbe Schauspiel: Hütchenspieler und Geldwechsler suchen einen Dummen, auch eine Dame aus unserem Bus beißt in den Köder, gewinnt zunächst beim Hütchenspiel, verliert anschließend, ein verbaler Streit beginnt, die Frau fühlt sich betrogen, der Bus muß weiter...

Gegen 11 Uhr dann Ankunft in Sibiu, mehr als 3 Stunden vor Fahrplan. Ich werde mit einer kleinen Seniorengruppe Siebenbürger Sachsen an einer lärmenden Hauptstraße herausgelassen. Von ihnen weiß leider niemand, wo der Bahnhof ist, sie sind seit ihrem Exodus nach Deutschland vor zig Jahren zum erstenmal wieder in ihrer ehemaligen Heimat. Sie empfehlen mir, ein Taxi zu nehmen, der Fahrer fragt mich nach meinem eigentlichen Ziel. „Sebesu de Sus“, antworte ich ihm, möglichst bemüht, meine Ortsunkenntnis und die Tatsache zum erstenmal in Rumänien zu sein, zu kaschieren. Wir beginnen mit den Fahrpreisverhandlungen, eine direkte Fahrt mit dem Taxi ohne eventuelle Wartezeiten am Bahnhof in Kauf nehmen zu müssen, wäre mir eigentlich recht Nachdem wir einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, geht´s dann raus aus der Stadt, auf die Karpaten zu.

Ja, die Karpaten! Als ich als Jugendlicher den „Nosferatu“ mit Klaus Kinski in der Rolle des blutdürstenden Grafen gesehen habe, war ich fasziniert von der dort gezeigten Landschaft. Obwohl dieser Film zwar nicht in den rumänischen Karpaten (wohl aber in den slowakischen!) gedreht wurde, blieb bei mir diese Assoziation mit fantastischer Natur und dem Geheimnisvollen. Als ich dann Trekking und Bergsteigen immer mehr zu einer meiner Lebensmaximen erhob, war für mich klar, eines Tages auch die rumänischen Karpaten...

In dem schönen Dörfchen Sebesu de Sus, das wir mittlerweile über eine Schotterpiste erreicht haben, lässt mich dann der Taxifahrer ´raus, und los geht´s, am Dorfkircherl vobei, die Straße hinauf, schon eröffnet sich der Blick auf´s Gebirge, das hier seine alpinen Ausmaße jedoch noch nicht erreicht. Immer schön dem roten Dreieck nach, durchs Moasei – Tal, am Bach entlang, wunderschöne Zeltmöglichkeiten am Wegrand, wäre ich später angekommen. Da ich jedoch sehr gut in der Zeit liege, will ich noch die Cabana Suru auf 1450 m erreichen und meine erste Nacht in Rumänien in einer der von Landeskennern gerühmten, rustikal – einfachen, aber urgemütlichen Berghütten verbringen. Der Steig wird gelegentlich etwas undeutlich, hinter einem rauschenden Wasserfall sind dann Pfad und Wegzeichen verschwunden. Hervorragend, ich habe zwar ein Buch mit einer Wegskizze im Gepäck, jedoch keine Wanderkarte, die in Deutschland auch nicht aufzutreiben war, und von einer solchen ich mir erhoffte, in einer der Berghütten am Weg ein Exemplar käuflich erwerben zu können. Aufgrund meiner begrenzten Zeit und meinem ehrgeizigen Vorhaben, innerhalb der mir zur Verfügung stehenden 8 ½ Tagesetappen den gesamten Fagarasch – Hauptkamm längs zu traversieren, über die gewaltige Kalkwand des Piatra Craiului zu steigen und , nach Passieren der romantisch – schönen Bergdörfer auf dem Bran – Paß, abermals auf die Höhen des von rumänischen Bergfreunden viel gepriesenen Bucegi – Gebirges hinaufzuschwitzen, um dann vielleicht, nach all den Strapazen, bequem mit der Seilbahn, von denen es in den Karpaten, Gott sei´s gelobt, nicht allzu viele gibt, ins grandiose Prahova – Tal hinabzuschweben.
Mittels Kompaß und Orientierungssinn beschließe ich, solange pfadlos weiterzumarschieren, bis entweder Selbiger wieder auftaucht, oder aber die Cabana Suru erreicht , bzw. bei deren Verfehlen die Baumgrenze überschritten und der Hauptkamm erreicht ist. Als ich schließlich auf den Hauptkamm gelange, nachdem weder Weg noch Hütte gefunden wurden, habe ich Schwerstarbeit hinter mir, die in diesem Maße für den ersten Tag nicht geplant war.

Ich baue mein Zelt hinter dem Felsen auf einem nicht allzu hoch aus der Landschaft ragenden Gipfel auf. Hier bin ich einigermaßen windgeschützt, da dieser einem hier oben kräftig um die Ohren weht .
Ein junger Schäfer mitsamt Herde und den Hunden, deren Agressivität mir im Laufe der kommenden Tage noch des öfteren zu schaffen machen werden, nähert sich. Der junge Bursche wirkt auf mich, wie so vieles in Rumänien, wie aus einer Zeit, die unsereins nur noch aus den Schilderungen der Vorkriegsgeneration kennt . Er riecht nach Erde und nach Tier, derselbe Duft, den ich von den Ureinwohnern Raramuri aus der Sierra de Tarahumara in Mexiko kenne. Das ist für mich kein Stinken, wie ich das bei abgestandenem Schweiß oder ungewaschenen Füßen empfinde, das ist der Geruch des Menschen, der in der Natur lebt.

Die Konversation geht etwas schleppend vor sich, man darf von diesen einfachen Leuten keine Fremdsprachenkenntnisse erwarten. Meine Vorkenntnisse in zwei anderen romanischen Sprachen, zu deren Verwandtschaftskreis auch das Rumänische zählt, bringen im praktischen Gespräch nur wenige Vorteile, was sich in den kommenden Tagen noch des Öfteren bestätigen wird. So sitzen wir also zusammen, teilen uns ein paar Wurstbüchsen und Müsliriegel aus der „Bordküche“ meines Rucksacks, später gesellen sich noch zwei ältere Arbeitskollegen des jungen Mannes zu uns. Freundlich sind sie, urig irgendwie und obwohl der Großteil Rumäniens geografisch nicht dem Balkan zuzuordnen ist, dieser beginnt eigentlich, nach offizieller Lesart, erst südlich der Donau , so treffen diese wild aussehenden Kerle doch meine Vorstellung von Balkanbewohnern. Die Sonne geht langsam unter und taucht das tief unter uns liegende Olt – Tal in herrliche Pastelltöne. Die Schäfer drängt es zum Aufbruch, sie geben mir zu verstehen , daß ich die Nacht mit ihnen in der Stana (rumänische Schäferkate) verbringen könne. Ein reizvoller Gedanke, trotzdem werde ich freundlich ablehnen, da ich nach diesem harten Kampf bis hierher die gewonnenen Höhenmeter nun nicht mehr hergeben will.

Nach einer gut durchschlafenen Nacht erwache ich dann frühmorgens in einer typischen Fagarasch – Atmosphäre: Das Pfeifen es Schäfers, das Blöken der Schafe, das Bellen der Hunde. Ich krieche aus dem Zelt und erblicke meinen jungen Freund von gestern, wie er in einige Entfernung am gegenüberligenden Hang seine Herde hochtreibt. Wir begrüßen uns mit durch Winken mit der weit hochgehaltenen Hand, wie ich es in den folgenden Tagen noch öfters tun werde, wenn ich einem Schäfer begegne, auch in der Hoffnung, daß dieser dann seine treuen Hilfssheriffs im Zaum hält.

Auf geht´s dann zu ersten Etappe auf dem Fagarasch – Hauptkamm! Wie ich dann bei späterem Kartenstudium herausfinde, befand sich mein Nachtlager vermutlich auf dem Varful Tatarul, in der Nähe des Sattels La Apa Cumpanita, meine angestrebte Cabana Suru ist nach Aussage der Schäfer abgebrannt und durch eine einfache Biwakschachtel ersetzt worden. Diese Angaben werden mir später auch von anderen Wanderern bestätigt.

Am Beginn meines heutigen Weges ist die Markierung noch etwas undeutlich und, wenn man eine findet, stellt sich diese nur durch zwei halb verwitterte weiße Balken dar, dem gut sichtbaren rot dazwischen, wie ich es dann im weiteren Verlauf auf der gesamten Fagarasch – Durchquerung bis hinters Refugiu Berevoescu vorfinde, haben Wind und Wetter den Garaus gemacht. Nach Überschreiten und Tangieren mehrerer harmlosen Grasgipfel zeigt der Fagarasch dann mit dem Erreichen des Varful Budislavu (2343m) sein hochalpines Gesicht. Schließlich folgt der Abstieg zum ersten Bergsee, dem Lacul Avrig. Prächtig leuchtet mir sein Himmelblau in der Morgensonne entgegen, während ich gemächlich hinabsteige, um an seinem Ufer für ein zweites Frühstück zu verweilen. Hier am Avrig – See entdecke ich etwas, was ich auf meiner Wanderung auch noch an anderen Stellen vorfinden soll und mit dem Ausdruck „disziplinierte Umweltverschmutzung“ belegen will: große, aus Steinen gebildete Kreise, in denen sich hunderte von vor sich hinrostenden Konservendosen befinden. Na ja, wenigstens alles auf einem Haufen und nicht wild in der Gegend verstreut! Auf dem weiteren Weg bewegt man sich in einer herrlichen Hochgebirgslandschaft. Ich passiere die kleine Notunterkunft „Refugiu Scara“, der Weg bis zum Negoiu – Gipfel übers Custura Sacatii (Kirchendach) ist spannend und abwechslungsreich, immer wieder mit klettersteiähnlichen Passagen gewürzt. An einer Stelle, nicht allzu weit vom Gipfelaufstieg , bin ich sogar gezwungen, meinen sperrigen Rucksack abzuschnallen und vorsichtig am Fels herunterzulassen, da sonst ein Weiterkommen nicht möglich ist.

Auf dem Gipfel treffe ich schließlich auf eine Gruppe Jugendlicher aus Bukarest, die von der Negoiu – Baude heraufgekommen sind und deren Etappenziel , ebenso wie meines, das Refugiu Caltun sein soll. Als Abstiegsmöglichkeit dorthin haben wir die Wahl zwischen der einfacheren Strunga Doamnei (Frauenkamin) und dem schwierigeren Klettersteig , der Strunga Dracului (Teufelskamin). Da ich zum Hochgebirgswandern gekommen bin und gern ein bißchen kraxle, wähle ich gleich letztere, die Gruppe aus Bukarest will den anderen Weg vorziehen, entscheidet sich jedoch angesichts eines Schneefeldes am Eingang des Steiges ebenfalls für das Teufelskamin. Die jungen Leute erscheinen mir nicht allzu bergerfahren, besonders fällt mir ein junger Mann in der Gruppe auf, dem anscheinend auch die nötige Trittsicherheit fehlt. Beim Abstieg durch die Rinne löst er dann in seiner Nervosität immer wieder kleinere Steinschläge aus.

Am Ausgang des Kamins angekommen , nimmt dann das Unglück seinen Lauf in Form eines extrem steilen Schneefeldes, das den weiteren Weg versperrt. Weiter unten ist bereits die gelb leuchtende Biwakschachtel „Refugiu Caltun“ zu sehen; die einzige Möglichkeit, dorthin zu gelangen, ist jedoch, das Schneefeld zu überwinden, eine Umkehr schließt die fortgeschrittene Stunde aus. Auch ich selbst habe mir vorzuwerfen, den alpinen Charakter dieses Gebirges etwas unterschätzt zu haben. Ich werde auf meiner Route noch manch andere, ähnlich kribblige Passagen vorfinden, ein Eispickel im Gepäck wäre das Mindeste gewesen, besser sogar noch Steigeisen. Die im Vergleich zu den Alpen weit nach Süden vorgeschobene Lage dieses Teils der Karpaten ändert nichts an der Tatsache, daß hier selbst im Juni noch mit erheblichen Schneeresten zu rechnen ist!

Da mir der Abstieg über das Schneefeld zu gefährlich erscheint, ziehe ich ein Umklettern durch die Felsen vor, wo mir meine Vorkenntnisse im Felsklettern behilflich sind. Trotzdem wird es mir zwischendurch mit meinem 20 – Kilo – Rucksack zu riskant, das Ding muß über Bord! Angesichts der Gewalt, mit dem der Rucksack das Schneefeld runterrast und anschließend mit unzähligen Überschlägen durchs Geröllfeld scheppert, grenzt es an ein Wunder, bzw. zeugt von hoher Verarbeitungsqualität, daß weder Sack noch Inhalt Schaden davontragen . Einer aus der Bukarester Gruppe folgt mir, er versucht es barfuß und kommt schließlich ebenfalls heil durch. Die anderen Gruppenmitglieder gehen alle über´s Firnfeld und einer nach dem anderen rutscht aus und landet unten im Geröllfeld. Zum Glück, wie es scheint, kommen alle nur mit Schrammen und leichten Prellungen davon, der Junge, der beim vorigen Abstieg so unsicher wirkte, sieht totenbleich aus. Meine Frage, ob er in Ordnung sei, bejaht er, sagt aber, er brauche erst mal eine Pause. Da ich nun endgültig im Refugiu ankommen will, verabschiede ich mich mit einem „see you later“ und setze meinen Weg fort.

In der Unterkunft angekommen, treffe ich einen Ungar – Rumänen, der nach eigenem Bekunden bereits die Woche zuvor von der Ostseite des Gebirges aus aufgebrochen ist und die Durchquerung somit in umgekehrter Richtung macht. Er erzählt mir, wie er letzte Woche in einen Schneesturm mit einem Temparatursturz auf minus 10 Grad geraten ist, in dem ihm seine drei mitgeführten Pullover plus Jacke noch zu wenig waren. Wir setzen uns beide zum Abendbrot und ich schildere ihm natürlich auch die Vorfälle oben am Schneefeld. Zwischenzeitlich ist schon beinahe eine weitere Stunde vergangen, es wird nicht mehr lange dauern , bis die Nacht hereinbricht und von der Gruppe ist immer noch nichts zu sehen. Wir beschließen, hinaufzugehen. Als wir Sichtweite erreichen, stellen wir fest, daß die jungen Leute immer noch am Schneefeld festsitzen, einer ist jedoch schon vorausgelaufen und teilt uns mit, daß sein Kamerad doch etwas mehr abgekriegt hat, als es zunächst schien, er sei jedenfalls nicht mehr in der Lage, seinen Rucksack zu tragen. Wir bedeuten ihnen, sich jetzt in Marsch zu setzen, mein ungarischer Freund zieht mit den Worten „Ich bin besser ausgeruht als du“ los, um den liegengebliebenen Rucksack zu holen. Schließlich gelangen wir doch noch allesamt einigermaßen wohlbehalten zur Biwakunterkunft Die Bukarester Gruppe beschließt, am nächsten Tag zur Balea – Lac – Baude abzusteigen und die Wanderung abzubrechen. Dieser Abstieg ist von hier aus der nächstmögliche und wird nochmals eine halbe Tagesetappe erfordern, d. h. für den Verletzten kann es nochmals ein unangenehmer Tag werden. Der Tatsache, daß es in den rumänischen Karpaten kaum Seilbahnen, einen aktionswilligen, jedoch schlecht ausgerüsteten und aufgrund der hiesigen Gebietsgrößen personell überforderten Salvamont (Bergrettungsdienst) und keine Rettungshubschrauber für „Handy – Bergsteiger“ gibt, sollte man sich bei der Begehung dieser Gebirgswelt unbedingt bewußt sein und entsprechende Umsicht walten lassen. Am anderen Morgen bin ich der Erste, der aufbruchbereit ist. Bei meinem erneuten Aufstieg fällt mein Blick immer wieder zurück zum Negoi – Gipfel und dem malerisch im Felskessel gelegenen Caltun – See mit seinem gleichnamigen Refugium, welches ich getrost wegen seiner einmalig schönen Lage auf 2135 m als einer der schönsten Nächtigungsplätze im Fagarasch anpreisen kann. Bis zum Balea – See, wo die Transfagarasch – Straße , diese umstrittene Schöpfung aus der Ceausescu – Ära, das Gebirge von Nord nach Süd überschreitet und somit Transsilvanien mit der Walachei verbindet, ist es alsdann nicht mehr allzu weit.

Da es in meiner Absicht liegt , heute die Podragu – Hütte zu erreichen, traversiere ich See und Hütte und belasse es bei einem Ausblick auf dieses wohl bekannteste Fagarasch – Panorama. Da die alte Cabana Balea Lac ein Raub der Flammen wurde, ist man zur Zeit eifrig mit dem Bau einer neuen beschäftigt. Sie wird ebenfalls auf diesem schönen Halbinselchen im See liegen und hoffentlich eines Tages genauso viel Schönheit und Gemütlichkeit ausstrahlen, wie ihre Vorgängerin.

Über den Sattel Saua Caprei wird dann der Lacul Caprei (Gemsen – See) erreicht, der herrlich blau schimmernd auf 2230 m Seehöhe liegt. In der Ferne sehe ich bereits die Biwakunterkunft Refugiu Fereastra Zmeilor mit seinem roten Anstrich leuchten, da bestätigt sich auch schon meine Befürchtung angesichts der immer dichter aufziehenden Wolken. Bereits nach dem ersten Donnergrollen beschließe ich, sofort zum Gemsen – See zurückzukehren und zur Cabana Paraul Caprei an der Transfagarasch – Paßstraße abzusteigen. Der Weitermarsch zur Schutzhütte Fereastra Zmeilor wäre zwar die nähere Möglichkeit , sicheren Unterschlupf zu finden, die Begehung eines ausgesetzten Kammes während eines Gewitters soll man jedoch tunlichst unterlassen. Während ich zur Cabana hinuntereile, kracht und blitzt es auch schon über meinem Kopf, doch schon bald ist die sichere Hütte erreicht und ich schlüpfe zunächst mit zwei Rumänen unter´s Vordach, die sich mit einer Pulle Schnaps „geistig“ auf das WM – Halbfinalspiel Rumänien – Italien einstimmen. In diesem gastfreundlichen Land ist es manchmal gar nicht so einfach, als strikter Nichttrinker um eine Kostprobe „Feuerwasser“ herumzukommen, ohne die Leute zu beleidigen. Als ich drinnen um Quartier bitte, muß mich der Hüttenwirt enttäuschen, da alle Zimmer bereits belegt sind. Hier zu übernachten, ist für rumänische Verhältnisse relativ teuer (umgerechnet ca. 35 DM), es handelt sich hier mehr um ein Berghotel als um eine Hütte. Neben dem Hotel befindet sich ein kleiner Zeltplatz, auf dem auch meine beiden Fußballfans und ein buntgemischtes Ensemble aus jungen und alten Wochenendausflüglern die Nacht im Zelt verbringen werden.

Schnell ist auch mein Zelt aufgebaut und ich begebe mich ins Restaurant, um meine erste warme Mahlzeit seit meiner Ankunft in Rumänien zu genießen. Als ich zurückkehre, sind meine beiden neuen Bekannten am Speckscheiben rösten, dieses mal lehne ich nicht ab, eine Scheibe Speck mit Brot hat immer noch obendrauf Platz. Es entwickelt sich ein amüsantes Hand – und Fußgespräch, ein Schäfer zieht vorbei mit seiner Herde und den Hunden, welche ich bei meinem Marsch durchs Gebirge nie so lammfromm erlebt habe. Auch dem Schäfer wird sogleich die Flasche gereicht, ein bißchen Konversation, der obligatorische Schluck und nach einem anerkennenden Lob für den edlen Tropfen, das mir aus der Gestik des Schäfers verständlich wird, schließlich das „La revedere!“,.der Schäfer zieht von dannen.

Auf dem Campingplatz herrscht Partystimmung, das Spiel beginnt gleich, und ich werde aufgefordert, mit ins Restaurant zu kommen, wo bereits der Fernseher flimmert. Ich ziehe mich jedoch mit dem Hinweis, morgen wieder früh aufzustehen und gut ausschlafen zu wollen, in mein Zelt zurück, denn es würde bei diesem Anlaß vermutlich schwer werden, trotzdem „trocken“ zu bleiben. Aus der Ruhe nach dem Spiel schließe ich, daß die rumänische Mannschaft verloren hat.

Die Cabana Paraul Caprei befindet sich , obwohl direkt an der Straße gelegen, in wunderschöner Umgebung. Es tosen mehrere romantische Wasserfälle in ihrer Nähe. Hier auf 1520 m ist auch schon die Baumgrenze wieder unterschritten, würzig duftender Bergwald breitet sich in der Umgebung aus.
Bei meinem morgendlichen Aufstieg geht es zunächst ein gutes Stück die Straße hinauf. Verrostete Dacia – Wracks unten im Bachbett und durchbrochene Leitplanken sind stumme Zeugen schrecklicher Unfälle.Bald leitet mich ein Pfad von der Straße weg , es geht wieder Richtung Hauptkamm. Die Schäferhunde sind auch frühmorgens schon aktiv, zu deren Verteidigung ich jedoch anführen muß, daß ich, trotz äußerst aggressiver Gebärden, im Verlauf meiner Wanderung nicht ein einziges Mal gebissen werde. Da ich jetzt beim Aufstieg einen anderen Weg wähle als den gestrigen, schneide ich sozusagen ein kleines Stückchen aus der Fagarasch – Hochroute heraus, ziehe am Refugiu Fereastra Zmeilor vorbei und befinde mich kurz darauf wieder auf dem Hauptkamm. Dieser ungeplante Zwischenabstieg hatte zwar den Nachteil, daß ich schon wieder um eine Übernachtung in einer rumänischen Berghütte gekommen bin, er gab mir andererseits aber auch die Möglichkeit, das Gebirge wieder mal von „unten“ zu sehen. Da Wasser die physikalische Eigenschaft hat, nach unten zu fließen, gibt es auf dem Hauptkamm weder Wasserfälle noch Wildbäche, und zudem ist die Sicht von unten auf die Felswände und Bergspitzen wahrlich beeindruckend.

Oben geht´s dann weiter auf der „Haute route“: La trei pasi de moarte („drei Schritte vom Tod“) läßt zwar dem Namen nach erschaudern, ist aber im Vergleich zu Kirchdach und Teufelskamin eher harmlos.
Immer wieder schöne Ausblicke, so auch auf den Lacul Buda, in dessen Mitte noch eine riesige Eisscholle schwimmt, später dann ein enormes Firnfeld in Form eines Trichters, in dessen Mitte sich ein blau schimmerndes Seelein gebildet hat. Ich vermute, daß hier im Winter mehrere Lawinenabgänge zusammengelaufen sind. Der Weg fällt alsbald ab zu diesem Schneefeld, quert es, und beim Erreichen der nächsten Anhöhe fällt auch schon der Blick auf die Podragu – Baude , die dort unten in traumhafter Lage, umgeben von mehreren Bergseen auf 2136 Metern , liegt und somit die höchstgelegene bewirtschaftete Hütte des Fagarasch ist. Die Stunde erscheint mir jedoch noch zu früh, um jetzt schon Quartier zu beziehen. Mein heutiges Etappenziel soll das kleine Refugium Portita Vistei sein , von dem ich jetzt noch durch einen weiteren Höhepunkt auf meiner Wanderung getrennt bin , dem Varful Vistea Mare mit stolzen 2527 m Seehöhe. An dessen Seite schmiegt sich ein anderer hoher Berg, den sich wohl kaum ein Fagarasch – Wanderer entgehen läßt, der Varful Moldoveanu, der mit 2544 Metern den höchsten Punkt Rumäniens darstellt.
Während ich mich den beiden Bergen nähere, entzünden ein paar Gipfelstürmer auf dem Moldoveanu – Gipfel ein Feuerwerk.
Beim Aufstieg zur Vistea Mare ziehen Wolken auf, mir wird schon etwas mulmig zumute, und ich forciere mein Tempo, stets bereit, beim ersten Anzeichen für ein drohendes Gewitter sofort wieder abzusteigen und in einer Schäferkate, die ich weiter unten entdeckt habe, Schutz zu suche. Ich habe Glück, die Wolken verziehen sich , und sogleich stehe ich auf dem Gipfel. Jetzt gilt es nur noch , dem Gratweg zu folgen, um zum Moldoveanu zu gelangen. Die Feuerwerker, die vor mir auf dem Gipfel waren, haben die ganze Sauerei einfach dort oben liegen lassen und sind bereits Richtung Victoria – Stadt abgestiegen.

Nachdem ich das wundervolle Panorama dort oben genügend ausgekostet habe, folge ich dem Grat zurück und steige dann auf der anderen Seite der Vistea Mare hinunter zu der im Sattel gelegenen Unterkunft. Schon während des Abstiegs zieht der eigentlich immer gegenwärtige Wind kräftig an. Als ich bereits in der Hütte sitze, hat er schon Sturmstärke erreicht. Durch das Hüttenkamin scheppert es beängstigend , ich habe jedoch Vertrauen in den soliden Backsteinbau des Refugiums, das wohl schon manchem Fagarasch – Unwetter standgehalten hat. Jetzt bin ich ganz froh, nicht mehr auf dem Gipfel zu stehen, ich muß an meine Tour im vergangenen Jahr denken, als auf der polnischen Seite der Hohen Tatra bei strahlendem Sonnenschein der Fön in Orkanböen über den Grat blies und mich dazu zwang, mich mit meinem Rucksack auf alle Viere zu begeben und von Deckung zu Deckung zu robben, um nicht mitsamt Gepäckstück vom Wind weggerissen zu werden.
Als die Nacht schon hereingebrochen ist und ich bereits, in meinen Schlafsack gehüllt, mit der Stirnlampe einige Buchseiten lese, öffnet sich nochmals die Hüttentür. Zwei Bergfreunde aus Timisoara sind´s, die sich noch trotz des Sturmes hierhergekämpft haben. Wir unterhalten uns noch ein bißchen. Sie gehören zu jener Bergsteigerzunft, die sich nicht scheut, auch im Hochwinter in diese Gebirgswelt einzudringen und die selbst zur weißen Jahreszeit gern mal eine Nacht im Freien in Kauf nimmt. Auch sie treibt es über den Fagarasch zum Königstein, sie planen jedoch, von der Cabana Plaiul Foii aus ins Dorf Zarnesti zu gelangen, sich dort mit frischen Lebensmitteln zu versorgen, um dann die gesamte Gratlänge des Königstein zu „nehmen“. Als Frühaufsteher mache ich mich schon auf dem Weg, noch bevor meine neuen Bekannten aufgewacht sind . Der Sturm hat anderes Wetter herangetragen, es bietet sich eine bezaubernde Aussicht auf eine geschlossene Wolkendecke, die nun das ganze Tal bedeckt und nur noch die exponierten Berggipfel über sich herausragen läßt. Binnen weniger Minuten jedoch zieht der Nebelvorhang bis zu mir herauf und alsbald bin ich in eine dicke Suppe gehüllt. An dieser Situation wird sich den ganzen lieben langen Tag nichts mehr ändern, nur noch sporadisch hebt sich der Vorhang für wenige Minuten oder gar nur Sekunden und ich kann einen kurzen Blick auf eine Felswand oder eine Bergwiese erhaschen. Ich höre das Mähen der Schafe und das Bellen der Hunde, das feine Gebimmel der Glöcklein klingt zu mir herüber, aber zu sehen ist nichts. Unweigerlich denke ich an eine Zeile des Dichters Hermann Hesse: „ Seltsam, im Nebel zu wandern...“. Ich muß jetzt aufpassen, die Wegzeichen nicht zu verlieren und , wenn es dann doch geschieht, zum letzten zurückkehren und erneut mit der Suche beginnen.

Leider bleiben mir bei dieser Etappe auch die Ausblicke aus dem Fereastra Mare (großes Fenster) und dem Fereastra Mica (kleines Fenster) verwehrt. Im weiteren Verlauf des Weges verliert die Landschaft ihren Hochgebirgscharakter, es geht immer mehr über ausgedehnte Bergwiesen Das Refugiu Curmatura Zarnei, ein Plastikgebilde in Form eines großen Fußballs, befindet sich in einem völlig desolaten Zustand, ich beschließe somit, bis zum Refugiu Berevoescu Mare weiterzuziehen. Die laut Karte nicht allzu weit erscheinende Wegstrecke täuscht über die wahre Distanz hinweg, und ich wähne mich schon über dem Zielpunkt hinaus, als sich für einen kurzen Moment der dichte Nebel lichtet. Mein Blick erhascht auf einer ausgedehnten Bergwiese einen Schäfer mitsamt Herde und da, weiter hinten, hab´ ich richtig gesehen? Ich folge der Richtung und stehe alsbald vor der Unterkunft, die eigentlich nur eine Blechbaracke vorstellt. Im Innern befinden sich mehrere Schlaflager. Die „Matratze“ , eine Strohmatte, ist nur noch bei einem Lager unversehrt, bei allen anderen ist sie durchgebrochen, so daß nur noch der Metallrahmen übrig ist. Für den Bergwanderer, der mit Schlafsack und Isomatte ausgestattet ist, ist es dennoch möglich, wind – und witterungsgeschützt auf dem Boden zu nächtigen. Es ist vielleicht für einen „Nicht – Bergler“ wenig verständlich, daß solch eine Stätte für den Wanderer eine Zuflucht in die Gemütlichkeit sein kann, wenn der Wind an den Barackenwänden rüttelt, und ein wahres Getöse veranstaltet, wie es jetzt wieder der Fall ist, und doch fühle ich mich hier drinnen fast schon etwas „heimelig“. Das Fenster an der Rückwand ist beschädigt, und ich behelfe mir mit meinem original Schweizer – Armee - Regenponcho, der normalerweise mich mitsamt meinem großen Tornister vor der Nässe schützt.

Nach einer Weile öffnet sich dann quietschend die Metalltüre der Hütte und meine Schlafgenossen aus dem Portita – Vistei – Refugium treten, triefend naß im Ölzeug, ein. Für die Beiden, die gänzlich ohne Zelt unterwegs sind, ist das Erreichen einer festen Unterkunft fast zwingend, um nicht eine Nacht in völliger Ungemütlichkeit verbringen zu müssen, wie es wohl heute, bei dieser naßkalt – windigen Witterung der Fall gewesen wäre. Ich habe mich bereits wieder in den wärmenden Schlafsack vergraben, die geschätzte Temperatur liegt jetzt nur noch wenige Grad über dem Gefrierpunkt.

Wie meine beiden Freunde mir erzählen, hat sich das Wunder der Nebellichtung bei ihnen wiederholt, sie sind übrigens überrascht, mich hier vorzufinden. Sie waren mit dem Schäfer zusammengetroffen und dieser hatte ihnen berichtet, daß er vorhin einen Wanderer gesehen habe, der dann wohl aber weitergezogen sei. Mit der Rückkehr der Nebelwand war ihm entgangen, daß ich die Unterkunft sehr wohl erspäht und mich dann auch in deren Richtung begeben habe. Wir unterhalten uns noch eine gute Weile über Gott, Politik, Rumänien und die Berge, dann ist Schlafenszeit
Am nächsten Morgen erwache ich wieder durch meine innere Uhr im Biorhythmus des Frühaufstehers. Während die andern beiden noch in ihren Träumen schwelgen, mache ich mich bereits wieder auf den Weg. Immer noch ist es neblig und es wird Frühmittag , bis sich die letzten Schwaden endlich verzogen haben. Ich habe bereits wieder die Waldzone erreicht und es folgt ein ewig scheinender Abschnitt durch zum Teil sehr dichten Wald. Die Markierung verliert hier ihre Deutlichkeit und auf jeder erreichten Lichtung beginnt ein erneutes Suchen nach den Wegzeichen. Auch ist der Pfad hier als solcher manchmal kaum noch zu erkennen, irgendwann komme ich dann völlig vom Weg ab. Gott sei dank, ich stoße auf eine Schäferkate und frage nach dem Weg. Zwei junge Schäfer begleiten mich. Da ich leider keine Zigaretten aus westlicher Produktion mit mir führe, vergelte ich es mit einem kleinen Trinkgeld und sie verabschieden sich lachend, das Wort „Urs“ für Bär habe ich verstanden, und ich kann mir gut vorstellen, daß die Gefahr, auf ein Prachtexemplar dieser Tiergattung zu treffen, hier, in den dichten Wäldern, weitaus größer ist, als weiter oben in der Hochgebirgszone. Eine derartige Zusammenkunft bleibt mir jedoch zum Glück erspart.

Diese Waldetappe wird nur selten mit Panoramaausblicken belohnt, von denen dennoch zwei zu erwähnen sind: zum Einen der Blick auf den großen Stausee Lacul Pecineagu und zum Anderen die Aussicht auf die riesige, quer zum Fagarasch – Gebirge liegende Kalkwand des Piatra – Craiului- (Königstein)- Massivs.

Ich habe zwischenzeitlich zum x –ten Mal das zermürbende Spiel „such´ das Wegzeichen “ hinter mir, als ich dann endlich auf die gelbe Markierung stoße, die zur Forststraße hinunterführt, an der die Wanderherberge Plaiu Foii liegt. Leider habe ich auch mit der gelben Markierung kein Glück, und als diese dann auch verloren geht, beschließe ich, es nun querfeldein mit einem Abstieg durch den Bergwald zu versuchen.

Man muß bei solcherlei Abstiegen, wenn sie denn mal nötig sind, immer vorsichtig sein, denn gerade in unbekanntem Gelände weiß man nie , ob der Abstieg nicht, abrupt unterbrochen durch eine schroff abstürzende Felswand, in den gähnenden Abgrund führt.

Endlich erreiche ich wohlbehalten, aber mit schmerzenden Füßen, ein Tribut vor allen Dingen an die heutige Wegetappe, die mir doch etwas zugesetzt hat, die Forststraße. Ich treffe am Wegesrand auf einige Waldarbeiter, bei denen ich mich nochmals um die korrekte Richtung zur Cabana versichere, und schon bald ist Plaiul Foii erreicht, das zwischenzeitlich schon zu einer kleinen Siedlung mit einigen schmucken Feriendatschen herangewachsen ist. Leider bleibt mir auch hier der Genuß verwehrt, endlich mal eine Nacht in einer bewirtschafteten Hütte zuzubringen, das Wanderheim wird gerade renoviert. Ein kurzes Gespräch mit den Bauarbeitern ergibt, daß hier auch leider keine andere Nächtigungsmöglichkeit besteht, also ziehe ich weiter, in Richtung morgige Etappe, dem Weg zum Königstein, wo ich es mehreren rumänischen Familien gleichtue, die hier wild campen und schlage mein Zelt an einer Bachaue auf, einem wunderschönen Plätzchen zum Verweilen, mit Ausblick zu den wilden Kalksäulen des Königsteinmassives, das majestätisch über den Wipfeln des Tannenwaldes thront. Was von der Ferne wie eine einzige, überdimensionale Felswand erschien, zeigt sich jetzt aus der Nähe als aus zig oder gar hunderten einzelner Felssäulen , - nadeln, - und - wänden zusammengefügt, gewiß der Traum eines jeden Freikletterers. Völlig erschöpft falle ich in den Schlaf, in der Gewißheit, mich morgen in aller Frühe zum Einstieg des Drumul lui Deubel (Deubelweg) zu begeben, der mich hoch auf den schmalen Grat des Piatra Craiului führen wird.

Als ich mich dann mit der aufgehenden Sonne auf den Weg mache, schmerzen meine Füße immer noch höllisch, aber meine Ambitionen und meine Neugier halten mich davon ab, die Wanderung vorzeitig abzubrechen. Ich passiere das kleine Refugium Spirla, wo gerade zwei frisch erwachte Jugendliche ihre Nasen in die Morgenluft strecken, der Rest der Mannschaft liegt noch in den Kojen. Buna dimineata, dann kurze Konversation in englisch, auch sie wollen in den Königstein.

Kurz darauf stehe ich am Wandfuß, es geht aufwärts über diesen wunderschönen und abwechlungsreichen Klettersteig Drumul lui Deubel, der für trittsichere und schwindelfreie Wanderer ungefährlich ist. Man ist noch nicht allzuweit gekraxelt, da gibt es auch schon den ersten Höhepunkt zu bewundern: riesige, von der Erosion geschaffene Felsarkaden, durch die man wie durch enorme Fenster zurück in die Tiefe blicken kann. Ich bin eigentlich ganz froh darüber, heute zumindest einen Teil meiner Etappe in leichter Kletterei zu absolvieren, da dies meinen geschundenen Füßen wesentlich besser bekommt, als das normale Gehen. Schließlich , nach einem genußvollen Aufstieg durchs Kalkgestein, erreiche ich die Kammhöhe, auf der dann in wechselndem Auf und Ab über verschiedene Felstürme gestiegen wird, gleich zu Anfang auf den Varful la Om, der mit 2238 Metern die höchste Erhebung im Königstein darstellt. Immer wieder beeindrucken Ausblicke nach Osten über das Törzburger Land oder auch Bran – Paß genannt, zum Bucegi – Massiv, sowie gen Westen über die Fagarasch – Ausläufer und zum Iezer – Gebirge. Auch lohnt immer wieder ein Blick in die Tiefe, über die schroffen Felsabstürze unter mir, die einem Nicht – Höhengewohnten möglicherweise kalte Schauer den Rücken hinabjagen. Nach einer unterhaltsamen Turnerei über einen guten Teil der weiß leuchtenden Felsen des insgesamt 25 Kilometer langen Bergkammes erreiche ich nun das Refugiu Ascutit, eine Konstruktion ähnlich dem Biwak Curmatura Zarnei im Fagarasch, aus Kunststoffverkleidung mit einem seltsam futuristischen Aussehen, das dort oben auf dem Kamm thront.

Sehr zu meiner Freude erkenne ich in den beiden Wanderern, die sich vor der Notunterkunft in der Sonne ausruhen, meine beiden Freunde aus den vergangenen Nächten wieder. Sie hatten, wie angekündigt, einen Abstecher hinunter nach Zarnesti gemacht, hatten dann nach einem erneuten Aufstieg in der Cabana Curmatura genächtigt und wollen nun die gesamte Kammlänge des Piatra Craiului in Gegenrichtung begehen. Einer von ihnen geht heute in Sandalen, auch er klagt über Blasen und Schmerzen an den Füßen .Sie haben noch einige Tage Zeit und wollen ihre Tour auf jeden Fall noch ausweiten, auf die genaue Richtung wollen sie sich jedoch noch nicht festlegen. Der jetzige Abschied soll endgültig sein, es ist unsere letzte Begegnung.

Ich wende mich nun wieder abwärts, ziehe beim Abstieg jedoch an der Curmatura – Baude vorbei, da es mich noch weiter treibt, zur Cheile Pisicii (Katzenklamm), die Nacht will ich dann in der in meiner Wegskizze eingezeichneten Casa Folea, die ein Stück weit hinter der Klamm zu erreichen ist, verbringen.

Der Grund für mein Weitergehen liegt darin, daß ich meinen Plan, die Überquerung des Bran – Passes und einen erneuten Aufstieg in die Höhen der Muntii Bucegi, immer noch nicht aufgegeben habe und einen Teil der morgigen langen Etappe schon vorausmarschieren will. Leider habe ich für das Gebiet Törzburger Land /Königstein keine richtige Landkarte, sondern jediglich die Skizze aus meinem Handbuch zur Verfügung. Der freundliche Ungar – Rumäne vom Caltun - Biwak hatte mir übrigens eine für den Fagarasch überlassen, jetzt aber kommt, was kommen mußte, ich habe mich erneut verlaufen, der Eingang zur Katzenklamm ist unauffindbar, ich irre querfeldein über eine Schafswiese und finde schließlich einen Fahrweg, der mich zu den ersten Gehöften der kleinen Gemeinde Pestera bringt .

Als ich im Hof eines Hauses eine Frau antreffe, frage ich sie nun gezielt nach der Casa Folea. Sie bedeutet mir, ja , Casa Folea, das sei hier und bittet mich sogleich herein. Es ist mir bis heute noch nicht gelungen, festzustellen ob es sich nun um die Casa Folea in der Kartenskizze gehandelt hat, oder ob dies einfach nur ein rumänischer Ausduck für Pension oder Herberge ist. Jedenfalls bin ich erstmal gottfroh, nach den Entbehrungen der letzten Tage endlich wieder mal in einem gemütlichen Bett schlafen zu können und noch dazu ländliche Wohnatmosphäre auf rumänische Art kennenzulernen. Die Verständigung ist schwierig, aber meine Zimmerwirtin zeigt sich äußerst freundlich und zuvorkommend. Nach einem heißen Bad, das ich nun in vollen Zügen genieße, und das mir endlich wieder eine zivilisierte Duftnote zurückverleiht, sitze ich in meinem Zimmer und bin gerade im Begriff, mich mit ein paar Wurstbüchsen und etwas abgepacktem Pumpernickel – Brot aus meinem Wanderproviant zu verköstigen, als es klopft. Ich öffne, und die Zimmerwirtin reicht mir mit freundlicher Gestik ein Tablett mit frischem Brot, Käse, Wurst, Butter und einem großen Glas warmer Milch Ich nehme den Imbiß dankend mit Freude an und genieße dieses einfach – rustikale Abendbrot, als sei es ein Menü aus der Haute – Cuisine des berühmten Meisterkochs Bocuse. Einzig der Haushund scheint mit mir als neuem Mitbewohner nicht ganz einverstanden zu sein. Sein empörtes Gebell hindert mich noch einige Zeit am Einschlafen.

Als ich anderntags weiterziehe, steht es mit dem Zustand meiner Füße leider immer noch nicht zum Besten. Nach dem Örtchen Pestera gelange ich schließlich nach Magura, wo ich dann einsehen muß , daß ein Weitermarsch bis ins Bucegi nur noch einer Quälerei gleichkäme und ich beschließe, nach Zarnesti hinunterzugehen und einen Tag früher nach Brasov (Kronstadt), der Stadt, wo ich wieder in den Bus zurück nach Deutschland steigen werde, zu fahren.

Nicht unerwähnt lassen will ich jedoch die zauberhaft – liebliche Hügellandschaft des Törzburger Landes, mit seinen romantischen Dörfchen in ursprünglicher Landatmosphäre. Sehr gut könnte ich mir hier auch einen winterlichen Familienurlaub vorstellen.

Da der Bahnhof von Zarnesti am anderen Ende des Großdorfes liegt, als dort, von wo ich die Ortschaft betrete, komme ich noch in den Genuß einer Besichtigung dieses sehenswerten Ortes. Als ich im Zug Richtung Brasov sitze, werde ich Augenzeuge einer tristen Wirklichkeit, Relikte aus der Ceausescu – Zeit in Form trostloser, heruntergekommener Wohnsilos, die wohl schon seit der Zeit ihrer Erbauung von jediglichen Neuerungsarbeiten verschont geblieben zu sein scheinen. Dieser Urbanismus steht im krassen Gegensatz zu jener Idylle, die ich eben verlassen habe.

In Brasov angekommen, will ich mich zu Fuß Richtung Altstadt aufmachen und mir dort eine einfache Pension suchen. Durch meine Ortsunkenntnis unterschätze ich jedoch das Ausmaß des „sozialistischen Rings“, der das historische Zentrum umgibt. Nach einer guten Weile Fußmarsches durch die Neustadt werde ich schließlich von einem Herrn mittleren Alters auf deutsch angesprochen: Ob ich Deutscher sei, er könne mir eine Unterkunft nur wenige Gehminuten vom Zentrum anbieten. Er müsse jedoch zuerst seine Schwester und deren Ehemann aus den USA hinaus zu einem nahegelegenen Dorf fahren. Ein Blick hinüber zu seinem Auto, in dem ein nett lächelndes Ehepaar , ebenfalls mittleren Alters, sitzt, läßt mein gesundes Mißtrauen weichen, zudem zeigt er mir ein schönes Gästebuch mit Fotos seiner Pension und unzähligen Eintragungen und Dankesschreiben ehemaliger Klienten verschiedenster Nationen.

Wir fahren also zunächst nochmals aus der Stadt raus in eine nahe Ortschaft, wo das Ehepaar aussteigt, um dort eine ehemalige Jugendfreundin der Frau zu besuchen. Während ihr Mann ein waschechter Yankee ist, verrät bei ihr das Zungen – „R“ im ansonsten perfekten Englisch ihre rumänischen Wurzeln, sie ist übrigens schon vor Jahrzehnten emigriert und jetzt wieder zum ersten Mal seit damals im Land.

Als ich mich schließlich in der Pension unter der Dusche erfrischt habe und in die noch echten Waschmittelgeruch ausströmenden „Rückfahrtklamotten“ gestiegen bin, freue ich mich jetzt auf einen kleinen Stadtbummel. Während ich mich in einem Restaurant in der Altstadt bekellnern lasse, regnet es draußen ergiebig. Ich wäre somit bei einer Fortsetzung der Wanderung zum Bucegi auch noch kräftig von oben gesegnet worden, wobei sich so ein Wetter in der Höhe weitaus unangenehmer bemerkbar macht, oft von Windböen und Temperaturgefällen begleitet ist , ja die Niederschläge sogar in Schneefall übergehen können

Sehr gut gefällt mir diese alte Stadt, besonders hervorzuheben ist natürlich die Schwarze Kirche mit ihrer gigantischen Orgel und der kostbaren Sammlung antiker Orientteppiche. Die wunderschönen, alten Wohnhäuser sind zum Teil noch in renovierungsbedürftigem Zustand, aber gerade diese Tatsache vermittelt mir eine besondere Atmosphäre.

Tags darauf werde ich dann noch Opfer dreister Trickdiebe, als ich auf der Suche nach etwas rumänischer Folklore einen kleinen CD – und Kassettenladen betrete. Ein halbes Dutzend junge Männer folgt mir, es wird plötzlich eng, ich werde „versehentlich“ angerempelt, und als ich den Laden wieder verlassse, scheint mir das alles zwar ein bißchen verdächtig , doch ich bin mir sicher, es ist nichts passiert. Als ich dann wenig später in einer der vielen, leckeren Konditorei – Cafes meine verzehrten Creme – und Sahneschnitten bezahlen will, stelle ich fest, daß die Geldscheine, die ich in der zugeknöpften Seitentasche meiner Allzweckhose deponiert hatte, verschwunden sind. Das ärgert mich jedoch nicht weiter, da der Betrag geringfügig war. Ich komme mir nur ein bißchen blöd vor und bewundere fast ein wenig die Geschicklichkeit , mit der ich hier „seziert“ worden bin, ohne das Geringste zu bemerken.
Eine Fahrt mit der Seilbahn hoch zum Hausberg Timpa (Hohe Zinne) enttäuscht mich eher. Eigentlich bin ich mit der Absicht heraufgefahren, dort oben im Restaurant mit Blick über die Stadt zu speisen, doch leider hat dieses geschlossen und ansonsten finde ich hier oben nichts Sehenswertes, wie es mir mein Zimmerwirt eigentlich schon prophezeit hat.

Da der Bus zurück nach Deutschland morgen bereits um 3.45 Uhr vom Bahnhof losfährt, bitte ich meinen Vermieter, er möge mir doch ein Taxi vorbestellen, da ich die Befürchtung habe, zur nachtschlafenen Zeit nicht sofort ein solches auf der Straße zu finden und somit fatalerweise mit einem anderen Verkehrsmittel als dem bereits reservierten Bus zurückreisen zu müssen. Er lehnt sofort ab, mit dem Hinweis, mich persönlich zum Bahnhof zu bringen.

Leider dunkelt es auf der Rückfahrt noch eine gute Zeit lang, trotzdem sehe ich noch einige schöne Siebenbürger Dörfer im Morgenlicht erstrahlen und genieße abermals die Fahrt durch´s Banat, das auf der Hinfahrt mehr im Halbschlaf an mir vorübergezogen war. Obwohl ich mich jetzt auf die Heimkehr und das Wiedersehen mit meiner Familie freue, kreisen bereits die Gedanken um eine Rückkehr in dieses schöne und interessante Land. So vieles gibt es hier noch für den Bergfreund zu entdecken. Eine Bergfahrt in den Retezat, die geheimnisvolle Karstlandschaft der Muntii Bihor, oder vielleicht eine Durchquerung des Rodna – Gebirges in den Ostkarpaten...
Aber auch der Nicht – Alpinist wird in Rumänien auf seine Kosten kommen: Das einmalige Naturwunder des Donau – Deltas, die Ursprünglichkeit der Maramures und deren Bewohner, oder auch Strandurlaub am Schwarzen Meer wären ein paar der vielen Möglichkeiten, einfach mal etwas neues zu entdecken.
Nachdem uns der ungarische Zoll noch einen etwas längeren Aufenthalt beschert hat, geht’s dann zügig des Nachts durch Österreich und am frühen Morgen befinden wir uns bereits wieder auf Bayerns Straßen. Als wir in Singen ankommen, liegen wir wieder unter Fahrplanzeit, als kleines „Andenken“ mache ich meiner derzeit schwangeren Schwägerin Konkurrenz, durch die Überstrapazierung und die anschließende lange Fahrt habe ich jetzt Wasser in den Füßen. Die obligatorischen Blasen sind bald verschwunden, aber das Fußbett braucht noch eine Weile bis zur vollständigen Genesung.

Im Hohen Atlas

Von Imlil nach Setti Fatma über den höchsten Berg Nordafrikas

Marakesch im August – das bedeutet Affenhitze, Hektik, verpestete Luft, aber auch immer noch Spannung und maghrebinischer Flair, Zusammenströmen allerlei wohliger und auch wenig erquickender Düfte in den Souks der Altstadt, jener Ansammlung eng verschachtelter, traditioneller Handels- und Handwerksgassen, herübergerettet aus längst vergangenen Epochen, wie sie uns noch in den Erzählungen aus 1001 Nacht vergegenwärtigt werden, deren Warenangebot und Gebären der Händler jedoch schon arg vom modernen Massentourismus und natürlich auch von den Bedürfnissen der modernen Welt beeinflußt sind. Armut und Schmutz koexistieren neben protzigem Reichtum in einem der teuersten Hotels der Welt, geschichtsträchtige Monumente , hektischer Verkehr und die Ruhe in paradiesischen Gärten existieren in einem surrealistisch anmutenden Gegensatz nebeneinander.

Heute jedoch hält es mich nicht lange in der Metropole Südmarokkos. Mein Ziel soll der Hohe Atlas sein, die bis über 4000 m aufstrebenden Klimascheide zwischen den nördlich davon gelegenen , mediterranen Gebieten und der sich im Süden ausbreitenden größten Wüste unseres Planeten, der Sahara .Ein Taxi bringt mich ins Dorf Asni, am Fuße des Gebirges, wo ich mich für meine Weiterreise um einen Platz auf der Ladepritsche eines Lastwagens kümmern muß. Wie das in Marokko eben so geht, bin ich ruckzuck durch einen Schlepper an einen LKW – Fahrer vermittelt, der sich mit dem Hinweis, ich solle hier auf dem Marktplatz auf die Abfahrt warten, sogleich ins nächstgelegene Kaffeehaus zurückzieht, da er die Ladefläche seines Lastwagens selbstverständlich mit weiteren Passagieren vollbekommen möchte. Bis der Schlepper dann schließlich genügend Mitreisende ermittelt hat, vergehen nochmals gute 2 Stunden, die ich jedoch geduldig ertrage, wie es sich bei Reisen in Ländern, die nicht unserer westlichen Kultur zuzuordnen sind, geziemt, das Geschehen auf dem Marktplatz beobachtend, ein paar kleinere Einkäufe tätigend und mit all meinen Sinnen die fremde Atmosphäre in mich aufsaugend.

Als der Fahrer dann endlich den Motor startet, ist die Ladefläche gerammelt voll mit Marktweibern, heimkehrenden Dorfbewohnern, einheimischen Ausflüglern und einer Handvoll westlicher Bergtouristen, und ich finde mich hier ziemlich eingekeilt in einer gewissen Ungemütlichkeit, die dann nochmals zulegt, als wir die Teerstraße verlassen und auf einer Rüttelpiste kräftig durchgeschaukelt werden. Dafür beginnt jetzt die Landschaft wahrlich zu beeindrucken. Auf der Fahrt durch das Bergtal entlang des Flusses Mizane hinauf zum Berberdorf Imlil werden in mir sogleich Assoziationen zu Bildern von den großen Gebirgen Mittelasiens, wie dem Karakorum oder dem Hindukusch, oder den im Monsunschatten gelegenen Bergregionen des Himalaya geweckt, ein Vergleich, der Vegetation und Relief dieser Landschaft wohl am ehesten wiedergibt. Die alles überragenden Eisriesen der asiatischen Pendanten muß man sich allerdings wegdenken, da es im Hohen Atlas weder ewigen Schnee noch Vergletscherungen gibt, und die vergleichsweise bescheidene Höhe von "nur" knapp 4000 Metern läßt sich ebenfalls nicht mit den Ausmaßen der "Asiaten" messen. In kultureller Hinsicht jedoch kommt der Reisende hier voll auf seine Kosten, die Schönheit und Einzigartigkeit der hiesigen Bergdörfer und die Originalität und kulturelle Eigenart seiner Bewohner, den Atlas – Berbern, läßt sich gleichwertig in die Reihe der bekannten großen Trekkingziele im Himalaya und den Anden stellen, und das gerade mal 31/2 Flugstunden von Deutschland entfernt.

Als wir schließlich im schönen Bergdorf Imlil (1740 m), dem Ausgangspunkt meiner Tour, ankommen, ist es schon recht spät, trotzdem beschließe ich, heute noch eine kleine Marschetappe zurückzulegen, um vielleicht noch den nicht allzu weit entfernten Marabout Sidi Chamarouch zu erreichen. Hier in Imlil starten die meisten Trekkinggruppen, und es ist nicht leicht, das Dorf wieder zu verlassen, ohne von einem Schlepper in eine Unterkunft verbracht, und mit einem Führer für den kommenden Tag verkuppelt worden zu sein. Ohne eine gewisse Sturköpfigkeit, gepaart mit einer guten Ausrede, geht´s eigentlich fast gar nicht! In diesem Falle beantworte ich die ständigen Fragen nach meinem Wohin mit „vers Toubkal“, was, Allah sei dank, immer falsch interpretiert wird, nämlich insofern, daß am Ortsende sich das Wanderhotel „Toubkal“ befindet, ich aber den gleichnamigen Berg meine, so daß ich nicht einmal lügen muß, da der Djebel Toubkal ja durchaus mein Ziel sein soll, welches ich allerdings voraussichtlich erst im Verlauf des morgigen Tages erreichen werde. Die Strecke zwischen Imlil, Djebel Toubkal und Lak de Ifni bis hinunter zum Berberdorf Amsouzart möchte ich, in Anlehnung an den "berühmt - berüchtigten" Aufstieg zum Kilimandjaro, als die „Coca – Cola – Route“ des Hohen Atlas bezeichnen. Hier ziehen die meisten Trekking – Karawanen entlang, hier sitzt an jedem Bach, der über den Weg sprudelt, ein Limonadenverkäufer, der seine wassergekühlten Erfrischungen dem durstigen Wanderer feilbietet und nahezu alle der hier ansäßigen Berber sprechen zumindest ein rudimentäres Französisch. Dies sollte jedoch Wanderer, die abgelegenere und ursprünglichere Gebiete bevorzugen, nicht dazu verleiten, diesen Gebirgsteil einfach aus ihren Plänen zu streichen - ein unverzeihlicher Fehler, - denn außer den höchsten Erhebungen des Hohen Atlas bietet die Toubkal - Region weitere, außergewöhnlich interessante Attraktionen, zudem eignet sich das Gebiet hervorragend zur Eingewöhnung in Landschaft und Atmosphäre, bevor man sich dann endgültig in den „ungesicherten Bereich“ begibt, wobei ich diesen Ausdruck nicht insofern verstanden wissen will, daß hier eine etwaige Gefahr in Form von Wegelagerern oder ähnlichem Ungemach auf den unbedarften Wanderer lauert, was ganz und gar nicht der Fall ist, sondern daß man schlicht und einfach das Terrain der guten Infrastruktur und der sprachlichen Verständigungsmöglichkeit verläßt.

In Imlil endet die Fahrstraße und bis Setti Fatma werde ich nichts Motorisiertem mehr begegnen, das einzige Transport- und Fortbewegungsmittel in den Höhen und Tälern des Atlasgebirges ist der Maulesel, oder aber man geht zu Fuß. Die Wege stellen sich auch dementsprechend als reine Saumpfade dar, d.h. naturbelassene, meist schmale Erdtrassen, die sich unmarkiert, jedoch gut erkennbar, durch die Landschaft schlängeln. Auf die Benutzung durch Maultiere zugeschnitten, haben die Serpentinen nicht die Steilheit, wie man sie von manchen Alpenwegen oder anderen Hochgebirgsregionen her oft gewohnt ist, Kletterpassagen fehlen gänzlich, so daß ein weitgehend gefahrloses Wandern ohne alpine Schwierigkeiten möglich ist. Selbstverständlich stellen sich die Dinge in den Wintermonaten und während der Übergangszeiten anders dar, da sich der Hohe Atlas dann in eine schneereiche und eiseskalte Hochgebirgswildnis verwandelt, gleichwohl dann ein hochinteressantes Terrain für erfahrene Skibersteiger. Grundsätzlich sollte man über eine gute Kondition verfügen, da man sich in beträchtlichen Höhen bewegt, auch können durchaus Symptome der Höhenkrankheit auftreten, weshalb ausreichend Flüssigkeitszufuhr, um das Blut dünn zu halten, dringend angezeigt ist. Da es im Monat August auch in den Höhenlagen tagsüber sehr warm werden kann, veranschlage man einen Durchschnittsverbrauch (nur Trinkwasser!) von guten 5 Litern Wasser pro Tag.

Hinter Imlil folge ich, die kurz nach dem Ortsausgang nach rechts wegführende Abzweigung Richtung Refuge de Lépiney (3050 m) ignorierend, dem Weg aufwärts. Linkerhand liegt, schön an die Berghänge geschmiegt, die Ortschaft Aroumd, an einem kleinen Bachlauf gönne ich mir ein Päuschen, wo ein Getränkehändler vom Bachwasser gekühlte Limonadenflaschen verkauft, eine willkommene Erfrischung. Die Sonne steht schon tief, als ich am zu einem kleinen Weiler angewachsenen Marabout Sidi Chamarouch ankomme. Marabout ist die gängige Bezeichnung in weiten Teilen des islamisch geprägten Afrika für ein Heiligtum, meistens handelt es sich um die Grabstätte eines zu Lebzeiten besonders verehrten Weisen oder Heiligen. Der Marabout Sidi Chamarouch wird von einem riesigen, weißen Stein überdeckt, ich vermute, daß sich innen das Grab befindet. Am Ortseingang begegne ich einem jungen Mann, der sich mir mit dem Namen Mokhtar vorstellt. Er ist mit zwei weiteren Kollegen ebenfalls als Wanderer unterwegs, sie haben ihr Zelt oberhalb des Marabou aufgeschlagen. Das Angebot eines anderen Herren, der mir als Schlafunterkunft einen winzigen Abstellraum zu einem überzogenen Preis andrehen will, wo er die selbstgefertigte Stohmatten und allerlei Krimskrams, die er tagsüber an Wandertouristen verkauft, gelagert hat, lehne ich ab, mein Zelt erscheint mir gemütlicher, zumal ich mich hier oben in Nachbarschaft mit den drei symphatischen Wanderern aus Marrakesch gut aufgehoben fühle. Wir unterhalten uns noch eine gute Zeit lang vor den Zelten, inzwischen ist es bereits dunkel geworden. Ich beschließe, mich schlafen zu legen, während die anderen noch die halbe Nacht mit Tratschen und Lachen zubringen. Sie wollen ebenfalls nach Setti Fatma, aber nicht wie ich, auf Teufel komm raus, und wenn sie tatsächlich dort ankommen sollten, dann vielleicht in der doppelten Zeit, wie ich sie für mich selbst veranschlagt habe. Eigentlich geht es ihnen mehr um die Gaudi des miteinander Unterwegsseins. Mit Mokhtar soll mich später noch eine längere Brieffreundschaft verbinden.

Kurz vor Sonnenaufgang erwache ich und mache mich sogleich abmarschbereit. Ich führe übrigens Lebensmittel für gut eine Woche mit mir, allerdings nur kalte Küche. Meine Wanderung soll 4 bis 5 Tage dauern, was anbetrachts der langen Wegstrecke und der Tatsache, daß es vier Pässe mit über 3000 m zu überwinden gilt, und ich zudem noch den höchsten Berg Nordafrikas, den Djebel Toubkal (4167 m), besteigen will, ein recht ehrgeiziges Vorhaben ist. Da Frau und Tochter in Agadir auf mich warten, will ich die Wanderung nicht allzu lange dauern lassen, andererseits haben mein Entdeckungstrieb und mein sportlicher Ehrgeiz diesen umfangreichen Plan reifen lassen, wie so viele meiner autarken Wanderungen.

Auf den Dächern der umliegenden Häuser haben die Führer der Trekkinggruppen, in dicke Wolldecken gehüllt, die Nacht zugebracht. Eigentlich ist es hier im Hohen Atlas völlig unüblich, daß man ohne Führer und Tragetier unterwegs ist. Hier ist echtes Trekking im Sinne dieses Wortes üblich. Ich habe mich jedoch für eine Solotour mit Rucksack und Zelt entschieden, weil ich mir somit die Unabhängigkeit in meinen Entscheidungen wahren kann, kein Führer würde sich auf eine so lange Distanz in so kurzer Zeit einlassen, und dies würde dann nur zu endlosen Diskussionen führen. Da man zwischenzeitlich auch in Deutschland recht gute Wanderkarten von der Djebel – Toubkal – Region erhält, ist eine Selbstorientierung kein Problem. Trotzdem empfehle ich, eine Wanderung im Hohen Atlas auf die dort übliche Art zu gestalten, man fördert somit auch „Arbeitsplätze“ in der Region und die bei Trekkinggruppen oft üblichen Übernachtungen in den traumhaft schönen Berberdörfern haben einen besonderen Reiz . Da die Etappen doch kürzer gehalten werden, trifft man rechtzeitig dort ein, um noch genügend Zeit zu finden, um in und rings um die Dörfer herumzustöbern und den Kontakt zur einheimischen Bevölkerung zu pflegen. Zudem werde ich im Laufe meiner Tour keine allzu guten Erfahrungen mit geeigneten Zeltplätzen machen, das Gelände ist meistens zu steil und sehr steinig, ein Abspannen mit Heringen kann man glatt vergessen. Sollte es für mich ein nächstes Mal geben, was durchaus denkbar ist, werde auch ich hoffentlich mehr Zeit mitbringen und das Gebirge auf diese Art entdecken.

Hinter Sidi Chamarouch steigt alsdann der Weg beständig aufwärts, mein Blick fällt immer wieder zurück zu dem malerisch dort unten gelegenen Marabou, wo in den umliegenden Häusern langsam das Leben erwacht. Unterwegs treffe ich auf eine kleine Gruppe singender schwatzender und lachender Berberfrauen, die auf den umliegenden Hängen Pflanzen sammeln. Unter mir hat sich der Mizane ein Tal gegraben, wo sich etwas oberhalb des Flußbetts eine Trekkinggruppe die einigermaßen ebenen Verhältnisse zunutze gemacht, und dort ihre Zelte aufgeschlagen hat. Dort bereitet man sich ebenfalls auf den Aufbruch vor, es steigt der Rauch vom Kochfeuer empor, wo das Frühstück für die abenteuerlustigen Europäer durch deren Führer zubereitet wird. Von oben kommt mir ein Maultiertreiber entgegen, man hört ihn schon von weither lauthals singen. Zwei weitere Kollegen folgen ihm, alle haben ihre Tiere mit dicken Wanderrucksäcken bepackt, sie bringen das Gepäck für eine Gruppe aus Stuttgart zu Tal, diese seien mit einem Führer auf Gebirgstour und würden dann abends wieder zu den Trägern und den Rucksäcken stoßen. Mein vorläufiges Ziel ist die ehemalige Neltner – Hütte (3207 m), die nach der Renovierung jetzt Refuge Toubkal heißt und durch den französischen Alpenverein, Sektion Casablanca, betreut wird

Das Refuge ist der geeignetste Ausgangspunkt für eine Djebel – Toubkal – Besteigung und wirkt auf Entfernung wie eine kleine Trutzburg. Als ich dort ankomme, ist es 10 Uhr morgens, die Hütte wird gerade gereinigt. Trotzdem serviert mir der marokkanische Hausherr sogleich ein Frühstück, für mich heute morgen schon das Zweite und nach dem tüchtigen Aufstieg genau das Richtige. Ich beschließe, diese Nacht in der Hütte zu verbringen, wo ich auch mein Gepäck während der Besteigung bedenkenlos zurücklassen kann. Die Hütte und ihre Umgebung dienen als Basislager für Djebel – Toubkal – Eroberer, und man kann hier tatsächlich etwas Basecamp – Atmosphäre einfangen. Durch das zweite Frühstück gestärkt und von meinem Gepäck befreit fällt mir die Besteigung relativ leicht und wird somit zu einer Genußtour. Unterwegs begegne ich einigen Gruppen, die den Aufstieg bereits in den frühen Morgenstunden getätigt haben und sich jetzt wieder auf dem Rückweg befinden. Zwischendurch komme ich vom Normalweg ab, was mir jedoch wenig Kopfzerbrechen bereitet, da das Gelände trotz Steilheit immer noch gut begehbar und auch recht übersichtlich ist. Einer 3 – köpfigen Gruppe von Holländern geht es anders, ihnen wird schon etwas mulmig im steilen Gelände, auch macht ihnen die Höhenluft einiges zu schaffen. Das Mädchen beschließt, umzukehren, die beiden Jungs wollen jedoch nicht aufgeben und noch den Gipfel erreichen Obwohl ich mich gestern morgen in Agadir noch auf Meereshöhe befunden, und ich noch vor wenigen Tagen an einer Durchfallerkrankung laboriert habe, stecke ich die dünne Luft hier oben überraschend gut weg, nehme aber sicherheitshalber große Mengen Wasser zu mir, und bin dann doch ganz froh über die Tatsache, daß ich bei diesem Aufstieg „gepäckbefreit“ bin.

Schließlich gelange ich zum Gipfel, der mit eine nüchternen Stahlkonstruktion in Form einer Pyramide markiert ist, welche den höchsten Punkt Nordafrikas kennzeichnet. 4167 Meter sind erreicht. Die Freude des Gipfelsieges und die herrliche Aussicht über die schroff - karge, eine sehr eigenwillige Faszination ausströmende Gebirgswelt teile ich mit einem jungen Marokkaner, der schon vor mir oben angekommen ist. Wir steigen schließlich gemeinsam ab, unterwegs treffen wir noch auf die beiden von der Anstrengung bereits gezeichneten Holländer, denen ich noch die letzte Richtungsweisung gebe, auch sie werden wohl den Gipfel erreichen. In der Nähe des Refuge fließt ein Gebirgsbach hinunter, der dort allerlei kurioses Grünzeug gedeihen läßt, an dem sich eine Herde Ziegen labt. Zum Abschluß passieren wir noch einen kleinen Wasserfall, dann stehen wir auch schon wieder vor der Hüttentür. Mein Begleiter will noch runter ins Dorf Aroumd, wo seine Mutter wohnt, er selbst studiert in Marrakesch. Es ist zwar schon spät, aber da der Weg nach Aroumd purer Abstieg ist, müßte er es eigentlich vor Einbruch der Dunkelheit noch schaffen.

Ich genieße jetzt rundum zufrieden die Abendsonne vor der Hütte, den prächtigen Blick hinunterwärts in das Hochtal, durch welches ich heute morgen noch aufgestiegen war. In der Umgebung der Hütte hat sich ein großes Zeltlager gebildet, Maultiere grasen in der Umgebung, aus der Ferne höre ich einen Berber ein Liedlein singen, der Rauch der Lagerfeuer steigt empor, echte Basecamp – Atmosphäre! Die Nacht im Matratzenlager verbringe ich zwischen einer Gruppe von Engländern, wo ich dann meine Entscheidung, in der Hütte zu nächtigen, fast wieder bereue. Das Gefurze , Geschnarche und Getuschle und der Aufbruch der Gruppe noch vor Sonnenaufgang mit entsprechendem Geraschel und Gekrustel beim Rucksackpacken läßt mich eine schlechte Nacht verbringen.

Trotzdem hält es mich nicht lange im Schlafsack, und nach einem bekömmlichen Frühstück begebe ich mich zunächst Richtung Talabschluß, wo die umliegenden Berge einen eindrucksvollen „Cirque“ bilden. Die erste Paßüberschreitung erwartet mich dann schon bald linkerhand, in südöstlicher Richtung, wo der Weg in gemächlichen, aber durchaus schweißtreibenden Serpentinen den „Cirque“ überwindet. Stolze 3684 m sind dann im Sattel des Tizi – n – Ouanoums (Tizi = Paß) erreicht, die so manch Einen schon kurzatmig werden lassen. Bereits beim Aufstieg kommen mir die ersten Gepäcktransporte der Trekkinggruppen entgegen, die auf der anderen Seite, am Ufer des bei den Berbern als geweihter Ort geltenden Lac d ´Ifni biwakiert haben. Viele Berber meiden übrigens den See, weil sie dort böse Geister wähnen.

Immer wieder begegnet man mir mit der Frage „vous étes fatigé?“ (sind Sie erschöpft?), in der Hoffnung, daß ich bejahe, und noch ein kleines Geschäftchen auf die Schnelle gemacht werden kann. Ich bleibe jedoch stur wie ein Maulesel und beantworte die Frage jedesmal mit einem überzeugend klingenden „non, ca donne d´exercise!“ und ich sehe das Ganze sehr wohl auch als eine gute sportliche Übung. Ein letztes Mal schweift dann auf der Paßhöhe mein Blick zurück zu den mächtigen Gipfeln des Toubkal – Massivs. Nirgendwo sonst reckt sich der Hohe Atlas mehr in die Höhe, wo sich der ambitionierte Bergsteiger außer einem zusätzlichen halben Dutzend weiterer 4000er auch noch einige Riesen, die diese Marke nur knapp unterschreiten, einverleiben kann

Schließlich geht es auf der anderen Seite auf reichlich Schutt hinunter, was ein paar Franzosen dazu veranlaßt, hier slalommäßig „abzufahren“. Ich selbst kann mich beherrschen, ich will meine Knochen schließlich heil unten anbringen. Im gesamten Gebirge findet man übrigens massenweise Schutt und Geröll, auch hat man eigentlich immer ziemlich Staub in der Nase und zwischen den Zähnen. Die Erklärung für dieses Phänomen findet sich in den meist extremen Temperaturunterschieden zwischen Tages – und Nachtzeit, die das Gestein zum Bersten bringen und den Hohen Atlas vermutlich im Laufe von Jahrmillionen zu einer einzigen Schuttwüste abtragen werden.

Etwas weiter unten, immer noch im Abstieg, wird der Weg dann von einem Kaskaden bildenden Gebirgssbach begleitet, der den See jedoch nicht erreichen soll, da er sich irgendwann nach und nach der Trockenheit ergibt, und schließlich nur noch das Bachbett zurückläßt, das in einem riesigen, wüstenhaft wirkenden Geröllfeld mündet, eigentlich schon Teil des Sees, der in wasserreichen Zeiten mehr als das Doppelte seiner momentanen Größe hat. Nach einer kleinen Rast am Seeufer, die ich unter dem sonnengeschützten Strohdach eines Limonadenhändlers zubringe, wo sich auch ein wenig Konversation mit einem einheimischen Tourenführer bietet, zieht sich jetzt der Weg, den See auf der Nordseite traversierend, langsam, aber sicher wieder, schöne Ausblicke auf dessen tiefblau schimmernde Oberfläche gewährend, in die Höhe. Der Lac d´Ifni liegt nur noch auf knapp 2300 m, es geht jetzt auch nicht mehr allzu weit hoch, um dann gleich wieder abwärts zu führen, Richtung dem geographischen „Zwischentiefpunkt“ meiner Wanderung, dem Berberdorf Amsouzart.

Die Sonne brennt jetzt mächtig aufgrund der geringeren Seehöhe. Hier befinden wir uns auch schon auf der südlichen, der Sahara zugewandten Seite dieser mächtigen Bergkette, und die Berge ringsum wirken nun völlig arid, in ocker – und gelbfarbenen Tönen vermitteln sie einem jetzt den Eindruck einer Gebirgswüste. Um so mehr überraschen mich jetzt die Berberdörfer, die sich hier auf einer staubigen Erdtrasse wie auf einer Perlenschnur aneinanderreihen. Sollte es jemals den Garten Eden gegeben haben, genau so muß er wohl ausgesehen haben. Mein Blick gleitet über das üppige Grün dort unten in der Talsenke, die durchsetzt ist mit diesen typischen, erdfarbenen Flachdachhäusern, wie man sie in vielen Wüsten- und Halbwüstengebieten Nordafrikas, der arabischen Halbinsel und Zentralasiens antrifft.
Gleich den eindrucksvollen Speicherburgen entlang der „Straße der Kasbahs“ sind auch diese Behausungen meist aus gebranntem Lehm, oder aber auch aus soliderem Stein, geschaffen. Terassenanbau wird hier betrieben, Mais, Feigen und alle möglichen anderen Arten von Früchten und Getreiden gedeihen hier. Das Wasser wird zentriert und wie in den Oasen auf die Felder gelenkt und entstammt, schier unglaublich , aus den hier so ausgedörrt scheinenden, umliegenden Bergen. Die Schönheit und die Anmut der hiesigen Bergdörfer darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Bevölkerung hier überwiegend in der Armut lebt, und man trifft immer wieder auf Kinder, die entweder nach „Dirham“ oder „Stylo“ (Kugelschreiber) betteln. Man sollte diesem Flehen eigentlich nur dann nachgeben, wenn durch die Kinder eine Dienstleistung erbracht wurde, wie z. B. das Zeigen des Weges, um diese nicht zu Bettlern zu erziehen, die sich dann, statt in die Schule zu gehen, lieber an die Touristen hängen.

Auch ist der Kugelschreiber dem Dirham vorzuziehen, da dieser nicht nur als Prestigeobjekt dient. In Marokko schätzt man das Analphabetentum auf ca. 50 %, die allgemeine Schulpflicht existiert zwar auf dem Papier, in der Praxis sieht es jedoch oft so aus, daß sich viele Familien die elementare Grundausrüstung für den Schulbesuch, nämlich Heft und Kugelschreiber, nicht leisten können, und oftmals die Kinder schon allein deswegen nicht zur Schule geschickt werden; man könnte daher die Bezahlung einer Dienstleistung mittels eines Kugelschreibers durchaus als kleine „Entwicklungshilfe“ ansehen. Leider war ich mir bei der Vorbereitung meiner Reise dieser Tatsachen selbst noch nicht bewußt, weshalb ich jetzt keine Kugelschreibersammlung bei mir führe, dies jedoch schon bald bedauere.

Als ich dann in Amsouzart meinen Wasservorrat wiederaufgefüllt habe, stellt sich mir hier ein etwas kurioses Problem, nämlich wie komme ich wieder aus dem Dorf heraus? Die Leute wollen natürlich, daß der Tourist in ihrem Dorf nächtigt, aber ich, der eilige Wanderer, will heute noch ein gutes Stück vorankommen. Jedenfalls werde ich vom einen Ende zum anderen geschickt, ich soll zermürbt werden, man will mich sozusagen auf diese Weise zum Bleiben „überreden“, was ich zwar durchaus verstehen kann, ich bin aber trotzdem gewillt, meine Wanderung fortzusetzen, und finde auch schließlich, nach langem Hin und Her den richtigen Weg auf eigene Faust.

Nordwärts geht es jetzt wieder auf einem breiten Weg hoch über einer vom Fluß Assil – n – Tisgui gegrabenen Schlucht . Unterwegs treffe ich eine junge Französin , die sich mit ihrer Trekkinggruppe in Amsouzart einquartiert , und die frühe Ankunft dort zu einer kleinen Wanderung ins nächste Dorf genutzt hat. Sie sagt, daß dort niemand mehr französisch spricht. Ich mache die selbe Erfahrung, als ich die Siedlung mit dem Namen Aguerzrane erreiche. Mein Gruß wird dennoch immer als solcher verstanden und es wird stets freundlich zurückgegrüßt. Dieser Abbruch der Verständigungsmöglichkeit auf französisch findet abrupt statt, nur wenige Kilometer von Amsouzart entfernt. Ab hier trifft man auch kaum noch auf Trekkinggruppen.

Weiterhin hoch über der Schlucht des Assil -n- Tisgui verlaufend, führt mich der eindrucksvolle Weg ins Dorf Timzakine. Ein berittener Alter überholt mich unterwegs auf einem Esel, begrüßt mich mit einem breiten Grinsen auf dem wettergegerbten Gesicht, zwei etwa 6 bis 7 Jahre alte Jungs gesellen sich zu mir und begleiten mich auf meinem Weiterweg. In einer Dorfgasse dringt der Duft von abbrennendem Haschisch in meine Nase. Hier in den Bergen mag es wohl jedem Bewohner selbst überlassen sein, ob er konsumiert oder nicht, die nächstgelegene Polizeistation dürfte wohl ein paar Tagesmärsche entfernt sein.

Wir haben zwischenzeitlich die Talseite gewechselt und gelangen ins Dorf Tagadirt, wo uns auch der Alte wieder begegnet. Offensichtlich wohnen auch die beiden Jungs hier. Ich beschließe, oberhalb des Dorfes zu zelten. Die Zwei haben begriffen, und führen mich hinauf hinter die letzten Häuser, wo sich auch prompt ein flaches, wenn auch kleines Plätzlein findet, direkt neben einem Anwesen. Da ich nicht überheblich auftreten will, hole ich mir die Erlaubnis zum Zelten von einer Frau, die im Hof des Hauses mit der Wäsche beschäftigt ist. Für die Wegweisung erhalten meine beiden Fremdenführer jeweils einen Dirham als Entlohnung. Sie begeben sich aber nicht etwa nach Hause, sondern verweilen interessiert, miteinander tuschelnd. Ich bin für die beiden eine kleine Sensation, eine willkommene Abwechlung, und ihre Neugier scheint keine Grenzen zu haben. All meine Tätigkeiten finden nun unter ihren gebannten Blicken statt: das Aufbauen des Zelts, das Auspacken von Isomatte und Schlafsack, auch den Reisewecker stelle ich zum Kopfende meines Schlaflagers. Ich erlaube ihnen, ins Zelt hinein zu kommen. Auch meine Militärstiefel, sowie Kompaß, Stirnlampe und Landkarte finden ihre Bewunderung. In Marrakesch habe ich eine Art Lyoner gekauft, die mir zu trocken und auch etwas zu scharf gewürzt ist. Ich überlasse sie den Beiden, im Glauben, damit etwas Gutes getan zu haben. Die Beiden ziehen sich zurück, tauchen aber nach einer Weile wieder auf, und geben mir die Wurst zurück. Trotz der offensichtlichen Armut essen auch sie nicht einfach alles und somit scheint doch nicht mein europäischer Gaumen, sondern der marokkanische Metzger daran schuld zu sein, daß die Wurst nicht schmeckt.


Nach dem Essen ziehe ich mich zum Lesen in mein Zelt zurück, die beiden Jungs bleiben draußen immer noch tuschelnd zurück, ich bin sicher, sie werden morgen früh wieder hier sein, vermutlich noch bevor ich aufwache.

Meine Vermutung bestätigt sich, denn als ich des Morgens aus dem Zelt krieche, sind die Beiden schon wieder da und sie begleiten mich auch ein gutes Stück auf meiner morgendlichen Wanderung, bis es ihnen dann doch zu anstrengend wird, und sie schließlich kehrt machen. In stetigem bergauf gelange ich in die Ortschaft Annsfiune. Noch ehe die wunderschönen Steinhäuschen erreicht sind, kündigt sich die Siedlung durch sattgrüne Terrassen an, auf denen zahlreiche Bewohner bereits die Feldarbeit verrichten. Auch hier verfolgen mich neugierige Blicke, besonders der Kinder. Ein kleiner Junge fällt mir auf, der von einer wüsten Hautkrankheit befallen ist. Die oftmals nicht ausreichende Hygiene und der Mangel an medizinischer Versorgung überlassen solche Fälle der Hilflosigkeit.

Als ich eine im Türrahmen stehende junge Berberfrau nach dem Weiterweg ("Tizi -n- Ourraine") frage, trete ich beinahe ins Fettnäpfchen. Sie weist mir laut lachend den Weg, schreit etwas auf berberisch ins Haus hinein, wo ebenfalls weibisches Gelächter ausbricht und sogleich lachende und schnatternde Frauengestalten im Hintergrund erscheinen. Den nebenan um einen Tisch im Schatten eines riesigen Baumes zum Tee sitzenden Herren hat das offensichtlich nicht gefallen, denn sofort mischt sich einer von ihnen mit etwas barschem Ton ein: wohin ich den wolle, fragt er mich auf französisch. Mir scheint, ich hätte mich wohl gleich an die Männer wenden sollen. Fremde Frauen anzusprechen, noch dazu als Europäer, geziemt sich dann wohl doch nicht.

Ein langgezogener Anstieg setzt sich hinter dem Dorf fort, bald lasse ich auch die Anbauterrassen hinter mir und befinde mich wieder in schroffer, von Büschen und einzelnen Bäumen karg bewachsener Felsenlandschaft. Auf der Anhöhe von 3109 Metern habe ich den Paß Tizi -n- Ououraine erreicht, unter dem sich zwei Täler gabeln. Das rechts Richtung Osten verlaufende Tal würde zum abgelegenen Weiler Azib -n- Ououraine führen. Durch das geradeaus vor mir sich öffnende Tal führt indes mein Weiterweg. Auch dieses Flußtal präsentiert sich mir wiederum karg, aber trotzdem landschaftlich faszinierend. Dort, wo der Bach Wasser führt, sprießt es herrlich grün. Plötzlich kullern Steine von einer Felswand herunter. Als ich den Blick nach oben richte, sehe ich, wie sich eine junge Ziege in die Felsen hineinverirrt hat und jetzt mit kläglichem Pläken wohl das Muttertier auf sich aufmerksam machen will. Die Versuche des Tiers, über schmale Felsabsätze wieder nach oben und somit aus der prekären Situation wieder hinaus zu gelangen, lösen immer wieder kleine Steinschläge aus. Ich halte inne, kann dem Tier allerdings nicht helfen. Zu meiner Verwunderung gelingt es der kleinen Ziege nach einer Weile doch noch, sich selbst aus der Not zu befreien und wieder sicheres Gelände zu erreichen. Ein schwacher, nicht lange anhaltender Schauer mit eiskalten Tropfen geht nieder und zwingt mich für kurze Zeit in meine Jacke.

Ich ziehe weiter, werde eine Weile lang von einem Händler begleitet, der Holzbretter auf sein Maultier geladen hat Er selbst trägt natürlich kein Gepäck und der Muli legt einen Zahn zu, weshalb ich die Beiden ziehen lasse. Ein gutes Stündchen später werde ich erneut überholt, von einer Frau und einem Mann, beide beritten. Sie sind in den prächtigsten traditionellen Gewändern gekleidet, und bestimmt auf dem Weg zu einer Hochzeit oder einem ähnlich bedeutenden Fest. Auch denke ich, daß die beiden einer höheren Gesellschaftsschicht angehören, auf alle Fälle hätten sie bestens auf das Umschlagsbild eines Polyglott - Reiseführers gepaßt!

Der Weg führt mich immer weiter abwärts, hinein ins quer zu meiner Route verlaufende Tal des Assif Tifni. Prächtig breitet sich unter mir der Talboden aus, hier wieder mehr begrünt, als auf der nun hinter mir liegenden Südseite. Silbern spiegeln die Wasser des mäandrierenden Flüßchens zwischen fruchtbaren Ackergründen. Ich befinde mich hier mitten im Hohen Atlas, und dieses Tal ist, wie wohl kein weiteres mehr, welches ich passiere, völlig weltabgelegen. Trotz seiner augenscheinlichen Fruchtbarkeit ist diese Talschaft mit nur wenigen, winzigen und weit verstreuten Weilern besiedelt. Ich quere dieses faszinierende Tal, indem ich den Bachlauf überschreite und am anderen Ufer den Weiler Likemt erreiche. Inzwischen ist mein Wasservorrat zu Neige gegangen und ich erfrage bei einer Gruppe auf dem Feld arbeitender Frauen, ob es möglich sei, hier Mineralwasser zu erstehen. Ich werde zu den weiter oben liegenden Behausungen verwiesen. Dort angekommen, treffe ich auf einen Australier und seinem einheimischen Führer. Der Australier sagt mir, daß er schon seit Beginn seines Trips im Hohen Atlas das hiesige Wasser konsumiere, ohne Entkeimungstabletten zu verwenden. Bislang seien keinerlei Schwierigkeiten aufgetreten.

Ein Bewohner tritt hinzu und der Führer des Australiers trägt diesem mein Anliegen vor. Mineralwasser könne er mir nicht besorgen, wohl aber Coca - Cola! Sapperlott, die weltberühmte Ami - Marke hat es tatsächich auch in diesen weltvergessenen Gebirgswinkel geschafft! Ich müsse allerdings wieder hinuntersteigen, in den unteren Teil des weitgestreuten Dorfes. Mir fällt die Kinnlade runter und offensichtlich sind mir die hinter mir liegenden Strapazen ins Gesicht geschrieben. Der junge Berber erbarmt sich meiner, und nimmt allein den Weg nach unten, um mir zwei Flaschen Coca - Cola zu bringen, noch dazu eisgekühlt! Daß ich da ein gutes Bakschisch springen lasse, versteht sich von selbst. Seit der jungen Französin hinter Aroumd sind mir keine weiteren Touristen mehr begegnet, und auch der Australier ist seinerseits überrascht ob meines Erscheinens, noch dazu ohne Führer. Wir plaudern noch ein wenig, liegen bequem auf einer freien Rasenfläche, umgeben von üppig bestandenen Maisfeldern, und der Blick schweift hinab ins traumhafte Tal, erfaßt die schroffen, geröllreichen Berggipfel, die uns wie Mauern auf nahezu allen Seiten umschließen, typische Steinhäuser liegen wie große Felsbrocken im Talgrund verstreut.

Obwohl meine Etappe ziemlich lang war, will ich noch einen draufsetzen und die Paßhöhe Tizi -n- Likemt heute noch überschreiten. Vorher tanke ich aber meine Wasserflaschen voll, indem ich es dem Australier gleichtue, und das zur Bewässerung der Terrassenfelder dienliche Wasser benutze. Eine andere Chance habe ich ohnehin nicht, und da ich davon ausgehe, das die Bewohner von Likemt nicht von Coca - Cola alleine leben und Mineralwasser in Flaschen nicht vorhanden ist, werden auch sie wohl dieses Wasser trinken. Um es vorwegzunehmen: das Wasser ist einwandfrei, und ich werde ab sofort nur noch auf diese Weise meinen Wasserverbrauch bis zu meiner Ankunft in Setti Fatma decken.

Ein bekanntes koffeinhaltiges Getränk wirbt mit einem Spruch, den ich von nun an auch auf den braunen Sirup aus den USA münze: Coca - Cola verleiht Flügel! Die Mischung aus Koffein und Zucker putscht Körper und Geist dermaßen auf, daß ich mit einer Leichtigkeit und Fröhlichkeit zur Paßhöhe hinaufsprinte, an die ich bei meiner Ankunft in Likemt nicht im Traum zu denken gewagt hatte! Mein Vorhaben, auf der anderen Seite des Passes einen geeigneten Lagerplatz ausfindig zu machen, um dort zu nächtigen, stellt sich als nicht zu einfach heraus, denn das Gelände zeigt sich ziemlich wiederspenstig, was die Eignung als Zeltplatz anbelangt. Mehr schlecht als recht steht schließlich mein Zelt schräg im Hang, wie immer natürlich auf steinigem Untergrund, ohne Abspannmöglichkeit mittels Heringen, fast schon an ein Notbiwak erinnernd. Dafür habe ich einen wunderbaren abendlichen Ausblick auf die unter mir vom Talgrund den Gegenhang hinaufsteigenden Behausungen des traumhaft schönen Bergdorfes Tacheddirt. Dieses liegt in einem, gleichfalls wie das Tal von Likemt, grob West - Ost verlaufenden, tief eingeschnittenen Flußtal. Linkerhand, sprich im Westen würde sich eine Variante der Umrundung des Toubkal - Massives bieten, nämlich die Überschreitung des Passes Tizi -n- Tamatert (2279 m), wo auf der anderen Seite der Weg zurück zu meinem Ausgangspunkt Imlil führen würde. Im Norden führt der Tizi -n- Eddi (2928 m) hinüber in den bekanntesten Skiort Marokkos, nämlich nach Okkaimeden. Dort befinden sich die meines Wissens einzigen Skilifte des Landes. Während ich meine malträtierten Knochen vor dem Zelt ausstrecke und den traumhaften Sonnenuntergang genieße, dringt Hundegebell vom Ort hinauf in die Bergstille, diese Laute sind im Hohen Atlas, wie bereits erwähnt, eher selten zu hören.

Mein Weiterweg führt mich anderntags nur perifer durch die Ortschaft und setzt sich in einem prächtigen Schluchtenweg fort. Kinder lachen mich an, ein paar Frauen rufen mir vom Feld aus zu, wollen mir Haschisch verkaufen. Also aufgepaßt, Kiffer: ihr braucht nicht unbedingt ins Rif - Gebirge zu fahren, dafür müßt ihr aber kräftig marschieren, um hierher zu kommen, hähä! Von 2300 Metern geht´s jetzt abermals aufwärts, zum letzten Paß meiner Wanderung: der Tizi -n- Tacheddirt wartet nochmals mit 3172 Metern auf. Etwas unterhalb der Paßhöhe treffe ich auf drei Männer, die um ein kleines Feuerchen im Gras liegen, auf der Feuerstelle brutzelt ein Teekännchen, ich werde eingeladen. Drei Generationen scheinen hier miteinader unterwegs zu sein, den Jüngsten nennen sie Bob Marley. Ich ahne schon, und hoffe, daß der Tee auch wirklich nur aus Schwarzteeblättern gebrüht ist. Nach dem eingänglichen Woher, Wohin und hast du Familie wird das Gespräch gleich auf den Vorschlag der Drei gelenkt, im auf der anderen Paßseite gelegenen Dorf, wo sie herkommen, zu übernachten. Alle möglichen Vorzüge werden herbeigezogen, auch der, daß dort unten alles wachse, Mais und andere Sachen . . . Die zweite Teetasse lehne ich dankend ab, da sie wohl einer Geschäftseinigung gleichgekommen wäre. Ich verabschiede mich und erreiche bald die Paßhöhe, wo ein schöner Bergweg abwärts führt.

Iabbassene heißt die erste Ortschaft, durch die ich komme. Ich befinde mich hier in einem Nebental des Ourika - Tales. Am Ortseingang befindet sich ein kleines Refuge, ich komme mit dem Wirt ins Gespräch, und ich lasse mich im Hof des kleinen Anwesens zu einer Cola nieder. Der Herbergsvater zeigt mir das Gästebuch mit Eintragungen von breit gestreuter Internationalität, worauf er offensichlich stolz ist. Die Unterkünfte sind einfach, aber gemütlich, Bauart und Ambiente des Refuge sind regionstypisch. Der Wirt ist nicht aufdringlich und zeigt Verständnis dafür, daß ich meine Wanderung noch fortsetzen will, schließlich sind wir immer noch in den Morgenstunden. Ich verspreche ihm, sollte ich eines Tages nochmal in diese Gegend kommen, würde ich meine Etappen so planen, daß ich bei ihm übernachten könnte. Am anderen Ende der Ortschaft werde ich durch einen weiteren Mann angesprochen, der mich gleichfalls zu einem Verbleib in seinem Haus überreden will. Er macht dies jedoch auf eine ziemlich lästige Art und wir geraten in eine Diskussionsschleife, aus der es nicht leicht ist, zu entkommen, ohne unfreundlich zu werden. Hätte ich aus irgendeinem Grund den Beschluß gefaßt, doch noch im Ort über Nacht zu verweilen, so wäre ich ganz bestimmt nicht bei ihm geblieben.

Unter schattigen Feigenbäumen setze ich meinen Weg fort, die zwischenzeitlich aufgezogenen Wolken verdichten sich, der Himmel wird schwarz und schon bald kracht es. Unter einem dichtbelaubten, aber niedrig gewachsenen Baum harre ich dem Ende des Unwetters, als ein uraltes Männlein mit seinem Esel des Weges kommt, und sich zu mir unter den Baum gesellt. Der gute Mann kann leider kein französisch. Aber die Situation ist ungemein witzig. Er betrachtet mich in einem fort, und jedesmal, wenn ich mein Gesicht in seine Richtung drehe, strahlt er über beide Backen. Das Gewitter ist harmlos und nur von kurzer Dauer, nicht einmal der Boden ist richtig feucht geworden, die Tropfen und der aufbrausende Wind waren aber wiederum richtig kalt.

Ich setze meinen Weg fort, das alte Männlein zieht mit seinem Esel Richtung Dorf. Mein schmaler Bergpfad führt mich nun hinunter ins Tal von Ourika. Hier ändert sich einiges: die aus Stein gemauerten Häuser haben eine rötliche Farbe, was wohl an der hier vorherrschenden Gesteinsart liegen mag, jedenfalls sieht´s fantastisch aus. Weniger fantastisch empfinde ich die Tatsache, daß die Kinder vom Ourika - Tal ungemein lästig sind, was mir gleich in Timchichi, dem ersten Dorf, welches ich passiere, unangenehm auffällt. Das Klischee, welches viele selbsternannte "Marokkoexperten" hochhalten, wird in diesen Dörfern leider zur Realität: Die Kinder betteln und können obendrein ganz schön unverschämt werden. Zwei oder drei Dörfer weiter gelangt das Ganze zu Kulminationspunkt: Eine ganze Horde folgt mir laut lachend und schreiend durch´s Dorf und ich komme mir vor wie der Rattenfänger von Hameln. Zusätzliche Belustigung ruft sicher noch die Tatsache hervor, daß ich meinen Abfall in einem am Rucksack festgebundenen Plastiksack mit mir führe. In einer Welt, wo man noch nie etwas von Umweltschutz, wohl aber von reichen Europäern gehört hat, kann man sich leicht vorstellen, was das für ein Gejohle gibt! Ein etwa 7 - 8-jähriges Mädchen kristallisiert sich als Worführerin heraus, und als ich auf die lästige Bettlerei nicht reagiere, fängt die Kleine doch glatt an, mich anzuschreien. Jetzt platzt mir aber der Kragen und mit einem animalischen Brüller fahre ich sie an, sie solle jetzt gefälligst die Fresse halten! Es wird zwar weiterhin gelacht, aber das übermütige Geschrei hat schlagartig aufgehört, und die Kinder hören jetzt auch auf, mir zu folgen, so daß ich in Ruhe meinen Weg fortsetzen kann. Was für ein Unterschied zu den nur wenige Kilometer Luftlinie entfernten bisher passierten Talschaften, zu meinen kleinen Freunden in Tagadirt! Es gibt eine bestimmte Gruppe von Marokkoreisenden, die sich nur im Rif - Gebirge und in gewissen verrufenen Städten im Norden des Landes aufhalten und somit oft keine anderen Erfahrungen machen. Ich bin jedenfalls der Meinung, daß derlei Belästigungen von Region zu Region unterschiedliche Intensität haben können oder auch gar nicht vorkommen. Zudem sollte man sich vor Augen führen, daß man in Marokko zwar gelegentlich belästigt wird, brutale Überfälle, die Verletzung oder Tod der Betroffenen zur Folge haben, wie dies zum Beispiel andernorts insbesondere in gewissen Ländern Lateinamerikas, oder etwa in manchen Großstädten der "hochentwickelten" USA der Fall ist, kommen jedoch so gut wie gar nicht vor.

Unter mir tost das gelblich - schmutzige Wasser des Flusses Ourika. Dieser hatte vor Jahren eine Spur des Elends und der Verwüstung im Tal hinterlassen, als er nach heftigen und anhaltenden Regenfällen über sein Bett hinaustrat und zahlreiche Opfer mit sich riß. Die letzten paar Kilometer bis Setti Fatma verwandelt sich mein Bergpfad in eine breite Fahrpiste, auf der mir allerdings keine motorisierten Fahrzeuge begegnen. Ich verstehe zwar weder arabisch geschweige denn Berberdialekt, aber der Unterschied im Klang dieser Idiome wird mir sofort bewußt, als ich Setti Fatma erreiche. In diesem Straßendorf wird wieder hauptsächlich arabisch gesprochen, man findet zahlreiche kleinere Hotels, Restaurants und Andenkenläden. Natürlich kehren hier auch wieder die Autos zurück und viele marokkanische Ausflügler und Urlauber geben sich hier ein Stelldichein. Rucksackbepackte Touristen sind in der Minderheit, Pauschalis trifft man hier überhaupt nicht.

Ich quartiere mich in einem der Hotels ein, wo ich endlich wieder in den Genuß einer Dusche komme, auch wenn das Wasser kalt ist. Umgezogen erscheine ich dann im Restaurant, wo ich mir eine Tajin (marokkanische Nationalspeise) bestelle, die ich genüßlich verschlinge. Es ist das erste warme Essen seit meinem Aufbruch in Marrakesch und ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, daß mir der Verzehr einer Tajin noch vor etwa 8 oder 9 Tagen wohl nur Brechreiz und einen erneuten Gang zur Toilette beschert hätte. Inzwischen ist es dunkel geworden, doch auf der Straße herrscht immer noch Leben, eine Tatsache, die mir in den zurückliegenden Tagen zwar ungewohnt geworden ist, mir allerdings auch nicht unbedingt gefehlt hat. Trotzdem gefällt mir der Ort. Setti Fatma besitzt noch jede Menge marokkanisches Flair und liegt in einer wundervollen Gegend. Auch stellt die Ortschaft einen hervorragenden Ausgangspunkt für Bergexkursionen dar, die sich nicht nur auf den von mir begangenen Weg beziehen und auch nicht unbedingt mehrtägig sein müssen (wohl aber sehr empfehlenswert sind!). In Ortsnähe soll sich zudem auch eine Gruppe sehenswerter Wasserfälle befinden.

Frühmorgens bitte ich den Hotelinhaber, mir ein Taxi zu bestellen, das mich gleich nach dem Frühstück zurück nach Marrakesch bringen soll, nach all den Strapazen freue ich mich nun auf ein gemütliches Urlaubsende mit Strand und softly sightseeing zusammen mit meinen beiden Mädels. Noch während des Frühstücks trifft ein Taxi ein, das mit einem Franzosen als Fahrgast besetzt ist, welcher sich offensichtlich nur hierherkutschieren ließ, um sich ein wenig umzuschauen, um sogleich wieder nach Marrakesch zurückzukehren. Ich werde auf dieses Taxi verwiesen. Der Fahrer zeigt sich ziemlich miesepetrig, und ich bin schon drauf und dran, ihm zu sagen, er solle mich am Arsch lecken. Ich beherrsche mich jedoch, da ich andererseits auch keine Lust verspüre, Ewigkeiten lang auf ein neues Taxi zu warten. Mit dem Franzosen werde ich auch nicht so richtig warm , das könnte aber auch an den immer noch schwachen Kenntnissen dieser Sprache meinerseits, und der völligen Unkenntnis des Anderen von Fremdsprachen liegen.

Die Straße durch´s Ourika - Tal ist fabelhaft, eine echte Bergstrecke, die in wilden Kurven am schwindelerregenden Schluchtrand entlang durch ein paar nette Straßendörfer führt. Ich kann jedem empfehlen, auch wenn er nicht vor hat, zu wandern, zumindest diese Fahrt von Marakkesch hinauf nach Setti Fatma zu unternehmen. Unterwegs machen wir allesamt durch die Unaufmerksamkeit des Fahrers schier den Abgang in die Dschehenna, nur eine heftige Bremsung rettet uns vor dem Sturz hinunter in die Schlucht. Daraufhin bessert sich die Laune des Konduktors mir gegenüber, er wird nun richtig freundlich und gesprächig, sein Fehler ist ihm offensichtlich peinlich. Nur gut, das könnte sich auch auf den Fahrpreis auswirken.

In Marrakesch muß ich ein Stadttaxi nehmen, um zum richtigen Busbahnhof zu gelangen, von wo aus ich nun schon zum drittenmal in diesem Urlaub auf der Strecke Marrakesch - Agadir reise. Außer der eher belustigenden Tatsache (vorausgesetzt, man merkt es rechtzeitig!), daß mir zwei kleine Jungs eine Flasche mit ungereinigtem Wasser verkaufen, verläuft die Rückkehr ohne Zwischenfälle.

1700 Meter über der Adria

Unterwegs in den Bergen und Nationalparks Kroatiens (29.04. - 11.05.2003)

8 Uhr morgens am Eingang II des Nationalparks Plitwitzer Seen: die ersten paar Schritte führen vor´s Denkmal des Polizisten Josip Jovic. Am Ostermontag, dem 31.03.1991 wurde er das erste Opfer des jugoslawischen Sezessionskrieges, dessen Spuren auf der Fahrt von Karlovac bis hierher immer noch zu sehen sind. Zersiebte Häuserfassaden, eingestürzte Dächer in den Dörfern entlang der Straße, die Karlovac über Knin mit der Küstenstadt Zadar verbindet. Hier war eine der am stärksten umkämpften Zonen im Bürgerkrieg. Das unter UNESCO - Schutz stehende Naturwunder der Plitwitzer Seen liegt mitten in der sogenannten Kraijna (dt.: Grenzland), jenem Gebiet, welches die dort lebende Mehrheit der Serben kurzerhand zur "Serbischen Republik Kraijna" deklarierten, und welches durch die im August 1995 gestartete kroatische Offensive endgültig wieder an Kroatien angeschlossen wurde. Es waren dies die letzten Kampfhandlungen auf dem Boden des jungen Staates, der seitdem als befriedet gilt und für den Touristen nun wieder fast uneingeschränkt bereisbar geworden ist.

An der Bootsanlegestelle werde ich in wenigen Minuten mittels Elektroboot zum gegenüberliegenden Ufer gebracht, von wo aus ich meine erste Wanderung starte. Ich beginne mit den sogenannten oberen Seen, die in etwa zweieinhalb Stunden in aller Ruhe erwanderbar sind. Ivo, ein kroatischer Arbeitskollege, hatte mir gesagt, hier an den Seen sei zu allen Jahreszeiten immer etwas los, aber ich habe Glück heute morgen, denn der Besucherstrom hat noch nicht eingesetzt, ich begegne unterwegs nur wenigen anderen Touristen. Der Himmel zeigt sich heute bedeckt, schafft somit ein angenehmes Wanderklima, und obwohl es den ganzen Tag über dicht bewölkt bleibt, soll es dennoch trocken bleiben.

Nun, was macht dieses Seengebiet so attraktiv? Wir finden in ganz Kroatien nur eine geologische Gebirgsart vor,
nämlich den sogenannten Karst, den man kaum anderswo so intensiv studieren kann, wie hier. Ich werde auch später immer wieder auf die verschiedenen Eigenarten des Karstgebirges zu sprechen kommen, denn auch der Velebit, die Krka - Wasserfälle und das Ucka - Gebirge, meine weiteren Ziele in Kroatien, weisen die typischen Phänomene dieser Landschaft auf. Im Falle der Plitwitzer Seen und auch der Krka - Wasserfälle nehmen Pflanzenteile das im durchfließenden Wasser enthaltene Kalziumkarbonat auf, die Blätter, Äste und Zweige verkrusten, legen sich übereinander und bilden sogenannte Travertin- oder Tuffbarrieren, über die sich dann das Wasser in beeindruckenden Kaskaden ergießt, weiterhin Kalziumkarbonat ablagert und die Staubarrieren somit im Laufe der Zeit immer weiter anwachsen läßt. Durch das Nationalparksterritotium zieht sich eine Kette von 16 großen und kleineren Seen, welche allesamt durch Kaskaden untereinander verbunden sind. Die Wege sind als Holzstege angelegt, die neben, unter und über dem Seen - und Kadkadenlabyrint vorbei - bzw. durchführen und es dem Besucher somit ermöglichen, das Naturspektakel aus allen möglichen Perspektiven zu bewundern. Hier jeden Wasserfall zu beschreiben, würde zu weit führen, es rauscht, sprudelt und plätschert jedenfalls von allen Seiten und man kommt nicht mehr aus dem Staunen heraus. Hohe, senkrecht herunterstürzende Fälle wechseln sich ab mit über mäßiges Gefälle rinnende Wasserstreifen, die zwischen mit üppiger Vegetation überwucherten Inselchen durchrauschen. Das klare Wasser der Seen schimmert dazu in schillerndem Grün bis smaragdenem Türkis. Unter Wasser kann man gut die langsam verkrustenden Pflanzenteile betrachten, die irgendwann im Laufe von Jahrtausenden neue Barrieren bilden und somit weitere Kaskaden schaffen werden. Auch eine Schlange entdecke ich in einer Erdnische, gut einen bis anderthalb Meter lang, schwarz, mit einem schmutzig - weißen bis beigen Streifen auf dem Rücken, ein prachtvolles Exemplar!

In Schlaufenform vollführe ich meinen Spaziergang, die mich, neben anderen, kleineren, Seen an den folgenden Gewässern vorbeiführt: Gradinsko Jezero (554 m, 10 m Tiefe), Galovac Jezero (583 m, 24 m tief), Malo Jezero (604 m, 15 m Tiefe) und schließlich zum am höchsten gelegenen, zweitgrößten des gesamten Seengebietes, dem Prosansko Jezero (637 m, 37 m tief). Dessen Ufer sind zwar nicht mehr, wie die der anderen Seen, von Wasserfällen und Kaskaden gesäumt, dafür vermittelt er mir den skurrilen Eindruck eines skandinavischen Fjällsees. Von hier aus muß ich ein Stück des gegangenen Weges zurückkehren, um meine Schlaufe, die mich direkt unter - und oberhalb der die Seen verbindenden Kaskaden vorbeiführt, zu vervollständigen. Das Seengebiet ist übrigens von ausgedehnten, dichten Wäldern umgeben, in denen neben den herkömmlichen mitteleuropäischen Waldtieren auch Wölfe und Braunbären ihr Zuhause haben. Beträchtliche Waldflächen befinden sich innerhalb des Nationalparks, dessen Flächenbegrenzung weit über das Gebiet der Seen hinausreicht, und es bestehen dort auch noch weitere Wandermöglichkeiten.

Ich selbst möchte mich aber, da ich auch noch weitere Ziele in Kroatien anstrebe, nur auf die Seen selbst beschränken, welche von einem Durchschnittswanderer, vorausgesetzt, man legt nicht an jedem Wasserfall eine Vesper- oder Meditationspause ein, an einem Tag gut zu bewältigen sind. Es besteht auch die Möglichkeit, das Elektroboot in Anspruch zu nehmen, um den in der Parkmitte gelegenen Jezero Kozjak, dem größten der Plitwitzer Seen, zu traversieren und somit rasch über den Wasserweg zum Ausgangspunkt zur Erkundung der unteren Seen zu gelangen. Ich aber bin zum Wandern gekommen und als ich die Bootsanlegestelle wieder erreiche, von welcher aus ich die obere Seenrunde angegangen war, bleibe ich am westlichen Ufer, um dem Trampelpfad zu folgen, der um die verschiedenen Nebenarme des Kozjak - Sees herumführt. Diese Wanderung wird nur von wenigen Parkbesuchern unternommen. Man findet zwar unterwegs keine Kaskaden, dafür genießt man eine wilde Wald - und Seenlandschaft in würziger Luft und mit jeder Menge Ruhe. Bei einer Picknickwiese, wo sich auch die Anlegestelle für die Elektroboote befindet, ist es jedoch mit der Einsamkeit vorbei. Zwischenzeitlich ist es nämlich Mittag geworden, die ersten Busse sind im Park eingetroffen und die hin und her pendelnden Boote entladen jetzt Massen von Besuchern. Zudem ist die untere Seenrunde die bekanntere und der Großteil der Touristen beschränkt seine Visite nur auf diesen Teil des Nationalparks.

Hat mich die obere Seenrunde bereits sehr in ihren Bann gezogen, so soll mir der Weg durch den "unteren" Parkteil noch eine Steigerung bieten. Die sich dort befindlichen Seen zwängen sich nämlich in eine steilwandige Klamm und sie sind untereinander gleichfalls durch ein eindrucksvolles Kaskaden - und Wasserfallensemble verbunden. Gegen Ende hin werden die Schluchtwände immer höher, rechts oben öffnet sich eine Grotte, zu der man aufsteigen kann, um von oben herab einen fantastischen Überblick zu ergattern, wobei die Hauptattraktion sich bis zum Schluß verdeckt hält. Gelangt man nämlich ans Ende der Schlucht, sollte man nicht gleich die Serpentinen hochsteigen, die zum Eingang I, bzw. zum Aussichtsweg überhalb des Canyons führen würde. Man quert über den Holzsteg oberhalb einer äußerst beeindruckenden Wasserfallgruppe, zu der bedauerlicherweise kein weiterer Weg mehr hinabführt, weshalb sie nur von oben herab zu bewundern ist. Gelangt man schließlich ans westliche Ufer und folgt dem Weg hinter eine Biegung, stockt einem endgültig der Atem: stattliche 76 Meter hoch ist er, der Slap Plitvice, jener Wasserfall, der einst als Kulisse für eine Szene in der deutsch/jugoslawischen Koproduktion "Der Schatz im Silbersee" diente. Ich werde übrigens im Verlauf meine Reise noch etliche Male auf "Winnetou - Landschaften" stoßen, denn die berühmten Karl - May - Verfilmungen der späten 60er Jahre wurden schließlich alle hier in Kroatien gedreht.

Trotz des jetzt stark zugenommenen Besucherstroms habe ich rasch den Dreh raus, wie ich die schönsten Flecken, einschließlich dem großen Wasserfall, doch noch in der ihnen gebührenden Ruhe genießen kann: Der Großteil der Touristen kommt in Reisebussen, und die Gruppen werden mehr oder weniger schnell durch die Schlucht geschleust, um anschließend in die oben am Eingang wartenden Busse wieder einzusteigen. Von der Landung des einen Elektroboots bis zum nächsten vergehen dann immer ein paar Minuten, so daß ich zwischen dem Durchgang von zwei Gruppen bis zu 10 oder mehr Minuten lang oft völlig alleine bin. Besonders unten am Slap Plitvice genieße ich eingehend das prächtige Schauspiel, bevor auch ich mich wieder zur anderen Uferseite zurückbegebe und die Serpentinen hinaufsteige, um schließlich noch auf dem Weg, der oberhalb der Schlucht verläuft, von einem Aussichtspunkt zum anderen zu wandeln. Beim Slap Plitvice handelt es sich allerdings nicht um einen Tavertinwasserfall, die Wasserschleier stürzen hier nämlich über eine imposante, senkrechte Kalkwand ins gischtende Becken, wo das durch die Fallwucht zerstäubende Wasser einem das Hemd selbst noch auf zig Metern Abstand feucht werden läßt. Am Aussichtspunkt gegenüber dem Wasserfall, hoch über der grandiosen Schlucht der unteren Plitwitzer Seenkette fällt es mir schwer, den Blick abzuwenden, um mich endgültig zum Ausgang zu begeben, wo ich mich an die Haltestelle bei der Durchgangsstraße stelle, um einen Bus in Richtung Sibenik zu erwischen.

Es dauert nicht allzu lange, bis einer anhält. Er hat Leerfahrt, und eigentlich ist es dann verboten, Passagiere aufzunehmen. Fast jeder Busfahrer in Kroatien verdient sich aber auf diese Weise ab und an ein kleines Zugeld, und mir soll´s nur recht sein. Nein, Sibenik sei nicht sein Ziel, er fahre nach Makaskar, über Split, so der Fahrer. Eigentlich wollte ich ja gar nicht so weit in den Süden runter, aber Split, das hört sich für mich gar nicht so schlecht an. Mein Arbeitskollege Ivo hat ein Haus in Trogir, in einem der malerischsten Städtchen Kroatiens. Ich hatte heute morgen bereits telefonisch mit ihm kommuniziert, und er hatte mir angeboten, daß ich, falls ich in die Gegend kommen sollte, bei ihm nächtigen könne. Nun, Split ist nicht weit von Trogir entfernt, und Ivo hatte gesagt, daß er mich von Split aus auch mit seinem Auto abholen könnte.

Die Fahrt geht jetzt von Nordost nach Südwest, längs durch die gesamte Krajina. Die Landschaft wechselt von üppigen, grünen Wäldern über Schafsweiden bis hin zu karger, steiniger Maccia, die Shilouetten zackiger Bergketten säumen die Landschaft. Einst wurde hier erbittert gekämpft, furchtbare Szenen müssen sich damals abgespielt haben, wie uns durchsiebte Hauswände, eingestürzte Hausdächer, oder ausgebrannte Bus- und Autowracks ständig vor Augen halten. In vielen Dörfern hat der Wiederaufbau diese Spuren zu einem guten Teil schon eliminiert, neue Häuser sind entstanden, oder zerschossene Gebäude wieder renoviert worden. Man sieht allerdings auch das eine oder andere völlig zerstörte Dorf, wo man, wenn überhaupt, vielleicht nur zwei oder drei alte Leute auf der Straße sieht. Es sind jene, die ihr Heimatdorf trotz der schlimmen Situation nicht mehr verlassen wollen, alle anderen sind längst gegangen, oder Schlimmeres. In solchen Dörfern sollte man sich nicht unbedacht als Fußgänger herumtreiben. Grundsätzlich empfiehlt es sich dringend, sich bei den Bewohnern der umliegenden Orte vorher zu informieren, sollte man tatsächlich das Bedürfnis verspüren, in diesen durchaus attraktiven Gegenden einen Spaziergang, eine Radtour oder eine Wanderung unternehmen zu wollen. Denn hier, im ehemaligen Kriegsgebiet, schlummert immer noch eine unsichtbare, heimtückische Gefahr: Landminen. Die Bewohner selbst können bestimmt Auskunft darüber erteilen, auf welchen Wegen man sich bedenkenlos bewegen kann und wo man besser nicht hingeht. Die Räumung der ehemaligen Kampfgebiete wird und wurde zwar mit der größtmöglichen Eile und Sorgfalt vorangetrieben, es gelten jedoch noch lange nicht alle Bereiche als sicher.

Wir erreichen Knin, die ehemalige Hauptstadt der "Serbischen Republik Krajina". Die Stadt liegt genial in einem Talkessel, von einer Burg überragt. Am Ortsrand, beim Verlassen der Stadt, erspähe ich einen schönen Wasserfall. Auffällig ist, wie auch in anderen Gebieten des kroatischen Binnenlandes, ja sogar in weiten Bereichen der dalmatischen Küste, die vergleichsweise dünne Besiedlung, wenn man da an Mitteleuropa denkt. Bevor die Straße dann nach Split hinunterführt, offeriert sie uns einen tollen Ausblick auf die zweitgrößte Stadt Kroatiens. Ein guter Teil der Metropole erstreckt sich auf einer großen Halbinsel, landseitig von Bergen umrahmt, zur Seeseite hin durch die vorgelagerten Inseln geschützt. Ein Meer von Hochhäusern und unzählige Verladekräne rings um den riesigen Handels- und Kriegshafen erwecken zunächst nicht gerade die Erwartungen auf ein romantisches Stadtbild.

Bei meiner Ankunft, es ist bereits 9 Uhr abends, versuche ich, Ivo telefonisch zu erreichen, was leider nicht klappt. Eine Frau spricht mich an, sie hat ein Privatzimmer zu vermieten. Da sie keinerlei Fremdsprachen spricht, hilft ein junger Mann von der Straße als Übersetzer. 150 Kuna mit Frühstück ist für kroatische Verhältnisse vielleicht nicht unbedingt billig, ich willige aber ein, bin froh, erst mal ein Bett zur Verfügung zu haben und ein Quartier, wo ich mein lästiges Gepäck loswerden kann. Viel Zeit bleibt nicht für Split, ein kleiner Imbiß in der Altstadt und ein Spaziergang durch die nächtlichen Gassen hinterlassen nur einen flüchtigen Eindruck. Eines kann ich jedoch gleich verraten: die Stadt lohnt einen längeren Besuch! Die ausgedehnte Altstadt im venezianischen Baustil ist ein Traum für Freunde verwinkelter, enger Gässchen, steiler Steintreppen und lebendiger Straßencafes. Gleichwohl ist sie ein El Dorado für die Anhänger alter Baukünste, deren steinerne Zeugen bis in die Römerzeit zurückreichen. Mediterranes Flair versprüht die palmengesäumte Uferpromenade, wo in der Hauptsaison die Nachtschwärmer bestimmt bis in die frühen Morgenstunden flanieren. Selbst ausgedehnte Wälder finden sich auf der die Altstadt tragenden Halbinsel, wo schöne Spaziergänge möglich sein sollen. Als ich Split am folgenden Morgen verlasse, tue ich das im Bewußtsein, daß, sollte ich wieder einmal in diese Gegend zurückkehren, eine genauere Inspektion dieser bezaubernden Stadt dann unumgänglich wird.

Die Fahrt geht weiter, entlang der Küstenstraße, bis Sibenik. Auch heute steht ein wasserreiches Ziel auf dem Programm: die Krka - Fälle, die von Sibenik aus in etwa 15 Fahrminuten erreichbar sind. Auf den Plattformen des Busbahnhofs ist der Teufel los. Schulkinder aller Altersklassen drängen sich, und als ich mein Busticket kaufen will, erfahre ich von der Dame am Schalter, daß heute Sonderbusse zu den Wasserfällen fahren, denn heute ist der 1. Mai, Feiertag auch hier in Kroatien. Das kann ja heiter werden! Und so zwänge ich mich mitsamt dem schweren Trekkingrucksack in einen der wartenden Busse, Stehplatz zwischen johlenden und lachenden Kindern und einer verzweifelten Minderheit von Lehrern. Den günstigsten Tag habe ich mir also nicht ausgesucht, um mir das nach den Plitvitzer Seen sicherlich bekannteste und beeindruckendste Wasserschauspiel Kroatiens, vielleicht sogar des gesamten Balkan, anzusehen.

Am Haupteingang bei Losovac warten erneut Busse, mit denen man sich bis hinunter vor den Hauptwasserfall Skradinski Buk kutschieren lassen kann. Ich verzichte auf den am 1. Mai kostenlosen Service und ziehe den Wanderweg vor, von dem aus man bereits beim Hinuntersteigen den einen oder anderen Blick auf den träge dahindümpelnden Krka - Fluß, der hier schon fast einem See gleicht, erhaschen kann. Üppig - grüne Inseln und Inselchen garnieren dieses bizarre Riesenbiotop. Das Phänomen am Unterlauf der Krka ist das Selbe wie in Plitvice: mit Kalziumkarbonat überkrustete Pflanzen bilden Travertinbarrieren. Die Hauptattraktion sind dann 17 Kaskadenstufen, wobei die unterste Kaskade, der Wasserfall Skradinski Buk, mit 46 Metern gleichzeitig auch am höchsten ist. Auch in seiner Seitenausdehnung manifestiert der Skradinski Buk seine Stellung als Hauptwasserfall im Krka - Park.

Es besteht ferner die Möglichkeit, an einer Bootsfahrt flußaufwärts teilzunehmen, wo man in einem 4-stündigen Ausflug durch eine enge Schlucht bis hinauf zum Wasserfall Roski slap gefahren wird. Diese Exkursion ist nicht ganz billig, außerdem wäre mir mein großer Rucksack dabei lästig, so daß sich meine Besichtigung auf das Kaskadenschauspiel des unteren Flußlaufes beschränkt. Es gibt hier zwar nicht so zahlreiche einzelne Wasserfälle, wie in Plitvice, und das abzuwandernde Gebiet ist auch nicht so weitläufig, wie dort, dafür ist die zu Tal fließende Wassermenge viel größer. Auch hier spaziert man auf schmalen Holzstegen über einzigartige Travertinschwellen hinweg, gleichfalls begleitet von einem Sprudeln und Tosen an allen Ecken und Enden, dazu noch der einem tropischen Dschungel ähnelnde, herrliche Wald, Heimat zahlreicher Wasservögel, der unter anderem auch einen großen Bestand an duftenden Feigenbäumen aufweist. Allgemein unterscheidet sich die hier eindeutig mediterrane Vegetation schon wesentlich von den durch gemäßigtes Kontinentalklima geprägten Wäldereien an den Plitwitzer Seen, wo zur Winterzeit die Seen und Wasserfälle oft zu Eis erstarren, während das Grün des Waldes vom Schnee überschüttet wird.

Wie bereits erwähnt, bin ich heute wirklich nicht der Einzige, der im Park unterwegs ist. Die Holzstege sind aber so angelegt, daß man stets prächtige Blicke auf die vielen Naturwunder hat, und auch Fotos schießen kann, ohne gleich ein Dutzend Statisten mit auf dem Bild zu haben. Der Krka - Fluß ähnelt hier eher einem See und die Stege bringen die Besucher auch von einer Insel zur anderen, wobei man ständig von Travertinphänomenen und üppiger Sumpf- und Waldvegetation umgeben ist. Zahlreiche Wasservögel sind hier heimisch und trotz der heute so großen Besucherzahl dringt immer wieder das Quaken von Enten oder das Krächzen anderer Wasservögel aus dem umliegenden Busch -und Schilfwerk. Zum Schluß führt der Weg über Serpentinen neben 17 hinabstürzenden Kaskaden hinunter auf die in eine Festwiese verwandelte große Picknickwiese, hinter der der Hauptwasserfall Skradinski Buk über eine Länge von 800 Metern, in verschiedene Fallsegmente unterteilt, ins seeähnliche Wasserbecken stürzt. An dieser Stelle soll das Baden angeblich gestattet sein, die derzeitigen Wassertemparaturen verlocken heute jedoch niemanden dazu. Dafür muß ich mich jetzt vorsehen, nicht von einer umherfliegenden Frisbeescheibe geköpft zu werden, oder einen Fußball auf die Nase geknallt zu kriegen. Wenn man ein paar Bacharme überspringt, gelangt man auf kleine Inselchen, von denen aus man das Schauspiel des Skradinski Buk in aller Ruhe genießen kann. Ich wundere mich ein wenig, daß es bei dem Betrieb tatsächlich noch möglich ist, eine Insel ganz für sich zu finden. Es steht für die Meisten hier doch mehr der Tag der Familie mit Picknick, Spielen, Sonnenbad usw. im Vordergrund, anstatt dem Naturspektakel zu huldigen.

Beim Verlassen des Skradinski Buk führt der Weg zunächst über eine Brücke über den Krka - Fluß, wo es dann auf breitem Weg in Serpentinen wieder aufwärts geht bis zum Ausgangspunkt der Wanderung. Oberhalb der Kaskaden besteht die Möglichkeit, ein altes Mühlenmuseum zu besichtigen. Auch den Rückweg zum Parkeingang lege ich abermals zu Fuß zurück und freue mich, oben gleich einen Bus zu erwischen, der mich zurück nach Sibenik bringt, so denke ich. Der Bus fährt aber wieder hinunter zu den Wasserfällen, ich bleibe also, unten angekommen, gleich sitzen, um wieder mit hinaufzufahren. So habe ich den kostenlosen Busservice, obwohl unfreiwillig, doch noch genutzt. Das Warten auf den richtigen Bus nach Sibenik (jede Stunde) verkürze ich mir dann mit einem kleinen Cevapcici - Imbiß an einem der sich am Eingang befindlichen Fast - Food - Ständen.

Der Busbahnhof (kroat. Autokolodvor) von Sibenik befindet sich direkt hinter der Hafenpromenade, wo ich´s mir auf einer Bank gemütlich mache, bis mein Bus nach Zadar abfährt. Auf dem dortigen Autokolodvor dann eine kleine Kaffeepause, bis die Linie Richtung Rijeka bedient wird, die auf der Küstenstraße weiter gen Norden hinaufführt, wo sich, etwa anderthalb Fahrstunden entfernt von Zadar, mein nächstes Ziel befindet, der Fischerort Starigrad Paklenica. Busfahren in Kroatien, das ist kein Problem! Zu günstigen Tarifen kommt man in bequemen Langstreckenbussen ohne lange Wartezeiten immer zum Ziel, und auch kleine Ortschaften werden fast immer durch Nebenlinien bedient. Will man auf einer der Hauptstrecken in einer kleineren Ortschaft aussteigen, sagt man einfach dem Busfahrer Bescheid.

In Starigrad Paklenica versammelt sich eine eher ungewöhnliche Spezies von Kroatien - Urlaubern: die der Kletterer und Bergwanderer, denn von Starigrad aus läßt sich der Eingang des Nationalparks Paklenica erreichen, der die beiden prächtigsten Schluchten und mit die eindrucksvollsten Karstlandschaften Kroatiens in sich birgt. Dieses Gebiet zählt geographisch zum südlichen Teil des 145 Kilometer langen Velebit - Gebirgszuges. Direkt hinter der Küstenlinie emporstrebend, wird er im Westen durch den Meeresarm Velebitski - Kanal begrenzt, während er ostwärts zur Hochebene von Licka und zum Gacka - Fluß abfällt. Die einmalige Berglandschaft des Velebit hat einige Besonderheiten aufzuweisen, auf die ich im Laufe meiner Ausführungen noch eingehen werde.

Zu meiner Überraschung werde ich am ersten Campingplatz, auf den ich treffe, wegen Überfüllung abgewiesen. Auf der riesigen Campingwiese des Hotel Alan, einem sterilen Hochhaus im sozialistischen Stil, finde ich schließlich mehr als genug Platz. Als ich mich zum Dinieren auf der Terrasse des Hotels einfinde, soll sich herausstellen, warum der andere Campingplatz, obwohl die Saison eigentlich noch nicht begonnen hat, überfüllt ist: Sitze ich anfangs noch allein und verloren auf der Hotelterrasse, schneit nach einer halben Stunde eine ganze Horde junger Leute herein, eindeutig vom Typ Kletterer. Die Gruppe ist international, und ich erfahre, daß morgen ein großer Wettbewerb in der Velika Paklenica (Große Paklenica - Schlucht) stattfinden soll, Sponsor ist der Aufputschdealer Red Bull.

Des Nachts soll sich noch herausstellen, daß ich zu nahe am Wasser gebaut habe, denn der DJ der Red - Bull - Beachparty trifft zwar meinen Musikgeschmack, aber wenn man frühmorgens zu einer Tour aufbrechen möchte, wäre es einem recht, des Nachts schlafen zu dürfen. Schließlich reicht es mir und ich ziehe mein Zelt mitsamt Inhalt quer über den gesamten Campingplatz in eine ruhigere Ecke. Etwa 20 Minuten nach dem Umzug verstummt die Musik. Auch die Freeclimber müssen schließlich morgen fit sein!

Bevor ich aufbreche, nehme ich noch das reichhaltige Frühstücksbuffet des Hotel Alan in Anspruch, wer weiß, wann es wieder mal was Gescheites gibt! Zunächst muß ich ein gutes Stück der Straße folgen, ins benachbarte Dorf Seline, wo ein Schotterweg zu einem Parkplatz führt. Hier befindet sich der Eingang der Mala Paklenica (kleine Paklenica - Schlucht). Ich trage die gesamte Ausrüstung bei mir plus Lebensmittel für mehrere Tage, da meine Exkursion im Nationalpark vorraussichtlich minimum 3 Tage in Anspruch nehmen wird. Die weiter südlich gelegene Velika Paklenica mag zwar die bekanntere der beiden Schluchten sein, auch sind dort die Felswände höher und die Wasser fließen reichlicher, dafür ist die Mala Paklenica eindeutig die wildere und nur eingefleischten Bergwanderern zu empfehlen, die auch bereit sind, die eine oder andere Geländeschwelle in leichter Kletterei zu überwinden.

Bequem ist der Weg durch die Mala Paklenica jedenfalls nicht, besonders dann nicht, wenn einen zusätzlich noch über 20 Kilo Rucksackgewicht plagen. Sowohl Weg als auch Landschaft treffen allerdings voll meinen Geschmack. Zwischen 20 bis 30 Meter hohen, schroff aufragenden Felswänden geht es über Stock und Stein aufwärts, bald im steinigen Flußbett, bald über dessen schrofige Flanken. Immer wieder sind riesenhafte Felsblöcke zu überklettern, umgestürzte Bäume verwehren den Weg, dorniges Gestrüpp zerrt an der Kleidung und die Äste des durchstreiften Dickichts peitschen mir ins Gesicht. All das nehme ich mit Wohlwollen in Kauf, was mich eher grämt, ist die Tatsache, daß das Bachbett furztrocken ist, obwohl die Mala Paklenica Anfang Mai eigentlich noch Wasser führen sollte. Das Frühjahr war in Kroatien heuer, gleichfalls wie in Deutschland, ungewöhnlich trocken, so daß die Wasserversorgung bei Wanderungen in den karstigen, zu Wasserversickerungen neigenden Bergregionen des Landes jetzt schnell zum Hauptproblem werden kann.

3 Liter führe ich bei mir, aus Gewichtsgründen habe ich die dritte Flasche unbefüllt gelassen, in der Annahme, in der Schlucht Wasser zu finden. Ein Franzose aus Lothringen und seine asiatische Freundin, die sich die beliebte Tagestour Mala Paklenica - Alm Jurline - Velika Paklenica zur Aufgabe gemacht haben, drehen aufgrund ihrer nur noch dürftigen Wasservorräte im oberen Teil der Mala Paklenica um, um über den Aufstiegsweg wieder zurückzukehren. Die Temperatur beträgt gegen Mittag um die 25 Grad, eigentlich zu warm zum Wandern, und auch mir rinnt das Wasser schneller durch die Kehle, und wiederum aus den Poren, als mir lieb ist. Trotzdem bleibe ich auf meiner Route und folge der Schlucht, die sich im oberen Teil gabelt, in den linksseitigen Arm weiterhin aufwärts, wo schließlich ein Serpentinenpfad aus ihr herausführt. Zuvor überhole ich noch eine Gruppe kroatischer Wanderer, fünf Erwachsene und drei Kinder, von denen das kleinste schätzungsweise 4 Jahre alt ist. Ich frage mich, ob die Kinder, obwohl sie immer wieder von den Erwachsenen ein Stück weit getragen werden, auf einer solchen Tour nicht doch überfordert sind. Als ich schon ziemlich weit oben bin, höre ich unten jemanden rufen: "Voda!". Die Gruppe ist dem Serpentinenweg nicht gefolgt, sondern im Flußbett weiterhin aufgestiegen und dort offensichtlich auf Wasser gestoßen. Ich will jetzt aber nicht mehr hinuntersteigen, glaube fest daran, weiter oben ebenfalls Wasser zu finden, ein halber Liter ungefähr ist mir ja noch geblieben. Sollte ich in nächster Zeit jedoch nicht fündig werden, dann wäre auch ich gezwungen, umzukehren.

Auch in der Mala Paklenica waren die Auswirkungen des 1. Mai zu spüren. Der Busfahrer, der mich nach Split brachte, hatte mich bereits über den Sachverhalt aufgeklärt: da der Feiertag auf einen Donnerstag fiel, haben viele Kroaten den vergangenen Samstag gearbeitet, um somit ein verlängertes Wochenende von Donnerstag bis einschließlich Sonntag genießen zu können. So war die Mala Paklenica zwar nicht überlaufen, dennoch habe ich immer wieder andere Wandergruppen getroffen, von denen die meisten wohl über Jurline durch die Velika Paklenica, oder aber schluchtaufwärts und anschließend den selben Weg zurück zum Parkplatz eingeschlagen haben. Mein Weg soll mich aber noch weiter nach oben führen, mein Ziel ist der Velebit - Hauptkamm mit seinem höchsten Gipfel, dem Vaganski Vrh. Als ich schließlich die letzten Serpentinen erreiche, die mich aus der Schlucht empor führen, bietet sich mir ein umwerfendes Panorama: die kahlen, subalpinen Gipfel des Velebit Hauptkammes überragen eine deftig - grüne, von strahlend - weißen Felsen durchsetzte, wilde Schluchtenlandschaft von einer einzigartigen Schönheit. Wieder einmal kommen mir die Karl - May - Filme in den Sinn, die ich als Bub immer gern gesehen habe, und für die solche und ähnliche Landschaften als Kulisse gedient hatten. Ich ignoriere die Abzweigung nach Jurline und gehe ich weiterhin aufwärts, in östliche Richtung. Hier wird es sehr ruhig. Mein Etappenziel soll die kleine Selbstversorgerhütte Skloniste Ivine Vodice sein. Unterwegs treffe ich auf eine Gruppe älterer Herren, die ebenfalls die Hütte erreichen wollen. Von ihnen erfahre ich, daß es an der Hütte Wasser gibt. Ich werde wieder zuversichtlich und jage mir meine verbliebenen Reserven die Kehle hinunter.

Bis zum Erreichen der Hütte sind noch etliche Höhenmeter durch den Wald zurückzulegen, und als ich dort eintreffe, denke ich zunächst nur noch ans Wasser. Hier lerne ich dann auch gleich die typische Art und Weise kennen, wie man im dinarischen Karstgebirge selbiges zutage fördert, nämlich aus Brunnenschächten. Ein guter Brunnen ist immer zugedeckt, damit nicht so viel Unrat hineinfallen kann. Entkeimungstabletten habe ich keine bei mir, die anwesenden Herrschaften winken jedoch ab. Kein Problem sagen sie, und so tue ich es ihnen gleich und nehme sofort ein paar tüchtige Schlücke von dem mit Hilfe eines an einem Seil befestigten Eimers emporgezogenen Brunnenwassers. Es ist herrlich kühl und erfrischend, und hat auch keinerlei unangenehmen Beigeschmack, die eine oder andere tote Mücke oder sonstige Partikel muß man allerdings in Kauf nehmen.

Man sieht es ja an der reichlich vorhandenen Vegetation: das Karstgebirge hat genug Wasser, nur hat dieses hier leider Gottes die ungünstige Eigenschaft, unter der Erde zu fließen, weshalb es für den Wanderer fast ausschließlich nur durch Brunnenschächte zugänglich ist. Diese können allerdings in stundenlangen Fußmärschen voneinander entfernt liegen, oder man trifft auf verschmutzte, offene Wasserlöcher. Wenn Not am Mann sein sollte, würde man auch aus diesen trinken, und wenn man keine Entkeimungstabletten dabei hat, kann man es immer noch abkochen. Im äußersten Notfall würde man es sicher auch mit dem Risiko trinken, davon krank zu werden. Tatsache ist jedenfalls, daß ich mich darauf einzurichten habe, auf mehrtägigen Exkursionen große Wasservorräte mit mir herumschleppen zu müssen, was das Rucksackgewicht gleich auf ein paar zusätzliche Kilo anhebt.

Auch an der Ivine - Vodice - Hütte haben sich die Maiwanderer in größerer Zahl eingefunden. Das kleine Hüttlein bietet Schlafplätze für maximal 10 Personen, es sind aber doch ein paar mehr geworden, von denen sich ein halbes Dutzend noch unter´s Vordach gepfercht hat. Der Aufenthalt bei der Vodice - Hütte ist zwar kostenlos, man erhält ihn dennoch nicht zum Nulltarif: sofern man nicht eine Zwischenübernachtung im oberhalb der Velika Paklenica gelegenen Planinarski - Dom (dt.:Berghaus) eingelegt hat, hat man von Seehöhe bis hierher 1250 Höhenmeter mit kompletter Biwakausrüstung auf dem Buckel hinter sich zu bringen, wobei die Variante durch die Mala Paklenica wohl die anstrengendste sein dürfte.

Ich schlage vor, daß in meinem Zelt außer mir selbst noch zwei weitere Personen nächtigen können, und so lerne ich eine 7-köpfige Gruppe des kroatischen Bergvereins, Sektion Samobor, kennen. Luka, einer der älteren Herren der Gruppe, gesellt sich noch zu mir ins Zelt, und dafür werde ich zum gemeinsamen Abendessen eingeladen. Die Leute zeigen ein großes Interesse an mir und sind, wie eigentlich überall in Kroatien, sehr gastfreundlich. Die Unterkunft steht auf einer Waldlichtung, von der aus man eine wunderschöne Aussicht über die zurückliegenden Berge und Schluchten hinweg bis zum Fjorden - und Inselgeflecht der vorgelagerten adriatischen Küste hat. Auch Holztische und - bänke sind vorhanden, und eine weitere Gruppe von Herren gesetzteren Alters hat bereits ein Feuer auf der Lichtung entfacht. Ich kenne in Deutschland nicht viele 60 - jährige, die ihre Bergnächte im Schlafsack und am Lagerfeuer verbringen. Warme Wandertage bescheren in der Regel lauschige Nächte, weshalb der Faktor Kälte heute Nacht entfällt, und während die Sonne bei knisterndem Feuer in der Adria versinkt, genießt ein Jeder der hier oben eng miteinander verbundenen Gemeinschaft von Bergfreunden das Ende eines harten, aber erlebnisreichen Wandertages.

Außer meinem Hauptziel, dem Vaganski Vrh, beabsichtige ich, wenn möglich, den einen oder anderen weiteren Gipfel im Velebit - Hauptkamm "mitzunehmen". Daß die Wahl dabei auf den Sveto Brdo (1751 m) fällt, habe ich meinen Freunden aus Samobor zu verdanken. Sie wollen morgen gleichfalls den Sveto Brdo besteigen, und Franjo, eingefleischter Bergfreund Präsident der Sektion Samobor, erteilt mir den Ratschlag, mit meinem Gepäck von Vodice aus zunächst dem nordwärts aufsteigenden Pfad zu folgen, wo ich an einer Wegekreuzung am Besten meinen schweren Rucksack zurücklasse, da ich bei der Rückkehr vom Gipfel sowieso wieder hier vorbei komme, wenn ich vorhabe, noch weiter auf dem Kammweg zum Vaganski Vrh vorzumarschieren.

Ist die Waldgrenze überschritten, gelangt man über subalpine Bergwiesen, vorbei an trichterförmigen Dolinen, und zum Schluß steil über zwei Altschneefelder hinauf zum aussichtsreichen Gipfel. Ein exzellentes Lehrbeispiel für eine Klimagrenze wird uns hier oben vor Augen geführt. Während die Landschaft im Osten, also im Binnenland, von tiefgrünen Wiesen und Wäldern bestimmt wird, bieten die zur Küste hin gerichteten Bergkämme einen sehr trockenen, steinigen Anblick, die der Küste vorgelagerte Insel Pag gleicht gar einer Mondlandschaft, oder als hätte man ein Puzzlestück aus der Sahara herausgeschnitten, und hierher, in die Adria, verfrachtet. Es ist dann auch so, daß das Velebit - Gebirge eine scharfe Klimascheide bildet. Es hält die Wolken der im Binnenland niedergehenden Regen und die berüchtigten, vom Landesinneren her wehenden Bora - Winde, zurück und läßt so die Küste quasi auf dem Trockenen sitzen, ein Effekt, von dem unzählige sonnenhungrige Badegäste an der kroatischen Adria Jahr für Jahr profitieren.

Der Sveto Brdo ist übrigens der markanteste Berg im südlichen Velebit - Hauptkamm. Letzteren nach Süden hin abschließend, erhebt er sich als hohe, auffällige Kuppe am äußersten Ende der Bergkette. Auf dem Gipfel steht ein großes Metallkreuz, das dort von deutschen Pionieren im Oktober 1996 errichtet wurde. Mir fällt eine Autobatterie auf , die ebenfalls im Gipfelbereich herumfährt. Entlang des Wanderpfades waren mir bereits etliche Meter von durch die Landschaft gezogenen Fernmeldekabeln aufgefallen, auf die man hier auf dem Hauptkamm immer wieder stößt: hier holt einen die Erinnerung an den Krieg wieder ein, der südliche Velebit - Hauptkamm war Kampflinie. Eine weitere, weit unangenehmere Folge der einstigen Kampfhandlungen ist die Tatsache, daß das Gebiet östlich des Hauptkammes bisher noch nicht vollständig von Landminen geräumt ist, so daß das Betreten dieser Zone ein unverantwortbares Risiko wäre. Bei in jene unheilvolle Richtung abzweigenden Pfaden weisen Warnschilder gut sichtbar darauf hin, und wer sich an den vorgegebenen, gut markierten und deutlich ausgetretenen Kammweg hält, dem droht auch keine Gefahr.

Meine Freunde aus Samobor hatten es mir bereits angekündigt: der Weiterweg in Richtung Vaganski Vrh birgt noch etliche ausgedehnte Firnfelder, bei deren Querungen man aufpassen muß, sich nicht beim Einbrechen durch eine Schneebrücke zu verletzen, da man dabei ziemlich tief zwischen scharfkantige Felsen rutschen kann. Zwei junge Männer und eine Frau waren mir kurz nach der Drei - Wege - Kreuzung Vaganski Vrh - Vine Vodice Hütte - Sveto Brdo begegnet, sie kamen geradewegs vom Vaganski Vrh. Somit bin ich über die Wegverhältnisse informiert und kann sogar ihren Spuren durch die Firnfelder folgen.

Auf einer Wanderung durch den Velebit kann man hervorragend die Beschaffenheit der Karsttäler studieren. Anders, als wir das sonst gewohnt sind, sind diese Täler nach allen Seiten hin geschlossen. Es handelt sich dabei um nichts anderes als eingestürzte Höhlendecken, wobei die Größe dieser sogenannten Dolinentäler stark variiert. Sie bilden enge Trichter oder auch mehrere Quadratkilometer große, in sich geschlossene, rundliche Becken. Sie werden auch nicht etwa von Bergbächen durchflossen, sondern sind alle wasserlos. Jetzt im Frühjahr bieten die höher gelegenen Täler ein eindrucksvolles Schauspiel, da sich in ihren schattigen Löchern teilweise enorme Schneemengen sehr lange halten. Nicht nur in der Größe, auch in ihrer Flora und in der geologischen Beschaffenheit weisen die Dolinentrichter Unterschiede auf. Bei manchen ist die Trichterwand mit steilen Bergwiesen, mit Latschenbewuchs oder mit bewaldeten Abhängen ausgekleidet, andere sind völlig unnahbar von nackten, schroffen Felsen umschlossen, und es existieren selbstverständlich häufige Mischformen. Skurrile Kalkfelsen, die als seltsame Skulpturen aus der Landschaft herausragen, sowie unzählige Grotten, Spalten und Felstore gehören ebenfalls zu den typischen Erscheinungen im Karst.

Auf dem Weg zum Gipfel bleibe ich für mich. Aussichtsreich geht es über Bergwiesen und dichten Latschenbewuchs, sowie teils ausgedehnte Altschneepassagen. Erst als ich oben ankomme, treffe ich auf eine Gruppe von Slowenen, die von Norden her hierher aufgestiegen sind. Obwohl es sich beim Vaganski Vrh um den höchsten Velebit - Gipfel handelt, wirkt er auf den von Süden ansteigenden Wanderer wenig markant, eigentlich eine harmlose Graskuppe, deren beste Aussichtmöglichkeit zurück nach Süden etwas unterhalb des höchsten Punktes liegt. Gen Norden bricht der Berg schließlich doch noch über Felswände von für einen Alpinisten allerdings eher moderaten Ausmaßen ab. Die Fortsetzung der teils subalpinen, teils bewaldeten Bergkämme ist von hier oben sehr gut zu überblicken. Unterhalb des Gipfels mache ich sogar einen von Schnee umrahmten, kleinen Bergsee aus, den einzigen, den ich jemals im Velebit zu Gesicht bekommen soll .Ich ziehe auf meinem Weiterweg oberhalb dieses Sees vorbei, die Abzweigung, die hinunter zum Planinarski Dom führt, ignorierend. Ich fühle mich pudelwohl und mir stehen noch einige Sonnenstunden zur Verfügung, weshalb ich weiterhin der Hauptkammagistrale folgen will. Der Babin Vrh (1723 m) entgeht mir leider. Entweder habe ich eine abzweigende Markierung übersehen, oder der Gipfel ist nur weglos zu erreichen. Schließlich gelange ich zu den Almwiesen der Marasova Gora. An einem Brunnen lege ich zunächst eine Wasserpause ein, neben dem nach Osten abzweigenden Weg steht wieder ein deutlich sichtbares Minenwarnschild. Die Landschaft um mich herum ist faszinierend. Jeden Moment erwarte ich, daß Häuptling Winnetou und sein weißer Bruder Old Shatterhand von einer der umliegenden Bergkuppen herabgeritten kommen. Jetzt gesellt sich auch wieder ausgedehnter Mischwald zu den Bergwiesen.

An der malerisch gelegenen kleinen Struga - Hütte, wie die Ivine - Vodice - Hütte eine spartanisch eingerichtete Selbstversorgerunterkunft, haben sich bereits ein gutes Dutzend Wanderer breitgemacht. Ich aber habe mein Tagesziel noch nicht erreicht. In wenigen Gehminuten stehe ich auf der Höhe des Buljma - Passes (1394 m), von welcher aus man ein einmaliges Panorama genießen kann. Ein prachtvolles, sattgrün bewaldetes Tal wird von mehreren Nebentälern zerschnitten, im Hintergrund türmt sich die enorme Felswand der Anica Kuk, hinter welcher noch ein Stück des Meeresarms Velebitski Kanal erkennbar ist. Mit über 400 Metern ist der Abbruch der Anica Kuk die höchste Steilwand Kroatiens. Sie zählt zu den sogenannten "Big Walls", den ultimativen Herausforderungen für alpine Spitzenkletterer.

Wenn man aus Richtung der Struga - Hütte kommt, stellt sich einem der Buljma - Paß jediglich als harmlose Geländekuppe in den Weg, der Serpentinenweg auf der anderen Seite schlängelt sich allerdings über satte 800 Höhenmeter bis zum Planinarski Dom Paklenica hinab. Zunächst bleibt der Weg noch aussichtreich, bis er schließlich in den üppigen Bergwald hineinmäandriert, der mir hier allerdings besonders gut gefällt. Überhaupt verströmen die Wälder hier eine sehr intensive und wohlige Duftnote. Unterwegs fällt mir die Sohle meines linken Wanderstiefels ab und ich stelle fest, daß die des rechten Stiefels ebenfalls vollends aus dem Leim zu gehen droht. Ich war jahrelang mit Militärstiefeln in den Bergen unterwegs, und im Allgemeinen anerkenne ich sie auch als geeignetes Schuhwerk, aber geklebte Sohlen sind ein Ärgernis! Meinem weiteren Aufenthalt im Paklenica - Nationalpark sind nun Grenzen gesetzt. Ich werde die Nacht im Berghaus verbringen und am nächsten Morgen auf dem direkten Weg durch die Velika Paklenica nach Starigrad absteigen. Eventuell vorgesehene Abstecher, wie die Besteigung des Bojin Kuk, dessen Gipfel sich, statt in waghalsiger Kletterei durch die Steilwand auch über einen Normalweg erreichen läßt, fallen somit ins Wasser.

Am Planinarski Dom treffe ich, wie abgemacht, meine Freunde aus Samobor wieder. Während mein fehlender Absatz zur allgemeinen Belustigung beiträgt, ernte ich für meine heute begangene Route anerkennende Worte, worauf ich mir allerdings nichts einbilde, denn erstens bin ich 20 Jahre jünger als die Mehrzahl der Gruppe und zweitens hat nicht jeder so viel Zeit und Möglichkeiten, sich unterm Jahr sportlich zu aktivieren, wie das bei mir der Fall ist. Die Hütte ist größer und wesentlich komfortabler eingerichtet als die beiden vorhergehenden. In der für die Gäste zur Benutzung vorgesehenen Küche stehen auch Kochtöpfe, Porzellangeschirr und Besteck zur Verfügung, und übernachtet wird in Mehrbettzimmern. Die etwa 6 Jahre alte Tochter einer deutsch - kroatischen Familie führt mich gleich nach meiner Ankunft die Treppe hoch: "Du schläfst bei uns im Zimmer!" bestimmt sie und ich füge mich dieser Zuteilung. Der Hüttenwart ist ein etwas brummiger Kerl, mit dem man aber durchaus was anfangen kann, wenn man ihn richtig nimmt. Hier, wie auch in den meisten kroatischen Berghütten ist der Gast allerdings auf Selbstversorgung angewiesen.

Meine Freunde aus Samobor laden mich abermals zum Abendessen ein, und in der Zwischenzeit habe ich gelernt, daß es das Beste ist, ohne Umschweife zuzusagen und dann auch ungehemmt zuzulangen, denn die Leute freuen sich, wenn der Gast sich in ihrem Land wohl fühlt und wenn ihm das Essen schmeckt. Vor allem Franjo zeigt sich sehr interessiert an meinen vergangenen Reisen. Er selbst kommt auch ziemlich weit in der Weltgeschichte herum, unter anderem viel in Afrika, allerdings geschäftlich, und der begeisterte Alpinist und Naturliebhaber bedauert, daß er dann oft nicht die Zeit fände, sich den dortigen Landschaften und Bergen zu widmen.

Der Abstieg am folgenden Morgen findet in aller Gemütlichkeit statt, ich habe alle Zeit der Welt. Immer wieder drehe ich mich um , um meinen Blick zurück auf die hinter mir liegenden Bergkämme zu richten. Mit der Ruhe ist es in der Velika Paklenica vorerst vorbei, denn es ist Sonntag und unten am Schluchteingang befinden sich ein auf einer guten Straße erreichbarer Parkplatz und der öffentliche (und gebührenpflichtige) Eingang in den Nationalpark. Ein gut ausgebauter, auch für Familien mit Kindern problemlos begehbarer Wanderweg führt von dort bis hinauf zum Berghaus. Das Bachbett der Velika Paklenica führt Wasser, und überhaupt ist dieses Element in dieser prächtigen Schlucht wieder reichlich vorhanden. Hinter fast jeder Wegbiegung stößt man auf eine gefaßte Quelle, aus der erfrischendes Trinkwasser hervorsprudelt. Während der Hauptsaison bietet zudem das am Weg liegende Forsthaus Imbisse und Getränke.

Bald stehe ich gegenüber der mächtigen Felswand der Anica Kuk, welche die Paklenica - Schlucht nach oben hin abschließt und ich beziehe Stellung auf einem exponierten Felsen, wo ich in einer ausgedehnten Rast den Eindruck dieser gewaltigen Wand auf mich wirken lasse. Am rechten Pfeiler steigt gerade eine 4 - köpfige Seilschaft ein. Und mitten in der Wand mache ich zwei weitere Kletterer aus. Sie sind die einzigen, die in der riesigen Steilwand unterwegs sind und erscheinen mir wie zwei Stubenfliegen an der Wand des Kölner Doms. Ich werde neidisch vom Zuschauen. Die Durchsteigung dieser Wand (etwa 15 Seillängen) stellt allerdings Anforderungen, die ich bei weitem nicht erfülle, und auch für den Großteil der Anhänger des Klettersports dürfte diese "Big Wall" tabu bleiben. Auf dem Weiterweg durch den jetzt eng werdenden, beeindruckenden Canyon läuft man Spalier zwischen den unzähligen Sportkletterern, die an beiden Seiten der aufstrebenden Schluchtwände etliche Routen aller Schwierigkeitsgrade finden, die ultimative Wand bleibt jedoch die Anica Kuk, und die geringe Anzahl derer, die sich an ihr versuchen, deutet schon auf die besonderen Schwierigkeiten, die eine Durchsteigung dieses extremen Steilabbruchs mit sich bringt.

Ich installiere mich schließlich wieder auf dem Campingplatz des Hotel Alan, und genieße einen lauen Nachmittag, den ich lesend, essend und dösend im Schatten am Meeresufer zubringe. Gegen Abend mache ich mich noch einmal auf den Weg, um das Outdoor - Geschäft ausfindig zu machen, das mir bei meinem Anmarsch zur Mala - Paklenica an der Hauptstraße aufgefallen war. Unterwegs treffe ich ein letztes Mal meine Samoborer Freunde, die gerade vom Essen kommen und im Begriff sind, nach Hause zurückzukehren. Wir unterhalten uns noch ein wenig, und sie sind mir noch behilflich, den Laden zu finden, der zu meiner Überraschung geöffnet hat, obwohl Sonntagabend um 7 Uhr ist. Die Auswahl an Wanderschuhen ist zwar weder berauschend noch billig, man ist hier eigentlich mehr auf Klettervolk eingestellt, trotzdem bin ich froh, ein Paar taugliche Schuhe erwerben zu können, ohne dafür extra in die nächst größere Stadt fahren zu müssen, wo mir viel kostbare Zeit verlorengegangen wäre. Somit steht dem nächsten Abenteuer, der Besteigung des Bojin Kuk (1110 m), nichts mehr im Wege. Dieser wunderschöne Berg erhebt sich, bereits außerhalb der Nationalparksgrenzen gelegen, nordöstlich von Stari Grad, direkt hinter der Küstenlinie, von wo aus er für Wanderer wegen seiner auffallenden Form eine schwer wiederstehbare Verlockung darstellt.

Frühmorgens um 7 Uhr befinde ich mich, mit Tagesgepäck und genügend Wasser ausgerüstet, bereits auf dem Weg nach Milovci, einem kleinen Weiler an der Küstenstraße, kurz hinter Stari Grad. Dort führt eine Abzweigung hinauf nach Milovac, das gleichfalls aus nur wenigen, alten Häuslein besteht und wo der eigentliche Wanderpfad beginnt. Der wolkenlose Himmel kündet wieder einmal einen warmen Tag an, weshalb mir der frühmorgendliche, teilweise schattig verlaufende Anstieg, nur recht ist. Der schmale, steinige Bergpfad führt durch typisch mediterranes Gelände, wie man es auch in Ländern wie Griechenland, Italien oder Spanien antrifft. Man passiert Steinmäuerchen, die Hänge sind von schroffen Steinen und Felsen übersät, durchsetzt von niedrig gewachsenem Macchiabuschwerk. Diese Gewächse sind es, die der Luft eine besondere Duftnote verleihen. Kaiser Napoleon behauptete einst, er würde seine Heimatinsel Korsika mit verbundenen Augen an ihrem Geruch erkennen. Damit hat er eben diesen eigenwilligen Odeur gemeint, den man beileibe nicht nur auf Korsika erschnüffeln kann.

Zwei Raben flattern plötzlich erschreckt hoch, und ich vernehme ein Rascheln im Gebüsch neben einem Steinmäuerchen. Die Erfahrung hat mich bereits gelehrt, anhand des Raschelns in etwa zu erkennen, ob es sich nur um einen flüchtigen Gecko handelt, die hier selbstverständlich in Unzahlen vorkommen, oder ob da nicht etwa eine Schlange durch´s Buschwerk schleicht. Neugierig begebe ich mich vorsichtig in Richtung des Buschwerks und ich habe recht: ein ausgewachsenes, mindestens einen Meter langes Exemplar einer hier häufig vorkommenden, braunfarbenen Vipernart. Ich bin vor diesen gewarnt worden, denn ihr Biß hat bei nicht sofort erfolgender Behandlung tödliche Folgen. Normalerweise flüchten Schlangen, sie beißen einen Menschen grundsätzlich nur dann, wenn sie sich durch diesen bedroht fühlen, oder aber derart von ihm überrascht werden, daß ihnen keine Zeit mehr für die Flucht bleibt, z.B. wenn man versehentlich auf sie drauftritt. Durch meine bewußte Annäherung fühlt sich die Schlange nun bedroht und sie bewegt sich gereizt auf mich zu, was mich sofort innehalten läßt. Sie beruhigt sich wieder und verzieht sich durch ein Loch in der Mauer. Meine in der Paklenica - Schlucht aus dem Leim gegangenen Militärstiefel hatten den Vorteil eines hohen Schafts, so daß überraschende Schlangenbisse bisher praktisch ausgeschlossen waren. Die neuen Schuhe haben diesen Schaft nicht, weshalb ich mich in der Beziehung auch nicht mehr ganz so sicher fühle und jetzt doch mehr aufpassen muß, wo ich meine Füße hinsetze, um der - allerdings immer noch sehr geringen - Gefahr eines Schlangenbisses zu entgehen. Ich muß im Nachhinein sagen, ich habe noch nirgends so viele Schlangen gesehen, wie auf meinen Wandertouren in Kroatien. Jeden Tag mindestens ein Exemplar, und hier, am Bojin Kuk, waren es gleich vier. Die am häufigsten vorkommende Art ist die Kreuzotter, aber auch die braunen Vipern sind in großer Zahl vertreten. Vor den gleichfalls häufig vertretenen Blindschleichen braucht man sich nicht zu fürchten, sie zählen ohnehin nicht zu den Schlangen, sondern zu den Eidechsen. Eine weitere Gefahrenquelle tut sich auf bei der einen oder anderen Gipfelbesteigung, bei der man gezwungen ist, die Hände zu Hilfe zu nehmen, oder auf reinen Klettertouren. Man sollte immer zuerst schauen, wo man hinfaßt. Ich möchte aber trotzdem noch einmal betonen, daß die Gefahr eines Schlangebisses sehr gering ist und bei Beachtung der Sicherheitsmaßnahmen (Schaftstiefel, Umsicht bei Kletterpartien, bei Pausen zuerst schauen und dann hinsetzen, Zelt beim Verlassen und Wiederbetreten immer sofort schließen, ausgezogene Schuhe immer im Zeltinneren abstellen) kann man die Gefahr eigentlich auf gleich Null reduzieren.

Der Weg zum Bojin Kuk zeigt sich sehr abwechslungreich. Die Aussicht zurück über den Velebitski Kanal bleibt fast durchgehend erhalten, man passiert einen kleinen Marienschrein, und geht durch lichten Wald, um schließlich eine grüne Hochfläche zu erreichen, die ein fantastisches Ensemble riesiger Felsskulpturen trägt. Ich befinde mich hier sozusagen in einer "Felsenstadt", wie in Tschechien derartige Sammelsurien von Felstürmen- und kegeln genannt werden. Ein idealer Klettergarten wäre das hier, für die meisten Kletterer dürfte der "Hatsch" bis hierher jedoch zu lang und zu mühevoll sein, und das ist sicher, um der Ruhe dieses Ortes willen, gut so. Kurz darauf gelange ich in einen Sattel, der den Blick auf einen schönen, grünen Talkessel freigibt, in dessen Mitte sich eine weitere markante Kalkskulptur emporreckt, dahinter erhebt sich schon der imposante Gipfelaufbau des Bojin Kuk.

Das Tal ist schnell durchschritten und nun geht es neben und über enorme Kalkplatten aufwärts bis in einen weiteren Sattel, der durch glattgeschliffenen Kalk gebildet wird. Dort treffe ich auf eine ältere Dame aus Österreich. Ich habe mich also doch nicht getäuscht, als ich vorhin, beim Durchschreiten des Talkessels, Stimmen vernommen habe. Ich hatte beim Abstieg in den Kessel etwas Schwierigkeiten, den Weiterweg zu finden, ihr und ihrem Ehemann sei es ebenso ergangen, teilt mir die Frau mit. Dieser sei übrigens schon eine Weile lang unterwegs zum Gipfel, sie selbst traut sich die Einser - Kletterei durch das Kalkgemäuer des Gipfelaufbaus nicht zu. Der Weg hierher ist allerdings auch bei Verzicht auf den Gipfelsieg lohnenswert, und als kleine Entschädigung kann man dem Felsrücken nach links weiterfolgen und gelangt dann zum Nebengipfel Vidikovac, der entzückende Fernblicke über die zurückliegende Felsenstadt, den Velebitski Kanal und die umliegenden Gipfel gestattet. Hierbei umrundet der Felsrücken ein kleines Dolinenloch, welches kreisförmig von den Felsen eingeschlossen ist und mit seinem Baum- und Sträucherbestand wie ein verwilderter Garten wirkt.

Der Aufstieg zum Bojin Kuk führt nach rechts steil über weitere Kalkplatten in leichter Kletterei aufwärts, wobei in den Felsen eingelassene Eisenstifte als Tritthilfen an den schwierigeren Stellen behilflich sind. Wunderschön geht es über steile, aber griffige Kalkplatten hinauf zum weitläufigen Gipfelbereich, wo die höchste Erhebung durch einen hölzernen Stock markiert ist. Man kann hier oben über verschiedene Felsen hinwegturnen, bzw. über Felsspalten springen, wobei sich einem unterschiedliche Panoramen präsentieren. Das Panorama des Hauptgipfels umfaßt mehr das östlich gelegene Landesinnere, d.h. hinüber zum Hauptkamm, im Süden der scharfe Einschnitt der Velika Paklenica, sowie ein verlockendes, mit Almhütten bestreutes Tal. Begebe ich mich hinüber zum Westgipfel, so fokussiert sich die Aussicht auf die Küste mit ihrem vorgelagerten Fjordengewirr. In etwa den selben Ausschnitt bietet die Aussicht vom unter mir liegenden alternativen Gipfelziel Vidikovac. In weiter Ferne erkenne ich den auffallenden Betonturm des Hotel Alan. Von hier aus bin ich also in der Frühe gestartet, habe den ganzen Weg durch die Kraft meiner Füße zurückgelegt und werde auf diese Weise auch nach dort unten wieder zurückkehren. Dem Mann der Österreicherin bin ich nicht begegnet, er ist offenbar über einen der Nebengipfel bereits wieder abgestiegen.

Die Beschreibung meines Wanderführers empfiehlt die Rückkehr über den gekommenen Weg. Unterwegs habe ich mehrmals die Markierungshinweise "Veliko Ruino" gesehen, die mir auch schon bei meiner Wanderung im Nationalpark begegnet sind. Ich habe bislang keinen blassen Schimmer, ob es sich dabei um einen Berg oder vielleicht, um vom Namen her abzuleiten, etwa um alte Ruinen handelt. Da ich, wie gesagt, diesem Hinweis, einschließlich einem Wegweiser in Starigrad (Veliko ruijno 10 km) schon öfters begegnet bin, muß es sich offensichtlich um etwas Interessanteres handeln, was sich in etwa zwischen der Velika Paklenica, dem Bojin Kuk und der Ortschaft Starigrad befinden dürfte. Wasser steht mir noch in einigermaßen genügender Menge zur Verfügung, das Risiko ist kalkulierbar, und da die Orientierung zur Küste hin eindeutig ist, würde ich zur Not den Weg nach Starigrad ohne die Hilfe von Karte und Wandermarkierung zurückfinden, also wage ich als Rückweg diese Option.

Kurz unterhalb des Sattels zweigt die Markierung dann auch ab. Ich begegne einem jungen Mann, der mir bestätigt, was ich schon in etwa vermutet habe: bei dem vom Bojin Kuk aus einsehbaren, verlockenden Almboden handelt es sich um Veliko Ruino, und die Rückkehr von dort hinunter nach Starigrad sei wohl problemlos möglich. Das ebene Wiesental von Veliko Ruijno ist mit mehr als einem Dutzend Häuslein besprenkelt, teils neuerem Baudatums und manche gar im Stil von Wochenenddatschen, während andere, im traditionellen Baustil, wohl schon zig oder gar hundert und mehr Jahre ihr Dasein dort fristen, aber immer noch gut erhalten sind. Vor den meisten Häusern befinden sich Brunnenschächte, wobei man, wenn man die Deckel öffnet, dem einen oder anderen Schacht aufgrund der Spinnennetze, die sich dort schon zu Wollknäuel verdichtet haben, ansieht, daß er praktisch schon des längeren nicht mehr im Gebrauch ist. Zwischen den intakten Häusern findet man viele zu Ruinen verfallene Gebäude, der junge Kroate hatte vorhin gar von einer halbverfallenen Kirche gesprochen, die sich weiter oben, im nördlichen Ende des Tals, befinden soll. Ich vermute, daß ich mich hier auf einer Schäferalm befinde, die in den Sommermonaten sicher noch bestellt wird, aber jetzt ist keine Menschenseele hier, was dem Ort ein geheimnisvolles Ambiente angedeihen läßt. Da ich ein Liebhaber von solchen "Geisterorten" bin, und mir auch die Wegstrecke vom Bojin Kuk bis hierher gut gefallen hat, hat sich diese Alternative für den Rückweg voll gelohnt. Auch der Weiterweg ist gut markiert. Er zieht, unterwegs an einem einsamen Gehöft vorbeiführend, hinauf in einen Sattel, wo ich auf eine Schotterstraße stoße. Ich befinde mich nun am Ende eben jener Straße, die von Stari Grad aus hierherführt, und die unten im Ort mit dem Hinweis "Veliko Ruijno 10 km" beschildert ist.

Der Fahrpiste folgend, erreiche ich ein winziges Bergdorf, die Straße ist von nun an asphaltiert. Ich setze mich hinter den Häusern der Ortschaft auf eine schattige Holzbank, als sich die schlacksige Figur eines in weit offenem Hemd und alten Militärhosen gekleideten Greises mir nähert.. Der Alte setzt sich neben mich, mir entgeht nicht der Duft des Weines in seinem Atem. Wir führen eine witzige Unterhaltung, er auf kroatisch, ich auf deutsch, was in diesem Moment besser klappt, als man denken sollte. Bald verabschiede ich mich und nehme die letzten paar Kilometer hinunter nach Starigrad unter die Sohlen.

Tags darauf verlasse ich Starigrad. Gegen 10 Uhr morgens treffe ich im Küstenörtchen Karlobag ein, um zu erfahren, daß der nächste Bus nach Baske Ostarije, dem Ausgangsort meiner nächsten Wanderung, erst um 1 Uhr mittags fährt. Ich schlage also die Zeit tot, indem ich im Ort umherschlendere, an der Hafenmole herumhänge und zum Cappuccino in den Staßencafes raste. Etwas unangenehm ist die Tatsache, daß die am Meer entlangführende Hauptstraße zwecks Installierung einer Kanalisation derzeit mit viel Lärm umgegraben wird, was sich in Zukunft aber sicher positiv auf die Qualität des Meerwassers auswirken wird. Im Ort befinden sich zahlreiche heruntergekommene und zu einem großen Teil noch geschlossene Hotels, in vielen haben bereits die Renovierungsarbeiten begonnen. Ich vermute, daß die Hotelgebäude während des Krieges, der glücklicherweise nicht bis hierher getragen wurde, wohl als Flüchtlingsunterkünfte gedient haben, und ich habe den Eindruck, daß man hier derzeit kräftig die Ärmel hochkrempelt, um diesen an sich schönen Ort wieder fit für den Badetourismus zu machen.

Der Bus, der Karlobag mit dem im Landesinneren gelegenen Gospic verbindet, windet sich über die kurvenreiche Bergstraße höher und höher, aus dem Busfenster heraus genieße ich den schönen Meeresblick. Im kleinen Bergdorf Baske Ostarie (995 m) steige ich beim Hotel Velebo aus dem Bus. Dieses Haus ist eines der wenigen Berghotels, die es in Kroatien gibt. Im Winter findet hier sogar ein bescheidener Skibetrieb statt, in der Nähe des Hotels befindet sich ein Lift. Ich bin froh über die kühlere Luft und die angenehm frische Brise, die mich hier oben empfängt, denn unten in Karlobag hatte eine für den Wanderer doch schon wieder zu drückende Hitze geherrscht. Hier, in Baske Ostarije, werde ich zu der längsten zusammenhängenden Wanderung auf meiner Kroatien - Tour aufbrechen. Premuziceva Staza nennt sich der spannende Weitwanderweg, der in den Jahren 1930 - 33 aufgrund der Initiative des Ingenieurs Ante Premuzic gebaut wurde und mich vom mittleren bis weit in den nördlichen Velebit führen soll, wo das Gebirge auch seine größte Ausdehnung in der Breite erhält, nämlich etwa 30 Kilometer. Im Vergleich dazu kommt der Velebit im Süden oft nur auf etwa 10 Kilometer. Somit bleibt das Velebit - Gebirge, dessen südliche Bereiche ich ja bereits in den Bergen und Schluchten des Paklenica - Nationalparks kennenlernen konnte, weiterhin mein Thema, weshalb ich im Laufe meiner Reise einen umfassenden Eindruck vom bekanntesten Gebirge Kroatiens gewinnen soll.

Da im Hotel, entgegen meiner Erwartungen, keine Wanderkarte aufzutreiben ist, die das Gebiet des Premuziceva Staza abdeckt, starte ich mit Hilfe der dürftigen Wegbeschreibung in meinem Wanderbuch, das obendrein die Wegbegehung von Nord nach Süd erläutert, ich jedoch beginne mit meiner Wanderung sozusagen am anderen Ende. Ich erreiche zunächst problemlos den Weiler, der auf der im Foyer des Hotels Velebo hängenden Wanderkarte eingezeichnet war, und auf die ich vor meinem Aufbruch wenigstens noch einen Blick werfen konnte, um mich grob zu orientieren. Hinter dem Gehöft verbringe ich gute drei Stunden auf der Suche nach dem Weiterweg, was mir immerhin die unvorhergesehen Besteigung zweier Gipfel (Vrseljci, 1212m, und Kiza - Sattel) einbringt. Die Gegend um Baske Ostarije ist wirklich atemberaubend, und glaubt man den Darstellungen in den alten Karl - May - Filmen, könnte man sich hier mitten im Apachen - Gebiet wähnen. Zwischen bewaldeten Bergketten erheben sich die schönsten Kalkgipfel in kühnen, vielfältigen Formen, das satte Grün der Hochweiden und dichten Bergwälder kontrastiert hierzu, und im Westen reicht der Blick immer noch bis zum Meer, das hier allerdings schon in einige Entfernung gerückt ist. Ein mehrtägiger Aufenthalt im Hotel Velebo wäre somit durchaus empfehlenswert. Frische, deutliche Farbmarkierungen führen zu zahlreichen Gipfelzielen in der Umgebung, man sieht, daß diesbezüglich in jüngster Zeit wohl einiges unternommen wurde, um Wandertouristen einen Aufenthalt im Hotel schmackhaft zu machen.

Was bisher allerdings offensichtlich vernachlässigt wurde, ist die optimale Ausmarkierung des Zugangs zum Premuziceva Staza, dessen offizielle Wegführung erst einige Kilometer hinter dem oben erwähnten Weiler beginnt. Im Sattel unterhalb des Kiza - Gipfels kommt mir schließlich die Erleuchtung. Ich kombiniere die spärlichen Angaben in meinem Buch mit der Aussicht und komme zum logischen Schluß, daß der Premuziceva Staza eigentlich nur westlich von meiner jetzigen Position verlaufen kann. Ich folge nun der durch pfadloses Gelände führenden Markierung abwärts, hocherfreut darüber, daß diese tatsächlich zumindest Tendenzen in westliche Richtung aufweist. Als ich den vom Sattel aus bereits ausgemachten, breiten Feldweg erreiche, der vom Weiler wegführt, habe ich den Premuziceva Staza endlich erreicht, wie mir wenige Augenblicke später ein angerostetes Schild bestätigt. Im Gegensatz zu seinem Nordteil wird dieser Weg im Süden wenig begangen, weshalb die Markierung hier oft etwas verwittert, der Weg gelegentlich überwuchert und dem Verfall preisgegeben sein soll.

Es bleibt nicht mehr all zu viel Zeit bis Sonnenuntergang, so daß ich mit dem Vorsatz weitermarschiere, die sich mir nächst bietende, akzeptable Möglichkeit zum Biwakieren zu nutzen. Zunächst geht es angenehm flach durch Wald, bis ich schließlich eine Schotterstraße kreuze, wo sich mir offenes, wiesen- und macchiaüberzogenes Bergland präsentiert. Etwas unterhalb des Wanderweges mache ich eine halbwegs akzeptable Fläche für mein Zelt aus. Der Biwakplatz ist traumhaft, ich habe freien Blick über den schlanken Meeresarm hinüber zur Insel Pag, allerdings gibt es hier kein Wasser. Als ich essend vor meinem Zelt sitze, den Sonnenuntergang und den anschließenden Einbruch der Dämmerung genießend, höre ich hinter mir ein Klappern. Ein Fahrzeug mit Anhänger scheppert, langsam durch Schlaglöcher schwankend, über die holprige Piste hinunter zur Küste, vermutlich Bauarbeiter, die Feierabend haben. Es sollen noch zwei oder drei weitere Autos folgen, und es ist irgendwie ein spannendes Gefühl, die Fahrzeuge zu beobachten, während weder die Insassen noch irgendein anderer Mensch mich hier oben in dieser Einsamkeit vermuten. Im Ort drüben auf der Insel gehen die Lichter an und nach einer Weile verkrieche ich mich ins Zeltinnere, um mir den wohlverdienten Schlaf zu gönnen.

Die heutige Etappe führt immer wieder durch große Waldabschnitte, der Weg verläuft fast ausschließlich eben und ohne wesentliche Richtungsänderungen. Diese Art der Wegführung soll sich noch als typisch für die Südetappe des Premuziceva Staza erweisen. Gelegentlich ergeben sich Ausblicke zum Meer hin sowie zu den direkt hinter der Küstenlinie aufstrebenden, schroff - kargen Bergketten. Wer auf der Südetappe die fantastische Gebirgswelt des inneren Velebit kennenlernen möchte, dem sei empfohlen, einen oder mehrere der am Weg gelegenen Berge zu besteigen. Immer wieder führen gut markierte Abzweigungen zu in Wegnähe gelegenen Gipfelzielen. Einer der interessantesten soll der Budakovo Brdo (1318 m) sein, das Problem der Wasserversorgung hält mich aber von solchen Exkursionen ab, was sicherlich bedauerlich ist, da gerade der Südweg, da er ständig auf halber Höhe in den Berghängen verläuft, und, wie gesagt, auch viel durch Wald führt, ohne derlei Garnierungen doch oft etwas langweilig wird. Der Premuziceva Staza ist aufgrund seiner Bauweise - befestigter Schotter, ähnlich einem Bahndamm, auf dem die Gleise abmontiert wurden, selbst an den verfallenen Stellen gut zu erkennen, so daß, wenn man ihn einmal gefunden hat, die Wegfindung trotz ausgebleicher Markierungen auch im Süden immer recht einfach ist. Daß der Weg trotzdem ansteigt, auch wenn man das kaum merkt, läßt sich an den nach Norden hin zunehmenden Höhenmetern feststellen.

Auf der gesamten Wanderung kommt man zwischen den beiden Ortschaften Baske Ostarije und Oltari durch keine Ortschaften mehr, in Wegnähe passiert man jediglich drei Schäferalmen und drei Berghütten, deren Standorte so ungünstig verteilt sind, daß es am Besten ist, mit dem Zelt unterwegs zu sein. In einem weiten, sattgrünen Dolinental verteilen sich unter mir die wenigen Steinhäuschen der Schäferalm Radlovac. Will man sich diesen Weiler genauer anschauen, was sich auf jeden Fall lohnt, muß man vom Hauptweg aus in etwa einer halben Stunde hinuntersteigen. Mein Hauptanliegen für diesen Abstecher hat jedoch in erster Linie einen praktischen Grund: der dringende Bedarf an Wasser.

Doch bereits beim Annähern an die Häusergruppe, vorbei an durch Steinmäuerchen begrenzte Weideparzellen, werde ich von einer Mischung aus Neugier und mystischer Spannung ergriffen. Dieser Ort wirkt auf mich noch geheimnisvoller und weltvergessener, als Veliko Ruijno. Während einige der aus grauem Naturstein errichteten Häuschen offensichtlich noch im Gebrauch sind, findet man hier ebenfalls zwischen Buschwerk und teilweise bereits von der Vegetation überwuchert, verfallene Ruinen. Vor einem der Häuser hängen Kleidungstücke und Bettzeug zum Trocknen. Hosen, Hemden und Jacken, etwas zerschlissen, ärmlich, wie sie häufig von Schäfern auf dem Balkan getragen werden. Es ist jedoch niemand da. Franjo hatte mir gesagt, daß, wenn man in Radlovac den Schäfer antreffen würde, es möglich sei, bei ihm zu übernachten, und er würde auch für seine Gäste kochen. An der Abzweigung, wo die verblichene Markierung nach Radlovac hinunterführt, ist auch mit roter Farbe ein Haus aufgepinselt, was wohl auf diese Unterkunftsmöglichkeit hinweisen soll. Die kleine Kapelle trägt die Jahreszahl 1996 über der Tür, ist also alles andere als antik, dafür aber im traditionellen Stil gemauert, graufarbener Naturstein mit offenem Glockenturm. Das Glockenseil soll wohl weniger dazu dienen, zur heiligen Messe zu rufen, als vielmehr zu einer Art Hausglocke. Ich unterlasse es, daran zu läuten, schließlich will ich nicht riskieren, eine eventuell doch anwesende Person, die möglicherweise auf einer einen oder anderthalb Kilometer entfernten Parzelle mit Arbeit beschäftigt ist, von der Arbeit wegzuholen, nur um zu sagen: "Hallo, ich bin da, ich hol´ nur schnell etwas Wasser!" Daß hier noch keine Schafe aufgetrieben sind, liegt vielleicht daran, daß es dafür noch zu früh ist. Würde man sie jetzt schon, also Anfang Mai, auf die Weiden treiben, so könnte man mit ihnen möglicherweise Mitte Juli wieder ins Dorf zurückkehren, weil dann schon bereits alles abgegrast wäre, so denke ich. Vermutlich läßt man dem Gras erst mal etwas Zeit, richtig zu gedeihen.

Ich finde mehrere vernachlässigte Brunnen im Weiler vor, und schließlich schöpfe ich frisches Wasser aus dem intakten Brunnen des Haupthauses. Nach einer ausgedehnten Vesper- und Trinkpause mache ich mich wieder auf den Weiterweg. Weiter in Abwechslung durch Wald und offenes Wiesen - oder Macchiagelände führt der Weiterweg an einer Abzweigung vorbei, die ich mir diese Mal nicht entgehen lassen will. Der 1624 Meter hohe Gipfel Satorina wird auch in meinem Wanderführer zur Besteigung empfohlen, genügend Wasservorräte habe ich ja wieder, und so entschließe ich mich kurzerhand, den Rucksack zurückzulassen und den Anstieg zum Gipfel anzugehen. Ich binde mir meine Jacke um die Hüfte, für den Fall, daß es oben zugig wird, der Höhenunterschied dürfte gute 500 Meter betragen, nehme jedoch, in der Annahme, den Gipfel rasch zu erreichen, kein Wasser mit.

Zunächst geht es längere Zeit steil aufwärts durch den Laubwald, bis ich zu einer Wiesenkuppe gelange, von wo ich bereits einen Gipfel ausmache. Dieser ist jedoch noch lange nicht die Satorina. Schließlich gelange ich über die Baumgrenze hinaus und finde mich auf einer Bergwiese in prächtiger, typischer Berglandschaft, von bleichen Kalkfelsen, kargen Berggipfeln und unzähligen Dolinentälern umgeben. Wieder glaube ich, den Satorina - Gipfel in wenigen Augenblicken erreicht zu haben, die Markierung führt allerdings abermals an dem von mir vermuteten Gipfel vorbei, hinauf in einen Sattel, um wiederum hinab in ein Waldstück zu führen. Jetzt habe ich zwar den richtigen Gipfel im Blick, aber um ihn zu erreichen, muß ich noch drei weitere Sättel überschreiten, wobei ich jedesmal denke: "Das war nun wohl der Letzte!". Es war ein Fehler, kein Wasser mitzunehmen, denn bis zum Gipfel brauche ich satte zweieinhalb Stunden, zuviel bei der Wärme. Die Jacke mitzunehmen war unnötig. Ich beginne, den Schnee der Firnfelder in meinem Mund zergehen zu lassen, um den Gaumen wenigstens ein bißchen Feuchtigkeit zu gönnen, hüte mich aber davor, dieses Dreckwasser herunterzuschlucken.

Was die Südetappe des Premuziceva Staza oft zu wünschen übrig läßt, bieten einem der Anstieg und der Ausblick vom Satorina - Gipfel: den Ausblick auf eine herrliche Bergwelt, wo weiße Felstürme aus deftiggrüner, geschlossener Vegetation herausragen. Betrachtet man jedoch die dem Meer zugewandten Bergketten, so präsentieren sich einem karge, schroffe Kämme, auf denen, besonders in den Gipfelbereichen, die Steine die Vegetation zurückzudrängen scheinen. Weit im Süden erkenne ich die markante Bergkette aus besonders schönen Kalkformationen, die sich im Einzugsgebiet von Baske Ostarije befindet, und auf deren südlichen Ende ich selbst schon gestanden war, als ich mich im Kiza - Sattel befunden hatte. Auch die Küstenlinie ist zu sehen, allerdings in gewisser Entfernung, denn die Satorina befindet sich im dem Landesinneren zugeneigten Teil des Velebit - Gebirges. Besonders imponierend erscheint mir ein herrlich grünes Tal, das sich quer durch mehrere Bergketten hindurchschneidet und kein Dolinental ist, sondern zu seinem Ausgang hin geöffnet zu sein scheint. Beim Anblick der Wälder muß ich an die Artenvielfalt der hier lebenden Tiere denken: Selbst Braunbären, Wölfe und Luchse sollen in den riesigen Waldgebieten dieser praktisch unbesiedelten Bergwelt noch ein artengerechtes Dasein führen. Den Rückzug vom Gipfel ziehe ich in Windeseile durch, wobei mir ein paar Gegenanstiege hinauf auf die zuvor überschrittenen Sättel nicht erspart bleiben. Als ich meinen Rucksack wieder erreiche, sind innerhalb weniger Minuten anderthalb Liter Wasser fällig.

In der Folge tangiert der Wanderweg eine weitere Alm, die sich ebenfalls in einem weit ausladenden Becken befindet. Mliniste heißt dieser Weiler. Diesmal bin ich zu faul, nochmals hinunterzusteigen, ich möchte heute noch ein gutes Stück auf die Berghütte Veliki Alan zusteuern. Der Grund ist nicht etwa, den Prmuziceva Staza so schnell wie möglich zu durchlaufen, sondern mein Ehrgeiz und meine Neugier, zum Schluß noch ein weiteres Gebirge in Kroatien anzuschneiden, das sich sowohl in seiner geographischen Lage, als auch von seiner kulturellen Umgebung in Vielem von Dalmatien oder dem kroatischen Binnenland unterscheidet: das Ucka - Gebirge, das die Halbinsel Istrien vom Rest Kroatiens trennt. Im Nachhinein muß ich zugeben, daß es klüger gewesen wäre, nach Mliniste hinabzugehen und dort die Nacht zu verbringen. Diese Einsicht kommt auch im Weitergehen, als ich immer mehr das Nachlassen meiner Kräfte zu spüren bekomme, der Tag war lang und sehr mühevoll, zurückgehen möchte ich allerdings nicht. An einem Wiesenhang steige ich, zunächst ohne Gepäck, im steilen Hang, durch Buschwerk und dichte Heidematten, ziemlich weit nach oben, um dort endlich ein halbwegs flaches Plätzchen zu finden. Den Untergrund bildet ziemlich hoch gewachsenes Heidegestrüpp, weshalb ich beim Hinliegen, wie in einem alten, durchgelegenen Bett, in eine natürliche Matratze hineinsinke. Ich setze mich zum Essen auf einen Felsen, die Küche bleibt auch heute wieder wegen Wassermangels kalt. Der Ausblick ist berauschend, die ockerfarbene Insel Pag liegt praktisch zu meinen Füßen, und ich genieße den Sonnenuntergang mit dem eigenartigen Bewußtsein, an einer Stelle zu campieren, auf die vielleicht noch nie zuvor ein anderer Mensch seinen Fuß gesetzt hat.

Wer für Aussichten über´s Meer schwärmt, ist auf dem Teilstück Mliniste - Veliki Alan gerade richtig, denn nirgendwo sonst auf dem Premuziceva Staza bieten sich derer so zahlreiche. Da der Weg sich hier sehr nahe der Adriaküste zuneigt, ist dieser Abschnitt aufgrund der Vegetationsarmut der Küstenstriche kaum bewaldet, d.h. aussichtsreich und das Meer scheint zum Greifen nahe. Die ewig langgestreckte Insel Pag läßt man hier langsam hinter sich, es ragt nur noch die äußerste Nordspitze ins türkisblaue Adriawasser. Eine weitere Insel tritt nun auf den Plan, die vergleichsweise kleinere, leicht konisch geformte Insel Rab, die im Gegensatz zu dem ariden Erscheinungsbild des südlichen Nachbarn, in einigen Bereichen mit Wäldern und Büschen überzogen ist. Dahinter, verschwommen am diesigen Horizont lassen sich die Gestade der langgestreckten Insel Cres ausmachen. Bevor der Pfad die Veliki - Alan - Hütte erreicht, führt er an einem weiteren Weiler vorbei, der, zwar schön gelegen, doch etwas moderner und nicht so romantisch erscheint, wie Radlovac und Mliniste.

Die Veliki - Alan - Hütte (1340 m) liegt direkt an einer Schotterpiste, und ist, wie offenbar alle kroatischen Berghütten, eine Selbstversorgerhütte. Die Ausstattung entspricht in etwa der von Paklenica Skloniste, d.h. es steht eine komplette Küche mit Geschirr und Kochutensilien zur Verfügung. Der Hüttenwart ist allerdings nur in der Saison am Wochenende hier oben, weshalb der Schlafraum verschlossen bleibt, eine kleinere Gruppe könnte es sich allerdings auch, mit Isomatte und Schlafsack ausgerüstet, sehr gut auf dem Küchenboden bequem machen, ein großer Holzisch, Stühle und ein Paar Kerzen sind vorhanden. Da sich hinter der Hütte ein Brunnen befindet, nütze ich die Gelegenheit, endlich mal wieder zu kochen. Wie ich´s mir so am Tisch draußen vor der Hütte bequem mache, nähert sich über die staubige Piste ein Geländewagen. Das wird wohl der Hüttenwart sein, denke ich. Der Wagen trägt die Aufschrift "Adria - Tours", und es steigen vier Männer aus, die mich begrüßen und sich mir gleich vorstellen. Sie seien Mitglieder des auf der Insel Pag neu gegründeten Bergvereins, so der gut deutsch sprechende Wortführer der Gruppe, und sie wollen sich einige Objekte hier im Gebirge anschauen. So werden ein paar Fotos von der Hütte und ihrer Umgebung gemacht, und es findet eine längere Unterhaltung auf kroatisch statt. Ich vermute, daß die vier Herren eher kommerzielle Ziele vor Augen haben, sprich Tagesausflüge oder geführte Wanderungen für Touristen der Insel Pag. Dagegen ist auch sicher nichts einzuwenden, wenn das Ganze ökologisch verträglich abläuft. Bevor die Vier ihre Fahrt fortsetzen, teilt mir der Fahrer noch seine sicher gut gemeinten Bedenken darüber mit, daß ich meine Wanderung mutterseelenallein durchführe. Ich bekomme das oft zu hören, und sicher hat er Recht, wenn er anführt, daß ich wohl im Falle eines Vipernbisses ziemlich hoffnungslos verloren wäre. Die Gefahren des Alleingehens sind mir durchaus bewußt, seit gut 10 Jahren unternehme ich derlei Exkursionen zum größten Teil alleine und in Eigeninitiative, und ich vertrete die These, daß allein Wandern unter gewissen Umständen sogar sicherer sein kann, als mit Partner. Erfahrung, gute Planung und verantwortungsvolles Handeln sind jedoch die Grundvoraussetzungen.

Nun folgt die Königsetappe des Premuziceva Staza. Bereits kurz hinter Veliki Alan erheben sich vor meinen Augen atemberaubend schöne Bergketten. Und ist der Weg bisher fast ausschließlich gleichförmig geradeaus mit kaum merklichen Anstiegen verlaufen, soll sich dies nun ändern. In Serpentinen schlängelt sich der Pfad nun neben glatten Felswänden empor, gewährt Tiefblicke in die faszinierendsten Dolinentäler, die ich je gesehen habe. Ich stapfe jetzt auch vermehrt wieder durch ausgedehnte Altschneereste, was wohl nicht zuletzt mit dem erneuten Höhengewinn zu tun hat, passiere ein Felstor und steinerne Portale, und sehe mich eingekesselt von prächtig geformten Kalkgipfeln, die sich aus dichten, dunklen Bergwäldern erheben, eine Landschaft, die die Horizontale offensichtlich nicht dulden will. Hatte der Weg im Süden noch durch von Buchen beherrschten Laubwald geführt, so übernehmen hier immer eindeutiger hochstämmige Tannen die botanische Dominanz. In kuirzer, einfacher Kletterei erreiche ich gepäcklos den Gipfel der Crikvena, einem typischen, markanten Kalkkoloß, von denen es hier nur so wimmelt. Nachdem sich der Weg dann zu einer gewissen Höhe hinaufgeschraubt hat, führt er mich in wilden Schlangenlinien durch eine surrealistische Karstlandschaft zwischen wuchtigen Kalkgipfeln und gähnenden Dolinenlöchern, die perfekte Kulisse für einen Fantasy - Film. Rozanski Kukovi nennt sich dieser eindrucksvolle Felsirrgarten, ein echter Geheimtip für alle Berg - und Naturliebhaber. Wenn jemand also unter Zeitdruck steht, oder auch sonst keine Lust hat, den Premuziceva Staza in seiner gesamten Länge zu begehen, dann empfehle ich unbedingt das Teilstück Veliki Alan - Zavizan - Hütte.

Die winzige, aus Kalkstein gemauerte Rossievo Skloniste (1580 m) ist von allen Berghütten, die ich in Kroatien gesehen habe, die am genialsten gelegene. Der nahezu alpine Standort überhalb eines steilen Felsabsturzes inmitten des Felsenlabyrints der Rozanski Kukovi läßt wohl das Herz eines jeden Bergfreundes höher schlagen. Die Einrichtung ist etwas spartanisch, aber gut. Trotzdem will ich meinen Weg fortsetzen, um heute noch die Zavizan - Hütte zu erreichen, das mit 1594 m höchstgelegene Berghaus Kroatiens. Der Weg setzt sich weiterhin durch berauschende Berglandschaft fort, schließlich passiere ich das Schild, welches den Anfang, oder in meinem Fall das Ende des Premuziceva Staza anzeigt. Inzwischen sind düster Wolken aufgezogen, und als ich den geteerten Zufahrtsweg hinauf zum Zavizan - Berghaus unter die Sohlen nehme, beginnt es schon zu tröpfeln. Als ich im Refugium ankomme, treffe ich auf den Hüttenwart und ein paar Helfer, die das Haus für die Ankunft von Wochenendgästen vorbereiten, denn morgen ist schließlich Freitag. Obwohl keiner der anwesenden Herren englisch oder deutsch spricht, werde ich freundlich und wortreich empfangen. Der Aufenthaltsraum hat die wohlige Gemütlichkeit einer rustikalen Bergunterkunft, schöne Bilder vom Velebit zieren die Wände. Nachdem ich erst einmal tüchtig gegessen habe, und das drohende Gewitter ausgeblieben ist, mache ich mich auf zum Gipfel des Berges Vucjak, an dessen Rücken sich die Zavizan - Hütte schmiegt und von welcher aus er in wenigen Minuten zu erreichen ist. Auf 1644 Metern mache ich es mir gemütlich und werde erneut Augenzeuge eines dramatischen Sonnenuntergangs über der Adria. Die rot leuchtenden Strahlen der versinkenden Sonne glänzen auf der Wasserfläche wie auf einem mit Goldplatt übersiegelten Spiegel, ein Traummoment, kalenderblattreif! Ich wende meinen Blick zurück ins Landesinnere, dort recken sich die wilden Kalkgipfel der Rozanski Kukovi dunkelgrauen Regenwolken entgegen, ein ernstes, düsteres und zugleich faszinierendes Schauspiel! Als ich zur Hütte zurückkehre, ist es fast Nacht. Die Schlafkammer des Hauses bietet Betten für ein Paar Dutzend Gäste. An diesem Donnerstagabend bleibe ich jedoch der Einzige.

Heute ist mein letzter Tag im Velebit, doch noch ehe ich mich mit Sack und Pack nach Oltari, dem Endpunkt meiner Wanderung, aufmache, möchte ich noch ein paar Stunden in der lohnenswerten Umgebung der Zarzivan - Hütte verbringen. Als Erstes statte ich dem botanischen Garten (Velebitski Botanici Vrt), der sich keine 500 Meter unterhalb der Hütte befindet, einen kleinen Besuch ab. Dieser Garten ist in einer typischen Velebit - Landschaft angelegt. In und rings um ein felsenbestandenes Dolinental am Fuße des Berges Veliki Zavizan eignen sich die durch den Garten führenden Wanderwege auch für weniger an Botanik Interessierte als wundervolle Spaziermöglichkeit durch eine entzückenden Landschaft. Etwa 2600 verschiedene Pflanzenarten existieren im Velebit, darunter auch zig endemische Spezies, d.h. Gewächse, die nur hier im Velebit vorkommen. Um diese Jahreszeit stehen noch lange nicht alle Pflanzen in der Blüte, und an manchen Namensschildern suche ich das zugehörige Gewächs vergebens. Ein Pflanzenfreund könnte sicher den ganzen Tag in diesem Garten zubringen, ich begnüge mich jedoch mit einem gemütlichen Rundgang.

Der Veliki Zavizan, nachdem schließlich auch die nahegelegene Hütte benannt ist, ist von hier aus in etwa einer Stunde besteigbar. Es handelt sich um einen der höchsten Berge in diesem Teil des Velebit, und es ist für mich zudem die letzte Chance, noch ein letztes Mal zu einem Gipfel in diesem einzigartigen Gebirge zu gelangen, bevor mich meine Reise in andere Gefielde führt. Aus 1676 Metern Höhe bietet sich mir erneut ein fantastisches Panorama, das Rozanski Kukovi, die adriatische Inselwelt und den Vucjak mit der Zavizan - Hütte umfaßt. Im Abstieg gerate ich nochmals in den Bereich des botanischen Gartens. Einer der Spazierwege führt übrigens in die Sohle des Dolinentales hinunter, aber zugegebenermaßen bin ich jetzt zu faul, hinab - und danach wieder hinaufzusteigen. Eine Bequemlichkeit, die ich später sicher noch bereuen werde, da ich bis jetzt nicht ein einziges Mal einer Doline richtig auf den Grund gegangen bin. Andererseits ist es doch noch ein gutes Stück bis nach Oltari, und so kehre ich zur Hütte zurück, um den schweren Rucksack zu schultern, mich vom Hüttenwart zu verabschieden und den hinter der Hütte beginnenden Pfad durch schattigen Wald einzuschlagen, bis dieser auf den Fahrweg stößt, wo bald schon das Minidorf Oltari sichtbar wird. Abermals sieht es nach Regen aus, der allerdings auch dieses Mal wieder ausbleiben wird.

Oltari besteht aus nicht einmal zehn Häusern, die sich links und rechts der Bergstraße aufreihen, welche sich über zig Serpentinen zur Küste nach Sveti Juraj hinunterschlängelt. Vor dem etwas heruntergekommen Haus des kroatischen Bergvereins lehnen zwei Männer um einen draußen stehenden Tisch. Die Tür des Restaurants steht zwar offen, trotzdem ist angeblich geschlossen. Dafür erhalte ich die Auskunft, daß in einer knappen Stunde mit dem in Leerfahrt nach Sveti Juraj zurückkehrenden Schulbus eine Beförderungsmöglichkeit bestehe.

Ich habe Glück, und der Fahrer bringt mich sogar bis nach Senj, der nächsten größeren Stadt an dem hier besonders dünn besiedelten Teilstück der dalmatischen Küste. In einem Straßencafe gegenüber dem Hafen mache ich es mir bequem. Der Bus nach Rijeka läßt nicht allzu lange auf sich warten. Im Bus komme ich mit zwei über´s Wochenende heimkehrenden Soldaten ins Gespräch, beide sind Istrier, und einer davon ein passionierter Kletterer, weshalb der Gesprächstoff bis Rijeka nicht ausgeht. Dort müssen die beiden umsteigen, da sie in Richtung Porec an der Westseite Istriens weitermüssen. Ich kann sitzenbleiben, da der Bus bis nach Pula, nahe der Südspitze der Halbinsel weiterfährt und mein Ziel, das Städtchen Lovran, auf dem Weg liegt. Lovran und das etwas größere Opatija liegen nahe beieinander an der istrischen Ostküste und gehören zur Region Kvarner Bucht. Man könnte fast sagen, bei Rijeka um´s Eck, die Insel Cres ist diesen Küstenorten unmittelbar vorgelagert.

Von Lovran aus mache ich mich zu Fuß hinaus zum nahen Camping Medveja, wobei ich gezwungen bin, ein gutes Stück der nicht besonders fußgängerfreundlichen Küstenstraße zu folgen. Zwei Dinge werden dem aus Dalmatien kommenden Reisenden in Istrien sofort auffallen: Eine im Vergleich zur trockenen dalmatischen Küste reiche, beinahe subtropische Vegetation, und der Einfluß Italiens, und zwar nicht nur bezüglich der Architektur, sondern auch in Mentalität, Sprache und in der Küche. Das Istrische ist ein kroatischer Dialekt mit reichlich italienischen Einflüssen, Italienisch beherrscht ohnehin fast jeder Istrier als Zweitsprache. Die Tatsache, daß die grenznahen Nachbarn hier gerne ihren Urlaub verbringen, führt zu einer zusätzlichen "Italienisierung".

Der Campingplatz Medveja liegt inmitten sattem Bewuchs, und die Bäume scheinen von Singvögeln überbevölkert. Abgesehen von ein paar besoffenen Österreichern, die zur späten Stunde auf den Campingplatz zurückkehren, ist es das auch nachts nicht verstummende, dschungelähnliche Vogelgezwitscher- und gepfeife, das hier so manchen Gast nicht zur Ruhe kommen läßt. In unmittelbarer Umgebung des Platzes schießen schrofige Berghänge aus dem Boden, das Ucka - Gebirge beginnt somit unmittelbar hinter der Küstenlinie. Es trennt Istrien vom kroatischen Binnenland ab und schiebt sich mit dem Sisol - Kamm noch weit in die Halbinsel hinein.

Der höchste Gipfel des Ucka - Gebirges und somit auch Istriens ist der knapp 1400 Meter hohe Vojak, der sich von Lovran aus in einer Tagestour besteigen läßt. Nicht unbedingt für Konditionsschwache geeignet, bedeutet dies die Vernichtung von reichlich Höhenmetern, um vom Meeresspiegel bis hinauf zum obengenannten Gipfelziel zu gelangen. Als Auftakt schlendere ich am nächsten Morgen erst einmal ein wenig durch die idyllischen Altstadtgassen von Lovran, ehe ich mich auf dem nahen Markt mit Trinkwasser und Tagesproviant versorge und den Weg nach oben antrete. Man muß unzählige Steinstufen zurücklegen, bis man die letzten Häuser hinter sich läßt, eine deutsche Diplomatennummer vor einer sich im Bau befindlichen Villa deutet darauf hin, wer hier oben in prächtiger Hanglage mit weitem Meeresblick siedelt. Exakt an der Stelle, wo mein Wanderführer in der Wegbeschreibung vor Hundegebell warnt, steckt ein wildgewordener Vierbeiner seinen mächtigen Kopf durch den Eisenzaun, um mich mit energischem Gebell zu empfangen. In Fortsetzung führt ein Bergpfad durch waldige Hänge. Überhalb eines zum Meer hin geöffneten Tales zieht der Wanderweg gleichfalls durch den Hang, jetzt aber mit schöner Aussicht auf´s Meer und hinunter zu einer sich pittoresk an den Hang schmiegenden Ortschaft. Es ist einiges an Anstieg zu vollbringen, bis man die erste Lichtung erreicht, wo man einen kurzen Blick auf das angestrebte Bergziel, jedoch noch nicht zu dessen Gipfel, erhascht. In übertrieben steil angelegten Serpentinen geht es nochmals durch Mischwald hinauf, bis ich schließlich auf einer offenen Wiese stehe. Das dort stehende Wegeschild erweist sich für den Aufsteiger als überflüssig, denn nun führt der Pfad klar sichtbar den vor mir sich erhebenden Grasberg aufwärts, bis die Kammhöhe erreicht ist, wo sich vor mir der Natursteinturm erhebt, welcher den höchsten Punkt des Gipfelbereiches markiert. Über die Höhe des Vojak differieren die Angaben: In meinem Büchlein ist von 1394 Metern die Rede, anderswo habe ich aber auch schon 1400 Meter gelesen. Vermutlich muß man da die geographische von der tatsächlichen Höhe durch die Präsenz des Turms auseinanderhalten, d.h., die Turmplattform macht diesen Berg wohl zum vollständigen 1400 -er.

Die Sicht läßt heute etwas zu wünschen übrig, es ist zu diesig für das große Panorama. Von hier aus sollen an klaren Tagen nämlich die wichtigsten Gebirge Kroatiens deutlich zu sehen sein, vor allem das im Osten sich erhebende Risnjak - Gebirge, welches bekannt ist für seinen Schneereichtum im Winter und für seine Braunbären - und Wolfspopulation. Auch der Velebit ist normalerweise gut zu sehen, doch von beiden Gebirgen lassen sich heute nur die Schemen ausmachen. Das bergige, wenig besiedelte Landesinnere Istriens ist hingegen gut zu überblicken. Den Abstieg bringe ich im Schweinstempo hinter mich, ich möchte mich in Lovran mit einer Riesenportion Eis in einem der schönen Cafes unten am Meer belohnen. Dem Eisbecher füge ich noch zwei aufputschende Cappuccinos hinzu und nehme anschließend den local bus nach Opatija, der ehemaligen Sommerfrische der alten K.u.K. - Monarchie.

Eine Altstadt im Stile von Lovran, mit engen, verwinkelten Gassen, sucht man hier vergebens, dafür setzt sich das Ortsbild aus prachtvollen Luxusvillen im Stile des 19. Jahrhunderts zusammen. Die Fassaden der Hotels, in denen ehemals die blassen Blaublütler des österreichisch - ungarischen Adels zur Erholung weilten, sind frisch herausgeputzt und verleihen der Stadt ein mondänes Flair, welches sich besonders auf der Flaniermeile entlang des Hafens bemerkbar macht. Es ist immer noch Nachmittag und mir bleibt Zeit für eine weitere, kleinere Wanderung, die mich zum nahen Bergdorf Veprinac hinaufführen soll. Über Treppenstufen, Teersträßchen, aber auch über einen schönen Waldpfad gelange ich in das alte Dorf mit seiner sehenswerten Wehrkirche, wo es sich gut unter hohen Bäumen mit Blick über die Kvarner Bucht entspannen läßt. Bereits im Aufstieg ist ein harmloser Nieselregen niedergegangen, der mir jedoch zur Erfrischung dienlich war. Die grauen Regenwolken am Himmel verleihen den alten Gemäuern eine düstere Atmosphäre, das feuchte Kopfsteinpflaster und die verlassenen Gassen unterstreichen die herb - romantische Szenerie.

Es gibt einen alternativen Rückweg, der sich allerdings nach einer Weile wieder mit dem Aufstiegsweg verbindet. In Opatija nehme ich mir noch etwas Zeit für die schöne Uferpromendade, bevor ich den Bus zurück nach Lovran nehme, von wo aus ich zu Fuß wieder nach Medveja zurückkehren muß, da die dortige Haltestelle nicht oft bedient wird. Ein letztes Abendessen im Strandrestaurant gegenüber dem Campingplatz, dann wieder eine unruhige Nacht, da im dem Campingareal angeschlossenen Hotel eine Tanznacht mit Live - Band stattfindet.

Frühmorgens nehme ich wieder den Fußweg nach Lovran, der Bus, den ich dort besteige, bringt mich direkt in die Hafenstadt Rijeka, wo ich zu Fuß den Busbahnhof wechseln muß. Kein Problem, ich frage mich durch und kann bei Ankunft gleich in den bereitstehenden Bus nach Karlovac einsteigen. Die Fahrt durch diesen bergigen und stark bewaldeten Teil des nordkroatischen Binnenlandes fasziniert mich. Man könnte glatt vergessen, daß man sich in einem Mittelmeerland befindet. Vielmehr erinnern mich Landschaft und Dörfer an die tschechische Sumava (Böhmerwald). Die Straße führt unterhalb des Rinsnjak - Gebirges vorbei. Besonders schön wird es beim kleinen Städtchen Skrad, welches oberhalb eines faszinierenden, waldüberzogenen Schluchtensystems liegt. Die nicht allzu lange dauernde Wanderung durch die Vrazji prolaz (Teufelsklamm) hätte ich noch liebend gerne mitgenommen, aber das Risiko ist mir zu groß, dann meinen Bus zurück nach Deutschland zu verpassen. Wie die Aussicht verspricht, dürfte es sich bei der Vrazji prolaz nicht um die einzige Schlucht in der Gegend handeln. Ich nehme mir jedenfalls vor, wenn irgendwie möglich, eines Tages diese Gegend des Landes, einschließlich natürlich des Risnjak - Nationalparks, in mehrtägigen Wanderexkursionen genauer zu erkunden.

Karlovac ist eine Stadt, wie man sie in den Ländern des ehemals sozialistischen Ostens häufig findet: um zum historischen Ortskern zu gelangen, muß man zuerst den typischen Ring aus eintönigen Plattenbauten und antiquierten Industrieanlagen durchbrechen. An der Gepäckannahme im Busbahnhof ist leider niemand anzutreffen, weshalb ich gezwungen bin, meine kleine Stadtexkursion mitsamt Marschgepäck anzugehen.

Die Einfahrt in die Stadt vorbei an durch von Granateinschlägen zersiebte Fassaden der Plattenbausiedlungen bringen die schrecklichen Erinnerungen an den Bürgerkrieg wieder zurück. Auch in der Altstadt scheint kaum ein Haus von derlei Narben verschont geblieben zu sein, am Trg Jelacica, dem Hauptplatz der Stadt, stehen von einer ehemaligen Kirche nur noch klägliche Mauerreste, offensichtlich die Folgen eines Volltreffers. Trotz der überall noch sichtbaren Relikte der einstigen Schlacht um Karlovac darf man sich diese Stadt aber keinesfalls als einen Trümmerhaufen vorstellen. Ich begebe mich zu der über den Fluß Kupa führenden Brücke, hinter der die Altstadt endet. Ein kroatischer Bekannter soll mir nachträglich berichten, daß an dieser Brücke die vorderste Frontlinie verlief, hinterher glaube ich mich sogar noch an entsprechende Fernsehbilder erinnern zu können. In Karlovac und vor allem in den östlich der Stadt gelegenen Dörfern stellten einst die Serben einen großen Bevölkerungsanteil, die Stadt befindet sich jedoch auf kroatischem Territorium. Das Unheil war somit bei Ausbruch des Bürgerkrieges vorprogrammiert. Das gesamte Gebiet westlich der Stadt blieb während des Krieges lange Zeit unter der Besatzung durch die serbischen Aufständler, die sich insbesondere aus den dortigen Dörfern rekrutierten.

Die wenigen mir verbleibenden Stunden in Karlovac zeigen mir eine durchaus sehenswerte Altstadt mit schönen, gelegentlich etwas maroden Häusern im barocken K.u.K. - Stil, und ich fühle mich sehr an meine Aufenthalte in der Tschechischen Republik erinnert. Wie Budjevice (Budweis), Domaslice (Taus) oder Trutnow (Trautenau) versprüht auch Karlovac (Karlsstadt) diesen typischen, herb - schönen Charme, der den Besucher gerne verweilen läßt und der sich völlig vom mediterranen Ambiente der Adriastädte unterscheidet. Es ist Sonntag, in den Gassen ist es ruhig, wenig Leute, wenig Verkehr. Die Altstadtcafes sind jedoch gut besucht, hauptsächlich von jungen Leuten.

Zurück am Busbahnhof bestelle ich ein Mittagessen, das so üppig ausfällt, daß ich mir momentan schwer vorstellen kann, vor unserer Ankunft in Deutschland noch einmal Hunger zu kriegen. Kaum ist der letzte Bissen unten und die Rechnung beglichen, da kurvt auch schon Josa´s Bus um die Ecke. Zwischen Zagreb und der slowenischen Grenze führt die Straße an Samobor vorbei. Ich denke an meine Freunde aus dem Velebit. Ihr Lokalpatriotismus scheint nicht übertrieben gewesen zu sein, das Städtchen liegt inmitten einer anmutigen Mittelgebirgslandschaft und auch mein Reisehandbuch weiß zu berichten, daß Samobor dem Besucher mit einer romantischen Altstadt aufwartet und mit interessanten Wandermöglichkeiten zu Mittelgebirgsgipfeln und alten Burgen in der Umgebung lockt. Ein weiteres Indiz dafür, daß noch so vieles in Kroatien für mich unentdeckt geblieben ist!

Die Rätikon-Durchquerung

Grenzgängerei im Banne der Schesaplana (07.06. - 11.06.2003)

In ihrer Eigenschaft als naturgegebene Barrieren, welche für den Menschen oft nur schwer überwindbar sind, bilden Berge immer wieder Landesgrenzen. Über die schroffen Kämme des Rätikon, welcher die zentralen Ostalpen nach Westen hin abschließt, ziehen sich gleich drei Landesgrenzen, anders betrachtet teilen sich drei souveräne Staaten dieses Alpenmassiv: während die österreichischen Talschaften sich auf der östlichen und nordöstlichen Gebirgsseite befinden, beansprucht das schweizer Prättigau die Süd - und Südwestseite. Weit oben im Nordosten ziehen sich die äußersten Kämme des Rätikon durch das Miniterritorium des unabhängigen Fürstentums Liechtenstein. Montafon ("Mont tofun" = Berg Tobel), Malbun ("Valbun" = gutes Tal), Vaduz ("Valduz" = Süßtal), dem Lateiner wird ein Glöcklein läuten: das sind rätoromanische Namen, daher auch "Rätikon". Dieses vom Aussterben bedrohte Idiom wird hier allerdings nicht mehr gesprochen, lebendig ist es trotzdem noch , vor allem im Süden des schweizer Kantons Graubünden, im Engadin. Trotz häufiger rätoromanischer Flurnamen dominieren im Rätikon deutschsprachige, genauer definiert alemannische, Namensgebungen, und alemannische Dialektvarianten werden hüben wie drüben der Landesgrenzen gesprochen. Die Hauptverursacher dieser "Alemannisierung" dürften wohl die Walser gewesen sein. Dieses sagenhafte Bergvolk hatte ursprünglich seine Heimat am Südfuß der Berner Alpen, im heutigen Kanton Wallis (Walliser = Walser), von wo aus die Walser im frühen Mittelalter zunächst in die Täler der Südalpen vordrangen, um später auch bis zum Alpennordrand zu expandieren. Auf einer Wanderung durch die tschechische Sumava (der berühmte Böhmerwald!) übernachtete ich einst im kleinen Städtchen Valori (Wallern). Nomen est Omen, denn in Valori und in den umliegenden Ortschaften kann man ebenfalls noch zahlreiche uralte, in typischer Manier mit viel Holz gebaute Walserhäuser besichtigen. Das überlegene Wissen der Walser um Besiedlung und Bewirtschaftung hochgelegener Bergregionen trug entscheidend zu deren Erschließung bei. Kein anderes Volk hatte es zuvor zustande gebracht, die Almwirtschaft durch stufenweisen Auftrieb des Viehs, wie er heutzutage noch üblich ist, in derartige Hochlagen vorzutreiben. Dies brachte den Walsern auch eine gewisse Beliebtheit bei den Landesfürsten ein, welche deren Ansiedlungen in den feudaleigenen, jedoch brach liegenden Hochtälern mit für mittelalterliche Verhältnisse weitreichenden Rechten subventionierten. Musik, Mundart, die besondere Hausarchitektur und eine einzigartige Volkstracht sind Beispiele für die bis in die heutigen Tage überlebte Walserkultur.

Um 11 Uhr morgens treffe ich mit dem Zug in Tschagguns ein. Und wenn ich schon einmal damit begonnen habe, auf rätoromanische Flurnamen und deren Herkunft zu verweisen: Tschagguns leitet sich wohl von rätoromanisch "Tschaggruns" her, was wiederum "Schabzigerklee" bedeutet. Dieses malerische Bergdorf mit dem wunderschönen, alten Barockkirchlein berührt mit seinem Ortsrand das bekanntere Schruns, mondäner Ski- und Sommerfrischlerort mit allen nur erdenklichen Freizeit - und Ferienangeboten und Hauptort des Montafoner Tals, welches im Ruf steht, eines der schönsten Alpentäler zu sein. Drei faszinierende Gebirgsgruppen umschließen die Talschaft: im Süden die Silvretta, das am westlichsten gelegene Gletschergebiet der Ostalpen, im Osten das immer noch wenig bekannte Verwall und im Westen dann der Rätikon.

Um nicht unnötig lange auf Teer dackeln zu müssen, nehme ich den Bus hinauf nach Latschau, wo ich am Kraftwerk des Stausees aussteige. Bald lasse ich die letzten Häuser im oberen Teil der weit verstreuten Gemeinde hinter mir und gelange auf das geschotterte Almsträßlein, welches sich durch das Gauertal aufwärts schlängelt. Bei einer Abzweigung gehe ich rechts, was sich bald als die falsche Entscheidung entpuppen soll, denn als ich weiter oben das Gaurtal - Haus (Naturfreundehaus) erreiche, stelle ich fest, das von dort aus kein direkter Übergang über den Bach auf die andere Talseite möglich ist. Da ich aber auch keine Lust habe, nochmals umzukehren, entfällt eben die ursprünglich geplante Route über die Alpilla - Alpe hinauf zur Tschaggunser Mittagsspitze (2168 m), dem Hausberg von Tschagguns, wo ich über den Walser Alpjochkamm in die Schwarze Scharte, und von dort schließlich zur Tilisunahütte gelangt wäre. Stattdessen folge ich dem Gaurtal weiterhin aufwärts in Richtung Lindauer Hütte. Das hochalpine Gelände muß in diesem Fall noch warten, schön ist der Aufsteig durch´s Gaurtal allemal! Hinter dem Gaurtalhaus passiere ich die wunderschönen Holzhäuschen der Almensiedlung Gauen, und direkt vor mir erhebt sich über dem Talabschluß ein atemberaubendes Ensemble großartig geformter Felsgipfel. Linkerhand reckt sich das Gipfelkreuz der Sulzfluh über die davor stehenden mächtigen Wände der kleinen Sulzfluh, rechts außen die Drusenfluh (2827 m), dazwischen das Schönste, was der Rätikon an Bergformen zu bieten hat, die drei Türme, wobei der höchste Turm mit 2830 Metern die dritthöchste Erhebung des Rätikon manifestiert. Drei wilde, zackige Felstürme recken sich wie Speerspitzen gen Himmel, die weiter unten durch eine symmetrische, scheinbar aalglatte, schräg nach unten geneigte Kalkplatte verbunden sind. Das daraufliegende Schneefeld gleicht einem weißen Tischtuch. Überhaupt sind die Altschneefelder, vor allem in den Karen, noch üppig, was den Eindruck einer hochalpinen Gebirgslandschaft noch unterstreicht. Inwiefern dies sich für mich als Begeher ungünstig auswirkt, soll sich noch herausstellen, einschlägige Erfahrungen diesbezüglich habe ich ja in der Vergangenheit bereits zu Genüge gemacht. Manche behaupten, der Talabschluß des Gaurtales sei einer der schönsten in den Alpen. Ohne Umschweife möchte ich ihm das Prädikat "außergewöhnlich schön" zugestehen.

Da zur Zeit warme Temperaturen herrschen, aber leider auch Gewitterneigung, sind denn auch schon dicke Quellwolken aufgezogen, als ich die Lindauer Hütte erreiche. Da ich Wert darauf lege, die Hauptkammdurchquerung des Rätikon vollständig zu machen, möchte ich auf jeden Fall noch einmal ausholen und den Normalübergang von der Lindauer Hütte (1744 m) aus hinüber zur 2208 Meter hoch gelegenen Tilisunahütte angehen. Der durch die Schwarze Scharte (2166 m) führende Bergweg würde etwa zweieinhalb Stunden beanspruchen. Etwas nervös machen mich die Wolkenspiele über meinem Kopf zugegebenermaßen, der ungünstigste Zeitpunkt für das Losbrechen eines Unwetters wäre sicher in der Weghälfte. Das Gewitter braut sich zunächst jedoch über den Drei Türmen und der Drusenfluh zusammen, während mein Blick in Richtung Schwarze Scharte noch blauen Himmel und Sonnenschein erhascht. Da sich das insbesondere in den Bergen ganz schnell ändern kann, beschließe ich, mein Marschtempo zu forcieren.

Die Lindauer Hütte liegt am Waldrand auf einem Hügel im Talabschluß. Diese Erhebung, die durch den schönen Porzaiengawald bedeckt ist, ist übrigens ein Resultat eines einstigen Bergsturzes. Der Weg zur Tilisunahütte führt also zunächst ein Stück abwärts in eine Bergwiesenmulde, dann zieht er unterhalb von Felswänden nach oben, wobei mich der Übergang der Vegetation von Wiesenmatten zu subalpinem Buschwerk und blühenden Alpenrosen fasziniert. Überhaupt kontrastiert hier sattes Grün mit den schroffen, grauen oder schwarzen Felsen in einzigartiger Weise, wenn man die Blicke über das Gesamtwerk dieser großartigen Landschaft schweifen läßt. Zwischenzeitlich ist es schon reichlich grau nicht auf, sondern über meinem Kopf geworden. Nach einer kurzen, leicht ausgesetzten Stelle entlang einer Felswand gelange ich in den Sattel, als schlagartig Nebel aufzieht. Hier stoße ich auf das erste Schneefeld und auf drei Wanderer. Die Begrüßung "Servus, Moischter!" mit dem unverkennbaren gutturalen Akzent verrät mir die Herkunft aus dem schwäbischen Allgäu. Die Tilisunahütte sei noch geschlossen, da ich mit Zelt unterwegs bin, stört mich das aber nicht. Von der Schwarzen Scharte aus (man erkennt sie tatsächlich an der schwärzlichen Einfärbung des Gerölls) sind es noch etwa zwanzig Minuten bis zum Standort der Tilisuna - Hütte. Die Landschaft wirkt, als wäre das Gewitter bereits niedergegangen. Feuchte Erde, düsterer Himmel und umherfliegende Nebelfetzen begleiten meinen Weg über problemlose Schneefelder hinunter zur Hütte. Sie ist tatsächlich geschlossen, es ist dennoch jemand anwesend, vermutlich zwecks der derzeit immer noch andauernden Renovierungsarbeiten. Nicht alle sehen die in den meisten Gegenden der Alpen leider Gottes untersagte Zelterei gerne, weshalb ich beschließe, mich ein Stück weit von der Hütte zu entfernen. In etwa 500 Meter Distanz mache ich auf einem Hügel ein kleines Steinhüttchen aus, zu dem ich jetzt hochgehe. Es handelt sich um ein verschlossenes Zollhäuschen, das mit einem Blitzableiter ausgestattet ist. Direkt vor der Eingangstür finde ich ein flaches Wiesenstück vor, wo ich schließlich mein Zelt aufbaue. Der Platz trifft wieder mal voll meinen Geschmack, einsam, inmitten prächtiger Berglandschaft schmeckt das selbstgekochte, einfache Abendessen gleich wieder doppelt so gut. Nach hinten blicke ich genau auf die gleichfalls auf eine kleine Geländeerhebung gebaute Tilisunahütte, das schlanke Schwarzhorn (2460m) dominiert die Szenerie. Aus dunklem Granit bestehend, wie der sich dahinter fortsetzende Alpjochkamm mit der von dieser Höhe aus etwas untersetzt wirkenden, aber dennoch markant den Kamm wie ein Wächter zum Tal hinunter abschließende Mittagsspitze, sind diese Berge mit grünen Matten überzogen. Auf der Westseite erhebt sich ein vegetationsarmes, hellgraues Karstplateau, darüber ragt der symmetrische Kalkgipfel der Sulzfluh empor, während im Süden, also gegenüber meinem Biwakplatz Weißplatte (2630 m), Scheienfluh (2627 m) und Sarotlaspitze (2563 m) die natürliche Barriere zum schweizer Territorium bilden. Zwischen Tilisunahütte und meinem Standort fügt sich rechts unten malerisch der Tilisunasee. Es finden sich in der Umgebung noch zahlreiche weitere kleine Seen, der größte davon zwischen meinem Hügel und dem Kalkrücken, die anderen sind wohl eher als größere Wasserlachen zu bezeichnen. In Richtung Drei Türme und Drusenfluh dürften bereits Niederschläge eingesetzt haben, das Unwetter läßt sich jedoch Zeit, bis zu meinem Standort vorzudringen. Erst in der Nacht setzt dann Regen ein, zuckende Blitze erhellen mein Zeltinneres, trotzdem wird es ein vergleichsweise leichtes Gewitter.

Reichlich böig, aber mit Sonnenschein präsentiert sich mir der folgende Morgen, und nach einem kräftigen Frühstück mache ich mich auf den Weg, vorbei an der Tilisunahütte und hinauf über das verkarstete Kalkplateau, meinem ersten Gipfelziel entgegenstrebend, die markante Sulzfluh. Am Wegweiser unterhalb des Gipfelaufbaus lasse ich mein Gepäck zurück, da ich später hierher zurückkehren werde und mache den Gipfelgang durch reichlich Schnee, aber problemlos, mit erleichterten Schultern. Als ich das Gipfelkreuz erreiche, bin ich dort alleine, aber von der schweizer Seite her nähern sich mehrere Gruppen, die gleichfalls zum Gipfel wollen. Die haben wohl alle auf der Carschinahütte (SAC) genächtigt, welche sich auf der Südseite des Berges befindet. Im Abstieg begegne ich einer Gruppe Erwachsener, die zwei kleinere Kinder dabei haben. Allen Respekt habe ich vor diesen beiden Minibergsteigern, denn es gibt bei der Sulzfluhbesteigung zwar keine technischen Schwierigkeiten, dennoch benötigt man eine gewisse Kondition, um diesen immerhin 2818 Meter hohen Berg zu bewältigen. Auch gestern waren mir zahlreiche Familien mit Kindern begegnet, die auf dem Weg von der Lindauer Hütte zurück ins Tal waren, aber trotz Pfingsten ist es, vor allem im hochalpinen Bereich, relativ ruhig.

Da die anschließende Umrundung des Sulzfluhgipfels im Süden, sprich auf der schweizer Seite, besonders tiefe Eindrücke bringt, folge ich nun den Spuren der Carschinahüttenaufsteiger. Der noch vollkommen mit Schnee bedeckte Abstieg über den sogenannten Gemstobel führt zunächst vom Gipfel weg, um auf dem Rätikon - Höhenweg - Süd die Umrundung einzuleiten, wobei sich mir imponierende Impressionen von der steil aufragenden Sulzfluh - Südwand bieten. Scheinbar zum Greifen nahe glänzt unter mir der Partnunsee (1869 m), so weit werde ich jedoch nicht absteigen, dieser Bergsee, sowie die herrlich grüne Almenlandschaft, als auch der Wanderparkplatz mit Gasthof und touristischen Berghäusern bleiben für mich nur ein Panorama aus der Vogelperspektive. Wild brechen gegenüber die mächtigen Kalkwände von Weißplatte und Scheienfluh zu Tale. Die Carschinahütte (2221 m) wird auch gerne von über die Almsträßchen der schweizer Täler heraufkurbelnden Mountainbikern besucht. Ich leite von hier aus die Rückkehr zur österreichischen Seite ein, und zwar nordwärts hinauf ins Drusentor, welches sich zwischen den Sulzfluhwänden und den Drei Türmen einkerbt. Ein schneereicher Abstieg bringt mich zurück nach Österreich, wo ich in einer etwas heruntergekommenen, aber als Notunterkunft durchaus noch tauglichen ehemaligen Zollhütte eine Rast einlege. Etwas weiter unten gabelt sich der Pfad, und es bestünde dort die Möglichkeit, über den steil hinaufziehenden Steig zu den Gipfeln der Drei Türme zu gelangen, was allerdings, nach der bereits recht umfangreichen Etappe, einen großen Mehraufwand an Kraft und Zeit erfordern würde. Diese Begehung soll zudem, laut Gebietsführer, bei Vorhandensein frühsommerlicher Schneefeldern, wie das jetzt ja der Fall ist, hochalpine Schwierigkeiten aufwerfen. Zudem haben sich bereits wieder Gewitterwolken gebildet, weshalb ich die Entscheidung fälle, wenn auch schweren Herzens, auf den Gipfelgang zu verzichten und mich hinab zur Lindauer Hütte zu begeben. Nur wenige Gehminuten von dieser entfernt befindet sich die sehenswerte Obere - Spora - Alm (1739 m). Die schönen, alten Holzgebäude werden vom Prachtpanorama der Sulzfluhwände und der zackigen Drei Türme überragt. An diesem schönen Ort lege ich eine erneute Rast ein, ehe ich mich gen Westen auf dem Schweizer - Tor - Weg zum Öfa - Paß (2291 m) aufmache. Der Weg hinauf zum Paß sieht harmlos aus, weshalb ich ihn trotz instabiler Wetterlage angehe, eine Entscheidung, die sich als lohnend herausstellen soll, denn während ich entlang des wild tosenden Gebirgsbaches unterhalb der prächtigen Wandfluchten der Drei Türme und der im Westen anschließenden Drusenfluh (2827 m) aufwärts steige, tun sich bereits die ersten Löcher in der Wolkendecke auf und lassen eine golden strahlende Abendsonne hindurchleuchten. Sowohl Drusenfluh, als auch die Drei Türme weisen übrigens in ihren Flanken zwei winzige Vergletscherungen auf. Zu Beginn des Paßanstieges treffe ich noch auf ein paar Wandergruppen, die sich auf dem Weg hinab zur Lindauer Hütte befinden. "Wohin des Weges, noch so spät?" werde ich gefragt. Nun, das ist wiederum der Vorteil des Zeltwanderers und so gelange ich auf einer einsamen, traumhaften Abendwanderung hinauf zur Paßhöhe, von welcher aus ich zum sogenannten Schweizer Tor hinunterschlendere, begleitet von den Warnpfiffen putziger Murmeltiere, von denen ich hier im Rätikon täglich nahezu ein Dutzend ausmache.

Die auf einer kleinen Anhöhe thronenende Zollhütte bietet aufgrund des harten Bodens keine Möglichkeit eines direkten Zeltplatzes im Schutz des Blitzableiters, weshalb ich in einer etwas weiter unten gelegenen, flachen, Wiesenmulde vorlieb nehmen muß. Unmittelbar vor meinem Zeltplatz streben die beiden mächtigen Pfeiler des Schweizer Tores in die Höhe. Wie im Bereich der Tilisunahütte, ist auch hier reichlich Bachwasser vorhanden, so daß ich mich am Ende eines harten Wandertages an einem Nächtigungsplatz entspannen kann, wie er schöner kaum sein kann. Nachts gehen dann ein paar Schauer nieder, einige entfernte Blitze zucken auf, das große Gewitter bleibt aber aus.

Ich könnte meine Wanderung auf der österreichischen Seite fortführen, die mich über´s Verajöchl relativ rasch hinab zum Lünersee und somit ins Einzugsgebiet der berühmten Schesaplana bringen würde. Da die Fortsetzung des Weges durch´s Schweizer Tor auf die schweizerische Südseite ein Mehr an Abwechslung und Eindrücken verspricht, schlage ich am folgenden Morgen diese Richtung ein. Wie am Vortag, präsentiert sich der Himmel in den frühen Morgenstunden wolkenlos, was sich jedoch bereits im Verlauf des Vormittags in Form zunehmender Quellbewölkung ändern soll. Kurz nach Passieren des Schweizer Tors kann man über einen kurzen Klettersteig abkürzen, an einem Gebirgsbach fülle ich nochmals die Wasserflaschen, um meinen Weg auf dem oberen Höhenweg fortzusetzen. Der Rätikon - Höhenweg - Süd verläuft weiter unten in etwa gleicher Richtung, jedoch weniger spannend, denn meine Route führt mich jetzt unmittelbar unterhalb der mächtigen Wandfluchten und zackigen Gipfelkronen der Kirchlispitzen entlang. Auf 2263 Metern passiere ich den ersten Sattel, das Hintere Cavelljoch. Es ist gerade mal viertel nach Neun, als ich im Bereich des letzten Kirchlispitzen - Pfeilers zwei Kletterer im Abstieg durch´s Geröllkar ausmache. Eine ungewöhnliche Uhrzeit, um eine Klettertour zu beenden. Wie es sich herausstellt, hat sich einer der Beiden bei einem Sturz offensichtlich das Sprunggelenk verletzt. Ob sie den Abstieg bis zur nahegelegenen Douglasshütte noch schaffen, ist fraglich. Sie haben allerdings ein Handy dabei, und etwa 45 Minuten später, als ich gerade dabei bin, vom Cavelljoch (2239 m) abzusteigen, vernehme ich auch schon die Rotoren des nahenden Rettungshubschraubers.

Vom Cavelljoch aus bietet sich mir übrigens die erste Aussicht auf den Lünersee mit dem sich am Nordufer befindlichen, häßlichen Betonklotz der Douglasshütte. Durch grüne Berglandschaft geht es nun bis zu einer Abzweigung, wo der blau (=alpiner Steig) markierte Pfad steil hinauf in die Gamslücke (2380 m) führt. Von dieser aus bietet sich die Aussicht auf mein heutiges Gipfelziel, welches gleichzeitig auch der Höhepunkt meiner Rätikon - Unternehmung sein soll, die 2965 Meter hohe Schesaplana. Ihre Höhe differiert um nur zwei Meter zur Zugspitze, der höchsten Erhebung Deutschlands, und sie ist der höchste Gipfel des Rätikon. Die Schesaplana erscheint dem Betrachter in protziger Form, massig, imponierend. Der Gipfel wird bereits von quellenden Wolken umwabbelt, auch heute ist mit Gewitter zu rechnen. Ich bleibe jedoch optimistisch, trotz zunehmender Bewölkung rechne ich mit Stunden, ehe die Situation kritisch werden könnte. Sollte sich diese jedoch schneller ändern, als ich dies erwarte, so bliebe immer noch der Notabstieg zur Totalphütte (2381 m), die von der Gamslugge aus in etwa 20 Gehminuten zu erreichen ist. Vor mir sichte ich eine dreiköpfige Gruppe, die wohl ebenfalls den Gipfelsturm im Sinn hat. Nach Überschreitung der Scharte gelangt man schon bald in eine karge Moränenlandschaft, die aufgrund der großen Höhe keinen Pflanzenbewuchs mehr duldet. Allerdings ist derzeit mehr Schnee als Gestein zu sehen, was die Wegfindung nicht gerade erleichtert. Die Begehung unter den jetzigen Umständen hat schon Hochtourencharakter und weckt in mir Erinnerungen an ähnliche von mir in der Vergangenheit getätigte Unternehmungen, wie beispielsweise die des höchsten Pyrenäengipfels Pico de Aneto (3400 m). Ich gebe zu, daß ich schon etwas vorausspicke, welche Route die vor mir Gehenden einschlagen, weiter oben sind nochmals zwei oder drei Gruppen unterwegs, trotzdem möchte ich im Nachhinein behaupten, ich hätte es wohl auch alleine geschafft, wenngleich dann die nervliche Anspannung im großen Maße zunehmen kann. Mit einem Bergführer unserer Sektion hatte ich mich mal unterhalten über diesen Unterschied zwischen Alleingang, jedoch in Präsenz anderer Gruppen und dem völligen Alleingang, von dem die Leser meiner Berggeschichten wissen, daß ich eben diesen sehr gut kenne. Und so ist es auch heute durchaus so, daß die Präsenz anderer am Berg mir ein gutes Stück Mut hinzugibt, während der völlige Alleingang auch immer wieder ein Kampf mit der eigenen Angst ist.

An einer Stelle, wo sich die vor mir gehende Gruppe rechts hält, steige ich weiter geradeaus über Felsen nach oben, wo ich schließlich in eine sehr steile Schneeflanke gerate. Die Situation ist nicht unbedingt gefährlich, im Falle eines Abgleitens würde ich in einer schneegefüllten Mulde landen, denn die Schneedecke ist hier noch vollends geschlossen. Gefährlich wird´s, wenn einen unten Geröll - oder Blockfelder erwarten oder gar der völlige Abgang hinunter ins Bodenlose. Trotzdem kostet dieser Schnitzer unnötig Kraft und Zeit, da ich in schwierigem Gelände selbst spuren muß. Schließlich gelange ich schwitzend, aber wohlbehalten in den Sattel unterhalb des Gipfelaufbaus, von wo aus der weitere Aufstieg problemlos, überwiegend aper über vegetationslosen Schotter und feuchtes Erdreich zum Gipfelkreuz führt. Die vielgerühmte Fernsicht bleibt uns verwehrt, zu viele Wolken trüben das Panorama, welches bei guten Konditionen bis zum Bodensee hinüber reichen und viele bekannte Gletschergebiete der Zentralalpen mit einschließen soll.

Außer den drei vor mir gegangenen Studenten trifft ein hinter mir gefolgter Solobesteiger ein, sowie wenige Minuten später ein weiterer Solist aus Richtung Schesaplanahütte, welche ebenfalls einen Anstieg von der schweizer Seite her ermöglicht. Da die Wetterlage immer noch unsicher ist, beschließe ich bereits nach wenigen Minuten den Abstieg. Da ich eine Überschreitung der Schesaplana zum Ziel habe, wende ich mich im Sattel nicht etwa wieder dem Aufstiegsweg zu, sondern begebe mich in westliche Richtung hinunter zum oberen Rand des Brandner - Gletschers. Dieser Gletscher ist von seinen Ausmaßen sicher nicht mit denen wirklicher Gletschergebiete zu vergleichen, auch handelt es sich nicht etwa um einen gefährlichen Spaltengletscher. Trotzdem weist ein Schild bei der Mannheimer Hütte auf die Verwendung von Steig - oder Grödeleisen hin. Da die Schneeauflage noch gut ist und der Schnee aufgrund der milden Lufttemperaturen nicht harschig, sondern sulzig ist, bringe ich meine mitgeführten Eisen nicht zur Anwendung und quere hinunter zum anderen Gletscherende, wo die Mannheimer Hütte auf einer schroffen Moräne thront. Auf dem Brandner - Gletscher, wie auch im gesamten Schesaplana - Aufstieg, kann übrigens Nebel zu ernsten Orientierungsproblemen führen.

Eine junge Dame, die ich unterwegs noch getroffen habe, hat es mir bereits angekündigt: die Hütte ist noch geschlossen. Sehr zu meinem Entzücken finde ich jedoch einen offenen Winterraum vor. Man betritt ihn übrigens durch einen offenen Fensterladen. Die Räumlichkeit ist gut ausgestattet mit Schlaflagern für etwa ein gutes Dutzend Schläfer, ein Holzherd ist vorhanden, und es sind sogar noch zwei Holzkisten vom zurückliegenden Winter übriggeblieben. Den Namen Winterraum hat sich die Unterkunft allerdings verdient. Da es draußen wesentlich wärmer ist als drinnen, verbringe ich den Rest des Nachmittags im Bereich vor der Berghütte. Gegen Abend wird das Wetter immer besser, so daß ich in den Genuß eines traumhaften Tagesausklangs inmitten hochalpiner Umgebung komme, und das Ganze noch dazu mutterseelenallein, denn es treffen keine weiteren Nächtiger mehr ein. Die Mannheimer Hütte steht dem wohlgeformten Gipfelaufbau der Schesaplana direkt gegenüber, der Brandner - Gletscher breitet sich sozusagen vor der Türschwelle aus, rechterseits erhebt sich der Panüelerkopf (2859 m), der Wildberg (2788 m) wäre von der Hütte aus in einer halben Stunde erreichbar. Hinter der Hütte brechen Steilwände zum inneren Brandnertal hinab, wo die Oberzalimalm (1889 m) und die etwas tiefer gelegene Oberzalimhütte wie Spielzeughäuschen auszumachen sind. Das einzige Manko hier oben: es gibt kein Wasser, so daß ich mit meinen verbliebenen Vorräten haushalten muß und somit auf zusätzliche Gipfelexkursionen verzichte.

Zur Fortsetzung des Weges stehen mir drei Alternativen zur Auswahl. Im Grunde haben sämtliche Exkursionen, die von der Mannheimer Hütte aus möglich sind, hochalpinen Charakter, was jetzt im Frühsommer um so mehr zutrifft und der Grund sein dürfte, warum diese Hütte nur in den Monaten Juli bis September bewirtschaftet ist. Die Möglichkeit, über den Gletscher hinweg durch einen Sattel hindurch den Liechtensteiner Höhenweg zu erreichen, wird als die schwierigste gehandelt. Anbetrachts der momentan herrschenden Verhältnisse möchte ich dieses Risiko nicht eingehen, auch die Überschreitung des Panüeler Kopfes erscheint mir nicht geheuer. Die scheinbar einfachste Führe wäre wohl der Leiberweg, der durch die unter mir steil abfallenden Wände in die Spussagang - Scharte hineinführt. Leider gelingt es mir nicht, von meiner Position aus den genauen Wegverlauf zu verfolgen, in dem steilen, mit Altschneefeldern durchsetzten Gelände kann man sich kaum vorstellen, daß hier überhaupt ein Steig hindurchführt. Derlei Eindrücke hat man in den Alpen allerdings öfter, wenn man vor einer scheinbar unnahbaren Felswand steht und den in der Karte eingezeichneten Weg mit dem bloßen Auge sucht.

So steige ich am nächsten Morgen hinab bis zum Wegweiser, wo der Leibersteig dann nach rechts in die Wand hineinführt und gleich zu Beginn mit einem steilen Schneefeld aufwartet. Das kann ja heiter werden , denke ich, als ich das gefährliche Hindernis mittels Sicherung durch den Eispickel überwunden habe. Es sollen noch mindestens ein halbes Dutzend ähnliche Passagen folgen, und ich muß sagen, hier ist wirklich Schluß mit Lustig! Jedes Altschneefeld erfordert äußerste Konzentration, es ist nichts gespurt, man kann bisweilen nur durch von Regen ausgewasche Reste von Fußspuren eines Vorgängers erkennen, die Tritte habe ich selbst zu schlagen und jeder muß sitzen, ich darf mir hier keinen Ausrutscher erlauben! Die Schneefelder sind, wie bereits erwähnt, aufgrund der Steilheit des Geländes, durch das ein schmales Steiglein führt, selbst entsprechend steil und würden einen Stürzenden direkt ins abfallende Schrofengelände gleiten lassen, das heißt, man würde hier gnadenlos zig bis hunderte von Metern in den schwindelerregenden Abgrund hinunterstürzen. Nur der Eispickel dient mir zur Sicherung, die Steigeisen lasse ich auch jetzt wieder unbenutzt. Im Fall eines Ausrutschers kann ich ohne Steigeisen die Fußspitzen zum Bremsen in den Schnee hineinrammen, würde ich das Gleiche mit angeschnallten Steigeisen versuchen, so würden mich die Zacken wie ein Stehaufmännchen aufrichten, ich würde mich überschlagen und alles wäre aus. Als ich dann unfallfrei die Spussagangscharte erreiche, wo es gottseidank schneefrei über einen kleinen Klettersteig in angenehmer Weise weitergeht, bin ich gottfroh, endlich wieder streßfrei wandern zu dürfen. Ein letzter Blick schweift zum Abschied über den Seitenarm des oberen Brandnertales hinweg, in dem sich Oberzalimalm und die gleichnamige Berghütte als die letzten Behausungen im Talabschluß behaupten.

Der Abstieg auf der anderen Seite der Spussagang - Scharte führt den Begeher direkt durch die Schatten der gewaltigen Wände des Panüeler - Schrofen abwärts, ein imponierendes Spektakel! Das Gamperdona - Tal hat hier seinen Abschluß, der sogenannte Nenzinger Himmel ist eine beliebte Feriensiedlung, dahinter beginnt der Bergwald, an dessen oberem Rand pittoresk das kleine Hirsch - Seeli wie ein smaragdgrüner Spiegel glänzt. Am Ufer dieses ruhigen Gewässers lege ich eine längere Rast ein, froh darüber, daß ich meine Knochen heil durch den Leibersteig gebracht habe. Dann geht es weiter ein Stück hinauf zur Panüel - Alm (1780 m). Um den Bergrücken des Lohnfreschen herum steigt der Weg weiter an, das Almsträßlein wird bald zum schmalen Wanderpfad, der durch Hochweiden führt, bis ein kleiner Grassattel erreicht ist. Von hier aus zieht der Pfad abermals durch Steilhang und die hier noch lauernden Altschneefelder sind ähnlich gefährlich zu überqueren, wie zuvor im Leibersteig. Als ich die Große Furka (2359 m), und damit die Fortsetzung des oberhalb des Brandner Gletschers beginnenden Liechtensteiner Wegs erreiche, atme ich erst mal wieder auf, mir den Angst- und Arbeitsschweiß von der Stirn wischend, und hoffe innigst, daß derlei brenzlige Passagen nun endgültig überwunden sind. Die Große Furka belohnt mich dann mit einen Ausguck auf die schweizer Seite mit dem weiten, grünen Tal, wo winzig am Hang klebend die Schesaplana - Hütte auszumachen ist. Die gesamte hinter mir liegende Bergkette von der Sulzfluh bis Schesaplana und Panüeler - Kopf reiht sich noch einmal vor mir auf, wie eine Kompanie scheinen sie alle noch mal vor mir angetreten zu sein.

Ab der großen Furka finde ich endlich wieder deutliche Fußabdrücke eines Vorgängers im Schnee und der Weiterweg bis zur Pfälzer - Hütte (2108 m) soll nun ohne Schwierigkeiten verlaufen. Schneefelder sind hier zwar auch zu Genüge vorhanden, diese liegen jedoch nicht in Steilhängen und sind somit harmlos. Unterhalb des Augsten - Berges, auch Tschingel genannt (2541 m) quert der Weg hinein ins Barthümel - Joch (2305 m). Der Drei - Länder - Berg Naafkopf (2571 m) macht von meiner Perspektive aus keine besonders attraktive Figur, gleicht einer wenig prägnanten, zu symmetrisch geratenen Pyramide. Der hoch aufgeschossene, mit reichlich Grün durchsetzte Hornspitz (2537 m) gibt da schon mehr her. Der Liechtensteiner - Weg umrundet sozusagen das innere Gamperdonatal (sprich: den Nenzinger Himmel), bis die schön auf den Kamm gebaute Pfälzer Hütte erreicht ist, die sich dem nahenden Wanderer schon von weit her ins Blickfeld stellt. Die Pfälzer Hütte ist für viele Rätikon - Durchquerer die letzte Station vor der Rückkehr ins Tal, da man hier die Begehung des Hauptkammes als abgeschlossen betrachten kann. Es gibt für mich jedoch noch ein Schmankerl im äußersten Nordosten des Rätikon, welches ich mir, wenn ich schon mal hier bin, auf keinen Fall durch die Lappen gehen lassen will. Hierzu werde ich meine Wanderschuhe auf das Hoheitsgebiet des dritten souveränen Staates setzen, durch den meine Wanderung führt: dem Fürstentum Liechtenstein. Die Pfälzer Hütte befindet sich übrigens genau auf dem Grenzkamm, im Osten liegt Österreich, westwärts geht´s hinein nach Liechtenstein.

So begebe ich mich auf den unterhalb der Pfälzer Hütte verlaufenden Fahrweg, bis ich die Gritsch - Alpe erreiche. Die gepflegten Gebäude und der blitzsaubere Hof verraten vorab schon, was sich für mich im weiteren Verlauf meiner Liechtenstein - Wanderung bestätigen soll: hier scheint man in puncto Ordnung und Sauberkeit der benachbarten Schweiz in nichts nachzustehen. Der sich jetzt hinter meinem Rücken aufbäumende Naafkopf erscheint von hier aus wesentlich attraktiver. Insbesondere die Steilwände des ihm direkt vorgelagerten Weißen Sand (2525 m) vermögen Eindruck zu schinden. Auf dem Naafkopf - Gipfel laufen übrigens die Grenzen von Schweiz, Österreich und Liechtenstein zusammen. Ich befinde mich im äußersten Südosten des Inneren Valüna - Tales, wie die Südverlängerung des Saminatals auch genannt wird. Ein Pfad führt über Weiden und schließlich durch schönen Wald abwärts, bis bei der schönen Valüna - Alm (1409 m) erneut ein Almsträßlein erreicht wird. Auf diesem Fahrweg gehe ich talauswärts weiter, eine wunderschöne Abendwanderung in einem wirklich traumhaften Alpental. Zahlreiche Mountainbiker und Spaziergänger kommen mir unterwegs entgegen, das märchenhafte Tal ist offensichtlich sehr beliebt. Ich unterhalte mich kurz mit einem älteren Herrn aus Vaduz. Ich war ohnehin gespannt, was für eine Dialektart hier in Liechtenstein gepflegt wird. Nun, sie tendiert stark zum Schwyzerdütsch, was auch noch in späteren Beispielen seine Bestätigung finden soll. Eigentlich lag es ja in meiner Absicht, heute noch bis in die Gegend von Silum vorzudringen, aber der Tag war kräftezehrend. Somit beschließe ich, mich in die Büsche zu schlagen, zumal es ohnehin recht spät geworden ist. In den Talschaften ist es nicht immer einfach, einen versteckten Zeltplatz zu finden. Schon einmal habe ich eine unliebsame Überraschung erlebt, im Bregenzer Wald, als ich unterhalb eines Fahrweges gezeltet hatte und durch die Gendarmerie geweckt wurde. Ich kam damals glücklicherweise mit ermahnenden Worten davon.

Als die Luft rein ist, stürme ich linkerhand über eine Weide aufwärts, überspringe ein Steinmäuerchen und gelange an einen lichten Waldrand mit einer flachen Wiese. Nur ein halb zugewachsener Holzabfuhrweg führt hierher, es ist 8 Uhr abends und ich kann somit davon ausgehen, an diesem Ort keinen unliebsamen Besuch mehr zu erhalten. Einer der großen Vorzüge des Monats Juni sind seine langen Abende, so daß ich, nachdem das Zelt aufgebaut ist, noch jede Menge Zeit habe, zu kochen und das tolle Panorama des Talabschlusses zu genießen, wo sich Naafkopf, Weißer Sand und Roter Sand (2349 m) ein Stelldichein geben.

Noch vor 6 Uhr morgens bin ich bereits wieder unterwegs. Das Frühstück möchte ich bis zur Ankunft im Gasthaus Silum, welches sich nahe dem Fürstensteig befindet, verschieben. Zunächst zieht mein Weg überhalb der Siedlung Steg mäßig bergauf, bis am Gasthof Stücka ein Teersträßlein erreicht wird. Kurz darauf passiere ich linkerhand einen Tunnel, hinter dem ein schöner Wanderweg beginnt. Ich befinde mich nun auf der Westseite des Bergkammes, und bin ich vorhin noch oberhalb des Saminatals marschiert, fällt der Blick nun links hinab ins tief gelegene Rheintal. Hier dringt auch der Motorenlärm der Rheintalautobahn bis zu mir empor, die Aussicht ist trotzdem fantastisch. Man sieht die in der Rheinebene gelegenen Ortschaften von Liechtenstein und der Schweiz, die sieben Churfürsten stehen mir direkt gegenüber, weiter im Südwesten erheben sich die Flumser Berge und die Glarner Alpen, im Nordwesten die Felsenburg des Alpstein mit dem leider verbauten Säntis - Gipfel. Die Fortsetzung des Rätikon - Hauptkammes, der sich noch ein Stück weit vom Naafkopf aus durch Schweizer Gebiet hinwegzieht, findet sein jähes Ende in einem abrupten Abbruch hinunter zum Rheintal. Als ich die oberen Behausungen des Ortes Silum erreiche, ist es gerade mal zwanzig nach Sieben und der gleichnamige Gasthof hat noch geschlossen. Zwei Jäger fahren ein erlegtes Reh ein, sie wissen leider auch nicht, wann hier geöffnet wird. Also eine gute Gelegenheit für mich, meine verbliebenen Trockengerichte noch gar aufzubrauchen. Auf einer Holzbank über der Ortschaft mit dem malerischen Rheintalpanorama, bereite ich mir dann ein umfangreiches Frühstück und genieße die Herrlichkeit des ungetrübten Morgens.

Frisch gestärkt mache ich mich auf zum vielgerühmten Fürstensteig, dessen Ausgangspunkt bald erreicht ist. Dieser Bergweg ist zwar ausgesetzt, und abverlangt dem Begeher eine gewisse Schwindelfreiheit, weist jedoch keinerlei technische Schwierigkeiten auf, zumal der gesamte Kamm vom Fürstensteig über den Kuhgrat bis vor zu den Drei Schwestern völlig schneefrei ist, die Durchschnittshöhe dieses Kammes bleibt gute fünf- bis sechshundert Höhenmeter unter der des Rätikon - Hauptkammes. Direkt zu meinen Füßen, gute 1300 Meter tiefer liegt die liechtensteinische Hauptstadt Vaduz auf der östlichen Seite des Rheintales, der Hohe Kasten, ein Seilbahnberg im nördlichen Abschluß des Alpsteingebirges, rückt immer näher. Der Fürstensteig ist übrigens der erste alpine Steig, auf dem ich an den besonders schönen Aussichtspunkten Rastbänke vorfinde. Zu den herrlichen Weitblicken gesellen sich auf dem Fürstensteig als Naheindrücke die unmittelbaren Felsabstürze direkt am Weg. Der Steig endet in einem Sattel, wo der Weg sich mehrfach gabelt. Meine Route führt mich weiterhin gen Norden, auf einem schmalen Pfad durch Latschenbewuchs, jetzt auf der östlichen Seite des Kammes verlaufend, wo der Blick hinab fällt in das hier verlassen wirkende Saminatal, wo sich jediglich einige wenige Almhütten zwischen Nadelwäldern und weitläufigen Weidegründen verlieren. Unterwegs begegne ich einer Gruppe älterer Herrschaften aus Lindau. Wir kommen auch auf den Leiberweg, der von der Mannheimer Hütte in die Spussagangscharte hineinführt, zu sprechen. Sie bestätigen mir, was ich am eigenen Leib bereits erfahren mußte: dieser Weg ist, so lange sich noch Altschneefelder in seinem Bereich befinden, einfach zu gefährlich, viel sei dort schon passiert.

Den ersten kreuzgeschmückten Gipfel überschreite ich, ohne mich länger aufzuhalten, denn ich muß doch langsam an die Heimfahrt denken, die ja schließlich auch noch Zeit in Anspruch nehmen wird. Über den Kuhgrat gelange ich zum Garsellikopf (2105 m), wo ich eine Gipfelrast einlege, mich erfrische und die schöne Aussicht genieße. Der Höhepunkt der Gratwanderung soll aber noch kommen, das aus zahlreichen Felszacken sich zusammensetzende Gipfelensemble der Drei Schwestern. Der Hauptgipfel (2053 m) wird über einen nicht all zu schweren, aber kurzweiligen und zwischen einem Gewirr von Felstürmen und interessantem Schrofengelände auf - und abwärtsführenden Klettersteig überschritten. Im Gegensatz zu den beiden anderen Hauptgipfeln trägt der überschrittene Gipfel kein Gipfelkreuz. Hinterm Saroja - Sattel (1628 m) läßt man das hochalpine Gelände hinter sich und erreicht ein Almsträßlein bei der Hinterälpele - Alm (1474 m). Es ist heute der bisher heißeste Tag in diesem Jahr, was sich jetzt, in den moderateren Höhen, unangenehm bemerkbar macht. Am erstbesten Viehtrog schaue ich mich um, die Luft ist rein. Rasch entkleide ich mich und gönne mir ein kurzes, erfrischendes Vollbad im Trog. Ein weiterer Grund für dieses Bad ist natürlich der Gedanke, daß ich nachher noch in den Zug steigen muß, und somit wieder unter zivilisierten Mitmenschen bin. Waschmöglichkeiten hatte ich die letzten fünf Tage so gut wie keine, und so gilt es nun, wenigsten die schlimmsten Gerüche zu beseitigen. Da der Weg nach Frastanz über die Feldkircher Hütte zwar schöner, aber länger ist, schlage ich den Abstiegsweg über den sogenannten Herrenweg ein, der sich durch schattigen Tannenwald hinunterschlängelt. Die Wegführung ist langweilig, nur ein paar flüchtige Ausblicke zwischen Baumwipfeln auf die hinter mir liegenden Drei Schwestern, die dem Betrachter auch vom Tal aus unverwechselbar erscheinen, ist mir vergönnt. Über breiten Forstweg gelange ich schließlich nach Amerlügen (763 m). Die letzten paar Kilometer über Asphalt hinunter nach Frastanz geraten zum Martytium, denn erstens bin ich von der Länge der heutigen Etappe bereits mitgenommen, und zweitens macht mir die im Abstieg immer mehr zunehmende Hitze von nun über 30 Grad zu schaffen. Schwer gezeichnet erreiche ich schließlich den Bahnhof Frastanz. Mein letzter Blick zurück zu den Bergen gilt den Drei Schwestern. Ja, sie erscheinen auch vom Tal aus erotisch, die schlanken Proportionen dieser steinernen Schönheiten!

Wintereinbruch im Retezat

Abenteuerliche Bergtour durch Rumäniens ältesten Nationalpark

Nach einem verregneten Sommer auch das noch! Als unser Bus am Morgen des 25. September 2002 durch die Schwarzwaldgemeinden kurvt, um weitere Mitreisende aufzunehmen, tragen die Tannenwipfel bereits eine schleierähnliche Weißfärbung, die Wettermeldung im Radio prognostiziert die Schneefallgrenze bei 700 m im Allgäu und für Rumänien sieht´s nicht viel besser aus, wie ich mich am Vortag noch im Internet überzeugen konnte. Österreich und Ungarn werden im Regen passiert, und in den Pausen schlagen die Fahrgäste die Krägen ihrer Winterjacken hoch, um den beißend kalten Wind erträglich zu machen. Die Fahrt durch´s Banat findet unter einer tristen Wolkendecke statt. In Arad erwartet uns bereits wieder der rumänische Geldspielautomat, die Hütchenspieler. Nach getanem Werk geben sie sich nicht einmal die Mühe, die Tatsache zu verbergen, daß Spieler und „Anheizer“ zusammengehören. Die Kofferraumhaube des neuwertigen BMW geht auf, Hütchen, Kugel und roter Teppich fliegen hinein, und die vier Burschen steigen in den Wagen, ihrer Kundschaft noch freundlich zum Abschied zuwinkend. Ja, sie wissen eben, was sich gehört!
Sieben Kilometer vor Deva gehen dann die Himmelsschleusen erneut auf, gerade rechtzeitig zu meiner Ankunft. Drei junge Roma stürmen im Bahnhofsgebäude hektisch auf mich ein: „English? Deutsch? Gold, billig!“ und man hält mir verschiedene Ringe unter die Nase. Ich winke ab und werde dafür mit rumänischen Beschimpfungen eingedeckt. Ich ignoriere die edlen Herren weiterhin, indem ich einfach in eine andere Richtung davonschlendere. Der überfüllte Personenzug macht dem schlechten Ruf der rumänischen Eisenbahn alle Ehre, ich bleibe mit meinem sperrigen Rucksack in einer defekten Tür hängen, viele junge Reisende veranstalten eine Hektik und ein Geschrei, an ruhiges Reisen ist da nicht zu denken. Etwas unsorgfältig war ich beim Lösen des Tickets. Subcetate hatte ich gesagt, und als ich jetzt noch mal genauer im Buch nachschaue, stelle ich fest, daß ich eigentlich nach Ohaba de sub Piatra müßte, denn in Subcetate müßte ich mit dem Bus erst nach Hateg weiterreisen, und von dort aus dann schauen, wie ich nach Ohaba de sub Piatra gelange. Leider finde ich die Ortschaft Subcetate in der Skizze meines Buches nicht, meine Mitreisenden im Abteil können mir auch nicht weiterhelfen. Als besagter Bahnhof erreicht ist, steige ich aus, stürme abermals zum Fahrkartenschalter, wo ich schließlich erfahre, daß der Zug, dem ich soeben entsprungen bin, eben genau nach Ohaba weiterfährt. Die Zeit reicht gerade noch, um abermals aufzuspringen, diesmal bleibe ich mit meinem Gepäck im Gang vor der Waggontür stehen, darauf bedacht, mit dem Fuß nicht in die offene Kluft beidseitig der Plattform, wo die beiden Waggons miteinander verkuppelt sind, zu geraten, vielleicht dauert die Fahrt ja nicht mehr so lange. Zwei angetrunkene junge Herren leisten mir Gesellschaft, der mit den fehlenden Schneidezähnen spricht Englisch, der andere hält sich zurück. Wenigstens wissen sie, wo ich auszusteigen habe und als unser Zug eine Ortschaft passiert, die unmittelbar vor meinem Ziel liegt, wird die Tür des fahrenden Zuges aufgestoßen, und es gehen wüsteste Beschimpfungen einher. Ein Zigeunerdorf sei das, und ich solle mich vor denen vorsehen, das seien alles dreckige Diebe und Verbrecher. Bevor der Zug in Ohaba de sub Piatra hält, werde ich an einen weiteren Mann vermittelt, der angeblich weiß, wo die Sammeltaxis abfahren in Richtung Nucsoara, dem letzten Dorf vor dem eigentlichen Aufstieg in den Retezat, bzw. bis hinauf zur Cirnic – Baude auf 1005 m, wo die Befahrbarkeit des Weges für herkömmliche PKW endgültig zuende ist. Es regnet immer noch tüchtig, und ich zwänge mich schließlich zusammen mit meinem neuen Bekannten und weiteren fünf Personen, einschließlich Fahrer, in einen Dacia, wo ich leider Gottes auf seinem Schoß Platz nehmen muß, und es geht reichlich inkommod auf rüttliger Piste in den nächst gelegenen Ort, wo vor der Dorfkneipe Halt gemacht wird und alle Mann samt Fahrer hinein stürmen, nur die junge Frau, die mit uns im Auto gesessen hat, bleibt wartend zurück. Bereits auf der Fahrt hat mir mein neuer Freund suggeriert, ich möge doch die Nacht in seinem Haus verbringen, bei dem Regen heute noch bis zur Pietrele – Hütte, das sei nichts. Ich könne bei ihm übernachten, und für Essen und Trinken würde er sorgen. Ich willige schließlich ein, fühle mich ein wenig unbeholfen in der momentanen Situation, mein neuer Gastgeber feiert unsere Übereinkunft mit zwei reichlich vollen Gläsern Wodka, und es ist, wie so oft in Rumänien, nicht einfach, meinen Gegenüber zu überzeugen, daß ich keinen Alkohol trinke. Da muß wieder mal der Doktor herhalten. Den Doktor, erwidert er, frage er erst gar nicht. Um die Gastfreundschaft von Petre, so heißt mein neuer Bekannter, nicht zu verletzen, nehme ich schließich eine Fanta und ein gefülltes Gebäck zum Verzehr an. Die Atmosphäre einer rumänischen Dorfwirtschaft ist indes für einen Fremden ein echtes Erlebnis. Ein alter Billardtisch in der Mitte, ringsum ein paar abgewetzte Tische und Stühle, und zwischen angetrunkenen, lärmenden Schäfern, Bauern und Minenarbeitern bedient die resolute, junge Wirtin als einziges weibliches Wesen in diesem Raum. Ein betrunkener Schäfer redet auf mich ein, ich lächle mal einfach, will nicht wieder gleich das alberne „nu inteleg“ („ich verstehe nicht“) anbringen. Betrunkene brauchen oft gar keinen Debattierpartner, sie brauchen nur jemanden, dem sie erzählen können und der wenigstens so tut, als höre er ihnen zu. Petre erklärt mir immer wieder auf´s neue, wie er sich den Ablauf der Dinge vorstellt. Bei ihm essen und trinken, dann übernachten und morgen bei vielleicht besserem Wetter weiter zur Pietrele – Baude gelangen. Der betrunkene Schäfer hat sich indes an den Nachbartisch gesetzt und stimmt nun lautstark ein Liedlein an, während Petre ihm energisch am Ärmel zupft und ihn anbrüllt, er solle gefälligst das Maul halten. Ja, eine klassische Dorfkneipenatmosphäre in Rumänien, so was muß man auch als Milchtrinker mal miterlebt haben. Der Umtrunk artet Gott sei Dank nicht aus, und nach einem halben Stündchen finden wir uns alle wieder im Dacia, wo ich und Petre schließlich vor dessen Haus hinausgelassen werden. Als erstes folgt eine Besichtigung des Anwesens, das aus einem kleinen, für viele Regionen des ländlichen Rumänien so bezeichnenden, rechteckigen Häuslein mit gleichfalls typischem, lang nach hinten gezogenem Obstgarten besteht. Ein Tritt gegen den Birnbaum, und schon regnet es Früchte ins nasse Gras. Wegzehrung für morgen, sagt Petre und pflückt sogleich noch ein paar Äpfel für mich, alles selbstverständlich ungespritzt. Zwischen Wohnhaus und Obstgarten befindet sich der Stall, wo drei Kühe und eine Sau untergebracht sind, und im Hof gackern zahlreiche Hennen. Für den Toilettengang muß man sich zuerst durch den Stall bemühen, das Häuschen steht im hinteren Teil des Gartens, ein echtes Plumpsklo. Auf dem Holzrahmen liegt ein Strauß mit Gräsern, vermutlich zur Neutralisierung des Geruchs. Schließlich nehmen wir noch das Wohnhaus in Augenschein. Alles wirkt schlicht, die altmodischen Möbel und der knarrende Dielenboden, der beim Betreten die Gläser in den Vitrinen erzittern läßt, alte Familienfotos zwischen Weingläsern und kitschigem Porzellan, Heiligenbilder an den Wänden, das alles weckt in mir Kindheitserinnerungen an das alte Häuslein meiner Großeltern im schwäbischen Allgäu. Hernach werde ich mit Petre´s Mutter bekannt gemacht, einer alten, untersetzten Bauersfrau mit einer ruhigen, freundlichen Ausstrahlung. Ein Gast wird in Rumänien natürlich niemals weggeschickt, und so komme ich in der rustikalen, alten Küche mit dem Holzherd, wie ihn meine Großmutter gleichfalls einst besaß, in den Genuß einer typisch rumänischen Mahlzeit, wie sie besonders auf dem Land üblich ist. Zuerst wird mir eine Ciorba (Gemüsesuppe) gereicht, der obligatorische Rahm ist selbstverständlich hausgemacht, wie mein Gastgeber betont. Ich bin zunächst etwas unsicher, die alte Frau hat bestimmt nicht mit meinem Kommen gerechnet, und es ist offensichtlich, daß Petre und seine Mutter nicht zur rumänischen Oberschicht gehören. Schließlich vertröste ich mich mit dem Gedanken, morgen früh beim Gehen einfach etwas auf dem Tisch zurückzulassen, auf keinen Fall will ich ihnen Geld in die Hand drücken, das könnte vielleicht beleidigend sein und würde wohl ohnehin nicht angenommen. Frisch gemolkene Milch wird erwärmt und über´s Sieb in die Tasse gefüllt. Wer hier an Krankheitskeime denkt, ist selbst schuld, die Leute trinken das hier so jeden Tag, und ich beneide sie darum. Ein herrlich mundendes Kartoffelgericht folgt der Suppe, dazu frische Brinza (Frischkäse), alles aus eigenem Stall und Garten. Dem nicht genug, folgt als Nachtisch selbstgebackenes Brot mit Butter und zwei verschiedenen selbstgemachten Marmeladesorten, köstlich! Ständig werde ich aufgefordert, zuzugreifen, aber zum Schluß kann ich dann wirklich nicht mehr. Nach dem Essen verschwindet Petre für eine kurze Zeit, er will für mich eine Mitfahrgelegenheit für morgen früh besorgen. Er selbst wird dann nicht mehr im Hause sein, da er bereits um halb fünf in der Früh aus den Federn muß. Als ich so allein mit Petre´s Mutter in der Küche neben dem knisternden Holzherd sitze, verstärken sich meine Kindheitserinnerungen, die Frau erinnert mich so sehr an meine Oma, die genau so schweigend und geduldig auf ihrem Holzstuhl neben dem Herd zu sitzen pflegte. Leider habe ich erst zehn Wochen vor meiner Abreise damit begonnen, mir ein paar Brocken Rumänisch beizubringen, weshalb jetzt nur eine schleppende Unterhaltung möglich ist. Nächstes Mal passiert mir das nicht mehr, denke ich, dann will ich in der Lage sein, zumindest bescheidene Konversationen zu führen. Als Petre schließlich zurückkehrt, hat er einen weiteren Mann im Schlepptau, den er mir als seinen Nachbarn vorstellt. Der Nachbar ist, wie es sich herausstellt, Ingenieur, und das recht wohlhabende Häuslein nebenan dient ihm jediglich als Wochenend- und Ferienresidenz. Wir verabreden uns für morgen gegen acht, er will mich dann abholen kommen. Nach der Hausbesichtigung beim Nachbarn, wo der soziale Unterschied zwischen den beiden nicht zu übersehen ist, begeben wir uns schließlich in Petre´s Zimmer, wo die beiden Sofas zur Bettruhe bereitgemacht werden. Im Liegen schauen wir noch ein wenig rumänisches Fernsehen, als ich nachts aufwache, läuft die Kiste immer noch, und ein leichtes Schnarchen meines Gastgebers ist zu hören. Ich schalte das Gerät aus, begebe mich durch den verregneten Hof und die Stallung zum unangenehmen nächtlichen Toilettengang, und packe mich anschließend wieder unter die dicke, wärmende Bettdecke, um sogleich wieder einzuschlafen.
Der Blick aus dem Fenster bei Tagesanbruch verheißt keine wesentliche Wetterveränderung, allerdings regnet es momentan nicht mehr gar so stark. Petre hat sich schon längst zur Arbeit davongestohlen, und ich beginne damit, meinen Rucksack in Ordnung zu bringen. Es ist schon fast halb neun, und vom Nachbarn ist noch nichts zu sehen. Schließlich kommt Petre´s Mutter herein, die schon seit geraumer Zeit in Haus und Hof beschäftigt ist, und fordert mich auf, ihr in die Küche zu folgen, wo ein wohlschmeckendes Frühstück auf mich wartet. Die alte Frau packt mir noch ein paar Äpfel für unterwegs ein, als endlich der Nachbar in der Tür erscheint. Er bringt mich schließlich mit seinem Wagen auf holpriger Piste von Paros, so heißt das niedliche Dorf, in dem ich genächtigt habe, nach Salasu de Sus, dem nächst gelegenen größeren Ort, von wo aus Busverbindung bis Nucsoara besteht, bzw. man kann auch mit dem Sammeltaxi eventuell bis zur Cabana Cirnic gelangen. Ein uralter Geländewagen hält und läßt ein paar Fahrgäste aussteigen, die mir sogleich etwas zurufen, wie „Spre Cabana Cirnic!“. Am Steuer sitzt ein alter Mann, hinten zwei junge Frauen und ein junger Mann. „Teutonische Gesichter!“ schießt es mir durch den Kopf, und sogleich greifen beherzte Frauenhände nach meinem tonnenschweren Expeditionsrucksack, der Mann sitzt zu weit hinten, um helfen zu können. Der dröhnende Motor des Vehikels unterbindet allzu ausführliche Unterhaltungen, und ich beschränke mich auf ein paar Phrasen meines „Notrumänisch“, die ich an den alten Mann richte. Schließlich stellt sich heraus, daß meine drei Mitreisenden tatsächlich Deutsche sind, aus Jena. Eine der beiden Frauen scheint offensichtlich gut Rumänisch zu sprechen. Wir lassen nun das sich unmittelbar vor dem Gebirge ausbreitende flache Weideland, in dem sich ein paar weltabgelegene Dörfer verteilen, deren niedliche Kirchtürme als auffälligste Bauten oft schon von weit her sichtbar sind. Die Landschaft hinter Nucsoara bekommt mehr und mehr gebirgige Konturen. An grünen Wiesenhängen weiden Schafe, dazwischen steht, unbeweglich wie ein Denkmal, der Schäfer, aufgrund der unangenehmen Witterung in sein traditionelles, wärmendes Schafsfell gehüllt. Der neben uns fließende Nucsoara – Bach verwandelt sich in gischtendes Wildwasser, erste größere Felsbrocken erheben sich in der Trübheit des wolkenverhangenen Regentages aus der Landschaft, Nebelschwaden steigen aus nassem Weidegras auf. Die Kurbelwelle des Scheibenwischers dreht sich wie eine Spieluhr und wir werden in aller Regelmäßigkeit von tiefen Schlaglöchern durchgewalkt. Mit brüllendem Motor keucht unser Vehikel noch an der Cirnic – Hütte vorbei, kurz danach ist Schluß. Ab hier sei die „Straße“ für sein Gefährt nicht mehr weiter befahrbar, teilt uns der alte Mann mit, und wir nehmen somit die fehlenden paar Kilometer hinauf zur Pietrele – Hütte unter die Sohlen unserer schweren Wanderstiefel. Wir bleiben gleich als Gruppe zusammen, beschnuppern uns zunächst ein wenig, und bis wir die Pietrele erreicht haben, ist bereits eine rege Unterhaltung im Gange . Rasch einigen wir uns, zusammen eine Vier - Bett – Unterkunft zu belegen, in Form einer Casute (kleiner Holzbungalow), von denen gleich mehrere im Umfeld des Haupthauses zur Verfügung stehen. Die von außen sehr schlicht erscheinende Blockhütte ist innen überraschend gemütlich, ja sogar ein Kamin ist vorhanden. Dummerweise läßt es sich jedoch nur vom benachbarten Zimmer aus anfeuern, weshalb wir diesbezüglich auf die Gunst unserer Nachbarn angewiesen sind. Bis wir uns dann schließlich eingerichtet haben, ist es für eine ausgedehntere Wandertour schon zu spät, weshalb ich beschließe, einen kleinen Ausflug zum östlich gelegenen Gales – See zu unternehmen, um auch gleichzeitig die derzeitigen Verhältnisse, was Wegezustand und momentane Schneefallgrenze anbelangt, in Augenschein zu nehmen. Durch prächtigen Tannenwald, der mit moosbegrünten Felsen durchsetzt ist, führt der gut markierte Pfad, wobei die Wasser des Pietrele- und später die des Gales – Baches auf Brücken gequert werden, die jediglich aus ausgelegten Baumstämmen mit wackligen Holzgeländern bestehen, und bei nasser Witterung gefährlich glitschig sind. Bald tut sich die eine oder andere Lichtung auf, und kurz danach erreiche ich die Latschenfeldzone. Was der Regen noch nicht geschafft hat, vollbringen jetzt die klatschnassen Zweige, zwischen welchen nur ein sehr schmaler Pfad durchführt, weshalb ich ständig mit Jacke und Hose die nassen Äste der Krüppelkiefern streife und meine Kleidung zumindest von außen völlig durchnässt. Zwischendurch durchschreite ich auch regendurchtränkte Wiesen, und ein unheimlicher Nebel zieht über die Landschaft und verhindert einen Weitblick auf die umliegenden Berge. Nach eindreiviertel Stunden gelange ich zum Nordende des auf 1990 m gelegenen Gales – Sees. Von den sich im Retezat befindlichen über achzig Bergseen gehört er flächenmäßig zu den größeren, doch leider sehe ich momentan nur ein spärliches Stück Uferzone und den Ausfluß des Gales – Baches, der Rest der Seefläche, sowie der gesamte über dem See gelegene Talabschnitt verbergen sich unter einer zähen Nebeldecke. Hier oben hat sich der Regen in Graupelschauer verwandelt, legeres Weiß liegt zum Teil auf den Zweigen und Gräsern der Subalpinzone, aber alles nicht so schlimm, wie ich es eigentlich erwartet hätte. Auf dem Rückweg mache ich noch einen kleinen Abstecher zum Taul dintre Brazi ( „See zwischen Tannen“), einem romantischen, kleinen Weiher mitten im Wald, aus dessen torfgefärbtem Wasser umgestürzte Baumstämme herausragen, und der ringsum von Tannen und Latschenkiefern gesäumt ist. Auf meinem weiteren Rückweg komme ich an einigen gewaltsam umgeknickten Jungbäumen vorbei, die umliegenden Baumstämme weisen Kratzspuren auf. Hier war offensichtlich Gevatter Bär am Werk. Als ich bei unserer Casute ankomme, ist dort abgeschlossen, offenbar haben sich meine drei Mitbewohner, die zuvor noch ein wenig unentschlossen waren, doch noch auf die Socken gemacht. Somit begebe ich mich in den Gastraum des Haupthauses und lasse erst einmal etwas Essbares herantragen. Den Hofhund habe ich mir draußen mit einem energischen Brüller vom Hals gehalten. Er hat bei unserer Ankunft fertiggebracht, was während meiner gesamten Fagarasch – Tour vor zwei Jahren keiner der mir dort in Unzahl begegneten Hirtenhunde geschafft hat: Er hat sich zwar nicht gerade in mein Bein verbissen, das ich geistesgegenwärtig zurückgezogen habe, allerdings hat er noch meinen Regenmantel erwischt. Irgendwo habe ich gelesen, man solle den aggressiven Hunden gut zusprechen, um sie zu beruhigen. Genau das habe ich gemacht. Nun, ich werde in Zukunft doch lieber wieder auf Autorität setzen, das stellt zwar das Gebell nicht ab, hält die Hunde jedoch im allgemeinen auf Abstand.
Das Timing ist perfekt, kurz nach Beendigung der Mahlzeit treffen meine drei Freunde ein. Sie waren im Stanisoara – Tal unterwegs und waren bis kurz vor die Saua Retezatului (Retezat – Sattel) vorgedrungen, wo sie dann wegen der fortgeschrittenen Stunde und des nicht allzu berauschenden Wetters kehrtmachten. Trotzdem hat auch ihnen ihr Ausflug gefallen. Das Unterwegssein bei „schlechter“ Witterung hat oft seine eigenen Reize und Vorzüge, und ich selbst habe an so manchen Schlechtwettertagen traumhafte Naturerlebnisse gehabt. Abends machen wir es uns in unserer Unterkunft gemütlich und während Sabine, Dorle und Stefan noch einen Skat dreschen, haue ich mich schon mal in die Falle. Nachts werde ich durch eine exzellent rezitierte Version in Sophran – Alt - Baß des Gute – Nacht – Liedes „Der Mond ist aufgegangen“ geweckt. Ja manchmal muß man bis nach Rumänien reisen, um altdeutsches Liedgut wiederzuerfahren. Mitten in der Nacht treibt mich der verfluchte Urindrang hinaus in die Kälte. Der Nachthimmel ist nahezu klar, was mir Hoffnung für den folgenden Tag macht.
Leider hält der Tag nicht, was der Nachthimmel versprach. Trotzdem bin ich begierig entschlossen, aufzubrechen. Ich lasse mir dazu allerdings mehr Zeit, als das sonst bei mir üblich ist. Nach dem Frühstück wird erst noch ein kleiner Plausch gehalten, und ich mache mich so gegen halb elf auf den Weg, der mich durch´s gleiche Tal führt, durch das meine Freunde gestern gegangen sind. Wiederum beginnt der Wandertag auf einem wunderschönen Waldpfad, immer entlang am Ufer des Stanisoara – Baches. Bald folgt subalpine Latschenzone und anschließend finde ich mich auf Bergwiesengrund, völlig vom Nebel eingeschlossen und von feinem Nieselregen berieselt. Ich genieße diesen einsamen Marsch durch diese vernebelte Wildnis. Es ist das Gefühl, unterwegs zu sein in einem Gebiet, in dem man niemals zuvor war, einsam, unter wenig günstigen Bedingungen, und dennoch Herr der Lage zu sein, sich anhand von Pfadspuren, gelegentlich sichtbar werdenden Markierungen, Kompaß und Karte zu orientieren und die Lage zu orten. Diese Form der Ausgesetztheit ist meiner Ansicht nach ein großartiger Aspekt des Bergsports. Ich habe bis jetzt, wie es gestern schon der Fall war, keine Menschenseele getroffen, als nun überraschend zwei Gestalten aus dem Trüb des Nebels auftauchen. Die beiden Männer gesetzteren Alters sind unterwegs hinunter zur Pietrele – Baude. Zum Retezat – Gipfel will ich, antworte ich auf ihr Nachfragen. Sie winken ab. Bei dem Wetter...
Die Felsen von La Bordulet entgehen mir glatt im Nebel, und der folgende Bergsee, sowie der Stanisoara – See (1990 m) mitsamt seinem Nachbarn gewähren nur bescheidene Anblicke unter der sich gelegentlich etwas lichtenden weißen Suppe. Schließlich zieht der Weg steil nach Osten hinauf in den Retezat – Sattel. Die angefrorenen Felsen der Blockfelder verlangen Aufmerksamkeit. Als ich den Sattel erreiche, lichtet sich der Nebel und zum ersten Mal entblößt der Retezat mir seine prächtige Hochgebirgsstruktur. Was sich bei den schlechten Sichtverhältnissen und bei vorhergehenden, oft nur wenige Sekunden dauernden Lichtungen des Nebelschleiers bisher nur angedeutet hatte, manifestiert sich jetzt: es sind jene prächtige Herbstfarben, die ich von meinen Reisen in die Hohe Tatra her kenne, und von denen ich bisher geglaubt habe, man könne sie nur dort vorfinden. Ausgedehnte Blockfelder, deren aschgraue Felsbrocken mit grünspanfarbenen Moosflechten überzogen sind, kontrastieren mit dem satten Dunkelgrün des unter mir sich ausbreitenden Bergwaldes, das Gras variiert von Hellgelb bis leuchtend Rot- bzw. mattem Dunkelbraun, darüber ragen düstere Granitfelsen empor. Schneeflecken aus sauberstem Weiß bedecken Felsen und Grasflächen der Paßhöhe, die frei werdenden Gipfel sind von hellweißen Streifen und Flecken durchzogen. Besonders imponiert mir der Blick hinunter ins Stanisoara – Tal, direkt unter mir der mit Geröll und Blockfeldern übersääte Talabschluß mit wunderschönen Bergseen, weiter unten dann Latschen – und schließlich Bergwaldzone, wo geisterhafte Nebelschwaden über die Tannenwipfel ziehen. Die Sonne zeigt sich durch die nunmehr dünn gewordene Wolkenschicht wie durch Milchglas. So hat sie sich vorhin schon ein paar Mal blicken lassen, hat Hoffnung gemacht. Ich muß an „Oh, du schöner Westerwald“ denken, zumindest begreift man unter solchen Umständen den Sinn des Textes, obwohl dieser altgermanische Gassengröler nicht unbedingt zu meinen Favoriten zählt.
Der Gang zum Gipfel ist unschwer, die überforene Nässe auf den Felsblöcken ist aber dennoch mit Vorsicht zu genießen. Die Hoffnung auf eine Nebellichtung bei Ankunft auf dem Virful Retezat (Virf = Gipfel), der als einer der herausragenden Aussichtsberge im gleichnamigen Gebirge bekannt ist, bleibt leider unerfüllt. Auch nach Verzehr des Gipfelvespers ändert sich die Lage nicht, und somit steige ich wieder hinunter in den Sattel, wo ich meinen Weg nun gleichbleibend gen Süden fortsetze, dem Kammweg in Richtung Virful Bucura I (2433 m) folgend. Erneut lichtet sich der Nebel, und ermöglicht den Blick hinab in zauberhafte Hochtäler mit herrlichen Meeraugen (Bergseen). Die zu meiner Rechten sind sozusagen verbotenes Territorium. Es handelt sich um das wissenschaftliche Biosphärenreservat, das nur mit Sondergenehmigung zu besuchen ist. Die vielen Bergseen im Retezat sind allesamt glazialen Ursprungs. Auch die eindrucksvollen Trogtäler sind ein Werk eiszeitlicher Gletscher, die hier eine Traumlandschaft geschliffen haben, ein Meisterwerk der Natur! Erneut lichtet sich der Nebel und gibt den Blick frei auf den mächtigen Bergrücken der Bucura I, welcher von erneutem Schweißvergießen kündet. Nun, bei kühler Witterung ist es mir ganz recht, wenn es mir selbst etwas warm wird und so erreiche ich nach mehreren tausend profunden Atemzügen und ein wenig Abwechlung in Form zweier kleinerer, einfacher Kletterstellen den Gipfel der Bucura I, leider erneut mit White – Out - Aussicht. Ich folge weiter der roten Markierung, die bald bergab führt, hinunter ins Tal, so denke ich. Daß dann die Wegzeichen ganz verschwinden, erscheint mir nicht weiter tragisch, ich finde auch so ins Tal hinunter, und irgendwann werde ich wohl wieder auf den eigentlichen Wanderpfad stoßen. Als der Nebel sich im oberen Talabschluß lichtet, erkenne ich unter mir einen hübschen, kleinen See, sowie den schlängelnden Arm eines Gebirgsbaches. Schließlich ziehen auch die weiter unten verbliebenen Schwaden von dannen, und jetzt breitet sich zu meinen Füßen der kristallklare Wasserspiegel eines zauberhaften Bergsees aus. Hier kann doch was nicht stimmen! Das Pietrele – Tal, über das ich mich eigentlich bis hinunter zur Gentiana Hütte begeben wollte, besitzt zwar ein paar Bergseen, aber keinen von solcher Dimension! Am Seeufer sehe ich drei Personen vorbeiziehen. Das muß der Gales – See sein, denke ich, das da unten sind sicherlich Sabine, Dorle und Stefan, na die sind aber reichlich spät dran! Die Drei hatten mir am Vorabend angekündet, daß sie heute die große Runde Pietrelehütte – Galessee – Saua Zanoagelor - - Valea Rea – Pietrelehütte gehen wollen. Wenn sie jetzt erst den Gales – See erreicht haben, dann wird sie mit hundertprozentiger Sicherheit lange vor Erreichen der Pietrele - Baude die Dunkelheit ereilen. Da müssen wir uns wohl zu viert für ein Notbiwak in mein Dreimann – Zelt drängen, denke ich noch, als ich plötzlich am gegenüberliegenden Seeufer eine Hütte erkenne. Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt erst bemühe ich den Kompaß, der zu meiner größten Verwunderung meine Abstiegsrichtung mit haargenau Süden anzeigt, also entgegengesetzt zum vorgesehenen Weg. Ich bin jetzt absolut sicher, das da unten ist der Bucura - See mit der kleinen Salvamont – Hütte am südöstlichen Ufer. Ich muß in der Nebelmauer auf der Bucura irgendwie den Drehwurm gekriegt haben, und ärgere mich darüber, daß ich derart meine Orientierung verlieren konnte. So sicher war ich mir meiner Sache, daß ich Kompaß und Karte keines Blickes gewürdigt habe und die Südumgehung der Bucura II, die für kurze Zeit tatsächlich in nördlicher Richtung zieht und hierbei etwas nach unten abfällt, für den Abstieg ins Pietrele - Tal gehalten habe.
Das Retezat – Gebirge wird durch zwei in etwa parallel zueinander von Nordosten nach Südwesten verlaufenden Hauptkämmen dominiert, die wiederum durch den Papusa – Custura – Kamm in einer H - Form verbunden sind. Das Gebiet westlich des Verbindungskammes, das sich zwischen die beiden Hauptkämme zwängt, kann man wohl als das Zentrum des Retezat – Gebirges bezeichnen, wobei der Bucura – See eine Art Kernpunkt darstellt. Auf 2041 m Höhe inmitten grandioser Hochgebirgslandschaft gelegen, handelt es sich um den größten natürlichen Bergsee Rumäniens. Der tiefste ist übrigens der weiter im Westen des Retezat gelegene Zanoaga – See. Um den zentralen Retezat zu erforschen, ist es eigentlich unabdinglich, mindestens für eine Nacht sein „Basislager“ am Ufer des Lacul Bucura aufzuschlagen. Auch ich habe einen Aufenthalt am Bucura – See geplant, allerdings noch nicht schon jetzt! Es nutzt aber alles nichts, ich schaue erst einmal daß ich die Gestade des Sees erreiche und spekuliere bereits auf eine Zeltnacht am Seeufer. Ich bin noch nicht unten angekommen, da sehe ich die drei Personen schon auf der Paßhöhe Curmatura Bucurei (2206 m) stehen. Genau diesen Sattel habe ich eigentlich über den Bergkamm nach Überschreitung der Bucura I und Umgehung von Bucura II zu erreichen gedacht, um von dort aus wiederum nordseitig abzusteigen. Es dauert zwar nicht mehr all zu lange bis zum Sonnenuntergang, aber ich wittere die Chance, doch noch heute zur Gentiana - Hütte zu gelangen und so begebe ich mich, kaum mal das Seeufer erreicht, schnurstracks wieder aufwärts zur Paßhöhe, die ich in etwa 15 kräftig gekeuchten Minuten erreiche. Im Schweinstempo schreite ich das bereits in der Abenddämmerung liegende Pietrele – Tal hinab, um schließlich die im dort bereits wieder beginnenden Hochwald gelegene Gentiana – Hütte mit dem allerletzten Fünkchen Tageslicht zu erreichen. Der Grund, warum mir soviel daran gelegen ist, nochmals auf die Retezat – Nordseite zurückzukehren, liegt darin, daß ich unbedingt noch das seenreiche Gerölltal Valea Rea kennenlernen will. Die Gentiana – Hütte wäre dann der ideale Ausgangspunkt. Im Talschluß der Valea Rea bieten sich dem Wanderer, der nicht mehr auf dem selben Weg zurückkehren will, zwei Alternativen: entweder über den Sattel Saua Zanoagelor (2270 m) zum Gales – See hinunterzuwandeln, oder aber über die Saua Pelegii (2285 m) den höchsten Gipfel des Retezat anzuvisieren, die 2509 m hohe Peleaga, von deren Gipfel aus ein Abstieg auf die Südseite zum Lacul Bucura möglich ist. Letztere ist die Traumtour, die ich mir für den morgigen Tag vorgenommen habe. Die Gentiana – Hütte ist ausgerechnet heute proppenvoll. 40 angehende Bergführer und Bergführerinnen aus verschiedenen Gegenden Rumäniens haben sich hier eingenistet, aber der Hüttenwart, ein älterer, untersetzter Ungar, mit einer derb – sympathischen Art hat noch ein Notbett für mich parat in einem abgetrennten kleinen Raum, wo bereits zwei ungarische Wanderer untergebracht sind. So lerne ich Csaba und Lazlo kennen.
Die Cabana (=Hütte) Gentiana ist wesentlich kleiner, als die Pietrele, und es stehen auch keine zusätzlichen Casute zur Verfügung. Ich finde sie schöner und gemütlicher, wenngleich sie eine reine Selbstversorgerhütte ist, denn der Hüttenwart kocht nur Tee, dieser hat dafür einen legendären Ruf unter Retezat – Wanderern! Der alte Mann erlaubt mir, auf seinem Herd in der Küche zu kochen, ich brauche somit nicht extra meinen Gaskocher anzuwerfen, den ich aus Feuerschutzgründen nur vor der Hüttentür benutzen hätte können. Nach dem Essen werde ich von einer jungen Bukaresterin interviewt. Wie ich denn auf die Idee gekommen sei, in die rumänischen Karpaten zu reisen, was ich sonst noch schon alles gemacht hätte, warum ich allein unterwegs sei, usw. Überhaupt gelte ich unter den jungen Leuten als Exot, man grüßt mich freundlich, manche versuchen, ihre Deutsch –oder Englischkenntnisse anzubringen und stets beäugen mich neugierige Blicke. Die Schlafgemächer befinden sich direkt unterm Dach, und nachts höre ich Niederschläge herunterprasseln. Neben meinem Bett tropft Wasser durch eine undichte Stelle, ich finde das irgendwie romantisch. Es soll Leute geben, die sich an so etwas stören, die sollten aber besser nicht nach Rumänien reisen. Meine beiden ungarischen Freunde machen sich bereits im Morgengrauen auf den Weiterweg, sie wollen die folgende Nacht am Bucura –See verbringen, was auch in meiner Absicht liegt. Während sie aber den Weg über den Sattel Curmatura Bucurei preferieren, um dann vom See aus weitere Unternehmungen zu starten, will ich mein Glück in der Kombination Valea Rea – Peleaga Gipfel versuchen, und auf diesem Weg zum Bucurasee gelangen. Auch die Bergführeraspiranten brechen zeitig auf, sie werden heute in eine Höhle abtauchen, auch Speläologie gehört mit zur Ausbildung. Beim Richten des Rucksacks entdecke ich, daß sich nachts offensichtlich eine Maus an meiner Schokolade gutgetan hat, es fehlt ein volles Drittel, die Arbeit der Nagezähne hat präzise Schnitte wie von einer Stichsäge hinterlassen. Ich trödle noch ein bißchen, bin jetzt allein mit dem alten Ungarn und dessen Hund. Er bedeutet mir, ich solle warten, er wolle in die selbe Richtung wie ich. So gehen wir zunächst gemeinsam ein Stück weit das Pietrele – Tal abwärts, wo dann bald eine Abzweigung zum anderen Bachufer und schließlich als wildromantischer Waldpfad über Stock und Stein hinüber in die Valea Rea ( = schlechtes Tal) führt. Bei der Brücke verabschieden wir uns, der alte Mann begibt sich mit Axt und Hund zum Holzschlag. Kurioserweise muß er mir über die glitschigen Baumstämme, die zur Überquerung des Pietrele – Baches ausgelegt sind, helfen, da ich mit dem schweren Rucksack etwas wackelig bin. 62 Jahre ist er alt und man sagt ihm nach, er sei noch fit wie ein Turnschuh.
Als die Markierung gelbes Dreieck erscheint, ist dann auch schon die Valea Rea erreicht und es geht jetzt stetig nordwärts das Tal hinauf. Kurz vor Überschreiten der Baumgrenze geht der Regen in Graupelschauer über, als ich dann die einem kalten Wind ausgesetzten Bergwiesen erreiche, schneit es. Hier bleibt der Schnee bereits liegen, schon bei etwa 1700 m, schöne Aussichten für die Peleaga! Der Schneefall läßt gelegentlich nach, um einige Augenblicke später erneut einzusetzen, die Sonne hinterm Milchglas erhält die Hoffnung auf Besserung aufrecht. Wenn der Schneefall verstärkt einsetzt, sorgt der brausende Wind für ein blizzardähnliches Schneegestöber, das Orientierung und Wegfindung sehr unangenehm beeinträchtigt. Glücklicherweise sind auf dem Weg Wintermarkierungen mittels hoher Stangen gesetzt, sonst hätte ich wohl schon frühzeitig umkehren müssen. Aber selbst die Stangen sind im wilden Wirbel der weißen Flocken oft nur schwer auszumachen. Bald erreiche ich den ersten von vielen kleinen Bergseen, die dieses wunderschöne Tal charakterisieren. Ich bin jetzt mitten im Winter, rieche förmlich die kalte Schneeluft, der Wind bläst mir gehörig um die Ohren, und es schneit und schneit ...
Die mich umgebenden Gipfel sind nur schwer auszumachen, der Gipfel der Peleaga ist überhaupt nicht zu sehen. Die Peleaga ist mit ihren 2509 m der höchste Berg im Retezat und deren Besteigung stellt für mich eigentlich schon fast ein „muß“ dar. Ich kenne den Berg jedoch nicht, weder weiß ich, wie gut der Weg zu finden ist, noch ist mir bekannt, ob und welche alpintechnischen Schwierigkeiten unter den jetzigen Umständen da oben auf mich lauern könnten. Ich bin völlig allein unterwegs und glaube nicht, daß ich bei diesem Wetter heute überhaupt noch jemand anderen treffen werde. Da ich keine Lust habe, hier eine Neuauflage von Louis Trenker´s „Die weiße Hölle am Piz Palü“ zu erleben, um dann irgendwann in ein paar Tagen als tiefgefrorener Schneemann aufgefunden zu werden, die hängende Zunge an einem kalten Felsen angefroren, entschließe ich mich, die Peleaga – Besteigung bis auf weiteres zu verschieben und über den Paß Saua Zanoagelor (2270 m) ins Gales – Tal zu gelangen, was in der momentanen Situation schon eine genügend große Herausforderung ist. Vom Gales – See aus werde ich dann den bereits bekannten Weg zur Pietrele – Hütte nehmen. Der Weg hinauf zur Paßhöhe ist trotz oder vielleicht auch gerade wegen des schlechten Wetters besonders reizvoll. Mit jeder Geländestufe, die ich überwinde, tauchen erneut ein oder meist auch mehrere Bergseen auf, dazwischen ist die Schneedecke beinahe vollends geschlossen, läßt nur noch graue Felsblöcke darunter hervorstarren. Als ich den Sattel erreiche, komme ich endlich aus den Böen und somit aus dem Schneegestöber heraus, und unter mir öffnet sich die Aussicht auf drei weitere prächtige Bergseen, die direkt hintereinander auf verschiedenen Stufen liegen. Um zum Gales – See zu gelangen, darf ich mich aber keinesfalls dazu verleiten lassen, zu diesen Seen hinunterzusteigen, wie mir der jetzt wieder möglich gewordene Blick auf die Karte verrät. Vielmehr muß ich mich nun rechts, Richtung Nordost halten, der Sommerweg spielt allerdings bei den momentanen Verhältnissen kaum noch eine Rolle. Die Blockfelder sind mit der Neuschneeauflage wesentlich angenehmer zu begehen, als das am Vortag noch der Fall war, und so erreiche ich nach einem recht zügigen Abstieg den Gales – See. Hat dieser sich noch zwei Tage zuvor vor mir unter einer Nebeldecke versteckt, so ist mir heute das vorweihnachtliche Naturschauspiel „Gales – See bei Schneefall“ vergönnt. Ich traversiere am Ostufer, um gleich danach in die Latschenzone einzudringen, wo mir doch promt ein triefend nasser Wandersmann begegnet. Ich kenne den jungen Mann bereits, er war bei unserer Ankunft an der Pietrele – Hütte mit den drei Jungs von der Salvamont (rumänische Bergrettung) zusammen, mit denen wir uns nach Entrichten der für westliche Besucher geringfügigen Nationalparkgebühr noch eine Weile unterhalten haben. Zur Peleaga wolle er, und er schlägt meine Warnungen in den Wind. Er kenne hier im Retezat jeden Felsen und er freue sich richtig auf ein Stück alpinistischen Schwereinsatz. Ich wünsche ihm noch viel Glück und setze meinen Weg fort, hinunter zur Pietrele – Baude. Dort angekommen, erfahre ich, daß meine deutschen Freunde ebenfalls noch anwesend sind. David, so heißt der junge Ungar, dem ich am Gales – See begegnet bin, hatte geglaubt, sie seien bereits abgereist. Als man mir die Hüttentür öffnet, lasse ich mich, froh darüber, ein trockenes und warmes Quartier vorzufinden, erst einmal reichlich erschöpft auf dem Hüttenboden nieder. Meine nassen Klamotten dampfen in der warmen Bude, unsere ungarischen Nachbarn lassen sich heute beim Anfeuern des Kamins nicht lumpen. So bin ich abermals zusammen mit Stefan, Dorle und Sabine, und bin eigentlich froh darüber, sie nochmals angetroffen zu haben, denn es wird ein geselliger Abend bei interessanten Gesprächen, Kartenspiel, sanften Schlafliedern und gruseligen Gute – Nacht - Geschichten. Die Lebensmittel habe ich übrigens auf den Kleiderständer gehängt, da die Drei mir gleichfalls von einem nächtlichen Besuch durch Nagetiere berichtet haben.
Tags darauf erwache ich mit reichlicher Unentschlossenheit. Die erste besteht bereits darin, sich aus dem warmen Schlafsack herauszupellen und die leider nicht trocken gewordenen Klamotten überzustreifen, eine Prozedur, die übrigens während meiner gesamten Retezat – Tour jeden Morgen zu einer erneuten Härteprüfung werden soll. Ich habe bereits am Vorabend meinen drei Zimmergenoss/-innen mitgeteilt, daß ich bei bleibender Wetterlage eventuell mein Glück in den niedrigeren Munti Apuseni suchen werde. Das Wetter ist immer noch schlecht, jedoch nicht mehr ganz so, wie gestern oder vorgestern. Die Wolkendecke gibt zwischendurch sogar ein Stück blauen Himmel frei. Meine drei Freunde werden den Retezat heute auf jeden Fall verlassen, sie wollen zuerst nach Sibiu, der Stadt, in der Dorle studiert (Zitat Dorle: „das Einzige, was ich daran bereue, ist, daß ich zu spät damit angefangen habe, Rumänisch zu lernen!“). Danach wollen sie sich abermals ins Gebirge begeben, das Ziel ist jedoch anbetrachts der Situation noch unklar. Stefan: „Unter den derzeitigen Bedingungen gehen wir auf keinen Fall auf den Fagarasch – Hauptkamm!“ Ich habe mich zwischenzeitlich dazu durchgerungen, es doch noch weiterhin im Retezat zu versuchen, und zwar mit der Nord – Süd – Querung von der Pietrele – bis zur Buta – Hütte, welche sich hinter dem südlichen Hauptkamm in guter Reichweite zum Retezatul Mic (Kleiner Retezat) befindet. Diese Tour ist nicht allzu schwierig und gilt als die populärste im Gebirge. An einem Tag ist sie gut zu bewerkstelligen und bedeutet auch gleichzeitig die Überschreitung beider Hauptkämme, wobei die mir zwischenzeitlich schon bekannte Curmatura Bucurei mit 2206 m den höchsten Punkt auf dem Weg vorstellt. Sollte ich dort scheitern, so wären die Rückkehr zur Pietrele und der Rückzug aus dem Retezat angezeigt.
Bis ich im Speisesaal des Hauptgebäudes gefrühstückt und meinen Proviant durch einen Laib Brot, ein Glas Marmelade und einen Becher Margarine aufgestockt habe, wird es viertel nach Neun. Die Waldwege im Retezat sind immer wieder herrlich, selten sieht man einen derart schönen Bergwald, wie hier. Während ich bei meiner Fagarasch – Durchquerung vor zwei Jahren den Hauptkamm so gut wie nie verlassen habe, kehre ich im Retezat immer wieder zurück in die Bergwaldzone, um tags darauf erneut wieder aufzusteigen. Dieses Auf und Ab lohnt sich jedoch immer wieder, und so bin ich auch heute auf´s Neue entzückt von moosüberzogenen Felsbrocken, Tannenbäumen, die wirklich noch von unten bis nach oben hin begrünt sind, von Moosflechten, die den Waldboden einem Teppich gleich bedecken, dazwischen Pilze aller Farben und Größen, wild durcheinanderliegende, umgestürzte Bäume müssen gelegentlich schon mal überstiegen werden, und Kolonien hüfthoher Farne säumen den Pfad. Stets begleitet mich das Rauschen des Wildbaches, bald sehr nahe, wenn ich direkt an seinem Ufer entlang aufsteige, bald entfernt, wenn sein Rauschen aus der Tiefe zum vielleicht jetzt weit überhalb des Bachbetts weiterführenden Pfad heraufdringt. Dann nehme ich auch in der Ruhe das Gluggern des einen oder anderen Rinnsales wahr, das seinen Weg abwärts sucht, um sich dort mit den tosenden Wassermassen im Talgrund zu vereinigen. Kurz vor Ankunft an der Gentiana – Hütte, an der mein Weg vorbeiführt, treffe ich den alten Ungarn wieder. Mit meinem Tarzanrumänisch erkläre ich ihm meinen heutigen Weg, und daß ich gestern wegen des Wetters doch nicht über die Peleaga gegangen bin. Wir wünschen uns noch gegenseitig „drum bun!“ (guten Weg), und ein jeder folgt seiner Richtung. Überhalb der Bergwaldzone genieße ich in vollen Zügen den Blick zurück in das wunderschöne Trogtal, wo Nebelfetzen über mit golden leuchtenden Lärchen gespickte Tannenwälder ziehen. Dieser herrliche Bergwald unter mir ähnelt verblüffend den Bildern eines kanadischen „Indian summer“, während man in der alpinen Zone meinen könnte, man befände sich in einer weißen Gebirgslandschaft im menschenleeren Alaska. Gleichwohl grenzen sich jetzt die Klimazonen krasser als sonst voneinander ab, denn derweil ich hier oben durch eine geschlossene winterliche Schneedecke marschiere, trägt die Bergwaldregion noch die wunderbaren Farben des Herbstes. Während die Sonne immer noch im Clinch mit dem zähen Nebel liegt, bietet sich mir heute eine doch sehr gute Sicht auf die mich umgebenden Gipfel. Gezuckerte Bergrücken gehen nach unten hin in sattes Grün oder fahles, mit phosphornem Grünspan überzogenes Grau riesiger Schuttfelder über, die höheren Berge zeigen indes nur noch Weiß und dunkles, kaltes Granit. Der Aufstieg zum Paß beschwört Gefühlswallungen in mir herauf, die man wohl nur kennenlernt, wenn man so unterwegs ist wie ich jetzt und hier. Es ist windstill, die einzigen Geräusche, die mein Gehör wahrnimmt, sind mein eigener, keuchender Atem und das Stapfen meiner Schritte im frischen, blitzeblanken, jungfräulichen Schnee. Nur gelegentlich erinnern mich Wildspuren daran, daß hier auch noch andere Lebewesen unterwegs sind. Kurz unterhalb des Passes hat jemand in großen Lettern einen Bibelspruch an eine Felswand gepinselt (Psalm 121, wen´s interessiert). Ja, hier in den Bergen kann man wirklich gläubig werden, oder zumindest überkommt einem sehr oft das Gefühl der Dankbarkeit dafür, derlei Herrlichkeiten erfahren zu dürfen, und so habe ich auch heute wieder nahezu das Bedürfnis, auf die Knie zu fallen, um dem Schöpfer, wie auch immer er sich definieren mag, für dieses Erleben zu danken.
Die Wegfindung im Frühwinter fällt mir leichter, als ich es befürchtet habe. Die Konturen des Sommerweges sind mit einem guten Auge oftmals noch auszumachen, auch Wegzeichen finden sich immer wieder. Da hat mir so manche spätfrühjährlich – frühsommerliche Wanderung schon wesentlich größere Schwierigkeiten beschert, wenn riesige Altschneefelder die Wege noch komplett zudecken und so mancher weniger ausgetretene Pfad, im Winterhalbjahr von der Schneedecke geschützt, überhaupt nicht mehr auffindbar ist. Auch der Schnee ist heuer weitgehend gut begehbar, ja schont im Abstieg obendrein sogar noch die Kniegelenke. Von der Paßhöhe blicke ich herab in den Kessel des Lac Bucura, dem Herzen des Retezat. Der kleine See rechts davon, dort bin ich bei meinem „sensationellen“ Abstieg von der Bucura I angekommen, aber jetzt ist die Situation, trotz des zwischenzeitlich wiederkehrenden Nebels, doch etwas übersichtlicher, als vor zwei Tagen. Ich bin schon zur Hälfte herabgestiegen, da vernehme ich Rufen. Als mein Blick der Richtung folgt, sehe ich zwei Personen, die, aus Richtung der Peleaga kommend, soeben den Sattel erreichen. Ich warte. Als die Beiden sich nähern, erkenne ich Csaba und Laszlo wieder, meine ungarischen Freunde von der Cabana Gentiana. Die guten Kerle hatten gestern extra Tee für mich gekocht, wenn ich halb erfroren in der Salvamont – Hütte am Südufer des Bucura – Sees eintreffen sollte, wo wir uns ja eigentlich verabredet hatten. Wir gehen gemeinsam zur Hütte, wobei wir noch einen kleinen Abstecher in westliche Richtung vornehmen, wo die wunderbar sich in die ernste Gebirgslandschaft einfügenden kleinen Bergseen Florica und Viorica, sowie der größere und noch etwas tiefer gelegene Lacul Ana, einzusehen sind. Ein kurzes Sondierungsgespräch, und ich beschließe, die Nacht mit den beiden hier in der Salvamont – Hütte zu verbringen, um morgen dann gemeinsam zur Buta – Hütte weiterzumarschieren. Auf der Peleaga bat sich heute laut Aussage von Csaba und Laszlo keine Aussicht, trotzdem will auch ich noch zum Gipfel. Erstens könnte sich die Situation dort oben kurzfristig verbessern, zweitens ist noch genügend Zeit für eine solche Unternehmung und drittens weiß ich nicht, ob sich die Chance, die Peleaga zu ersteigen, noch einmal ergibt. Kein Problem, meint Csaba, und er führt mich ein Stück bergaufwärts, wo die frischen Aufstiegsspuren der Beiden sich den steilen Hang hinaufziehen. Sozusagen ein Geschenk, ich brauche nur in der Spur zu bleiben. Ohne zu zögern mache ich mich sofort auf den Weg, ein etwas überhasteter Aufbruch, denn unterwegs fällt mir ein, daß ich meine Landkarte auf dem Tisch in der Hütte liegengelassen habe. Egal, alles kein Problem, denke ich. So stellt es sich denn zunächst auch dar, bis zum Erreichen des völlig zugenebelten Gipfels. Dann, mit vielleicht etwas übersteigertem Selbstbewußtsein, komme ich auf die fatale Idee, den Abstieg ins Bucura – Joch ohne die Fährten meiner Freunde zu bewerkstelligen, da ich diese Auf Anhieb nicht finde. Als ich schließlich in einen kleineren Sattel gelange, finde ich dort die Wegmarkierung gelbes Kreuz, die gleiche Markierung, wie meine Aufstiegsroute. Komisch, denke ich. Wenigstens habe ich den Kompaß mit dabei, und der zeigt an, daß dieser Weg nach Norden führt. Auch der Aufsteig vom Gales – Tal zur Peleaga kommt von Norden, so schießt es mir durch den Kopf. Bloß nicht nach Norden ins falsche Tal absteigen, ich habe mein Gepäck mit der gesamten Ausrüstung am Bucura – See deponiert, ich muß dorthin zurückkehren! Über Blockfelder überklettere ich die direkt vor mir liegende Bergkuppe, in der Hoffnung, dort dann in den Bucura – Sattel zu gelangen. Doch zu meiner Enttäuschung findet sich hier überhaupt keine Wegemarkierung und der Nebel hat keine Lust, sich auch nur ein bißchen zu lichten, um mir durch einen kurzen Blick hinunter meine Orientierung zurückzugeben. Ich Idiot mußte aber auch die Karte unten liegen lassen, ein einziger Blick hätte alles aufgeklärt. Stattdessen beschließe ich kurzerhand, weglos von meiner jetzigen Position aus zur Südseite hin abzusteigen. Ich muß dann wohl zwangsläufig auf den Bucura – See stoßen, so denke ich. Eine Stunde habe ich gebraucht, um vom Bucura – See aus auf den Gipfel zu gelangen, und der Abstieg zieht sich nun schon unendlich lange hin. Als ich auf die Uhr schaue, ist schon weit über eine Stunde vergangen, und noch immer ist nichts vom See zu sehen. Es nutzt nichts, ich muß solange absteigen, bis ich den Kessel erreiche. Dabei folge ich einem Bach entlang abwärts, als sich dann doch noch der Nebel lichtet, und einen Blick frei gibt, der mir das Herz in die Hose rutschen läßt. Ein wunderschöner großer See erscheint unter mir, aber es ist nicht der Bucura – See! Verdammt noch mal, wo bin ich denn hier? Was für ein Leichtsinn, das mit der Karte! Der See ist nicht mehr von Schnee umgeben und kurz danach beginnt schon der Bergwald. Ergo, ich bin zu tief! Ich steige entlang einer Felswand auf eine Erhöhung, von der aus ich mir etwas Übersicht verspreche. Weiter entfernt entdecke ich die Stange einer Wintermarkierung, rotes Kreuz. Ich muß es versuchen, muß dem Weg aufwärts folgen, abwärts wäre auf jeden Fall verkehrt. Die Uhr zeigt mir Gott sei Dank noch etwas Zeit bis zum Sonnenuntergang an und meine Kondition, eine Trumpfkarte in einem eventuellen Überlebenskampf, wird mich auch noch nicht so schnell verlassen. Allerdings werde ich jetzt ganz schön nervös. Als ich nach einem guten Stück aufwärts eine erneute Geländekuppe erreiche, fällt mir ein Stein vom Herzen, als ich vor mir den Bucura – See und mein geliebtes Salvamont – Hüttchen erblicke. Dort ist David zwischenzeitlich eingetroffen, der sein Peleaga – Abenteuer gestern offensichtlich überlebt hat, es müssen ihm aber, nach eigenem Bekunden, gehörig die Fetzen um die Ohren geflogen sein. Total erleichtert lasse ich mich auf der Holzbank in der Hütte nieder und erzähle sogleich von meiner soeben überstandenen Odyssee. Hinterher ist es immer lustig ...
Während Laszlo und Csaba der in Rumänien ansäßigen ungarischen Bevölkerungsminderheit angehören, kommt David aus der Nähe von Budapest und spricht fließend Englisch. Einerseits für mich ein Vorteil, andererseits vielleicht auch etwas abträglich für das von mir angestrebte Erlernen des rumänischen Idioms. David ist ohne Gepäck unterwegs, will deshalb heute noch zur Pietrele – Baude zurückkehren, ohne sich darum zu scheren, daß er diese erst lange nach Sonnenuntergang erreichen wird. Nicht einmal eine Lampe hat er bei sich, von der Peleaga sei er gestern erst kurz vor 11 Uhr nachts zurückgekehrt. Allerdings kennt er sich im Retezat bestens aus. Seit zehn Tagen hält er sich bereits hier auf und im August waren es ganze vier Wochen. Wir beschließen ein Abkommen, daß wir uns morgen abend an der Buta – Hütte wiedertreffen und den Rest der mir noch verbleibenden Tage zusammen verbringen werden. Er selbst gedenkt, so lange im Retezat zu verweilen, bis ihm die Lebensmittel ausgehen. Durch ihn erfahren wir auch, daß der Hüttenwirt der Cabana Buta bereits den Rückzug ins Tal angetreten hat und uns dort nur noch die Selbstversorgung bleibt. Wir geben ihm noch etwas Geld mit auf den Weg, damit er uns morgen Brot von der Pietrele – Hütte mitbringen kann.
Normalerweise sind für die Wanderer, die am Bucura – See nächtigen wollen, mit Steinmauern als Windschutz umgebene Zeltplätze vorgesehen, da die Salvamont – Besatzung – übrigens zwischenzeitlich auch die an der Pietrele – abgezogen ist, ist es erlaubt, dort zu nächtigen. Die Hütte ist eine echt romantische Unterkunft, allerdings besteht keine Heizmöglichkeit, was unter den gegebenen Umständen auf über 2000 Metern eine erfrischende Nacht verspricht. Leider lassen sich die Nagetiere von der Kälte nicht vertreiben, und nachts erwache ich durch Rascheln und das Klappern einer Konservendose. Ich stehe auf, kann das Viech aber nirgends entdecken. Die ist bestimmt nur am Abfall, denke ich mir und lege mich wieder beruhigt zum Schlafen. Tags darauf finde ich die Tüte mit den Lebensmitteln, die in meinem fahrlässigerweise nicht ordentlich verschlossenen Rucksack waren, angeknabbert. Diesmal war´s ein Schokoriegel, die stehen wohl auf Süßes! In so einem Fall genügt jedoch eine kleine Sezierung mir dem Messer, denn auf einer Selbstversorgertour lernt man sehr schnell, mit den mitgeführten Lebensmitteln zu haushalten. Was man einmal getragen hat, hat zwangsläufig Energieverbrennung verursacht, und sollte dann auch wieder als Kalorienzufuhr an den Körper zurückgeführt werden.
Der folgende Morgen ist schweinekalt, Nebel liegt über dem Hochtal. Die Gipfel, die dem See und unserer Hütte in westlicher Richtung gegenüberliegen, sind jedoch frei, ein heroischer Anblick zur frühen Morgenstunde! Inzwischen wärmt Csaba´s Benzinkocher aus russischen Militärbeständen in bescheidenem Maße das Hüttlein, wir sind jedoch dankbar für jedes Quentchen Wärme und scharen uns um den winzigen Kocher herum, als wär´s ein Kanonenofen. Auch gestern hat Csaba Stunden damit zugebracht, alle möglichen Speisen auf dem kleinen Feuer zusammenzuzaubern. Ständig soll ich mitessen, mir ist es jedoch etwas peinlich, da ich nichts entgegenzusetzen habe. Ich bin sehr wohl auch mit einem gewissen Vorrat ausgestattet, da ich aber mit einer Teilversorgung an den Hütten gerechnet habe, wird es langsam knapp. Den türkischen Kaffe, den die Beiden mir anbieten, lehne ich jedoch nicht ab. Diese Art Kaffee, wie man ihn noch in vielen Ländern der ehemaligen Donaumonarchie bekommt, wird oft verschmäht, ich jedoch verehre ihn.
Die heutige Etappe mag etwas kurz sein, sie ist dafür besonders traumhaft. Wir folgen der Markierung rotes Kreuz, die mich gestern noch gerettet hat, talwärts, bis hinab in verwunschenen Bergwald. Unterwegs stoßen wir immer wieder auf Stellen mit aufgewühlter Erde auf Lichtungen und Bergwiesen, die vermutlich durch Wildschweine verursacht wurden. Wasserfälle, die unter uns in der Schlucht tosen, prächtige Gipfelpanoramen und fantastische Lichtzaubereien, die Nebel und Sonne veranstalten, lassen uns immer wieder innehalten, um einfach nur zu Staunen oder zu fotografieren, wohl wissend, daß es mit unseren Apparaten niemals gelingen wird, die Gesamtheit dieser atemberaubenden Landschaft auf ein Bild zu bannen. Unser Weg führt uns herab bis auf etwa 1600 Meter, wo die Poiana (= Wiese) Pelegii erreicht wird, eine idyllische Waldlichtung, auf der sich auch eine kleine Salvamont – Blockhütte befindet. Sie ist innen etwas düsterer als das Refugium am Bucura – See, dafür sind die Nächte hier unten nicht so kalt. Sicherlich wäre dieser Ort ebenfalls ein geeigneter Übernachtungsstützpunkt, und im Sommer, wenn die Hütte von der Bergrettung belegt ist, eignet sich die Wiese hervorragend zum Zelten. Wir aber wollen noch weiter, den südlichen Hauptkamm, der nun direkt vor uns liegt, überschreiten, um so zur Cabana Buta zu gelangen. Ein kurzes Stück geht es noch abwärts, wobei die Furt des Peleaga – Baches den tiefsten Punkt unserer heutigen Wanderung darstellt. Etwas flußabwärts unserer wackeligen Baumstammbrücke steht ein altes, defektes Staumwehr aus Holz, das beinahe schon einem Biberdamm gleicht. Von nun an geht es wiederum stetig bergan, zuerst durch Tannenwald, dann über Bergwiesen. Immer wieder drehen wir uns um, wo sich hinter uns prächtige, weißgetünchte Gipfel emporrecken, herrlich grüne Waldbestände sind mit dem grellen Orange der Lärchen besprenkelt und dort unten, ganz winzig, erkennen wir am Waldrand der Wiese Poiana Pelegii das Salvamont – Hüttchen. Das Schauspiel hält nicht mehr allzu lange vor, ruckzuck zieht Nebel vor die Gipfel, und nur wenige Augenblicke später stehen auch wir selbst mitten in der Suppe. In dieser unheimlich anmutenden Szenerie passieren wir die beiden kleinen Seen Lacurile Papusii (1855 m), bis wir dann kurz darauf endgültig die sich zwischen Latschenfeldern und Bergwiesen einschmiegende Passhöhe Saua Plaiul Mic (1879 m) erreichen, wo sich mehrere Wege treffen. Neben dem Wegweiser ragt auch ein die Himmelsrichtungen anzeigendes Metallobjekt in die feuchte Nebelluft. Von nun an geht es wieder bergab, bald schon gelangen wir wiederum zur Baumgrenze, wo wir in dunklen Wald eintauchen, durch den ein steile Pfad uns schließlich hinunter zur Cabana Buta (1580 m) bringt. Mit der Ankunft an der Cabana Buta haben wir die Überschreitung des südlichen Hauptkammes abgeschlossen. Wenn auch der Südkamm des Retezat nicht so hoch und alpin ist, wie sein nördlicher Pendant, so ist er doch ziemlich lang und führt direkt in den Kleinen Retezat, wo sich auch die Gesteinsart des Gebirges ändert. Dominiert im Großen Retezat der Granit, so finden wir im Kleinen Retezat Kalkstein vor.
Die Cabana Buta ist verlassen, wie uns David prophezeiht hatte. Die Hütte selbst befindet sich ein einem sehr guten Zustand, und ist, aus Stein und Holz gebaut, wirklich schön. Besonders freut uns, daß wir haufenweise gehacktes Holz vorfinden. Ansonsten fährt allerlei Krimskrams, vom Sonnenschirm über eine Parabolantenne und einem Kinderauto bis hin zu verschiedenen Werkzeugen und Baumaterialien, um´s Haus herum. Dies und die abgetakelten kleinen Wellblechhütten stören mich nicht, es verleiht diesem Ort die Atmosphäre einer heruntergekommenen Waldarbeitersiedlung mit einem Schuß Wild – West - Romantik. Das Dacia – Wrack und der davor sich ausbreitende Müllhaufen finden allerdings weniger mein Gefallen. Die Eingangstür ist zugesperrt, aber jemand hat eine Schachtel mit ein paar Zigaretten, in der sich auch ein Zehn Euro – Schein befindet, an der Türklinke zurückgelassen. Folglich ist hier in Abwesenheit des Hüttenwirtes genächtigt worden und ich begebe mich über die Holztreppe hinauf zum Balkon des Obergeschosses, wo ich dann auch promt zwei von mehreren Schlafräumen unverschlossen vorfinde. Die Räume und die darin sich befindlichen Betten befinden sich in einem ordentlichen Zustand, weshalb wir beschließen, lieber dort Quartier zu beziehen, anstatt unsere Zelte aufzubauen. Daß die beiden Räume offen sind, führe ich weniger auf den Leichtsinn des Eigentümers zurück, es ist eher eine Versicherung für ihn, daß die Hütte nicht gewaltsam aufgebrochen wird. Nicht jeder Wanderer führt im Retezat sein Zelt mit sich, und es ist auch lange nicht Jedem bekannt, daß manche Hütten über die Wintermonate unbewirtschaftet sind. Wenn dann jemand bei schlechten Witterungsverhältnissen völlig erschöpft kurz vor Sonnenuntergang hier eintrifft und die Hütte verschlosssen vorfindet, dann kann es schon mal passieren, daß er in der Not eine Tür gewaltsam aufbricht, nur um in einem trockenen und windgeschützten Raum Unterschlupf zu finden.
Nach der Quartiernahme begebe ich mich auf Erkundungsgang in die nächste Umgebung. Nur wenige hundert Meter von unserer Cabana entfernt befindet sich eine Einfriedung mit mehreren Schäferhütten, rumänisch Stina genannt, die aber verlassen ist, die Schäfer sind bereits mitsamt Hunden und Schafen in tiefere Gefielde zurückgekehrt, wo das Klima noch nicht so winterlich ist, wie hier oben. So sehr ich mich immer wieder über ein Zusammentreffen mit den rumänischen Schäfern freue, jenen noch echten Naturburschen, die bekannt sind für ihre Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft in schwierigen Situationen, so sehr gehen mir deren aggressiven Hunde auf die Nerven. Heute kann ich die Stina jedenfalls passieren, ohne fürchten zu müssen, von einem Rudel wildgewordener Schäferhunde eingekesselt zu werden. Ich überquere den Bach, um seinem Lauf entlang nach oben zu folgen. Dort oben liegt der kleine, romantische Buta – See, in dem auch der Wildbach seinen Ursprung hat. Kurz vor der Stelle, wo der Überlauf des Sees sich in das Bett des Bergbaches ergießt, steht ein Gedenkkreuz, wo ein erst 21 – jähriger vor einigen Jahren sein Leben lassen mußte. Neben dem Lacul Buta befindet sich ein noch etwas kleinerer See, daneben schöne Felsen. Würde ich mich weiter hinauf begeben, so gelangte ich auf den südlichen Retezat - Hauptkamm, wo ich in nordöstlicher Richtung den von uns vor nicht einmal zwei Stunden überschrittenen Sattel Plaiul Mic erreichen würde, während Südwest zunächst auf den Gipfel Virful Dragsanu (2080m) führt, von dem aus man dann den gesamten Kleinen Retezat auf dem Kammweg durchqueren könnte. Da ich und David uns eigentlich schon so was in der Art ausgedacht haben, bemühe ich mich heute nicht, noch höher zu gelangen, und genieße lieber die einsame Stille und die schöne Aussicht auf der Wiese zwischen den Ufern der beiden Seelein, wo weißgezuckerte Gipfel den deftig grünen Bergwald einrahmen. Der weit unten sich hinziehende, markante Taleinschnitt soll mir in wenigen Tagen als Rückzugsweg aus dem Gebirge dienen. Durch dieses waldige Tal will ich dann hinunterwandern in die Ortschaft Cimpu lui Neag, von wo aus ich dann voraussichtlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Deva zurückkehren werde. Als ich zur Hütte zurückkehre, lodert bereits ein Lagerfeuer, gerade recht, denn der Abend verspricht kalt zu werden. Gegen halb Sieben trifft David, mit schwerem Gepäck beladen, ein. Er ist praktisch umgezogen, hat seinen vorigen Standort, die Salvamont – Hütte an der Pietrele – Baude, mit Sack, Pack und sämtlichem Proviant verlassen, um seine noch verbleibende Zeit hier an der Buta – Hütte zu verbringen. Besonders freuen wir uns über drei Kilo frisches Brot, das er von der Pietrele hierhergebracht hat. Außer uns treiben sich noch drei junge Katzen an der Hütte herum, eine gute Versicherung vor eventuell unsere Lebensmittel begehrenden Mäusen, weshalb wir die Katzen gut behandeln, sie tagsüber in unseren Schlafsäcken kuscheln lassen und ihnen auch den einen oder anderen Essensrest zukommen lassen. Unter einem klaren Sternenhimmel verbringen wir noch einen geselligen Abend am Feuer. Nachts wird es ziemlich kalt, obwohl wir uns ja „ nur“ noch auf 1580 Höhenmetern befinden. Wären wir diese Nacht oben am Bucura – See zugebracht, hätten wir wahrscheinlich geschlottert wie spanische Kastagnetten zum Flamenco Diablissimo.
Laszlo und Csaba werden in den frühen Morgenstunden bereits aktiv, und als ich meine Nase über den Saum meines Schlafsackes recke, künden sie mir von schönem Wetter, was man drinnen in der düsteren Schlafkammer gar nicht so recht mitbekommt. In diesem Fall entschließe ich mich, doch langsam aufzustehen, um mich davon zu überzeugen, denn nach den vergangenen Tagen mag man es kaum glauben. Und tatsächlich, blauer Himmel und strahlender Sonnenschein! Csaba und Laszlo machen sich schon auf den Weg, während wir mal langsam mit der Frühstückszubereitung beginnen. Ich weiß, daß David ein guter Esser ist, der sich für diese Vorgänge auch immer ausgiebig Zeit lässt. Die Zeremonie zieht sich dann allerdings nahezu vier Stunden hin. Brot, Wurst, Marmelade, dann ein Süppchen, dazwischen Tee, dann nochmal ein Süppchen ...
Um zwölf Uhr mittags machen wir uns schließlich auf den Weg zu einer Bergtour, die man als eine klassische im Retezat bezeichnen kann, und die eigentlich einen vollen Tag beansprucht. David hat diese Route schon mehrmals gemacht, er prophezeiht eine vorraussichtliche Rückkehr gegen 21 Uhr. Das bedeutet, eine Stunde werden wir auf jeden Fall im Dunkeln mit Hilfe der Stirnlampe zurücklegen müssen. David hat während seiner Retezat – Aufenthalte akribisch Buch geführt über sämtliche Wegzeiten, den Routenverlauf selbst kennt er bestens, so daß auch ich für dieses Unternehmen keinerlei Bedenken hege. Außerdem kann ich mich des Eindruckes nicht erwehren, daß es ihm sogar ein gewisses Vergnügen bereitet, nachts zu wandern.
Zunächst steigen wir hoch in den Sattel Plaiul Mic, von wo aus wir dem Kammweg in nordöstlicher Richtung folgen, hin zum ersten markanten Gipfel Viful Custura (2457 m). Der Blick vom Kamm aus ist heute ungetrübt und läßt uns fast alle „Größen“ des Retezat in Augenschein nehmen, wie Papusa, Peleaga, das Bucura – Dreigestirn und, von unserer Position aus besonders prägnant und anmutig, der südlich im kleinen Retezat aufragende Virful Piule (2081 m) mit seiner auffallenden Felswand, die er wie einen Schild vor sich trägt, über dem der schneebedeckte Gipfel in der Sonne glänzt. Im Bereich der Papusa Custurii (2209 m) die wir aus Zeitgründen links liegen lassen, kommen uns unsere beiden Freunde entgegen, sie sind bereits am Abschluß ihrer heutigen Wanderung angelangt, die sie unter anderem gleichfalls auf den Custura – Gipfel geführt hat. Sie wollen wahrscheinlich heute noch in´s Tal zurückkehren, um die Heimreise anzutreten, was ich ein wenig bedauere, ich wäre gerne noch einen Abend mit diesen zwei sympatischen Kerlen zusammen am Lagerfeuer gesessen. Der vergangene Abend am wärmenden Feuer hat unser aller Lieblingsthema heraufbeschworen: die Berge in und außerhalb Rumäniens. Csaba, der selbst im Einzugsgebiet der Muntii Bihor zuhause ist, kann dabei in Bezug auf die rumänischen Karpaten auf den größten Erfahrungsschatz zurückblicken. Seit mehr als zehn Jahren durchstöbert er zu jeder sich bietenden Gelegenheit sämtliche Ecken und Winkel dieses so umfangreichen Gebirges. Auch große und außergewöhnliche Ziele außerhalb Rumäniens, wie das Nanga Parbat – Basislager (Karakorum, Pakistan) oder die Bergwelt Mazedoniens waren schon Ziel seiner Bergfahrten und gelegentlich konnten wir sogar gegenseitige Erfahrungen über gemeinsame Ziele austauschen, so Fagarasch und Piatra Craiului in Rumänien, sowie Julische Alpen (Slowenien), und Mussala im bulgarischen Rila - Gebirge (höchster Berg der Balkanhalbinsel). Auch wenn wir unter Tags getrennte Aktionen starten, hat sich zwischen uns Vieren eine Art Teamgeist entwickelt, ja durch die Tatsache, daß außer uns vielleicht niemand mehr unterwegs ist, haben wir schon das Gefühl, der Retezat, gehöre uns, und wir kommen uns aufgrund der jetzt herrschenden Einsamkeit und Stille wie die Wiederentdecker einer vergessenen Bergwelt vor.
Über seine wenig steile, aber sich lange hinziehende Flanke gelangen wir schließlich zum ersten Gipfel des Tages, die Custura. Hier trifft der Papusa – Custura – Kamm auf den südlichen Hauptkamm. Die zweieinhalb Kilometer lange Bergkette verbindet südlichen und nördlichen Hauptkamm, wobei der höhere Nordkamm 30 Kilometer lang ist, während der Südkamm es auf eine Länge von 25 Kilometern bringt.
Die Aussicht vom Custura – Gipfel ist umfassend und einfach traumhaft! Jetzt kommt auch der nördlich gelegene, schöne Virful Mare (2463 m) ins Spiel, nach Osten hin lassen sich Süd- und Nordkamm bis zu ihren Ausläufern verfolgen, während direkt unter uns herrliche Bergseen am Rande verschneiter Kare die umliegenden Berge in ihren Wassern spiegeln. Ein paar kleinere Seen tragen bereits eine dünne Eisschicht, während die größeren Seen der Starre des Winters noch trotzen. Wir steigen wieder ab, wo wir im Sattel Saua Custurii (2205 m) etwa die halbe Länge des Verbindungskammes erreicht haben. Dann wird die Papusa Mica („kleine Puppe“) überstiegen, wobei wir unseren Weg fast ausschließlich am Grat entlang suchen. Der Sommerweg, der wohl etwas weiter unten verläuft, ist unter den gegebenen Umständen unbrauchbar oder nur noch begrenzt benutzbar. Da wir fast ausschließlich auf geschlosssener Schneedecke wandern, richten wir auch keinen Schaden an der Botanik an. Zur Papusa steigen wir über Felsen und Blockfelder in einfacher, spaßiger Kraxelei hinauf, als ob wir den mit Schildplatt besetzten Hals eines Dinosauriers überklettern würden. Die sich bereits bei unserem Abmarsch langsam, aber beständig aufblähenden Wolken ziehen zunächst ins unter uns gelegene Hochtal, um schon bald entlang der Felswände und Blockfelder zu uns hinaufzusteigen, so daß wir binnen Kurzem wieder einmal im Nebel wandeln. Allerdings ist dieser noch nicht so dicht, ein ständiges Auf und Zu wie bei einem Theatervorhang eröffnet uns prächtige Ausblicke, um sie sogleich wieder hinter dichten, erneut heranziehenden Schwaden verschwinden zu lassen. Mit der Überschreitung des Papusa – Gipfels gelangen wir auf den nördlichen Hauptkamm, zunächst hinunter in den Sattel Saua Pelegii (2285 m). Wäre ich vor wenigen Tagen aus der Valea Rea heraus meine Peleaga – Besteigung angegangen, so hätte mich mein Weg eben in diesen Sattel geführt, und die Aufstiegsroute wäre dann identisch gewesen mit der jetzt von uns begangenen. Durch sich lichtenden Nebel offenbart sich uns dann das seenreiche Tal Valea Rea in seiner winterlichen Pracht, bis uns unterhalb des Peleaga - Gipfels der Nebel völlig verschluckt und wir uns im Innern einer weißen Wolkenglocke wiederfinden, die uns jeder Aussicht beraubt. So kommt es, daß ich die Peleaga zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen besteige, und beides Mal ist von dort oben, außer dem Weiß hundertprozentiger Luftfeuchtigkeit, überhaupt nichts zu sehen. Noch während des Abstiegs lichtet sich jedoch der Nebel und ein atemberaubendes Bild bietet sich uns: direkt über dem Bucura – See schwebt eine Nebeldecke, durch deren bereits labil gewordene Substanz die Strahlen der Sonne wie durch einen Filter fließen, so daß uns die Wasseroberfläche des Sees wie eine riesige Silberplatte erscheint. Dem nicht genug, spitzt sich im Süden die Dramatik weiter zu: die dichte, düstere Wolkendecke über uns hat sich direkt über dem Südkamm mit dem Kleinen Retezat geöffnet und die goldgelbe Abendsonne überflutet nun ungehemmt die gesamte Bergkette. Besonders der außergewöhnliche Piule (2081 m) hebt sich hervor, mit seinem mächtigen Felsschild und dem schneebedeckten Gipfel erscheint er uns, als würde er seine tatsächliche Höhe um gute vier – bis fünfhundert Meter übertreffen. Wieder einmal bestätigt sich mein manchmal nicht ganz ernst gemeinter Standardspruch: „ Es gibt nichts langweiligeres, als ein strahlend blauer Himmel!“. Als wir endlich über den Bucura Sattel zum See hinuntergelangen, ist es bereits spät geworden. Wir gehen jetzt den selben schönen Weg, den ich erst gestern mit Laszlo und Csaba zurückgelegt habe, nur diesmal in der Abenddämmerung, einfach traumhaft. Die Sonne ist schon seit einer guten Weile hinter den Gipfeln um den sich westlich von uns auftürmenden Virful Judele (2398 m) verschwunden, doch kommen wir noch lange nach Sonnenuntergang ohne Stirnlampe zurecht. Das menschliche Auge weiß in freier Natur noch das letzte Quentchen Licht auszunützen, so daß wir bloßen Auges noch bis hinauf in den Plaiul – Mic – Sattel gelangen. Erst, als wir im Abstieg zur Buta – Hütte in dichten Fichtenwald eindringen, zücke ich die Lampe, drehe sie an, und ... verdammte Hucke, das gibt´s doch nicht! Ein kurzes, schwaches Lichtlein flackert auf, um gleich darauf den Geist vollends aufzugeben. Scheiß Batterien, kann man sich heutzutage denn auf gar nichts mehr verlassen?! Jetzt wird es für uns aber echt haarig! Hier im Wald ist es so stockfinster, daß man kaum noch die Hand vor den Augen sieht. Mit aller Behutsamkeit tasten wir uns vorwärts, stolpernd, mit ausgestreckten Armen, um nicht Nase voraus irgendwo aufzulaufen, und uns ständig zurufend, damit wir uns wenigstens nicht noch verloren gehen. Nach einigen bangen Minuten, in denen die größte Befürchtung, daß sich einer von uns durch einen Sturz in der Finsternis ernsthaft verletzen könnte, glücklicherweise nicht eintrifft, vernehme ich das Brechen von Holz, und der Geruch von Feuer dringt an meine Nase. Sollten Laszlo und Csaba es sich doch noch einmal anders überlegt haben? Ganz ausgeschlossen hatten sie es ja nicht, bei guten Wetterbedingungen vielleicht doch noch einen Tag dranzuhängen. Schließlich sehen wir unter uns den Schein des Feuers, wir rufen hinunter. Prompt bekommen wir Antwort und ein Lampenlicht scheint zu uns herauf. Wir atmen auf, gerettet! Als wir erleichtert die Hütte errreichen, sitzen dort tatsächlich unsere Freunde am Feuer. Nach dieser recht strapaziösen, aber auch äußerst bereichernden Tour halte ich es heute nicht so lange draußen aus, denn ich bin müde wie ein Siebenschläfer. Ich esse noch ein wenig, die Socken und Schuhe trocknen noch halbwegs am warmen Feuer, dann ziehe ich mich in den Schlafsack zurück, während die anderen Drei noch eine Weile sitzen bleiben. Die Ohrfeige für das Nicht – Funktionieren der Stirnlampe gebührt übrigens nicht dem Batterienhersteller, sondern mir selbst. Als wir draußen zusammensaßen, hatte ich spaßeshalber noch einmal die vermeintlich alten Batterien eingelegt, um festzustellen, ob die vielleicht doch noch ein bißchen was taugen. Nun, es waren die neuen Batterien, die noch einwandfrei funktionieren. Ich war überzeugt, ich hätte heute morgen bereits den Batteriewechsel vorgenommen, aber ich habe wohl nur daran gedacht, und danach vergessen, es auch tatsächlich zu machen, Schande über mich!
Am folgenden Morgen sind es abermals Csaba und Laszlo, die als erste aus den Schlafsäcken kriechen und uns gleich darauf schönes Wetter vermelden. Wir haben für heute eine Tour in den Kleinen Retezat vorgesehen, genauer gesagt, den Südkamm entlang bis vor zur Piatra Iorgovanului ( 2014 m), ein mit einer ungewöhnlich geformten Felswand gekrönter Berg schon fast am Ende des Kleinen Retezat, nahe dem sich anschließenden Godeanu – Massiv. Csaba rät uns einen zeitigen Aufbruch an, und wir beginnen denn auch um acht Uhr mit dem Frühstück. Mein David läßt sich aber alle Zeit der Welt, stets Optimismus ausstrahlend, wir würden das schon noch schaffen. Jedenfalls ist es wieder einmal zwölf Uhr Mittags geworden, Csaba und Laszlo sind längst ins Tal Richtung Cimpu lui Neag abgestiegen, als wir uns schließlich auf den Weg machen. In gewisser Hinsicht will ich David ja beipflichten, die heutige Wegstrecke ist nicht ganz so weit, wie die gestrige und das Gelände offensichtlich einfacher. Allerdings kennen wir dieses Mal beide den Weg nicht und mir kommen auch Bedenken, ob die Markierungen weiterhin so tadellos sein werden, wie wir sie bislang im Retezat vorgefunden haben, denn der nicht mehr dem Nationalpark angehörende Kleine Retezat wird von Wanderern viel weniger frequentiert. Ich jedenfalls habe derlei schlechte Erfahrungen bereits vor zwei Jahren im Fagarasch gemacht, als ich auf dem kaum begangenen Waldpfad zwischen der Curmatura Zarnei und der bereits zu Füßen der gigantischen Kalkwand des Piatra Craiului (Königstein ) gelegenen Unterkunft Plaiul Foii schier verzweifelte.
Gleich zu Beginn unserer Tour deuten sich meine Befürchtungen schon an: hinter dem überquerten Bachbett sind nur noch verschiedene kleine Trampelpfade zu finden, die vielleicht auch von Waldtieren verursachte Wildpfade sein könnten, und bald stehen wir weglos mitten im Dickicht. Unser Orientierungssinn führt uns dann aber wiederum auf den richtigen, diesmal gut ausgetretenen und markierten Weg, allerdings haben wir schon Zeit und Kraft vergeudet. Wir können jetzt die herrliche Felswand des Piule wunderbar einsehen, und was aus der Entfernung wie eine einzige, massive Wand gewirkt hatte, zeigt sich nun zum Teil in viele wohlgeformte Felstürme fragmentiert. Hier würde wohl mancher Alpinkletterer in Versuchung kommen. Auf Anhieb kann ich keine Haken erkennen, kann mir aber andererseits auch nicht vorstellen, daß eine derart tolle Wand, die von der Cabana Buta aus so gut erreichbar ist, noch jungfräulich sein soll. Ein Schild weist uns auf die Möglichkeit der Besteigung des Piule hin, mir selbst scheint es aber schon zu spät, wenn wir wirklich unser geplantes Ziel Piatra Iorgovanului erreichen wollen. David aber ist bereits Feuer und Flamme und ich muß sagen, es sieht wirklich verlockend aus. Auch im Hinblick darauf, wie der Berg gestern vom Bucura – Joch aus auf mich gewirkt hat, würde sich eine Besteigung lohnen. Und so geht´s denn schließlich aufwärts durch eine Schuttrinne, ein bißchen Klettern, und dann Spuren schlagen im steilen, überfrorenen Schneehang. Wie Erstbesteiger kommen wir uns vor, als wir uns unseren eigenen Weg hinauf zum Gipfel suchen. Einem Felsaufschwung rechts von uns können wir gleichfalls nicht wiederstehen, er muß überklettert werden. Schließlich finden wir uns in einer weiteren Rinne, wo wir uns durch Schnee und Latschenbewuchs aufwärts wühlen. Der Gipfel überragt die Felswand um einiges mehr, als es aus der Entfernung erscheint, doch bald haben wir es geschafft, wir stehen schnaubend wie die Rösser auf dem Gipfel und genießen die umfassende Aussicht. Prächtig der Blick nach Norden, zurück zum Retezat. Ein kraterartiger Felskessel, in dem sich auch zwei Seen befinden sollen, soll einmal ein paar Freunden David´s für zwei Tage als Zeltplatz gedient haben. Dieser Kessel, der vom Rades – Zlata – Plateau abbricht, ist normalerweise nicht auf Wanderwegen zu erreichen und somit völlig abgeschieden. Von unserem Standpunkt aus sieht er jedenfalls sehr verlockend aus. Im Osten zieht sich langgestreckt das große Tal der Depresiunea Petrosani mit seinen Bergarbeiterortschaften zwischen den beiden Bergmassiven Muntii Tulisa und Muntii Vilcan bis vor in den Hauptort Petrosani. Westlich schweift unser Blick über den gesamten Kammverlauf des Kleinen Retezat, die eigentümliche Piatra Iorgovanului bildet dort eine markante Erhebung. Noch weiter hinten erkennen wir die Godeanu – Berge, der blau leuchtende See weit im Hintergrund ist der Stausee Gura Apei, nordwestlich davon beginnen die Tarcu – Berge. Von unserem Standpunkt aus gilt es jetzt, zunächst in den Sattel Saua Scorota (1920 m) zu gelangen, den wir auch noch problemlos erreichen. Doch schon bald beginnen die Schwierigkeiten. Der offizielle Weg geht uns unter´m Schnee verloren, und wir kämpfen uns durch dichte Latschenbestände, ohne einen nur halbwegs vernünftigen Pfad zu finden. Zunächst vermuten wir, daß dieser auf dem Grat verläuft, aber Essig war´s. Ein grausiger Abstieg beginnt jetzt durch dichtesten Latschenurwald. Ständig peitschen uns Zweige ins Gesicht, stolpern wir über Ranken und Wurzeln, fluchen, keuchen, schwitzen, aber es nutzt nichts: entweder wir stoßen auf diese Weise auf einen Pfad, oder wir steigen so weit hinab in das unter uns liegende Tal, bis wir wenigstens die Latschenzone hinter uns lassen und uns über offene Bergwiesen unseren Weiterweg suchen können. Ich erahne so langsam den Fehler, den wir begangen haben: Wir haben den Weg immer auf dem Grat oder südlich davon vermutet, doch als ich mir jetzt die Karte nochmals genau ansehe, halte ich es für durchaus möglich, daß er auf der Nordseite unterhalb des Grates verläuft. Als wir in einem Blockfeld angelangen, sind wir erst einmal erleichtert, diesem wilden Buschwerk entronnen zu sein. Allerdings haben wir jetzt schon so viel Zeit verloren, daß an einen Weitermarsch bis Piatra Iorgovanului nicht mehr zu denken ist. Wir einigen uns darauf, in den vor uns liegenden grasigen Sattel aufzusteigen, um somit wiederum auf den Hauptkamm zurückzukehren, um von dort aus zum Virful Dragsanu (2080 m) vorzuwandern und von diesem aus dann den Rückweg zur Cabana anzutreten. So steigen wir also über Bergwiesen empor, das wunderschöne Tal unter uns bewundernd, wo eine winzig in der Ferne sichtbare Stina (Schäferunterkunft) den einzigen Hinweis auf die Existenz von Menschen gibt. Bergbäche schimmern im Glanz der Sonne zu uns herauf und weiter unten, wo der Wald beginnt, bekommt das Tal einen harten Einschnitt, wird schmal und ist von senkrechten Felswänden gesäumt. Bald gelangen wir wieder zurück auf die Kammhöhe, von wo aus es nicht mehr weit ist bis zum Virful Dragsanu (Drachenberg). Der Gipfel an sich hat eine wenig prägnante Erscheinung, er präsentiert sich uns, als wir ihm uns nähern, mehr wie ein Geländehügel denn als ein Berggipfel. Die Aussicht, die er bietet, ist allerdings bestechend. Großer und Kleiner Retezat, Godeanu, Tarcu, Lacul Gura Apei, dazwischen grüne, verlassene Flußtäler, sowie das Tal von Petrosani mit wie auf einer Perlenkette aufgereihten kleinen und größeren Ortschaften, ein Panorama einfach faszinierend und umfassend! Die Frühabendsonne sorgt für köstliches Licht, von Wolken und Nebelschwaden bleiben wir heute verschont. Zurück geht es dann beschaulich den Kamm entlang, über verschneite Bergwiesen, die schon etwas von mittelgebirglicher Sanftheit übermitteln. Bärenspuren kreuzen unseren Weg, gut sichtbar in den frischen Schnee eingedrückt. Aus dem tiefen Tal zu unserer Linken dringt das dumpfe, entfernte Rauschen des Wassers zu uns herauf. Schließlich werden zwei winzige Seelein unter uns sichtbar, sie liegen überhalb des Lacul Buta und dessen kleinerem Nachbarn, welche wir wenige Augenblicke später ebenfalls von oben her einsehen können. Wir steigen hinunter, zunächst zu den kleineren Seen, dann weiter hinab zum Lacul Buta. Wir lassen uns Zeit, genießen die Abendsonne, schwärmen von der uns umgebenden Natur, erklären den Retezat zum Paradies, und schmieden Pläne für unsere zukünftigen Aufenthalte in den rumänischen Karpaten. Als wir die Hütte erreichen, erschrecken wir schon beinahe, als wir dort zwei weitere Wanderer antreffen, so sehr waren wir schon von der Idee überzeugt, wir Beiden seien im Moment die Einzigen, die im Retezat umhergeistern. Der Mann und eine Frau werden durch einen Hund begleitet, der allerdings nicht ihnen gehört. Er sei ihnen seit der Cabana Gura Zlata, wo sie vor zwei Tagen aufgebrochen waren, bis hierher gefolgt. Um so besser, denke ich. Jetzt haben wir Katzen, die unser Essen vor Mäusen schützen, Feuer soll angeblich Bären von nächtlichen Besuchen abhalten, und jetzt kommt auch noch ein Hund als treuer Haus – und Hofwächter hinzu. Meine letzte Nacht im Retezat ist inzwischen angebrochen, und während wir kochend und uns unterhaltend zusammen am Feuer sitzen, spannt sich über unseren Köpfen ein sternenklarer Nachthimmel, ein gutes Omen für den morgigen Tag, den ich ja zumindest noch vormittags mit Wandern verbringen werde. Das rumänische Pärchen hatte die letzte Nacht zeltend am Zanoaga – See verbracht. Mit einer Tiefe von 29 Metern ist er der tiefste See in den Karpaten. Im Bereich des Judele - Sattels hatten die Beiden anscheinend mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen, sind dann aber augenscheinlich doch noch wohlbehalten bis zur Buta – Hütte gelangt. Mich treibt indessen schon wieder die Idee um, eines Tages nochmals in den Retezat zurückzukehren, um genau diesen Weg zu gehen, den die Beiden in den vergangenen zwei Tagen zurückgelegt haben, um danach den gesamten Südkamm durch den Kleinen Retezat zu durchschreiten, anschließend das Godeanu – und das sich anschließende Cerna - Massiv zu durchqueren, um als Endpunkt dieser Bergfahrt den berühmten Kurort Baile Herkulane zu erreichen. Was könnte wohl schöner und wohltuender sein, als nach harten, entbehrungsreichen Wandertagen in dampfenden Thermalquellen die geschundenen Knochen wieder auf Vordermann zu bringen!
Am nächsten Morgen mache ich mich früh auf die Socken. Nach einem frugalen Frühstück verabschiede ich mich von David und begebe mich talwärts. Was auf der Landkarte als Straße eingezeichnet ist, ist für einen herkömmlichen PKW praktisch nicht befahrbar. Auf Forstwegbreite wechseln herausstehende Felsen und Steine mit Schlaglöchern, und immer wieder müssen manchmal knietiefe Furten durchwatet werden. Für Fußgänger besteht die Möglichkeit, über ausgelegte Baumstämme ans andere Ufer zu gelangen. Allerdings empfiehlt es sich, gelegentlich lieber nasse Füße in Kauf zu nehmen, da die glitschigen Stämme sehr unfallträchtig sind. Meine Füße sind eigentlich auf der gesamten Retezat – Tour tagsüber nie richtig trocken geworden. Abends und für die Nacht habe ich mir stets trockene Socken angezogen, während ich mich morgens immer wieder dazu überwunden habe, die nassen Socken vom Vortag wieder anzuziehen. Das ist nur am Anfang unangenehm, denn wenn man einmal in Bewegung ist, friert man bald nicht mehr. Dasselbe habe ich übrigens auch mit den anderen Klamotten gemacht, man darf das alles nur nicht so eng sehen!
Der Weg hinunter ins Tal bringt mich vom Winter zurück in den Herbst, der sich heute von seiner nobelsten Seite zeigt. Herrlicher Sonnenschein und eine angenehme Wärme versüßen mir den Abschied vom Retezat. Unter die Tannen mischen sich immer mehr Laubbäume und Lärchen in kräftigen Leuchtfarben, zwischen den Bäumen hindurch blicke ich auf strotzende Felswände, die das Tal begrenzen, schneebedeckte Bergkuppen ruhen dort oben in der Herbstsonne, und ständig begleitet mich das Tosen des Buta – Baches und der ihm zufließenden Gewässer. Zwei Waldarbeiter sind die ersten Menschen, denen ich an diesem Morgen begegne, es folgt wenig später eine Bäuerin, und kurz darauf stoße ich auf die schönen Häuslein der gestreuten Almsiedlung La Finate. In einiger Entfernung passiere ich eine Schafherde, und ehe die Hunde mich entdecken und sich in wildem Bellen erbosen, verschwinde ich schon wieder im herbstlichen Laubwald. Gleich darauf gelange ich zur Klamm Cheile Butii, wo ich zunächst den schweren Rucksack zwischen den Bäumen abstelle, um einem Pfad zu folgen, der immer weiter aufwärts führt, dabei an Steilheit und Rutschigkeit zunimmt und somit kein touristischer Wanderweg mehr ist. Ich bringe heute morgen noch nicht die Geduld auf, dem Pfad bis ganz nach oben hin zu folgen, zumal auch nicht gewiss ist, ob sich die Mühe überhaupt lohnt. Viel lieber wäre ich ins Innere der Klamm vorgedrungen, es führt aber kein Weg hinein. Ich kehre also um und begnüge mich mit einem Blick in die Klamm von deiner Stelle aus, wo die steile Felswand ein Weiterkommen unmöglich macht. Der sich hinter der Schlucht anschließende Touristenkomplex Cheile Butii macht zumindest von außen einen gepflegten und sauberen Eindruck, vermutlich handelt es sich um eines der ehemals staatlichen Erholungsheime, das zwischenzeitlich privatisiert und renoviert wurde. Ich passiere den Zaun eines bescheiden, aber idyllisch wirkenden Anwesens, hinter dem drei ältere Frauen mit Gartenarbeit beschäftigt sind. Als ich auf Rumänisch frage ob hier auch Busse nach Petrosani verkehren, zeigen sich die älteren Damen entzückt. Woher ich denn komme? Aus Deutschland? Und Sie sprechen Rumänisch? – numai putin (nur wenig) – Doch, doch, das sei schon sehr gut! Wie es mir denn gefalle in Rumänien? Nein Busse würden hier keine verkehren, ich müsse bis zum Ortseingang von Cimpu lui Neag weitergehen. Nun, Tatsache ist jedenfalls, daß selbst geringe Rumänisch – Kenntnisse einem Tür und Tor öffnen und noch dazu macht es Riesenspaß, wenn man merkt, daß man verstanden wird und selbst schon das Eine oder Andere versteht. Ich erreiche schließlich eine sich in sehr gutem Zustand befindliche Teerstraße, der ich nun Richtung Cimpu lui Neag folge. An einer Brücke spricht mich ein älterer Mann an. Ob ich den Bus nach Petrosani erwischen möchte? Dann aber Beeilung, die Haltestelle sei gleich da vorne, hinter der Kurve. Als ich weiterhaste, treffe ich auf den Busfahrer, der gerade vom Wasser holen kommt. Ich muß zunächst bis Lupeni, um von dort aus Anschluß nach Petrosani zu bekommen. Die Dörfer, die wir durchfahren, liegen allesamt in einer schönen Landschaft, sind aber durch häßliche Plattenbauten und heruntergekommene Industrieanlagen verschandelt. Es sind die Wohnungen und Arbeitsplätze der Minenarbeiter, denn wir befinden uns hier sozusagen mitten im rumänischen Ruhrpott, wo die Steinkohle regiert. Seltsam erscheint mir die Koexistenz des bäuerlichen Lebens neben qualmender Schwerindustrie. Auf der einen Seite sieht man typisch rumänische Landhäuser, wo gackernde Hennen und grunzende Schweine sich im Hof herumtrollen, daneben stehen häßliche,verwahrloste Plattenbauten, verfallene Industrieruinen, und verrostete Rohrleitungen ziehen über hunderte von Metern durch die Landschaft. Der Anschlußbus nach Petrosani kommt, wie mir versprochen wurde, und als wir in der rumänischen Steinkohlenmetropole eintreffen, die auch schon mal im Zusammenhang mit revoltenähnlichen Streiks in die Nebenspalten der internationalen Gazetten geriet, erscheint sie mir gar nicht mal so häßlich, wie ich sie mir vorgestellt habe, vermutlich deshalb, weil ich so viel schlechtes über diese Stadt gehört habe, daß meine Erwartungen einen gewissen Tiefstpunkt erreicht hatten. Mit dem Mikrobus geht es schließlich weiter nach Hateg. Wurden wir bereits bei der Abfahrt in Petrosani mehr oder weniger in den Kleintransporter eingepfercht, werden dann auch noch unterwegs weitere Fahrgäste aufgenommen, nach dem Motto: Wie viele Leute passen in einen Kleinbus? Trotz unbequemer Unterbringung nehme ich die schöne Landschaft wahr, die am Busfenster vorbeizieht. Die Dörfer in dieser Gegend machen einen recht gepflegten, fast schon wohlhabenden Eindruck, und räumen mit dem Vorurteil auf, daß überall in Rumänien nur die Armut regiert. Das Städtchen Hateg hinterlässt ebenfalls einen recht angenehmen Eindruck, von hier aus geht es mit dem PKW – Sammeltaxi weiter. Da eine gewisse Zeit verstreicht, ohne daß weitere Mitreisende Richtung Deva aufzutreiben sind, vereinbare ich mit dem Fahrer einen für mich erschwinglichen und für ihn lukrativen Fahrpreis für eine Einzelfahrt nach Deva. Vom in meinem Reisehandbuch als preisgünstig empfohlenen Hotel Decebal scheint nur noch das verrostete Schild an der Hauptstraße zu existieren, auch die Passanten können mir nicht weiterhelfen. Nach längerem Umherirren und Durchfragen komme ich schließlich im Hotel Deva unter. Mein Hauptanliegen ist ein Zimmer mit Dusche, da ich morgen meinen Mitreisenden im Bus nach Deutschland den Duft von acht Tagen und Nächten Retezat ohne Bad und ohne Dusche ersparen möchte. Schade nur, daß ich so spät in Deva angekommen bin, denn die Fahrt, die praktisch rings ums Gebirge führte, hat nahezu fünf Stunden in Anspruch genommen. Der Hausberg von Deva mit seiner Ruine verlocken nämlich zu einer Inspektion. Ich selbst komme aus dem Hegau, einer anmutigen Hügellandschaft, deren Markenzeichen neun burgengekrönte Vulkankegel sind. Der Berg von Deva mit seiner Ruine könnte glatt als zehnter Hegauberg durchgehen. Ein Aufstieg in der Dunkelheit macht allerdings wenig Sinn, zudem habe ich seit dem bescheidenen Frühstück an der Buta – Hütte nichts mehr gegessen und steuere nun schnurstracks das Restaurant an, in welchem ich bei meiner Ankunft bereits gegessen hatte, als noch Zeit blieb vor der Abfahrt des Zuges. Die Kellnerin erkennt mich wieder und zeigt sich erfreut. Ich bestelle, wie beim letzten Mal, Mamaliga als Beilage. Ja, ich weiß schon! Die rumänische Nationalspeise mundet selbstgemacht in der ländlichen Küche einer Bauersfrau viel besser, als im Stadtrestaurant, trotzdem bin ich mit dem Essen zufrieden, hungrig bin ich allemal!
Ich verlasse Rumänien im Regen. Pünktlich um 9 Uhr am nächsten Morgen holt mich der Bus am Bahnhof ab, und während der Fahrt lerne ich Rumänisch, was das Zeug hält. Jedes aufgeschnappte Wort blättere ich sofort in meinem kleinen Wörterbuch nach. Sicher wird der Enthusiasmus mit der Zeit wieder ein wenig nachlassen, aber mein Ziel ist gesteckt: bei meinem nächsten Rumänien – Aufenthalt will ich in der Lage sein, mich in einfacher Konversation zu verständigen. Immer wieder starre ich durch das Busfenster hinaus in die verregnete Landschaft, als wollte ich die Eindrücke förmlich in mich Aufsaugen, auf daß die Erinnerung niemals verloren gehe! Flache, weitflächige Wiesen, durch die vielen Schafherden abgegrast wie ein englischer Rasen, ziehen an mir vorbei. Haben so vielleicht vor zweihundert Jahren die nordamerikanischen Prärien ausgesehen, als dort noch Millionen von Bisons grasten, bevor ihnen Buffalo – Bill und Co. den Garaus machten? Auf enger, kurviger Landstraße passieren wir romantische Dörfer, und in den meist chaotischen Städten, die nicht unbedingt zu den Vorzügen des Landes zählen, pausieren wir, um neue Fahrgäste aufzunehmen. Einerseits freue ich mich auf meine Frau und meine Kinder daheim, andererseits spuken bereits Pläne für eine Wiederkehr in meinem Kopf herum. Gelohnt hat es sich jedenfalls auch diesmal wieder, und wie! Für letzte Zweifler sei noch die Tatsache vermerkt, daß der Retezat - Nationalpark im Jahre 1980 in die UNESCO – Liste als Weltnaturerbe aufgenommen wurde und diese Ehrung hat er wirklich verdient!

Im Reich von König Triglav

In der Heimat der Oberkrainer oder kreuz und quer durch den Nationalpark der Julischen Alpen

Das Abenteuer beginnt bereits auf der Anreise: Der zweimal wöchentlich verkehrende Bus Konstanz - Karlovac soll wegen dem folgenden Feiertag erst morgen fahren. Meine beiden kroatischen Begleiterinnen aber insistieren darauf, heute zu fahren, da der traurige Anlaß einer Beerdigung sie dazu zwingt, morgen in ihrem ehemaligen Heimatort eintreffen zu müssen, koste es, was es wolle. Für mich selbst wäre es zwar nicht gerade lebensnotwendig, heute noch zu reisen, die Zeit meines Aufenthaltes in Slowenien ist jedoch knapp kalkuliert, so daß für mich jeder Tag kostbar ist, zumal man bei Outdoor - Aktivitäten stets auch mit eventuellen wetterbedingten Ausfällen rechnen muß. "Wir haben abgemacht, daß wir zusammen reisen, also reisen wir auch zusammen!" lautet die Devise von Maria und so zwängen wir drei uns denn mitsamt Gepäck und Fahrer in den engen VW - Golf, der uns bis zu einer Autobahnraststätte hinter München kutschiert, wo uns schließlich ein bereits überfüllter Bus, der ins bosnische Bihac rollt, aufnimmt. Gelobt sei, was hart macht, und somit lege ich mich in den Gang, meine Jacke dient mir als Kopfkissen, und ich finde diesen Platz eigentlich gar nicht so übel, denn die Sitzplatzinhaber sind schließlich zum aufrechten Schlaf verdammt. Nachdem wir den österreichischen Zoll gerade nochmal glücklich passieren ("Was tun denn die ganzen Leute im Gang?" "Ein Bus ist unterwegs liegengeblieben, wir mußten einige aufnehmen!"), scheitern wir dann bei den slowenischen Kollegen, die eine längere Inspektion beabsichtigen. Wir drei haben wieder einmal Glück, der Chef des Busunternehmens, ein stämmiger Kerl, mit dem tönenden Baß eines Grizzly - Bären, kommt mit seinem Lieferwagen daher, und für uns geht es dann weiter durchs nächtliche Slowenien, zu unserem gemeinsamen vorläufigen Ziel, der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Zuvor erwartet uns jedoch abermals ein Intermezzo, diesmal vom kroatischen Zoll inszeniert. Der Chef hat den Lieferwagen vollgepackt mit allen möglichen Haushalts - und Elektroartikeln. Der kroatische Zöllner schnappt sich einfach die Papiere aus dem Handschuhfach, und schon geht der Streit los. Es ist absehbar, daß das länger dauert, und somit bleiben Chef, Krimskrams, Papiere und kroatischer Zöllner zurück und der Beifahrer bringt uns nach Zagreb, wo wir dann frühmorgens gegen fünf ein Taxi zu einem Parkplatz auf der die Stadt tangierende Autobahn ordern müssen, da unser bosnischer Zubringer nicht direkt in die Stadt einfahren darf. Kroatischen und bosnischen Busunternehmen ist es ebenso untersagt, in der slowenischen Hauptstadt Ljubiljana zu halten, die wir ohnehin mitten in der Nacht passiert haben. Aus diesem Grund hielt ich es für klüger, bis nach Zagreb mitzufahren, und dann mit dem frühestmöglichen Bus ins etwa zweieinhalb Stunden entfernte Ljubiljana zurückzukehren und von dort aus meinen geplanten Ausgangspunkt Kranjiska Gora am Nordrand der Julischen Alpen zu erreichen. Das Abenteuer der Anfahrt soll jedoch noch nicht ganz überstanden sein: Mein Bus zurück nach Slowenien fährt später, als ich erwartet habe, und nach dem Frühstück in einem Cafe des Busbahnhofes von Zagreb verabschieden sich meine beiden Begleiterinnen von mir, da ihr Anschlußbus schon recht früh geht. Für mich bleibt noch etwas Wartezeit, die ich mir mit einem Bummel durch das erwachende Zagreb abkürze. Das nächste Ungemach erwartet mich bei der Wiedereinreise nach Slowenien: Ein deutscher Bergwanderer in Slowenien ist gewiß nichts Ungewöhnliches, es sei denn, er reist von Zagreb aus ein. Meine Antwort "Sie wissen doch, daß kroatische Busse in Ljubiljana nicht halten dürfen!" verhindert die folgende Gepäckkontrolle nicht, und da außer mir noch zwei kroatische Mitreisende fällig sind, gehen halt nochmals zwei Stunden drauf. Aber ich erreiche noch mein Kranjiska Gora, sogar der Lebensmittelladen hat noch geöffnet, und die verbleibende Zeit dürfte gerade noch ausreichen, die Bergunterkunft Koca v Krnici (slow.: Koca = Hütte) kurz vor Sonnenuntergang zu erreichen.
Um es gleich vorwegzunehmen: die Julischen Alpen sind nicht etwa zweite Wahl, was vielleicht der geringere Bekanntheitsgrad in unseren Breiten schließen lassen könnte, diese Berge sind ein wahres Schmuckkästchen unter den zahlreichen Gebirgsgruppen der Alpen, das auch in alpinistischer Hinsicht höchsten Ansprüchen genügt. Hier steht man mit offenem Mund vor gigantischen, blendend weißen Kalkwänden, die manche Gegenden in den nördlichen Kalkalpen bescheiden aussehen lassen, und Gebirgsbäche leuchten in einem Smaragd - und Türkisgrün, wie ich es selten zuvor gesehen habe.
Bei der Anfahrt nach Kranjiska Gora bietet sich mir aus dem Busfenster heraus bereits ein frohlockender Anblick auf eindrucksvolle Bergspitzen, die aber noch bedenklich viel Schnee tragen, womit ich, ehrlich gesagt, nicht unbedingt gerechnet habe, im Glauben, daß auf der Südseite der Alpen das Klima schneller mild wird und auch im Winter die Schneemengen im Durchschnitt geringer sind, als auf der Nordseite. Aber erstens ist dies nur eine ungefähre Regel, die schon gar nicht immer zutreffen muß, zweitens gilt die grundsätzliche Unberechenbarkeit des Hochgebirgswetters, und zudem unterscheiden sich die Julier von den italienischen Gebirgsstöcken nicht nur kulturell, sie stellen sich auch in klimatischer Hinsicht außerhalb der für die Südalpen typischen Normen. Dazu zählt auch sicher die für den Bergtouristen weniger vorteilhafte Tatsache, daß die Julier eines der niederschlagsträchtigsten Gebiete des gesamten Alpenraumes sind. Das schottische Ehepaar, mit dem ich im Bus ins Gespräch komme, belustigt mich mit der Feststellung, daß die zungenbrecherischen slawischen Geographie - und Ortsbezeichnungen ihnen wahre Mühe machen, und die Namensgebungen im deutschsprachigen Alpenraum, mit denen sie sich auf früheren Reisen in die Alpen hatten herumplagen müssen, ihnen jetzt leicht erscheinen. Der Bergort Kranjiska Gora (809 m) gefällt durch etliche sich im Ortskern drängende urige Bauernhäuser mit schönen, heruntergezogenen Dachgiebeln, wie man sie häufig in Gebieten der ehemaligen K.u.K. – Monarchie antrifft ( z.B. Siebenbürgen, Böhmerwald, österreichische Wachau) und die sich von der Bauform, die in anderen ehemaligen Teilrepubliken Ex – Jugoslawiens und des Balkan üblich sind, deutlich unterscheiden. Auch ein nettes Dorfkirchlein bildet den romantischen Vordergrund für die hinter der Ortschaft sich eindrucksvoll auftürmenden zackigen Kalkriesen. Deutlich erkennt man ein Kar, in dem sich noch immer ein riesiges Altschneefeld ausbreitet. Ich passiere zunächst ein schneeweiß leuchtendes Steinfeld, wo sich kleine Seen gebildet haben und der Pisnica – Bach in den Ort hineinfließt. Kleine Holzbrücklein inmitten des trockenen Gerölls zeigen an, daß der Wasserstand hier wohl nicht immer so niedrig ist. Dem Pisnica – Tal folge ich nun aufwärts, wobei der Pfad mich durch einen schönen Wald führt. Ich marschiere im Schweinstempo, denn meine Berechnungen ergeben, daß ich die Hütte Koca v Krnici (1113 m) gerade noch mit dem letzten Tageslicht erreichen werde. Jetzt bloß kein Verhauer! Als ich aufgrund der angegebenen Wegzeit bereits nervös werde, taucht dann endlich auf einer Lichtung die traumhaft gelegene Bergunterkunft auf. Vor der Hütte sitzen eine Frau und ein Mann mit ihren Kindern, die sich mir gleich als das Wirtsehepaar vorstellen. Ich bin der einzige Gast und bis ich mich einquartiert habe und das bestellte Abendessen zubereitet ist, ist es draußen schon zappenduster geworden. Das Essen ist reichlich und wohlschmeckend und man sollte aufgrund der wirklich günstigen Preise keinesfalls davon ausgehen, etwa Miniportionen serviert zu bekommen, von denen man eventuell nicht satt wird. Die Hütte verfügt über kein elektrisches Licht, stattdessen hat mir der Hüttenwirt eine Karbidlampe auf den Tisch gestellt. Wie kann es gemütlicher sein, als hier und jetzt! Der aufgeschlossene Herbergsvater sucht sofort das Gespräch mit mir und befragt mich auch nach meinen Plänen. Er spricht gebrochenes deutsch mit einem Wiener Akzent, was mich ein wenig amüsiert. Er habe schließlich sechs Jahre in Wien gearbeitet, räumt er auf meine Nachfrage ein. Seine Frau spricht nicht ganz so gut deutsch, dafür aber englisch und italienisch, sowie ihre Muttersprache, kroatisch. Stolz verweist man auf die Tatsache, daß die Kinder mehrsprachig aufwachsen, wobei wir bei einem Thema angelangt sind, an dem auch ich gut anknüpfen kann. Die Kinder werden vom Vater jeden Morgen mit dem Geländewagen hinunter nach Kranjiska Gora zur Schule gebracht. Ein recht schaukliger Weg, denke ich mir, denn selbst mit einem Geländewagen ist es schwierig, hier hinauf zu gelangen, da der Fahrweg, der gelegentlich mit dem Wanderpfad kreuzt, stark ausgewaschen und mit etlichen Steinen und Felsbrocken „gespickt“ ist.
Natürlich habe ich mir unter anderem zum Ziel gesetzt, den höchsten Juliergipfel Triglav (2864 m) zu besteigen, sowie die anspruchsvolle Hochroute vom Triglav über den Razor (2601m) bis vor zum Prisojnik (2547 m) anzubinden. Der Hüttenwirt nimmt mir aber sogleich den Wind aus den Segeln und läßt meine großartigen Pläne wie Seifenblasen zerplatzen. Acht (!!) Meter Schnee würden sich noch auf dem Tiglav – Gipfel türmen, und erst kürzlich sei noch Neuschnee gefallen, was für einen nicht hundert Prozent Ortskundigen die Routenfindung derzeit unmöglich mache, da aufgrund der zurückliegenden Schlechtwetterperiode wohl kaum damit zu rechnen sei, daß dort oben bereits wieder jemand gespurt habe. Kurz und gut, ich bin für ein solches Unternehmen noch zu früh dran und muß mich Wohl oder Übel damit abfinden, kleinere Brötchen zu backen. Ohnehin habe ich für´s Erste die Besteigung des östlich gelegenen Spik (2472 m) vorgesehen, wobei mir der Wirt grünes Licht gibt, da dieser zur Zeit schon gut begehbar sei. Somit vereinbaren wir einen Aufenthalt von zwei Nächten und ich mache mich am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück, nur mit Tagesgepäck und Eispickel versehen, auf den Weg. Nach kurzem Wegstück auf Markierung roter Kreis mit weißem Punkt gelange ich an eine Geröllrinne, der ich nun aufwärts folge. Daß hier keine Markierungen mehr sind, beunruhigt mich nicht, ich habe während meiner Reisevorbereitung gelesen, daß die Wege hier in den slowenischen Alpen oft mangelhaft markiert seien, zumal der bisherige Wegverlauf ja mit der Beschreibung in meinem mitgeführten Büchlein übereinzustimmen scheint. Als ich aus dem Bergwald heraustrete, taucht in geringer Entfernung zu mir ein deutlich sichtbarer Steig aus einem Altschneefeld hervor, mit Markierung roter Kreis/weißer Punkt. Zweifellos ist dies mein Weg, denn laut Karte verläuft nur ein Pfad von der Hütte hinauf zum Spik. Vor mir erhebt sich ein enormer Felskessel, dessen Standort überhaupt nicht mit dem in meiner Karte eingezeichneten Relief übereinstimmen will. Schließlich betrete ich ein riesiges Schneekar und nach geduldigem Suchen finde ich den Weiterweg, der ziemlich ausgesetzt direkt durch die geradeaus vor mir sich auftürmende Felswand führt. Unter aperen Verhältnissen ist dies ein für schwindelfreie und trittsichere Bergwanderer unschwieriger Steig, unter den jetzigen Konditionen jedoch gestaltet sich die Sache weitaus dramatischer. Mehrere Male verschwindet der Pfad unter extrem steilen Altschneefeldern und zwingt mich zum Umklettern durch freies, ausgesetztes Gelände, das zudem noch mit Grasnarben und lockerem Gestein übersät ist, und ich muß zugeben, ich habe schon etwas Bauchweh bei der ganzen Aktion. Ich befinde mich wieder einmal in einer der Situationen, wo man zweifelt, ob es richtig ist, weiter zu machen, oder ob es nicht etwa vernünftiger wäre, umzukehren, wobei mir allerdings vor dem Abstieg durch dieses Gelände graut. Der Spik bietet im Abstieg eine Alternative über den Kacji (dt.: Schlangen -) Graben, dessen Schuttrinne zwar unangenehm sein soll, aber sonst mit keinerlei Schwierigkeiten aufwartet. Dieser Weg mündet dann ein paar Kilometer unterhalb der Krnici – Hütte in deren Zugangspfad. Während ich mich mühevoll durch die Wand kämpfe, ziehen langsam aber sicher unheilvolle Wolken über mir auf.Ein sich lösender Steinschlag in der schräg gegenüberliegenden Wand bestätigt mir, daß ich gut daran tue, meinen Steinschlaghelm auf dem Kopf zu lassen. Schließlich überwinde ich die Felswand und gelange zu einem schneebedeckten Hochplateau, wo ein Wegweiser mir den Weiterweg zum Gipfel des Kriz (2410 m) anzeigt. Jetzt fällt mir aber echt die Kinnlade runter! Der Kriz steht genau südlich der Koca v Krnici, während sich der Spik nordöstlich von ihr befindet. Jetzt wird mir auch klar, warum die gegebenen Geländeverhältnisse sich so sehr von denen auf der Karte unterscheiden. Schande über mich, ein kurzer Blick auf den Kompaß hätte hier wohl einiges vorzeitig aufgeklärt, aber ich war mir ja so sicher. Nun, da es bis zum Gipfel des Kriz nicht mehr allzu weit und der Weg dorthin auch nicht mehr schwierig ist, nehme ich halt mit diesem Gipfel vorlieb. Bis ich schließlich oben angelangt bin, erscheinen die Wolken über mir allerdings schon bedrohlich düster und nach einem hastigen Eintrag ins Gipfelbuch schaue ich, daß ich mich schnellstens auf den Rückmarsch begebe. Leider besteht in diesem Falle vom Kriz hinunter zur Krnici - Hütte keine Alternativroute und ich muß wohl oder übel auf dem selben Weg zurückkehren, über den ich gekommen bin. Als ich den Wandabsturz erreiche, vernehme ich schon ein entferntes Donnergrollen. Jetzt bloß nicht die Nerven verlieren und zügig, aber mit äußerster Konzentration steige ich die Wand hinunter, wobei mir gar nicht mehr wohl ist in meiner Haut. Ich bin gottfroh darüber, nur leichtes Gepäck bei mir zu haben, und mein Eispickel leistet mir auch in schrofigen Passagen als sichernde Stütze gute Dienste. Als ich das Firnkar erreiche, unter dem sich dann laut Karte auch ein Minigletscher befindet, atme ich nicht nur wegen der körperlichen Anstrengung durch. Ich habe noch nicht die Baumgrenze erreicht, als das Unwetter über mich hereinbricht. Daß ich bei dieser Gelegenheit so naß werde, als wäre ich in einen See gefallen, stört mich nicht im geringsten, ich bin nur froh darüber, es noch rechtzeitig aus der Wand herausgeschafft zu haben. Als ich in der Hütte ankomme, hat sich dort eine größere Gruppe österreichischer Wanderer zu einem Umtrunk eingefunden, die meinen Gang zum Kriz um die jetzige Jahreszeit mit respektvollen Bemerkungen quittieren, während ich selbst aufgrund des dilettantenhaften Verlaufs der Tour nicht mit mir zufrieden bin. Als am fortgeschrittenen Nachmittag das Wetter wieder aufklart, mache ich mich nochmals auf den Weg, um mir anzuschauen, wie denn nun der richtige Weg zum Spik verlaufen wäre. Ich habe mich auch nochmals mit der Wegbeschreibung im Büchlein befaßt, sowie bei der Wirtin nachgefragt. Die Beschreibung ist insofern mißverständlich, als daß sich auf dem Weg nicht eine, sodnern drei Schuttrinnen befinden, und der Weg zum Spik nicht durch die erste, sondern durch die dritte aufwärts führt. Dieser Pfad ist dann auch durchgehend markiert. Hätte ich die erste Rinne einfach überquert, so hätte ich gegenüber an einem Baum gleich die weiterführende Markierung gefunden. An der Baumgrenze unterhalb eines Geröllfelds halte ich inne und genieße die wärmdende Nachmittagssonne und die zauberhafte Aussicht.
Am folgenden Morgen nehme ich Abschied von den freundlichen Wirtsleuten und der urgemütlichen Krnici - Hütte und begebe mich in westliche Richtung, wo ein nichtmarkierter Pfad mich hinüber zur Vrisic – Paßstraße bringt, die Kranjiska Gora mit dem südlich gelegenen Trenta – Tal verbindet, auf dessen Herrlichkeit ich später noch zurückkommen werde. Die alte, teilweise noch mit Kopfsteinpflaster beschlagene Paßstraße und deren Umgebung sollen für mich das Thema dieses sonnigen Vormittags sein. Mein Weg führt überwiegend durch Bergwald, wobei er immer wieder die Straße kreuzt. Herrliche Ausblicke auf aschgraue, mit Schneefeldern durchzogene, monstruöse Felswände und Bergspitzen bieten sich mir, und ich empfehle motorisierten Nichtwanderern unbedingt das Befahren dieses wunderschönen Passes, um sich wenigstens auf diese Weise von der Schönheit und Erhabenheit der Julischen Alpen überzeugen zu können. Auch ein kleines Einod bietet sich am Straßenrand zur Besichtigung in Form einer russisch – orthodoxen Holzkapelle, die während des Ersten Weltkrieges von den selben russischen Kriegsgefangenen erbaut wurde, die auch für den Bau der Paßstraße herangezogen wurden, wobei etliche in Felsstürzen, herniederdonnernden Lawinen, oder in Folge der unmenschlichen Strapazen ihr Leben lassen mußten. Die Julischen Alpen waren während jener Kriegsjahre Schauplatz fürchterlicher Schlachten zwischen italienischen und K. u. K. – Truppen.. Viele Steige, auf denen sich heutzutage friedliebende Wanderer durch die bezaubernde Berglandschaft bewegen, stammen noch aus jener Zeit. Der an Militärgeschichte Interessierte findet hier zahlreiche Zeugnisse der damaligen Begebenheiten, sodaß eine Bergfahrt in den Juliern durchaus auch eine Reise in die Zeitgeschichte werden kann.
Nahe des an der Paßstraße gelegenen Berghauses Erjacev Koca führt nun ein Wanderweg in Serpentinen hinauf zum Vratica –Paß (1807 m). Von diesem aus besteht die Möglichkeit der Besteigung oder gar der Überschreitung des Gipfels Mala Mojstrovka (2332 m). Das steile Geröllfeld unterhalb der Felswand ist noch vollkommen mit Schnee bedeckt und ich kann zunächst den Einstieg in den Klettersteig nicht finden, bis ich auf eine Gruppe ortskundiger Österreicher treffe, die mir die Stelle weisen, wo ein Drahtseil aus der Schneedecke hervortaucht. Durch Tiefschnee schaffe ich mich dann bis hin zur Felswand, ich will den Versuch, diesen Steig zumindest teilweise zu begehen, oder gar, im besten Falle, über ihn den Gipfel zu erreichen, nicht auslassen, zumal der von meinem Standpunkt aus einsehbare Teil der Wand aper, also schneefrei ist. Vorsicht ist stets geboten, wenn man sich von der Randkluft eines Schneefeldes hin zur Felswand begibt, da dort oft die Gefahr besteht, in einer zu dünnen Schneebrücke einzubrechen und unter Umständen mehrere Meter tief in die Kluft zwischen Schneefeld und Felswand zu stürzen. Ich erreiche jedoch das Drahtseil des Klettersteiges unfallfrei und kann mich sogleich einer angenehmen Kletterei widmen, wobei ich zu Beginn ein gutes Stück vorwärts komme, ohne auf Unannehmlichkeiten zu stoßen. Leider bleiben diese aber nicht aus, und wie zu erwarten war, wird der weitere Aufstieg immer wieder durch kleinere und größere Firnfelder erschwert, keines jedoch so schwierig, daß es mich zur Umkehr gezwungen hätte. Eine kleine Gruppe junger Leute, die ich unterwegs überhole, tut sich da offensichtlich schon schwerer. Mich wundert nur, warum unten am Einstieg keine Spur von ihnen zu sehen war. Die einzige Erklärung ist die, daß sie wohl über den in der Karte als unmarkiert eingezeichneten Weg, der weiter östlich beginnt, und schließlich in meinen Steig einmündet, gekommen sein müssen. Der Ausblick vom Gipfel lohnt die Mühen des Aufstiegs allemal, zumal dieser wirklich kurzweilig in einfacher Kletterei absolviert wird. Über mir läßt mittlerweile ein dichtes, graues Wolkenmeer der Sonne keine Chance mehr, die Gipfel der nächsten Umgebung sind jedoch überwiegend frei und noch ist ein gutes Panorama gewährt. Wilde Felsbastionen, die teilweise noch von enormen Schneeresten belegt sind, sind fantastisch einsehbar. Direkt vor mir erhebt sich ein Gipfel, der pyramidenförmig eine noch mit reichlich Schnee bedeckte, schräg zum Gipfel hinlaufende Westflanke besitzt, während er nach Osten hin abrupt in Form einer senkrechten Felswand abbricht. Es ist dies die Velicka Mojstrovka (2366 m ), die große Schwester der Mala Mojstrovka, die weder durch Pfad noch durch Klettersteig erschlossen ist, und somit nur sehr guten, vor allem klettertechnisch versierten Seilschaften vorbehalten bleibt. Ich teile mir den Gipfel mit einem knappen Dutzend anderer Wanderer, die ganz offensichtlich von der Südseite her hier heraufgekommen sind, also auf jenem Weg, den ich nun zum Abstieg zu nutzen gedenke. Ich schließe daraus, daß der Weg dann wohl gut begehbar ist, zumal es sich bei dieser Variante um einen unschweren Bergpfad handelt, während der Nordaufstieg einen Klettersteig vorstellt, der einem doch etwas mehr abverlangt, besonders zu den jetzigen Bedingungen. So begebe ich mich nach einer Gipfelvesper hinab über einen deutlich sichtbaren Pfad, der zunächst durch Geröll führt. Im unteren Teil des Abstiegs erwartet mich dann schließlich doch noch ein recht steiles Altschneefeld, das ich vorsichtig, mittels Sicherung durch meinen Eispickel, überwinde. Mein Weg mündet schließlich in die Vrisic – Paßstraße, wo hinter einem Parkplatz die Paßhöhe (1611 m) erreicht wird. Ich folge nun einige Kilometer der Straße abwärts, die jetzt hinunter ins Trenta – Tal führt, anbetrachts der noch frühen Tageszeit das Berghaus Ticarjev Dom (1618 m) links liegenlassend. Bald löst sich ein Wanderpfad von der Straße, der mich durch schönen Wald, gelegentlich über Holzstufen und mit Tiefblick in die enge Schlucht des Limarica –Baches gleichfalls in das schöne, von den gischtenden Wassern des Flusses Soca dominierte Trenta – Tal hinunterführt. Daß mir bei diesem einfachen Pfad dennoch zwischendurch ein kleiner Verirrer unterläuft, liegt daran, daß Pfad und Markierung teilweise noch unter Schnee liegen. Die hinter mir liegenden Berge bilden jetzt einen richtiggehenden Schutzwall vor den Regenwolken, sodaß das Trenta – Tal von einem köstlich goldgelb leuchtenden Nachmittagslicht beschienen wird. Unter diesen Bedingungen, und da mir bis zum Sonnenuntergang immer noch genügend Zeit bleibt, beschließe ich, dem Pfad weiterhin flußabwärts zu folgen, um mir einen Eindruck von diesem wunderschönen Flußtal zu verschaffen. Nachdem sich der Weg zwischendurch abermals mit der Paßstraße vereinigt hat, wo der kleine Abstecher zu einer engen Klamm mit einem tosenden Wasserfall unbedingt lohnt, führt er bald wieder als ruhiger Wanderpfad am orographisch rechten Ufer der Soca entlang, während die Straße linksufrig verläuft. Romantische Holzbrücken verbinden die beiden Uferseiten, und zwischen Büschen und Bäumen bestaune ich bald ein wunderschönes altes Kirchlein, bald das eine oder andere schmucke Bauernhaus, die bereits zur weitgestreuten Talschaft Trenta gehören, während die Soca in ihrem Bett einen wilden Veitstanz aufführt. Über eine Brücke kehre ich schließlich auf dem anderen Ufer zurück zum Ortskern von Trenta (620 m), wobei ich zunächst einem bergauf führenden Feldweg folge, der mich an ein paar Anwesen vorbeibringt, ehe ich dann den Kern der Streusiedlung erreiche. Die Koca Zlatorog befindet sich am oberen Ende des Dorfes, doch leider finde ich sie verschlossen vor. Auch bei drei umliegenden Pensionen habe ich Pech: auf mein Klingeln öffnet niemand. Eigentlich habe ich keine rechte Lust mehr, nochmals die Dorfstraße hinunterzudackeln, um dort eventuell eine Unterkunft zu ergattern. Kurz entschlossen begebe ich mich auf den eigentlich für morgen vorgesehenen Weg entlang des Zadnjica – Baches, um dort einen Heuschober oder ähnlichen Unterstand ausfindig zu machen, in dem ich die Nacht zubringen werde. Der Weg entlang der Zadnijca begeistert mich: im schillerndsten türkisgrün leuchtet das klare, wild über Felsen springende Wasser, während die Abendsonne das waldige, nach den Essenzen harziger Kiefern duftende Tal in ein goldenes Licht taucht. Da ich mich in der Nähe des Siedlungsgebiets befinde, ziehe ich es vor, etwas versteckt zu nächtigen, um nicht etwa von einem gestrengen Förster oder dem Dorfpolizisten geweckt zu werden. Bald entdecke ich linkerhand ein Wasserreservoir, an dem ein kleines Bächlein über einen rauschenden Wasserfall vorbeifließt. Hier beschließe ich meine heutige Etappe, das Dach des Reservoirs soll mir für mein Biwak dienen. Es sieht zwar momentan nicht nach Regen aus, doch für unliebsame Überraschungen führe ich eine Plastikplane mit mir, in die ich Schlafsack mit Isomatte, sowie meinen Rucksack einwickle. Bevor ich mich in den Schlafsack begebe, nehme ich noch ein Bad a la nature in besagtem Bach und verbringe anschließend die Nacht unter freiem Sternenhimmel.
Die Kälte des frühen Morgens lädt nicht gerade zu einem üppigen Frühstück ein, und so beschließe ich, mich erst einmal warm zu laufen. Hierbei verfolge ich zunächst weiterhin den Lauf der Zadnjica, bis bei einem Parkplatz im Wald ein Weg Richtung Pogacnikov dom abzweigt. Der Wirt der Krnica – Hütte hatte mir die Empfehlung gegeben für diesen ehemaligen Maultierpfad, der hinauf zu besagter Berghütte auf 2050 m führt. Er ist momentan schneefrei, ungefährlich und wunderschön. Gleich zu Beginn passiere ich einen schönen Wasserfall, und an der Talstation der Materialseilbahn frühstücke ich eine Kleinigkeit. Da die Talschaften hier auf der Südseite des Triglav - Massivs recht tief liegen, ist beim Wiederaufstieg in die hochalpine Zone doch etwas Kondition gefragt, und die Etappen führen länger durch die Misch – und Bergwaldzone, als man das woanders in den Alpen gewohnt ist. In weiten Serpentinen geht der Pfad, teilweise eindrucksvoll in die Felswände geschlagen, aufwärts, und ich muß dem Krnici – Wirt recht geben, es ist ein wirklich schöner Weg, obwohl das Wetter bis jetzt nicht so recht mitmachen will, und mich zwischenzeitlich in die Regenkleidung zwingt. Mitten auf dem Weg liegt eine tote Gemse. Keine Ahnung, ob die hier nur abgestürzt, oder etwa von einem Jäger „heruntergeholt“ worden ist. Als ich schließlich die Bergwaldzone hinter mir lasse, habe ich doch schon einiges an Höhenmetern unter mir gelassen, und ich muß zugeben, daß mir der Aufstieg heute schwer fällt. Vielleicht liegt es an der etwas inkommoden Nacht, aber sei´s drum, da muß ich durch! Da die Hütte partout nicht kommen will, beschließe ich, mich noch mal aus der Rucksackverpflegung zu stärken. Als ich nach der Vesperpause, die ich in einer windgeschützten Kurve des Saumpfades gehalten habe, zwei oder drei Serpentinen weiter nach oben schnaufe, taucht unvermittelt die von den Schwaden der Regenwolken umzogene Berghütte Pogacnikov dom (dom = Haus) vor meinen Augen auf. Zu meiner Enttäuschung wird die Hütte derzeit jedoch renoviert. Trotzdem ist es möglich, sich im Aufenthaltsraum zwischen Baumaterialien am geheizten Kachelofen aufzuwärmen. Eine größere slowenische Wandergruppe ist ebenfalls anwesend, die sogar die Küche in Beschlag genommen hat, wo Eintopf und Gulaschsuppe in den Töpfen dampfen. Direkt neben dem Kachelofen befindet sich eine mit Kissen ausgestattete Bank, und ich gönne mir in der wohltuenden Wärme ein kleines Nickerchen. Nachdem ich mich etwas ausgeruht habe, geht es nun an die Planung des Weiterwegs. Ein Übergang über die Dovska vratca (2180 m) hinunter ins Vrata – Tal scheint mir eine interessante und recht sichere Angelegenheit. Auf alle Fälle werde ich den Versuch unternehmen und bei zu extremer Schneelage notfalls eben ins Zadnjica – Tal zurückkehren, um von dort aus über den Luknja – Paß (1757 m) ins Vrata - Tal zu gelangen. Die wilde, durch strotzende Felswände und Gipfel kreisförmig begrenzte Karstlandschaft um das Pogagnikov dom, die es nun zu durchschreiten gilt, habe ich bereits vor zwei Tagen vom Gipfel des Kriz aus einsehen können, der nördlich der Hütte aufragt und der von dieser aus ebenfalls leicht zu besteigen wäre. Ich wende mich jedoch gen Osten, Kompaß und Karte gezückt, da der Sommerweg noch unter einer nahezu geschlossenen Schneedecke verborgen ist. Als ich zurückblicke, erkenne ich eine Gestalt, die vor der Hütte stehend jede meiner Bewegungen verfolgt. Als ich mich dort verabschiedet habe, war mir ein vollbärtiger Mann an der Eingangstür begegnet, dem auch ich wohl erst beim Gehen aufgefallen bin. Offensichtlich handelte es sich um den Hüttenwirt, dessen wachsamer Blick nun wohl abwägt, ob sich da oben nicht etwa ein Unerfahrener in gefährliches Gelände versteigt. Doch ich gebe ihm keinen Anlass zur Besorgnis. Zügig nehme ich nun den Gipfelaufstieg in Angriff, wobei es bisher, trotz des Schnees, recht gut vorangeht. Der Steig zieht in sehr steilen Serpentinen aufwärts, und bald schon stoße ich auf Kettenversicherungen. Den offensichtlich nicht allzu markanten Gipfel der Dovska vratca habe ich entweder schon überschritten, oder ich habe ihn im Schnee umgangen. Ich komme rasch zu der Einsicht, daß ich mich im Aufstieg zum Bovski Gamsovec (2393 m) befinde. Da der Klettersteig, der auf diesen Gipfel führt, bis jetzt ohne Schwieigkeiten zu begehen war, setze ich die Tour fort. Es herrscht heute schon eine besondere Atmosphäre: der Himmel ist von grauen, sonnenundurchlässigen Hochnebelwolken bedeckt, es herrscht jedoch aufgrund der recht frischen Temparaturen keine Gewittergefahr, aber ein kräftiges Lüftlein weht mir um die Ohren. Außer mir ist wieder einmal keine Menschenseele hier oben unterwegs, während ich mich in luftiger Ausgesetztheit an Ketten und über gut kletterbare, aber steile Felspassagen, nach oben arbeite, und ein bißchen wie Messner oder Kammerlander fühle (an Kettenversicherungen, haha!). Immer wieder fällt der Blick zurück zum Pogacnikov dom, das weit unter mir, herrlich auf einer Anhöhe am Absturz der schneebedeckten Karsthochfläche, den sogenannten Kriz – Böden (Kriski podi) liegt, wo der besorgte Hüttenwirt, nun nur noch als kleines Spielzeugfigürchen zu erkennen, immer wieder mal vor die Hüttentür tritt, um nach dem Rechten zu sehen. Nachdem ich das mit Eisenstiften versehene Kamin durchstiegen habe, gelange ich nun über einen Grat zum vernebelten Gipfel. Während des Abstiegs hinunter zum Lukjna – Paß gelingt es dem kräftig blasenden Wind, dem Wokenmeer den Garaus zu machen, und bald scheint die Sonne durch die bereits arg löchrig gewordene Hochnebeldecke. Dafür steht jetzt Ungemach ins Haus in Form eines sehr steilen, ungespurten Firnfeldes, auf das ich mich nur so mit dem Eispickel nicht wagen möchte. Ich steige stattdessen zu dessen oberen Rand und zwänge mich zwischen Schneedecke und Felswand. Nicht allzu angenehm arbeite ich mich vorwärts, wobei ich auch zwischendurch gezwungen bin, gänzlich ins besonders mit dem großen Rucksack unangenehm zu kletternde Felsgelände überzuwechseln. Schließlich bin ich froh, als ich heil aus diesem Engpaß wieder herauskomme und geh nun schnurstracks bergab, wo sich jetzt die mächtigen Triglav – Wände direkt vor meinen Augen aufbauen und mich zu einem Gartenzwerg in einer für Riesen geschaffen zu scheinenden Landschaft werden lassen. Die Ansicht auf dieses wahrhaft gigantische Felsszenario vom Luknja – Paß und dessen näherer Umgebung aus ist für mich eine der respekteinflößendsten, die mir bisher untergekommen ist und sicher ein exklusiver Beleg dafür, daß die Julier keinesfalls nur ein Nebenschauplatz im Gesamtspektrum der Alpen vorstellen. In dieser Gegend soll es noch zahlreiche Steinböcke geben, wobei mir das Glück, welche zu sehen, trotz des menschenleeren Wandertages, leider nicht wiederfährt. Im Abstieg verliere ich für kurze Zeit den Weg, orientiere mich dann aber an zwei aufsteigenden Personen, den ersten, denen ich seit der Pogacnikov – Hütte begegne. Die beiden Österreicherinnen streben ebenfalls zum Bovski Gamsovec, und ich warne sie noch vor dem Firnfeld, an dem sie am besten selbst abschätzen müßten, ob sie dort weitergehen oder lieber umkehren wollten. Mit Erreichen des Luknja – Passes heißt es für mich weiterhin abwärts gehen, und zwar nach Nordost, zunächst durch das Hochtal Bukovlie, um schließlich zum Berghaus Aljazev dom (1015 m), im Talschluß des Vrata - Tales zu gelangen, wo meine heutige Etappe ihr Ende finden soll. Der Lukjna – Paß offeriert auch andere Möglichkeiten, wie den Abstieg in südwestliche Richtung hinunter zum Talabschluß des Zandnjica – dolina (dt.: hinterstes Tal), jenem Tal, in dem ich die letzte Nacht verbracht und aus dem ich heute morgen hinauf zum Pogacnikov dom gestiegen bin, oder dem Aufstieg über einen anspruchsvollen Klettersteig hinauf zum Triglav - Gipfel, wobei vom Paß aus noch mehr als 1000 Höhenmeter zu überwinden sind. Der Weg hinunter zum Aljajazev dom indes liegt teilweise unter enormen Lawinenkegeln begraben, was mich abermals in die Irre, sprich ins Unterholz führt, wo ich eine schwarze Schlange aufschrecke, die sich sofort davon macht. Jetzt begegne ich wieder zahlreichen Wanderern, man merkt die Nähe zu einem der größten und bekanntesten Berghäuser der Julischen Alpen. Im Berghaus angekommen, entscheide ich mich für eine Übernachtung im Massenlager, es gibt auch die Möglichkeit gemütlicher Mehrbettzimmer. Es stellt sich heraus, daß in dem sich direkt unter dem Dach befindenden Massenquartier außer mir niemand sonst untergebracht ist, sodaß ich in den Genuß eines, wenn auch etwas zu groß geratenen, Einzelzimmers komme. Was ich heute an der Übernachtung spare, investiere ich lieber ins Essen, das heute doch etwas zu kurz gekommen ist und ich lasse auffahren, daß sich der massive Holztisch, an dem ich mich auf der sonnigen Aussichtsterrasse niedergelassen habe, förmlich zu biegen droht. Noch befinden sich zahlreiche Tagesgäste in und um die schöne Bergunterkunft, doch bleiben, außer einer etwa zwanzigköpfigen Jugendgruppe, wenige Gäste auch über Nacht. Als dann mitten in der Nacht grelle Blitze über dem Hüttendach zucken und der Donner den Holzboden vibrieren läßt, bin ich gottfroh, die heutige Nacht in der Hütte zu verbringen, anstatt beim Biwak unter freiem Himmel.
Tags darauf starte ich nach dem Frühstück bereits im Regenzeug. Kurz nach der Hütte auf einem Parkplatz tritt mir ein Typ aus Görlitz entgegen, der dort in seinem Auto übernachtet hat. Er hat bereits zwei Wochen Reise mit seinem Gefährt hinter sich, wobei er ständig zwischen Alpen und Adria, sprich zwischen Slowenien und Kroatien hin – und herpendelt. Ein gutes Stündchen unterhalten wir uns, ehe ich meinen Weg fortsetze, inzwischen hat es wieder aufgehört, zu regnen. Ich beabsichtige heute einen Stellungswechsel, wobei ich mich mit Hilfe öffentlicher Verkehrsmittel auf die Südseite des Gebirges begeben möchte. Zuerst will ich das wohl bekannteste Städtchen in den Julischen Alpen, vielleicht sogar Sloweniens, Bled, besuchen, um alsdann vom Wocheiner See (Bohinjsko jezero, 525 m) aus meine Wanderung fortzusetzen. Zunächst jedoch folge ich überwiegend dem Fahrweg des recht lang gestreckten Vrata (dt.: Tor, bedeutet vermutlich „das Tor zum Triglav“) – Tales, wobei ich noch zwei Sehenswürdigkeiten in Wegesnähe „mitnehme“. Zuerst gelange ich über einen hoch über dem Schluchtgrund des Bistrica – Baches verlaufenden Waldpfad zu den sogenannten Felsengalerien, die ich gerade noch so mit dem nächsten Gewittterguß erreiche. Eine riesige Felswand bildet hier ein Überhang und dieses Felsdach dient mir jetzt als Unterschlupf vor den enormen Wassermassen, die jetzt vom Himmel herabströmen. Mehrere Feuerstellen lassen darauf schließen, daß diese Überdachung wohl öfters – wenn auch verbotenerweise - als nächtliche Bleibe genutzt wird. Als sich das Wetter wieder einigermaßen beruhigt hat, setze ich meinen Weg fort, wobei ich bald wieder auf den Fahrweg stoße, wo sich dann an einem weiteren Wanderparkplatz oberhalb der Koca Pericniku abermals die Gelegenheit für einem kleinen Abstecher bietet, nämlich zum eindrucksvollen Wassserfall Slap ( = Wasserfall) Pericnik. Genaugenommen handelt es sich um zwei Wasserfälle, der erste und beeindruckendere wartet mit einer Fallhöhe von 55 m auf, während der zweite, weiter oben tosende, über 16 Meter die Felswand hinunterstürzt. Der untere Wasserfall läßt sich zudem hinter seinem Auffangbecken unterhalb eines Überhangs praktisch „hintergehen“, so daß es möglich ist, sich hinter den Fallschleier zu positionieren, was eine ungewönliche und faszinierende Perspektive bietet. Man sollte beim Besuch der Fälle damit rechnen, auch ein paar Wassertropfen abzubekommen, was beim heutigen Sauwetter jedoch keine Rolle mehr spielt. Auf meinem Weiterweg scheint sich das Wetter dann doch noch bessern zu wollen und als ich die ersten Häuser von Mojstrana erreiche, lacht über mir schon wieder die Sonne. Die Ortschaft Mojstrana befindet sich, gleichwohl wie Kranjiska Gora, im Tal der Save, ich bin bereits auf der Hinfahrt mit dem Bus hier durchgekommen. Auf meiner Karte ist keine Bushaltestelle in Mojstrana verzeichnet, obwohl dort einer am Straßenrand parkt. Da es Mittagszeit und der Bus abgeschlossen ist, rechne ich nicht damit, daß er in absehbarer Zeit fährt, zudem weiß ich nicht, wohin er fahren wird. Ein Wanderweg führt ins weiter westlich gelegene Hrusica, von wo sowohl Zug – als auch Busverbindung besteht. Also mache ich mich kurz entschlossen auf den Weg, der über Wald, Wiesen und Felder dem Lauf der Sava (Save) folgt, aber im Vergleich zum bisher Gesehenen eher langweilig ist. Auch bin ich etwas von den Ortschaften Mojstrana und Hrusica enttäuscht. Allgemein scheinen es die Dörfer am nördlichen Rand der Julier in puncto traditionelle Bauernhäuser und alte Dorfkerne nicht mit denen mancher österreichischer, bayrischer oder schweizer Regionen aufnehmen zu können, was mir auf der Anfahrt im Bus bereits aufgefallen war. Alles ist sauber und ordentlich hergerichtet, es läßt jedoch meist an Originalität fehlen, und manche alte Höfe sind durch Renovierung oft zu „neu“ geraten. Daß dies nicht immer und überall so ist in Slowenien, soll mir im weiteren Verlauf meiner Reise noch vorgeführt werden. Landestypisch sind jedenfalls die großen, hölzernen Gestelle, auf denen das Heu zum Trocknen aufgehängt wird, die sogenannten Heuharfen (slowen.: kozolci), sowie viele schöne Kapellen, Marienstatuen und Kruzifixe am Wegesrand. Kurz vor Erreichen des Ortseinganges von Hrusica fällt mir ein riesiger, moderner Betonkomplex auf. Es handelt sich um nichts anderes als das slowenische Zollgebäude mitsamt Tankstellen und Einkaufsläden am Ende des Karawankentunnels, der ins österreichische Villach führt. Hier waren wir des Nachts mit unserem bosnischen Bus ins Land eingereist, und hier werde ich, wenn alles gut läuft, mit dem kroatischen Bus nach Beendigung meiner Bergtour wieder ausreisen.
An der Bushaltestelle in Hrusica komme ich mit einer älteren Dame ins Gespräch, die mit ihrem Ehemann gleichfalls auf den Bus wartet, und die sehr gut deutsch spricht. Man hört es oft in den ehemals sozialistischen Ländern, so auch hier: am Anfang, unmittelbar nach der Wende, habe alles toll angefangen. Doch jetzt regiere die Arbeitslosigkeit. Das Warenangebot läßt zwar nichts mehr zu wünschen übrig, sämtliche westlichen Markenartikel werden feilgeboten, doch alles dermaßen teuer, daß nur eine relativ kleine Ober – und Mittelschicht davon nutzniesen kann. Um nach Bled zu gelangen, muß ich unterwegs zweimal umsteigen. Bled ist wohl, neben der Hauptstadt Ljubiljana, der bekannteste Ort in Slowenien. Zahlreiche Kalenderblätter und Titelseiten von Reisekatalogen präsentieren das romantische Bild des bergumsäumten Bleder Sees (475m) mit seinem auf einem Eiland mitten im See gebauten Kirchlein. Auch eine beeindruckende Burg thront auf einem Felsturm hoch über dem Spiegel des Bergsees. Bled soll für mich nur ein Zwischenstop sein, sozusagen ein „das muß man gesehen haben“ – Besuch. Enttäuscht bin ich jedoch nicht wegen des schlechten Wetters - der Himmel hängt zwischenzeitlich grau in grau über der Landschaft und kündigt erneute heftige Niederschläge an – es ist vielmehr der Ort selbst, der die Romantik seiner herrlichen Umgebung zunichte macht. Besonders im Gegensatz zu unserem bekannten Kalenderbild steht das „Gaddhafi – Center“ genannte, riesige, hochmoderne Einkaufszentrum direkt an der Uferpromenade. Ursprünglich hätte das Ding in Lybien gebaut werden sollen, doch als das Geschäft platzte, haben die Slowenen zugegriffen, und diesen riesigen Konsumpalast kurzerhand an den Gestaden des Bleder Sees errichtet. Daß dieser Ort viele Touristen anzieht, ist verständlich. Was mir sauer aufstößt, sind diese neureichen „Sehen und Gesehen werden – Typen“, die mich und meinen Rucksack mit abfälligen Blicken belegen, wobei ich die Gedanken „Penner“, Stinktier“ „Verrückter“ und „ armseeliger Bettelmönch“ geradezu ablesen kann. Solcherlei Arschlöcher wissen weder die kulturellen Werte dieser Gegend noch die naturgegebenen Schönheiten der Umgebung zu schätzen, sie schießen ihre Fotos, um danach vor anderen prahlen zu können, daß sie schon hier waren, ansonsten außer Konsum nichts gewesen. Ich versuche eigentlich immer, tolerant zu bleiben, aber wenn man von der Intoleranz solch bornierter Affen betroffen ist, geht einem leicht der Hut hoch!
Genug der Bosheiten. Nach meiner kleinen Runde am Seeufer pfeife ich mir noch einen Kaffe ein, bevor ich in den Bus einsteige, der mich weiter zum Bohinjsko Jezero (Wocheiner See) bringt. Unterwegs bricht eine Sintflut über´s Land, und ich erschaudere jetzt schon bei dem Gedanken, nachher noch eine, wenn auch nicht allzu lange, Wegstrecke zu Fuß zurücklegen zu müssen. Trotz trister Wetterlage übermittelt sich mir die urig – rustikale Stimmung der Dörfer, die wir unterwegs passieren und ich bin entzückt von dieser Gegend. Was ich bislang eher vermisst habe, scheint hier noch präsent: bodenständige Ortschaften mit ländlichem Flair und sehr viele alte, landestypische Häuschen, das Ganze noch dazu in prächtige Berglandschaft eingebettet, von der heute allerdings leider nur die eine oder andere Felswand eines Bergfußes oder die etwas sanfter abfallenden Kuppen grüner Almwiesen und Waldungen zu sehen sind. Die Sava Bohinjka schlängelt sich durch dieses Tal, die den Wocheiner See entwässert, um sich schließlich nördlich von Ljubiljana in die Save zu ergießen, welche wiederum im serbischen Beograd (Belgrad) auf die Donau trifft. In Ribcev Laz entspringe ich dem Bus, und unter dem Dächlein der Bushaltestelle inspiziere ich ein letztes Mal die Landkarte und packe mich und meinen Rucksack unter den Regenponcho. Der kleine Ort liegt übrigens malerisch direkt am Ostufer des Wocheiner Sees (525m). Ich folge zunächst der Teerstraße zum Dorf hinaus, um bald darauf die schöne, traditionelle Ortschaft Stara Fuzina zu erreichen. Wer von hier aus, auf der Südseite des Triglavmassivs, ins Gebirge aufsteigen will, hat sich aufgrund der tiefergelegenen Talschaften mehr zu bemühen, als beispielsweise von Kranjiska Gora aus. Ich überlege zunächst noch, ob ich mir nicht lieber eine Pension suchen soll, entscheide mich dann aber doch für das Übernachten in einer Berghütte. Die sich im Mostnica – Tal aufwärts befindliche Koca bol. Prvorcev na Vojah (690m) ist die nächst gelegene und mit einer angegebenen Wegzeit von anderthalb Stunden vor Einbruch der Dunkelheit noch gut zu erreichen. Wie bereits erwähnt, haben die Markierungen in Slowenien die Eigenschaft, immer gleich auszusehen, und so folge ich einer Abzweigung vom Hauptweg über eine Bergwiese, gleichfalls mit rotem Kreis mit weißem Punkt markiert, da ich glaube, es handle sich um eine Alternative zum Fahrweg. Es dauert nicht lange, bis ich meinen Fehler bemerke, da der Weg nun nahezu parallel oberhalb des Seeufers entlangläuft. Hier lang geht es in zweieinhalb Stunden hinauf zur Berghütte Kosijev dom (1054m), weshalb ich die eingeschlagene Richtung beibehalte. Allerdings muß ich mich jetzt schwer beeilen, will ich die Unterkunft noch vor Einbruch der Nacht erreichen. Ein wurzliger, steiniger Pfad führt durch den bereits recht düster gewordenen Wald, zwischendurch komme ich der einen oder anderen idyllisch aussehenden Almhütte vorbei, die gelegentlich sogar mit Blumentöfen geschmückt sind. Langsam wird mir schon bange, wann den die Hütte nun endlich aufttauchen würde, die Nacht läßt nicht mehr lange auf sich warten. Der Weg wird immer düsterer, bis er endlich aus dem Wald heraustritt und auf einer Lichtung in der schummrigen Dämmerung des regennassen Abends das idyllische Berghaus vor mir auftaucht. Als ich eintrete, finde ich den Wirt bei einem wüsten Zechgelage mit einem Kumpel. Bereits schwer vom Schlivovitz gezeichnet, hängen die beiden über einem mit einer Karbidlampe beleuchteten kleinen Tisch im ansonsten menschenleeren Gastraum. Kein allzu netter Empfang, denn mein Gruß wird nur mit einem unwilligen Murren erwidert. So stehe ich zunächst ein Weilchen triefend naß mit Sack und Pack etwas verloren in der guten Stube, und ich glaube schon, die beiden Herren hätten mich bereits wieder vergessen, als sich der jüngere Kompagnon schließlich meiner erbarmt und seinen angeschlagenen Kadaver schwerfällig erhebt, um mir mit einem laxen Wink zu bedeuten, ich solle ihm folgen. Ein schönes, sogar beheiztes Mehrbettzimmer ganz für mich allein, na das ist ja schon mal was! Ob ich noch etwas essen möge, werde ich gefragt. Das habe ich eigentlich schon abgeschrieben anbetrachts der liederlichen Verfassung, in dem sich der Hausherr und sein Gefährte befinden, aber in diesem Fall bejahe ich natürlich. Auch der Hüttenwirt hat zwischenzeitlich wieder halbwegs ins Leben zurückgefunden und das Servieren der mit bis zum Rand mit Sauerkrauteintopf gefüllten Suppenterrine gerät zur zirkusreifen Artistennummer. Mein Respekt, der gute Mann schafft es tatsächlich, schwankenden Schrittes mitsamt Schüssel bis zu meinem Tisch zu balancieren, ohne dabei etwas zu verschütten. Nach dem heißhungrigen Verzehr des schmackhaft mit geschnittener Wurst angereicherten Eintopfs, einer willkommenen Alternative zu Salami und Brot aus dem Rucksack, halte ich mich noch ein wenig in der Gaststube auf, um auf der Landkarte meinen morgigen Weg zu studieren und in den Heften des slowenischen Bergvereins zu blättern, während sich der Wirt und sein Freund wieder der Schnapsflasche zuwenden, wobei die beiden hin und wieder in gelangweilter Gemütsverfassung ein paar schleppend aus rauhgekratzten Schnapskehlen dringende Phrasen austauschen. Ich muß sagen, die Hütte gefällt mir sehr gut, sie ist im bäuerlich – gemütlichen Stil mit viel Holz eingerichtet und der große Kachelofen ermöglicht auch bei kalter Witterung einen lauschigen Aufenthalt. Wann ich denn frühstücken wolle, werde ich noch gefragt. Ich antworte „Um halb acht, wenn´s geht.“ Ja klar, geht schon, allerdings glaube ich noch nicht daran und rechne eher damit, vielleicht gegen zehn Uhr verkohlte Spiegeleier und einen miserablen Kaffee serviert zu bekommen. Doch ich habe abermals die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Als ich um halb sieben erwache, vernehme ich unten aus der Küche bereits das Klappern von Töpfen und Pfannen. Bald danach stehe ich auf, packe schon mal zusammen, um mich anschließend hinunter in den Gastraum zu begeben, wobei ich die offene Küchentür passiere. Da steht er, der wackere Mann, unrasiert, mit glasigen Augen, aber voll im Element. Das Frühstück kommt dann auch rechtzeitig, es schmeckt herzhaft, und Spiegeleier, Speck und Kaffe sind tadellos.
Nicht ganz so tadellos ist heute das Wetter, wenngleich es sich im Vergleich zu gestern wohl etwas gebessert zu haben scheint.
So mache ich mich denn auf in einen zunächst noch reichlich wolkenverhangenen Tag, durch nassen Bergwald, wobei das Regenwasser von den triefenden Zweigen und Ästen auf mich heruntertropft. Der eingeschlagene Weg enttäuscht mich zunächst ein wenig. Gemäß der Karte verläuft er fast direkt überhalb der Absturzkante der steil zum Wocheiner See hinunterbrechenden Steilhänge und Felswände, weshalb ich mir ein großartiges Panorama mit Blick auf den tief unter mir ruhenden See mit seinen winzigen Talschaften ausgemalt habe. Leider führt der Weg nicht direkt entlang des Abbruchs, sondern etwas zurückversetzt durch dichten Tannenwald, so daß vom See zunächst nichts zu sehen ist. Eine beeindruckende Szenerie bietet ein tiefer, schwindelerregender Schluchteinschnitt, wo dann auch zwischen tiefhängenden Nebelschwaden ein Stück See mit den Häusern und Weideflächen der an dessen Westabschluß hingestreuten Siedlung Ukanc (560m) zu sehen ist. Der 1761 m hohe Prsivec ist mit seinem Latschenbewuchs sicherlich kein hochalpines Gipfelziel, dafür ist er ein hervorragender Aussichtsberg. Die langsam, aber sicher sich anbahnenende Wetterverbesserung hat bereits den größten Teil der frühmorgens noch die Seefläche wie eine riesenhafte, weiße Bettdecke unter sich verborgen haltenden Wolkenschwaden verbannt und auch die Aussicht zum südlich des Sees sich hinziehenden Gebirgskamm, sowie dem im Westen sich emporreckenden Gebirgswall sind frei, nur weit oberhalb der mit weißen Schneeflecken betupften Gipfel hängt noch immer eine graue, zähe Wolkendecke. Der steile und abrupte Absturz der südlich gelegenen Bergkette hinunter zum See erinnert mich daran, daß so ziemlich direkt unter mir ein noch steileres Gefälle als das nun einsehbare bis kurz vor´s Seeufer herunterbricht, denn es ist eigentlich der Nordabbruch, der für seine oft senkrecht zum Seeufer hinabstürzenden Steilwände bekannt ist. Meinem Aussichtsplatz schräg gegenüber spannt eine Materialseilbahn ihre Stahlkabel durch die Lüfte bis hinauf zum Berghaus Dom na Komni (1520m), dem ich von meiner Position aus quasi auf´s Dach gucken kann. Südöstlich von Ukanc führt die Kabinenbahn hinauf ins Skigebiet. Mein Weiterweg führt mich schließlich zur ersten von vielen hier auf diesem Karstplateau südlich der Triglav – Gruppe sich verteilenden Hochalmen. Es handelt sich hierbei um uralte, mit durch Wind und Wetter aschgrau ausgebleichtem Schindelholz bedeckte Sennerhütten, meist auf hölzernen Stelzen stehend, die in dieser Form einmalig sind im gesamten Alpengebiet. Manche sind aus Stein gemauert, viele sind aber pure Holzblockhütten und erinnern irgendwie an kauzige Hexenhäuschen. Der Zustand dieser Kleinode reicht von sehr gut erhalten bis zu hoffnugnslos verfallen. Dieses gesamte Almenplateau, die sogenannte Fuzina – Hochebene, steht zwischenzeitlich unter dem Schutz der UNESCO und man kann nur hoffen, daß es durch schonende Konservierung gelingen wird, möglichst viele dieser schönen Kulturdenkmäler über die Zeiten hinweg zu erhalten. Durch den Tourismus wiederentdeckt, hat jedenfalls bereits eine Wiederbelebung bereits aufgegebener Almen eingesetzt, und so hat man auch schon die eine oder andere Mini – Solaranlage auf ´s Dächlein montiert und Schilder weisen auf Einkehrmöglichkeit und den Verkauf von frischen Sennerprodukten wie Käse und Milch hin. Als ich zwischen den ersten Almhütten hindurchmarschiere, steigt eine Rauchfahne aus dem Schornstein einer der Hütten empor, es ist allerdings noch kein Vieh auf den Weiden, welches vor Anfang bis Mitte Juli auch noch nicht in diese Höhen zurückkehren wird. Zwei weitere Almen passiere ich auf dem Weg hinauf zum Dolina Triglavskih jezer („Tal der Triglav – Seen“) mit seiner gleichnamigen Hütte. Häufig wird das Tal auch mit dem Namen Sieben – Seen – Tal belegt, denn sieben sind es, die hier ständig vorzufinden sind, und während der Schneeschmelze im Frühjahr soll sich noch der eine oder andere Minisee hinzugesellen. Um in dieses Tal zu gelangen, habe ich aber zunächst noch einen Felsriegel zu überwinden, wobei ich es nicht damit belasse, einfach nur die Scharte zu passieren, denn die Mala Ticarica (2071 m) liegt so günstig am Wege, daß ich diesen Gipfel nicht auslassen möchte. Herrlich der Blick hinunter ins Tal, wo drei wunderschön glänzende Bergseen zwischen dunklen Tannenwäldern, sattgrünen Wiesen und teils noch beträchtlich sich ausdehnenden Altschneefeldern ruhen. Die schöne Berghütte Koca pri Triglavskih jezerih (1685m) hat ihren pittoresken Platz am Nordufer des mittleren Sees, prädestiniert als Bergunterkunft für romantisch veranlagte Seelen. Bergspitzen aus hellgrauem Kalk, mit scheckigem Weiß enormer Altschneereste durchsetzt, säumen das Tal. Am wolkenverhangenen Himmel gelingt es der Sonne, sich immer wieder durchzusetzen, und dieser Ringkampf zwischen Sonne und Wolken sorgt nun für stimmungsvolle Lichtspiele. Nie zuvor hat mich eine Gegend so an Norwegen erinnert, dessen prächtige Landschaft ich bei meiner Anreise in den schwedischen Teil Lapplands aus dem Zugfenster heraus kennengelernt habe. In den Julischen Alpen vergißt man oft, daß man sich auf der Alpensüdseite befindet, und jetzt überkommen mich sogar noch Erinnerungen an Skandinavien. Gänzlich differieren sich Landschaft und Kulturland vom Südalpenklischee, das unsere Vorstellungen von Aufenthalten im Tessin oder in Südtirol prägt. Der atemberaubenden Schönheit der Natur und den eigenwilligen Erscheinungsformen landestypischer Bauten, wie Bauernhäuser, Kirchen oder Sennerhütten, tut dies jedoch keinen Abbruch, wie mir soeben wieder beispielhaft vor Augen geführt wird, als ich mit Prachtpanorama vor Augen durch schotterige Abhänge ins Tal hinuntersteige, wo ich, an der verschlossenen Hütte angekommen, erst einmal eine ausgiebige Rast einlege. Den lieben langen Tag war mir wieder einmal keine Menschenseele begegnet, und auch hier, an einem der „Highlights“ der Julischen Alpen, herrscht um diese Jahreszeit noch absolute Ruhe und Einsamkeit. Wie oft hört man, daß die Alpen ja so überlaufen seien und dem Individualisten kaum noch Spielraum böten. Ich kann nur antworten: es ist oft nur die Frage des wann, wo, und wie!
Leider ist es mir zeitlich nicht mehr möglich, weiter talaufwärts vorzudringen, wo die anderen vier Seen anzutreffen sind. Ich habe zwar einen bescheidenen Winterraum neben dem Haupthaus der Sieben – Seen – Hütte zur Verfügung, mir ist aber eher danach, in einer warmen und bewirtschafteten Hütte zu nächtigen, zumal ich mir für morgen ein genaueres Durchstöbern des Fuzina – Plateaus mit seinen interessanten Almen vorgenommen habe. Großartiges erwartet mich allemal noch auf meinem Abstieg zu der von mir zur Übernachtung auserkorenen Koca pri Savici (653m). Weit oben im Talabschluß des Sieben – Seen - Tales steht dann noch die Zasavska Koca auf 2071m, doch es ist aussichtslos, um diese Jahrezeit darauf zu hoffen, daß eine derart hochgelegene Berghütte bereits geöffnet hat.
Ein letztes Mal drehe ich mich auf einer Anhöhe um, zurückblickend auf die beiden südlichsten Seen und die dahinterstehende Hütte, um alsbald in die Wälder des interessanten Tales Lopucniska Dolina abzutauchen. Eine Gruppe Jugendlicher begegnet mir, die ersten Menschen des Tages, seit ich heute morgen von der Kosijev – Hütte aufgebrochen bin. Sie wollen die Nacht an der Sieben – Seen – Hütte verbringen, ich wäre da oben also doch nicht alleine geblieben. Mein Weiterweg führt mich unmittelbar am Fuße der beeindruckenden Felswand Bela Skala („weißer Fels“) vorbei und schließlich gelange ich zum von Felswänden und Bergwald umschlossenen See Cerno jez, wo zwei Verliebte am Ufer herumturteln. Meine zweite Begegnung mit menschlichen Wesen innerhalb so kurzer Zeitspanne empfinde ich nach der langen Einsamkeit schon fast wie eine Masseninvasion. Klasse ist dann der Abstieg durch die mit Drahtseilen versicherte Komarca – Wand. Die schwindelerregende Felswand befindet sich bereits in der Mischwaldzone und eignet sich nur für schwindelfreie Personen. Langsam aber sicher bin ich dann aber froh, nach dieser langen Tour endlich mein Tagesziel zu erreichen, doch zu meiner großen Enttäuschung finde ich die Savici – Hütte (653 m) verschlossen. Also, auf geht´s hinunter nach Ukanc, jenen kleinen Ferienort am Westende des Wocheinersees, das ich heute morgen bereits vom Gipfel des Prsivec aus der Vogelperspektive bewundert habe, in der Hoffnung, dort in einer preisgünstigen Pension unterzukommen. Was ich am meisten bedauere, ist die Tatsache, daß ich morgen die ganzen jetzt kaputtgemachten Höhenmeter wieder emporklimmen muß, um abermals auf das Fuzina – Karstplateau zu gelangen.
In Ukanc finde ich eine nette Pension, mit umgerechnet etwa 50 Mark die Nacht im Doppelzimmer mit Frühstück liegt sie preislich zwar über den Berghütten, in Deutschland hätte mich jedoch dieselbe Kategorie und Qualität mindestens das Doppelte gekostet. Lobenswert ist auch das ausgezeichnete Restaurant, wo mir das Essen zu den Klängen der Original Oberkrainer mit slowenischen Texten serviert wird. Diese „Volkshelden“ um den verstorbenen Akkordeonisten Slavko Avesik scheinen mir in Slowenien noch recht hochgehalten zu werden, immer wieder erklingen ihre Lieder, sei es im Bus, im Restaurant oder im slowenischen Radio. Die Julischen Alpen erstrecken sich über zwei slowenische Provinzen: bevor sie sich auf der italienischen Seite fortsetzen (Friaul, ital. Frioli), ziehen sie sich durch die westlichste Provinz Sloweniens, die Primorska. Der zentrale Teil mit dem Triglav – Nationalpark befindet sich jedoch in der Gorenjiska, deren deutsche Bezeichnung zu K.u.K. – Zeiten Oberkrain lautete. Ergo befinde ich mich in der Heimat der legendären Oberkrainer.
Wohl ausgeruht und mit einem üppigen Frühstück im Magen starte ich am folgenden Morgen in meine letzte Wanderetappe, wobei zunächst einmal gute 1000 Höhenmeter am Stück zu überwinden sind, die mir jedoch aufgrund der am Weg liegenden Attraktionen recht kurzweilig erscheinen. Zunächst einmal hole ich den Besuch des Savica – Wasserfalls nach, zu dem gestern die Zeit nicht mehr gereicht hatte. Von der Savica – Hütte aus ist es nur ein kleiner Abstecher zur gebührenpflichtigen Sehenswürdigkeit. In Form einer Karstquelle schießt das Wasser abrupt aus den Felsen hervor und stürzt über eine Fallhöhe von 51 Metern hinunter ins grün schimmernde Bassin. Reichlich zerstäubtes Wasser liegt in der Luft, weshalb sich bei Annäherung eventuell das Tragen von Regenzeug empfiehlt. Durch Färbung konnte nachgewiesen werden, daß das Wasser seinen Ursprung in Sieben – Seen – Tal hat, das unterwegs im Karstboden versickert, um hier an dieser Stelle wieder zutage zu treten. Daß ich nun abermals durch die prächtige Komarca – Wand steigen muß, ärgert mich nicht im Geringsten, denn es ist wohl die letzte Möglichkeit, vor Beendigung meiner Tour durch die Julier nochmals einen der hier so zahlreichen und spannenden Klettersteige zu begehen. Auch am Crno – See und an der Visevnik - Alm komme ich abermals vorbei, ehe ich bei der nach dem gleichnamigen See benannten Wanderhütte Koca na Planini jezeru (1453m) eine weitere nostalgische Hochalm besichtige. Die Komarca – Wand war übrigens schuld daran, weshalb ich diese herrlich gelegene Hütte mit seinem verträumten Bergsee und den nahegelegenen, bestens erhaltenen Sennerhütten nicht zur Übernachtung ausgewählt habe, denn unbedingt wollte ich noch den abenteuerlichen Steig durch diese enorme Felswand mitnehmen, auch wenn ich ihn dann zweimal begehen muß.
Weiter geht es nun auf und ab durch typische Karstlandschaft. Tannenwald und offene Wiesen wecheln sich dabei ab, das leuchtend weiße Kalkgestein ist ohnehin immer präsent, entweder in Form kleinerer Felsblöcke oder aber mächtiger Felswände. Das sehr unebene Gelände zeigt deutliche Spuren von Dolinenschächten, die große, durch Vegetation überwucherte Krater bilden. Hier ist es sicher angebracht, den Wanderweg nicht zu verlassen, um nicht unversehens vom Erdboden verschluckt zu werden. Die Planina Dedno Polje präsentiert gleichfalls eine kleine Sammlung enzückender, uralter Sennerhütten. Immer wieder faszinieren auch die Details der kleinen Häuschen, beispielsweise ein Holzgeländer, das durch einen wie dafür gewachsenen Holzstock gebildet wird, rostige Hufeisen an den Außenwänden oder ein über der Eingangstür aufgehängtes Hischgeweih. Mit Gewinnung an Höhe erscheinen auch wieder zahlreiche Altscneefelder, bis ich dann eine der am höchsten gelegenen Almen des gesamten Gebietes erreiche. Die Planina v Lazu (1560m) liegt herrlich in einem Felskessel, die bestens erhaltenen Sennhütten sind auch hier eine wahre Augenweide. Wie viele andere Almböden, wird auch die Lazu – Alm im Sommer noch mit Vieh beschickt, und es wird auch gekäst, jetzt aber liegt sie noch, umgeben von Schneeresten, in tiefer Einsamkeit, während Sonne und Wolken ein faszinierendes Licht – Schattenspiel über die prächtige Szenerie werfen. Um zu meinem nächsten Ziel, die Blato – Alm, zu gelangen, muß ich mich nahezu 500 Höhenmeter abwärts begeben. Recht spät ist es zwischenzeitlich geworden, bis ich an der letzten der heute von mir besuchten Almen ankomme, Hier ist ein Schäfer mit seinen Tieren zugegen, bei dem ich mich nach dem Weg zur Vojah – Hütte erkundige. Diese Wanderhütte, die mir beim Eintreffen in der Fuzina – Region vor zwei Tagen bereits durch die Lappen ging, ist von hier aus laut Karte über einen unmarkierten Pfad zu erreichen. Der junge Schäfer spricht leidlich Englisch, jedoch genug, um die Situation zu klären. Der Weg sei nicht einfach zu finden, erklärt er, vor wenigen Tagen erst wäre er den Weg selbst gegangen, um ein verirrtes Schaf zu suchen und habe sich dabei verirrt. Ich will es trotzdem riskieren, zu aller Not müßte ich eben im Wald biwakieren, einen kleinen Lebensmittelvorrat habe ich ja noch bei mir. Nachdem anfänglich alles so verläuft, wie es der Schäfer mir beschrieben hatte, bald links, dann am nächsten Baumstumpf wieder rechts abbiegen usw., stehe ich schließlich an einem Punkt, wo ich nicht mehr weiter weiß. Der Pfad endet an einem verwitterten Holzschild mit der gerade noch lesbaren Aufschrift „Grintovica“. Die Grintovica – Alm befindet sich nördlich von hier und eigentlich müßte mein Pfad hier irgendwo auf den markierten Wanderweg treffen, der zur Vojah – Hütte hinunterläuft. Erst nach längerem Hin und Her stoße ich schließlich auf die Wandermarkierung, und ich bin erleichtert, denn es dämmert bereits. Der Weg war dann wirklich nicht so einfach zu finden, und ich bin nicht ohne Stolz, ihn trotzdem gemeistert zu haben, obwohl der einheimische Schäfer vor wenigen Tagen selbst Schwierigkeiten dabei hatte.
Endlich führt der Weg hinaus aus dem bereits recht düsteren Wald auf einen Fahrweg und ich gelange auf diesem zur Hütte. Sie macht von außen einen sehr gepflegten Eindruck, beinahe schon ein Berghotel, nur leider ist sie verschlossen. Offensichtlich haben die Wirtsleute nicht mehr mit dem Eintreffen von Gästen gerechnet, weshalb sie wohl ins Dorf zurückgekehrt sind. Man sieht jedoch, daß sie heute noch hier waren. Ich gehe einmal rings ums Haus herum und beschließe kurzerhand, mein Nachtlager unterm Balkon aufzuschlagen, wo ich im Falle nächtlicher Niederschläge geschützt wäre. Statt eines warmen Menüs muß ich mich eben mit Salami, Brot und etwas Schokolade begnügen und schlafe schließlich mit der Vorfreude auf ein opulentes Frühstück morgen in Stara Fuzina ein, während mir ein sanfter Wind um die Nase streicht.
Eine überraschende Sehenswürdigkeit erwartet mich tags darauf beim Abstieg nach Stara Fuzina. Ich folge dem Mostnica – Gebirgsbach stromabwärts, der bald eine eindrucksvolle Klamm bildet. Der Blick hinunter in den schwindelerregenden Abgrund, wo Drahtseilsicherungen ein Herunterstürzen verhindern sollen, imponiert. Unterhalb der Klamm bildet der Bach ein paar kleine, aber anmutige Wasserfälle, an denen ich erst einmal eine Rast einlege, und die Gelegenheit nutze, mich notdürftig zu waschen, ehe ich wieder unter zivilisierte Menschen zurückkehre. Nahe am Ortseingang stoße ich auf eine Pension, in der ich mich an einem reichhaltigen Frühstücksbuffet stärke. Eine Gruppe Deutscher älteren Jahrgangs ist dort ebenfalls zu Gast.
Mein Weiterweg führt mich von Stara Fuzina nach Ribcev Laz, da von dort aus erst wieder Busse verkehren. Im Gegensatz zu meiner Ankunft vor wenigen Tagen herrscht heute eitel Sonnenschein. Eine Schulklasse mit ihren Lehrern kommt mir entgegen, aus etwa 30 Kinderkehlen schmettert ein slowenisches Volkslied durch die frühsommerliche Luft. Immer wieder drehe ich mich um, in Richtung der Berge, schweift der Blick über saftiges Weideland. Zwei ältere Bauersfrauen ziehen, mit Sensen bewaffnet, auf´s Feld. Bald erreiche ich Ribcev Laz und den Wocheiner See. Bis zur Abfahrt des Busses bleibt mir noch genügend Zeit, also treibe ich mich noch ein wenig am Seeufer herum, setze mich auf ein sonnenbeschienenes Bänklein und genieße das prachtvolle Panorama. Sicher gibt es auch hier touristische Einrichtungen, trotzdem läßt sich hier alles viel ruhiger und gemächlicher an, als weiter vorne am Bleder See. Mit der Busverbindung klappt es hervorragend, es geht direkt nach Ljubiljana (Laibach), der Hauptstadt Sloweniens, wo ich meine letzte Nacht vor der Rückreise nach Deutschland zuzubringen gedenke. Gleichfalls wie die kroatische Kapitale Zagreb hat Ljubiljana für Budgedurlauber nur eine bescheidene Auswahl an Unterkünften zu bieten. Mein Reiseführer verweist auf die Möglichkeit, in einem der Studentenheime die Nacht zu verbringen, die besonders während der Semesterferien auch Touristen zu günstigen Preisen aufnehmen. Nun, das erste und am zentralsten gelegene erteilt mir gleich eine Abfuhr, sie sind voll bis auf´s letzte Bett. Ein weiteres Studentenwohnheim befindet sich im Stadtteil Besigrad, der jedoch einige Kilometer von Zentrum und Busbahnhof entfernt liegt, weshalb ich erst einmal meinen Rucksack am Gepäckschalter des Bahnhofs zurücklasse, um mich alsdann auf den Fußmarsch zu begeben. Der Chef des Studentenwohnheims ist ein bärtiger Mann mittleren Alters mit einer etwas schulmeisterlichen Art. Nachdem ich ihm auf seinen gestellten Fragen stets mit einem flüssigen Englisch pariert habe, scheint er von meiner Intellektualität überzeugt und ich bin nun offensichtlich würdig, daß ich einkehre unter sein Dach. Also, wieder zurück zum Bahnhof, Gepäck aufgeschultert, und nochmal die selbe Strecke, weil´s so schön war. Nachdem ich mich im Mehrbettzimmer, das ich allerdings allein belege, einquartiert und etwas ausgeruht habe, lasse ich es mir jedoch nicht nehmen, abermals Richtung Zentrum zu eilen, um von dort aus eine Stadtbesichtigung zu unternehmen, die sich durchaus lohnt. Auch eine Burg gibt es, von der aus man die gesamte Stadt überblicken kann, während die Klänge eines Rockkonzertes, das unten in der Altstadt gerade abgehalten wird, zu mir herauf dringen. Sehr gut gelungen finde ich die Symbiose der mittelalterlichen Burggemäuer mit moderner Kunst. In der Altstadt brillieren unzählige alte K.u.K. - Jugendstilhäuser, enge Gassen führen zum Teil steil bergauf. Weniger schön ist die Neustadt, die den alten Kern umringt. Der sozialistische Plattenbaustil hat etwas Ödes, Tristes. Der Stadtteil Besigrad, in dem ich nächtige, ist ein typisches Beispiel. Dort befinden sich übrigens die meisten Schulen und Fakultäten, viele Studenten weilen dort entweder in Wohnheimen oder Privatzimmern.
Am nächsten Morgen reise ich mit dem frühestmöglichen Zug nach Zagreb. Der Bus nach Deutschland fährt zwar erst um 16.00 Uhr von dort los, ich will aber auf Nummer sicher gehen, und ziehe es vor, lieber noch ein paar Stunden mit Sightseeing in der kroatischen Hauptstadt zuzubringen, schließlich gibt es auch im dortigen Busbahnhof eine Gepäckaufbewahrung. Zweimal bin ich ja nun bereits mit dem Bus auf der Strecke Ljubiljana - Zagreb verkehrt, und ich muß sagen: die Zugfahrt ist ungleich schöner und unbedingt der eher langweiligen Straßenstrecke vorzuziehen. Außer der anfänglichen Aussicht auf Julische und Steiner Alpen, die man schließlich auch vom Busfenster aus hat, führt die Zugstrecke direkt durch´s wunderschöne Tal der Save, vorbei an schmucken Ortschaften, wo hügeliges Bergland in bewaldeten oder mit Weinreben besetzten Abhängen oder auch durch schroffe Felswände direkt vom Flußufer aus aufsteigt.
Ich hatte bei meiner Anreise ja bereits etwas Zeit zu einer Schnuppertour in Zagreb. Diesmal aber dringe ich ins "echte" Zentrum vor, wo quasi der Puls der Stadt schlägt. Jugendstilhäuser, mit jungen Leuten vollbesetzte Straßencafes und großzügige Einkaufsmöglichkeiten verleihen der Stadt einen mondänen Touch. In der Nähe des Busbahnhofs ragen Ruinen alter Fabriken und Wohnhäuser in die Höhe, das sieht verdächtig nach Bombenschäden aus. Auch Zagreb wurde während des Krieges durch Bombardierungen in Mitleidenschaft gezogen, doch die Spuren scheinen gottlob so gut wie beseitigt. Die Stadt wird von einem langgezogenen Mittelgebirgshügel überragt. Sicher würde sich eine Wanderung dort hinauf rentieren, würde man sich längere Zeit hier aufhalten. Mein Bus trifft pünktlich um 16.00 Uhr in Zagreb ein, abermals passiere ich die kroatisch - slowenische Grenze zweimal an einem Tag. Nochmals genieße ich die Reise bei Tageslicht, bis dann irgendwann auf der Fahrt durch Österreich die Nacht hereinbricht. Ohne Zwischenfälle erreichen wir im Morgengrauen Meersburg am Bodensee und ich erreiche mein Zuhause rechtzeitig zum Frühstück.

Von einem, der zu Dracula´s Schloß aufbrach und nie ankam

Unterwegs in den Massiven von Bucegi, Leaota und Piatra Craiului

Die einzige noch halbwegs funktionierende Lampe taucht das desolate Zugabteil des Accelerat Richtung Bukarest in das schummrige Licht einer dubiosen Erotikspelunke. Der langhaarige Typ auf der anderen Seite hat inzwischen sein Buch beiseite gelegt, welchem er zuvor im letzten Dämmerlicht, ganz nah ans Fenster gerückt, ein paar Seiten abgerungen hatte, als unser Zug noch wartend im Kronstädter Bahnhof stand. Wir nähern uns der ersten Haltestelle Timisu de Sus, und draußen ist es jetzt stockdunkel. Ich hätte die Bahnfahrt hinauf ins Prahova - Tal liebend gern bei Tageslicht gemacht, doch die späte Ankunft unseres Reisebusses hat nun zur Folge, daß ich das Städtchen Busteni, Ausgangspunkt meiner diesjährigen Karpatentour, erst im Mondschein erreichen soll. Sagenhafte 34 Stunden waren wir von meiner Heimatstadt Singen unterwegs bis nach Brasov, welches von seinen Gründern, den Siebenbürger Sachsen, immer noch Kronstadt genannt wird, und zum Schluß stand es mir wirklich dermaßen oben, daß mir die schöne Fahrt durch´s Banat und durch Siebenbürgen, gelinde ausgedrückt, am Hintern vorbeiging. Man muß schon sehr viel Liebe für dieses Land hegen, wenn man solche Strapazen auf sich nimmt, denke ich bei mir. Nun, es ist bereits das dritte Mal, daß ich auf diese Weise nach Rumänien reise, und für mich gibt es wirklich mehr als nur einen guten Grund, diesem Land immer wieder mal einen Besuch abzustatten.

Um diese Uhrzeit haben sich auch die gewöhnlich den am Bahnsteig ankommenden Touristen hofierenden Vermieter und Vermieterinnen von Privatunterkünften zurückgezogen, weshalb ich mich denn auf´s Geratewohl auf die Socken mache. Da ich entlang der Hauptstraße auf Anhieb nicht fündig werde, probiere ich einfach mal eine Nebengasse, was zur Folge hat, daß ich wohl auf eine Pension stoße, deren Besitzer aber offensichtlich nicht anwesend sind, und ich schließlich sämtliche Hunde der Nachbarschaft tollwütig mache. Ich stoße auf das Hinweisschild "Hotel Silva", dem ich nun folge. Normalerweise sind für mich Hotelübernachtungen eher was für die letzte Nacht vor der Rückfahrt. Im Allgemeinen sind sie zwar immer noch preislich um einiges günstiger, als bei uns, aber dennoch teuerer und meist auch unpersönlicher, als Privatzimmer. Die Dame an der Rezeption empfängt mich freundlich, was nach meinen Erfahrungen in den ehemals staatseigenen Sterilbauten der einstigen Ostblockstaaten beileibe nicht immer selbstverständlich ist. Der Preis ist auch nicht überzogen, beinhaltet er doch Frühstück vom Buffet, d. h., ich als berüchtigter Morgenvielfraß kann reinhauen bis zum Zerbersten.

Mir wird ein Zimmer in einem der oberen Stockwerken zugewiesen. Als ich endlich einquartiert bin, trete ich vor die Balkontür, sauge die frische Luft in mich hinein, Geruchssorte Tannenwald - Kaminrauch, und blicke auf zu einem sternenumsprenkelten Beinahe - Vollmond. Menschliche Stimmen dringen vom Hoteleingang zu mir herauf, ich vernehme das Rauschen des nur wenige Meter entfernt vorbeiplätschernden Jepilor - Baches, das entfernte Bellen von ein paar Hunden, erkenne die aus der mondschummrigen Dunkelheit als tiefschwarze Shilhouetten hervortretenden Hausdächer Bustenis - endlich angekommen!

Das Prahova - Tal stellt die wichtigste Verbindung zwischen Transsilvanien und der Walachei her. Straße und Eisenbahn verknüpfen die siebenbürgische Metropole Brasov mit der Hauptstadt Bukarest. Die beiden Trassen führen, mehr oder weniger parallel nebeneinanderlaufend, durch eine eindrucksvolle Gebirgslandschaft. Busteni liegt ein gutes Stück weit hinter dem Predeal - Paß (1032 m), der traditionellen Grenze zwischen den beiden Landesteilen, und befindet sich somit schon in der Walachei. Vom Balkon aus habe ich einen wundervollen Ausblick auf das sich jenseits der Dächer des Luftkur - und Wintersportortes erhebende Baiou- Massiv, welches durch sanft gewellte, aus der Entfernung kahl wirkende Bergkuppen gekennzeichnet ist. Nach dem, wie erwartet, opulenten Frühstück trete ich mit Sack und Pack hinaus auf den Hotelparkplatz, und wende mich nun zum ersten Mal bei Tageslicht jenem Massiv zu, welchem dieses Mal mein Hauptinteresse gelten soll: Gar manchem Baltorient - Express - Passagier, der von Berlin über Prag und Budapest kommend in den frühen Morgenstunden hier eintrifft, endlich die bulgarische Schwarzmeerküste erreichen will und Rumänien bislang nur als uninteressantes Transitland abgetan hat, ist hier wohl schon beim Gähnen der nach unten geklappte Kiefer in dieser Stellung verharrt geblieben, als er der sich von Busteni aus bietenden Kulisse ansichtig wurde. Bin ich im falschen Zug? Ja, sind wir denn hier etwa in den Alpen? Steile Felswände mit messerscharfen Gipfelzacken erheben sich über dem Talgrund, einer davon auffällig mit einem riesigen Kreuz geschmückt. So präsentieren sich unserem verdutzten Zugpassagier die Ostabstürze des Bucegi - Massivs, die äußerste Bastion der Südkarpaten, welche aufgrund ihres Hochgebirgscharakters von manchen auch ehrfurchtsvoll als transsilvanische Alpen bezeichnet werden. Die vom Balkon des Hotel Silva aus überschaubaren Baiou - Berge werden bereits den Ostkarpaten zugeschlagen, denn das Prahova - Tal ist auch die geographische Schnittstelle zwischen Süd- und Ostkarpaten. Die Geologen mögen mir bitte verzeihen ob meiner dreisten Behauptungen, denn sie sehen das Bucegi - Gebirge aufgrund seiner Gesteinszusammensetzung bereits den Ostkarpaten zugehörig.

Im nahegelegenen Alimentar, so werden in Rumänien die Lebensmittelläden genannt, versorge ich mich noch schnell mit etwas Proviant, bevor ich mich endlich auf den Weg mache, der direkt hinter dem Hotel beginnt und sogleich als schmaler, mit Baumwurzeln und Steinen durchsetzter Bergpfad steil durch den Wald nach oben zieht. Zwischen zwei Felswänden konnte ich zuvor noch den tiefen Einschnitt ausmachen, durch welchen meine Aufstiegsroute führen würde: Es ist das Jepilor - Tal, dessen Bachbett zur Zeit völlig ausgetrocknet ist. Bald sind die letzten Laubbäume aus dem Waldbestand heraussortiert, und es verbleiben nur noch hochwüchsige Tannen. Auf der gegenüberliegenden Talseite eröffnet sich zwischendurch ein Ausblick auf eine Wasserfallgruppe, die Wegführung ist gelegentlich mit Drahtseilen abgesichert, besonders in der Zone oberhalb der Baumgrenze, von wo aus sich prächtige Blicke hinab ins zurückliegende, steil anziehende und scharfkantig abgegrenzte Jepilor - Tal, sowie auf Busteni, Prahova - Tal und Baiou - Berge auftun. Besonders schön sind im Oktober die Farben: nicht nur die Gelb- Rot- und Brauntöne der sich mit den tiefer gelegenen Tannenwaldbeständen vermengenden Laubwald- und Lärchenbestände, sondern auch das intensive Grün der Bergmatten, welches vom Braun bis Braunrot bereits modrig gewordener Farne, dunkelgrünen Knieholzfeldern oder den Leuchtfarben der Alpenrosensträucher durchsprenkelt wird. Mit knallroten, aber giftigen Beeren behangene Büsche bestechen grell kontrastierend im Übergang zur Baumgrenze. Das Langgras hat inzwischen eine fahlgelbe Bleichung angenommen. Eine der Charakteristiken des Bucegi sind sicherlich die das stumpfe Grau der Felsen abstufenden Grasbänder, die auf den breiter ausfallenden Terrassen auch den Wuchs des einen oder anderen Bäumchens oder gar einer Baumgruppe, aber auch dichter Buschwerke zulassen.

Daß die Aufstiegsroute ziemlich direkt unter der Seilbahn verläuft, tut deren Schönheit keinen allzu großen Abbruch. Ich bin zudem kein grundsätzlicher Seilbahngegner, aber ich bin der Meinung, daß in vielen Regionen der Alpen maßlos übertrieben wurde, und, anstatt den längst überfälligen Baustopp umzusetzen, immer noch weiter gebaut wird. Die rumänischen Karpaten bieten vorzügliche Möglichkeiten zur Entwicklung eines sanften Tourismus, der durchaus dazu geeignet wäre, den dort ansäßigen Menschen zum wirtschaftlichen Aufschwung zu verhelfen. Daß dabei in Zukunft das eine oder andere Gebiet als Erholungs- und Skigebiet auch mechanisch erschlossen werden wird, wird sicher nicht ausbleiben. Trotzdem appelliere ich hiermit an sämtliche Beteiligten, nicht die Sünden zu wiederholen, die bei der Erschließung vieler anderer Gebirgsregionen begangen wurden. Es ist sicher die noch weitgehend erhaltene Ursprünglichkeit der Natur, die erfrischende Schlichtheit der Dinge, und das Vorhandensein einer noch intakten Sitten- Lebens- und Wohnkultur, die sich vom globalisierten Einheitsbrei, der inzwischen immer mehr die Profile der verschiedenen europäischen Länder und Völker zu zerstören droht, abhebt. Eine wachsende Anzahl von Touristen nehmen gerne die Prinzipien des sogenannten sanften, oder, wenn man so will, Oekotourismus an oder machen sich auf die Suche nach Alternativen zu oft lärmenden, verbauten, oder auch versnobten Zentren des Alpentourismus.

Wenn sich weiter oben der Wegverlauf von den Drahtseilen der Teleferic entfernt, erscheint die sicher zig Menschen fassende, signalrote Gondel wie ein Spielzeug, wie sie vor dem Hintergrund einer mächtigen Felswand bergwärts schwebt. Über die Plateaukante hinaus soll sie ihre Fahrt noch ein Stück weit fortsetzen, bis sie neben dem Babele - Berghaus auf 2200 Metern die Bergstation erreicht, wo das Plateau bereits wieder zur anderen Seite ins Ialomita - Tal abfällt. Auch ich habe inzwischen die Abbruchkante erreicht. Die wettergegerbten Schindelwände der altehrwürdigen Caraiman - Hütte (2025 m) trotzen hier, nur wenige Schritte von der Abbruchkante entfernt, seit Jahrzehnten den hier oben regelmäßig durchziehenden Stürmen. Ich wende mich nach rechts, wo ein Bergpfad mit südöstlicher Ausrichtung weiter nach oben zieht. Von diesem Pfad aus läßt sich die dramatische Position der Caraiman - Hütte bestens einsehen, das steile Jepilor - Tal liegt mir jetzt zu Füßen. Nach Umrundung eines Bergsporns kommt schließlich mein erstes Zwischenziel in Sicht, das 30 Meter hohe Cruce Erorilor (Heldenkreuz), welches wohl, wie eingangs schon erwähnt, als Wahrzeichen des Prahova - Tals angesehen werden kann. Aus der Nähe wirkt es auf mich ziemlich nüchtern, wie es aus dem betongemauerten Freitreppenaufgang des mit schmucklosen Gedenkplatten ummantelten Denkmalsockels emporragt. Das aus riesigen Stahlstreben konstruierte Kreuz wurde zum Gedenken an die im 1. Weltkrieg gefallenen Soldaten errichtet. Der Stahl hierzu wurde aus den Resten der während jenes Krieges in Rumänien zerstörten Brücken verwendet. Um das Verständnis für die Bedeutung dieser Gedenkstätte zu schärfen, muß man wissen, daß im Prahova - Tal, insbesondere um den Predeal - Paß, eine der blutigsten Schlachten des gesamten Kriegsverlaufs getobt hatte.

Nachdem ich bei einer kleinen Vesperpause den fantastischen Tiefblick auf Busteni (auch das Hotel Silva ist von hier oben aus gut zu erkennen), sowie die Aussicht auf die im Osten dominierende Pyramide der Piatra Mare (Hohenstein), des Postavaru und den Muntii Baiului genossen habe, steige ich nun zum sich direkt hinter dem Kreuz erhebenden Varful Caraiman (2284 m) hinauf. Wie viele Bucegi - Gipfel, insbesondere hier, im östlichen Gebirgsteil, stellt dieser Berg jediglich eine wenig interessante Erhebung im Gelände dar. Die wahren Schönheiten dieses Massivs sind auch nicht etwa besonders hervorstechende und wohlgeformte Berggipfel, sondern eher die von einmaligen Felsformationen und schroffen Wänden gesäumten Täler, die artenreiche Flora, oder die außergewöhnliche Tierwelt ( z. B. Bär, Wolf, Luchs Adler, Gemsen). "... um so enttäuschter wird mancher Wanderer sein, wenn er den Hauptkamm erreicht hat und sich anstatt auf dem gezackten Gipfelgrat - wie eigentlich erwartet - auf einem sanften Plateau befindet, das nach Westen in ausgedehnten Wiesenhängen ins Ialomita - Tal abfällt." So läßt sich Henning Schwarz in seinem Wanderführer "Rumänische Karpaten" aus, und als ich so auf der Caraiman - Kuppe stehe und meinen Blick über die vor mir liegende Berglandschaft schweifen lasse, bin ich tatsächlich etwas enttäuscht, obwohl ich die eben zitierten Zeilen bereits zu Hause gelesen habe und auch sehr gut darüber informiert bin, wo die wahren Schönheiten des Bucegi zu entdecken sind. Es ist einfach die Tatsache, daß auch in weiterer Entfernung scheinbar nichts auf eine besondere Sensation hinweist. Schöne Berge, aber eben keine Dramatik, nichts wirklich Erhebendes. Ich hätte eigentlich erwartet, daß wenigstens der Omul, der mit 2505 Metern höchste Gipfel des Bucegi, in erhabener Weise sich emporheben würde, aber der läßt sich, von hier aus gesehen, noch nicht einmal richtig blicken. Was sofort ins Auge fällt, ist der leuchtturmähnliche Sendemast des benachbarten Costila - Gipfels. Autobahnbreite Trassen durchziehen ein wellblechförmiges Wiesengelände. Vom Ialomita Tal aus ist es für geländegängige Fahrzeuge theoretisch möglich, zum Plateau hinaufzugelangen. Die Narben in den Wiesenmatten entstanden wohl auch durch die Flut der auf dem Plateau verkehrenden Spaziergänger und Wanderer, in der Hauptsache jedoch durch die Kettenfahrzeuge des Militärs, welches hier oben in alten Zeiten ziemlich aktiv gewesen sein soll. Wenn man den einen oder anderen Ausflügler in Turnschuhen antrifft, so kann man ihm das ohne Weiteres nachsehen. Im Winter dürfte sich die schwach profilierte Geländeform aufgrund der lawinenungefährlichen Beschaffenheit auch gut für Ski - und Schneeschuhtouren eignen, vorausgesetzt, man steigt mit Hilfe der Seilbahn auf. Die harmlose Spaziergängerei hat jedoch klare Grenzen.

Ich marschiere knapp unterhalb des Costila - Gipfels vorbei, um kurz darauf die Marschrichtung statt bisher Nord nun gen Westen auszurichten, wo ich, etwas an Höhe verlierend, bald den Sattel Saua Cerbului erreiche. Dem dort stehenden Wegweiser ist der Hinweis zu entnehmen "Iarna interzis - Im Winter verboten". Wer von hier ab aus dem Sattel heraus sich nach Norden zum Omul - Gipfel begibt, betritt von nun an alpines Gelände, wo man mit Turnschuhen und ohne eine ordentliche Bergwanderausrüstung eigentlich nichts mehr zu suchen hat. Rechts unter mir ist es nun möglich, ins Valea Cerbului (Hirschtal) hinabzusehen, auf welches ich später noch eingehend zu sprechen komme. Zwischen herumziehenden Wolkenfetzen zeigen sich mir auf der anderen Talseite die erosionsgeformten Felsskulpturen der Coltii Morarului. Der Bergpfad umrundet nun praktisch den Abschluß des Hirschtales, in wenigen Minuten ist vom Weg aus der Aussichtsgipfel Varful Gavanele ersteigbar, der sich wie ein Sporn gen Süden hin reckt und somit ein exzellentes Panorama zurück über´s hinter mir liegende Plateau, hinunter in den malerischen Einschnitt des Ialomita - Tales und zum die westliche Seite des Tales begrenzenden Strunga - Kamm präsentiert. Die Gipfel des Strunga - Kammes zeigen sich gleichfalls nicht sonderlich markant, überragen aber fast durchgehend die 2000 - Meter - Marke. Sensationeller erscheint der Strunga - Kamm, wenn man ihm von Westen her ansichtig wird, worauf ich gleichfalls noch später zurückkommen werde.

Obwohl bei meinem Aufbruch und während des Aufstiegs durch´s Jepilor - Tal heute morgen noch Prachtwetter geherrscht hatte, sind zwischenzeitlich vermehrt Wolken aufgezogen und auch die Windstärke hat in dynamischem Maße zugenommen, weshalb die Aussicht nun doch etwas beeinträchtigt ist. Der Bergpfad führt um den Bucura - Gipfel (2503 m) herum. Ich weiche jedoch ein wenig vom Weg ab, um auch diesen Gipfel mitzunehmen. Als ich die Kuppe erreiche, sehe ich mich schlagartig, nahezu auf selber Höhe, der Omul - Gipfelhütte gegenübergestellt. Seit über siebzig Jahren steht diese liebenswerte, charmante Holzhütte, direkt an den aalglatten Gipfelfelsen geschmiegt, auf dieser zugigen Höhe. Sie ist die höchstgelegene Hütte der gesamten Karpaten. Inzwischen hat das gute, alte Berghaus in Gestalt einer meteorologischen Station einen Nachbarn bekommen. Ich treffe vor der Hütte auf den Mann von der Wetterwarte und zwei weitere Wanderer, die mich auf eine Gemse in etwa hundert Meter Entfernung aufmerksam machen. Die beiden Wanderer sind heute über das Malaiesti - Tal aufgestiegen und berichten, daß sie unterwegs ein gut 30 - köpfiges Gemsenrudel beobachten konnten.

Für mich ist an der Omul - Hütte noch lange nicht Feierabend. Die schon lange erträumte Übernachtung in dieser schlichten, aber urgemütlichen Bergunterkunft soll noch warten, ich habe anders geplant. Zu Fuß zu Draculas Schloß gelangen, auch das ist ein schon des Längeren gehegter Traum, den ich mir nun zu erfüllen gedenke. Ich weiß sehr wohl, daß ich damit in mancher Augen ein schon recht abgedroschenes Klischee bediene, weiß auch, daß Castelul Bran, siebenbürgisch Törzburg genannt, niemals ein Dracula - Schloß gewesen ist, trotzdem erregt dieses Phantasiespiel irgendwie die Sinne.

In westliche Richtung gehe ich nun abwärts auf einem Kammweg, der mich, würde ich ihm weiter folgen, hinauf zum Varful Scara (2422 m) führen würde. Im Sattel Saua Hornurilor (2315 m) bieten sich jedoch zwei Talabstiege an. Rechterhand, ergo nordwärts kann man ins Malaiesti - Tal absteigen, die linksseitige Alternative führt durch´s Gaura Tal bis hinunter nach Simon oder nach Bran. Ich folge der zunächst weglos durch einen steilen Wiesenhang abwärts führenden Stangenmarkierung in den Talgrund der obersten Gletscherstufe der Valea Gaura. Der weitläufige Trog dieser obersten Taletage ist bereits vom Kammweg aus gut einzusehen und lockt mit herrlich grünen Wiesen und prächtigen Felsnadeln, die aus den Flanken emporragen. Nur schade, daß das Bachbett, dessen Verlauf ich folge, ausgetrocknet ist, ansonsten ist diese Wanderung an Prächtigkeit kaum noch zu überbieten. Die Valea Gaura zählt gewiß zu den schönsten Tälern in den Karpaten. Trotz der Tatsache, daß es sich bei den Bucegitälern ausschließlich um durch eiszeitliche Gletscher geformte Gebilde handelt, findet man hier allerdings keine Bergseen, wie ich sie im Fagarasch und vor allem im Retezat angetroffen habe. Als ich weiter hinuntersteige, werde ich hellauf begeistert von den das Tal begrenzenden Felswänden, insbesondere die dramatisch - schönen Formen, die sich rechterhand, also auf der Nordseite bieten. Herrliche Felskeile ragen aus symmetrisch gebildeten Wandstufen, das abendliche Licht tut noch das Seine dazu, um mich vollends in Euphorie zu bringen. Hier endlich fühle ich mich auf der richtigen Seite des Gebirges, hier hält der Bucegi, was er verspricht, nämlich, so sind zumindest viele rumänischen Bergfreunde überzeugt, das schönste Gebirge Rumäniens zu sein. Fernab jeder Seilbahn soll ich bis hinunter nach Bran keiner Menschenseele mehr begegnen, auch fahren hier keine Plastikflaschen und ähnlicher Müll mehr herum, wie das auf der Ostseite, trotz unzähliger Verbotsschilder, leider der Fall ist. Das Tal verengt sich etwas nach unten hin, und die eine oder andere durch Drahtseile gesicherte Felsstufe sorgt für willkommene Abwechslung im Bewegungsapparat. Schließlich gelange ich zu einer Stina, so werden die Schäferalmen in Rumänien genannt. Die Stina din Gaura (1500 m) befindet sich auf einer mit Felsen gespickten und einzelnen Bäumen bestandenen, wunderschönen Wiese, hinter der bereits der Bergwald beginnt. Die Sennstationen sind übrigens um diese Jahreszeit schon verwaist, Hirten und Schafe sind bereits in die wärmeren Täler und ins Karpatenvorland hinuntergezogen, was den Vorteil mit sich bringt, daß man sich nicht mit den recht lästigen Hirtenhunden herumbalgen muß. Der Kontakt mit den Schäfern kann eine Wanderung allerdings bereichern, man sollte aber möglichst schon etwas rumänisch können. In den abgelegeneren Gegenden der Karpaten trifft man unterwegs, wenn überhaupt, oft nur auf Schafhirten oder Waldarbeiter, weshalb dann nur dieser Personenkreis für eventuelle Hilfe im Notfall in Betracht kommt.

Im Wald wird mir zunächst ein tüchtiger Gegenanstieg beschert, da ich jetzt das Tal wechsle. Folgt man ab der Stina weiterhin der Valea Gaura, würde man in die Ortschaft Simon gelangen. Ich erreiche bald die Lichtung Poiana dintre Vai ( "Wiese zwischen den Tälern"). Der Waldweg zieht sich weiterhin in die Länge, immer wieder auch mit kleineren Gegenanstiegen, bis ich erneut zu einer Wiese mit Wegweiser gelange, unterhalb derer der Forstweg am Poarta - Bach entlang zu den ersten Häuser der Ortschaft Bran führt. Zwischenzeitlich ist es spät geworden, die letzte halbe Wegstunde lege ich bereits in der Dämmerung zurück.

Ich beschließe, nicht mehr allzu weit hinunterzumarschieren, sondern die sich nächstbietende Gelegenheit einer Übernachtung am Schopf zu packen. An einer Hofeinfahrt mit einem touristischen Hinweisschild frage ich, und werde sogleich auf ein Haus verwiesen, das sich hinter dem Anwesen auf einem Hügel befindet. Ein junger Mann begleitet mich den steilen Wiesenhang hinauf, und verklickert meiner neuen Zimmerwirtin sogleich, daß ich auch etwas rumänisch könne, was diese mit Erleichterung aufnimmt. Das Haus ist neu und zeugt von einem gewissen Wohlstand, was in der Gegend des Bran - Passes nicht ungewöhnlich ist. Saubere, schöne Holzhäuser im landestypischen Ambiente sind die Markenzeichen der Siedlungen des Törzburger Hochlandes, wie die siebenbürgisch - deutsche Bezeichnung für diese Gegend lautet.

Die freundliche Zimmerwirtin tischt zum Abendessen im Hauptgang eine herrlich schmeckende, mit reichlich Brinza (Käse) angereicherte Mamaliga auf, so nennt man in Rumänien den auch in Italien bekannten Maisbrei (ital.: Polenta), genau das Richtige nach einem langen Tag in den Bergen. Reichlich 10 Stunden war ich bis hierher unterwegs, nach offiziellen Zeitangaben werden sogar um die 12 Stunden benötigt, weshalb diese Wanderung normalerweise in zwei Tagesetappen unterteilt wird, wobei man dann entweder in der Babele - oder in der Omul - Bergbaude übernachtet. Es ist nicht Jedermanns Sache, derartige Tagesetappen zu bewältigen, was von eventuellen Interessenten, die sich durch meinen Bericht inspiriert sehen, berücksichtigt werden sollte.

Vom Holzbalkon meines Zimmers aus überblicke ich am nächsten Morgen eine romatische Landidylle. Schöne Häuslein fügen sich zwischen wiesenbedecktes Hügelland und rechterhand, sensationell, die langgezogene Kette der Piatra Craiului (Königstein). Das Haus meiner Wirtsleute bietet durch seinen Standort auf der Anhöhe geniale Ausblicke. Ich hatte gestern abend die freie Zimmerwahl, und hätte ich eines der linksseitig gelegenen Zimmer genommen, so wäre mir heute Morgen die Aussicht auf den Bucegi vergönnt. Geschwind hinunter zum Frühstückstisch, ein großartiger Wandertag erwartet mich!

Eigentlich wollte ich ja noch vor meinem Wiederaufstieg ins Gebirge dem Kastell Bran einen Besuch abstatten. Meine Gastgeberin rät mir jedoch ab, als ich ihr meine vorgesehene Route erkläre, die mich durch die Valea Ciubotea zur Omul - Hütte hinaufführen soll. Der Abstecher von hier aus hinunter zur Burg würden 3 Kilometer Hin- und 3 Kilometer Rückweg bedeuten, hinzu käme noch die Zeit für die Besichtigung. Der Aufstieg durch´s Ciubotea - Tal sei lang und anstrengend, und dabei habe ich ihr noch gar nichts gesagt von meinem beabsichtigten Umweg über´s Malaiesti - Tal. Ich beschließe, den Besuch der Törzburg auf meinen letzten Tourentag zu verlegen. Sollte alles nach Plan verlaufen, dann würde ich wohl die letzte Nacht in der Curmatura - Hütte unterhalb des Königstein - Hauptkammes verbringen. Wenn ich von dort aus zeitig aufbräche, könnte ich in einer gemütlichen Wanderung über die Dörfer und Hügel des Törzburger Hochlandes bis nach Bran gelangen, und würde somit, wie gewünscht, das "Dracula - Schloß" doch noch zu Fuß erreichen.

Mein morgendlicher Weg führt zunächst die selbe Forststraße aufwärts, über die ich gestern heruntergekommen bin. Ich folge dieser diesmal jedoch ein Stück weiter aufwärts, bis zur geographischen Bezeichnung Cascada Urlatorea. Zu meiner Enttäuschung kann ich in nächster Nähe keinen Wasserfall entdecken, der Poarta - Bach fällt hier in den selben - zwar schönen, aber doch gewöhnlichen - Minikaskaden talwärts, wie weiter unten auch. Am unbesetzten Bergwachthäuschen vorbei geht es zunächst steil über einen Wiesenhang am Waldrand entlang aufwärts. Es folgt die obligatorische Durchquerung der Bergwaldzone, bis eine schöne Lichtung erreicht ist. Zwei mächtige, senkrechte Felswände riegeln hier das Tal imposant gen Süden ab. Ich gelange in ein durch großartige Felsengebilde und steile Wiesenhänge begrenztes Hochtal, auch hier ist das Bachbett ausgetrocknet. Sowohl der Blick nach vorne, als auch der Rückblick zeigen mir, daß das Ciubotea - Tal der Valea Gaura fast ebenbürtig ist. Doch während hinter mir die Sonne noch durch eine aufgelockerte Bewölkung scheint, hat sich über dem Talabschluß eine kohlrabenschwarze, fast unheimlich wirkende, Nebelsuppe breitgemacht, die bereits die oberen Bergzacken verschluckt hat. Doch noch ist mir eine Schonfrist gesetzt, denn der Pfad führt über die rechts von mir sich aufbauende, also südliche Flanke aus dem Tal heraus, scheinbar in ein Stück noch halbwegs blauen Himmel hinein. Als ich jedoch den Bergrücken erreiche, über welchen der Weg weiter aufwärts führt, pfeift mir dort gleich ein anderes Lüftlein um die Ohren. Ruckzuck fliegen die Nebelschwaden einher, ein letzter Blick durch den sich verdichtenden Schleier zurück nach Bran, die grünen Hügel und den prächtigen Königstein, dann ist es vorbei mit der schönen Aussicht. Wieder einmal schleiche ich als Pfadfinder durch dichten Nebel, und die eine oder andere Windböe legt es offenbar darauf an, mich von den Füßen nehmen zu wollen. In solchen Situationen sind die auffälligen Stangenmarkierungen eine dankbare Orientierungshilfe. Die Sturmböen halten die Nebelschwaden ständig in Bewegung, weshalb diese sich in schnellem Wechsel lichten und wieder verdichten. Die lichten Momente muß man dann ausnützen, um die nächste Markierungsstange im Gelände auszumachen, über die Grundrichtung sollte man sich allerdings im Klaren sein. Ich überschreite auf diese Weise den Scara - Gipfel (2422 m), ohne es richtig zu registrieren. Erst als der Weg entlang eines Berghanges wieder abwärts führt, wird mir klar, daß das hinter mir liegende, plateauähnliche und schwach geprägte Gelände wohl schon die Gipfelkuppe gewesen sein muß. Ich habe weder ein Gipfelkreuz noch sonst einen Hinweis, daß dieser nun erreicht ist, vorgefunden. Kann allerdings auch sein, daß mir im Nebel eine etwaige markante Anhöhe entgangen ist. Aussicht hätte ich ohnehin keine gehabt.

Kurz vor Erreichen der Saua Hornurilor lichtet sich der Nebel, und die Sonne flutet durch das direkt unter mir liegende obere Gaura - Tal. Im Sattel habe ich nun den Schnittpunkt erreicht, wo ich gestern ins Gaura - Tal hinuntergestiegen bin. Anstatt jetzt schnurstracks ostwärts dem Omul - Gipfel zuzustreben, wähle ich nun den Nordabstieg hinunter ins Malaiesti - Tal, welcher exakt in Gegenrichtung des Abstiegs zum Gaura - Tal liegt, gleichfalls aus dem Hornu - Sattel heraus. Als recht unangenehm erweist sich das Abklettern durch die steile Rinne, die gelegentlich vorhandenen Drahtseilsicherungen sind völlig unbrauchbar, da durchgerostet, aufgesplissen und teilweise aus der Verankerung gelöst. Anstatt mich eher rechts zu halten, gerate ich zu weit nach links, und um die jetzt doch etwas kniffligere Kletterstelle unfallfrei zu überwinden, muß wieder mal der schwere Tourenrucksack über Bord. Glücklicherweise geht er nicht so ab, wie damals im Fagarasch, trotzdem überschlägt er sich dreimal. Gepäcklos habe ich die Stelle rasch überwunden und meine erste Sorge gilt meiner Stirnlampe. Sie ist das einzige mitgeführte Gerät, das für einen eventuellen Schaden in Betracht käme. Mit nicht funktionierenden Lampen habe ich ja bereits unangenehme Erfahrungen gemacht, z. B. vergangenes Jahr im Retezat! Ein kurzer Test, Lampe brennt noch!

Mit dem Abstieg ins Malaiesti - Tal hat der Wind schlagartig aufgehört, und auch über diesem traumhaft schönen Hochtal scheint nun die Sonne. Ich halte einen Moment inne, nehme die urplötzliche Stille in mir auf, die jetzt nur noch durch das Krächzen zweier über mir kreisender Krähen unterbrochen wird. Kaum zu glauben, daß mir kurz zuvor noch ein ohrenbetäubender Sturm um die Ohren gefegt ist und dicke Nebelwände die Landschaft um mich herum einfach verschluckt haben.

In Busteni habe ich im Alimentar das beste Brot erstanden, das mir bisher in Rumänien untergekommen ist. Brot scheint nach meinen bisherigen Erfahrungen nicht die Stärke der Landesküche zu sein. Jenes aus Busteni aber hat große Ähnlichkeit mit einer in Italien verbreiteten, in Olivenöl gebackenen Weißbrotsorte und schmeckt auch nach Tagen immer noch herrlich frisch. Drei Knoblauchzehen lasse ich mir dazu munden, und als ich meinen Weg fortsetze, wird mir nach wenigen Minuten dermaßen hundeelend, daß ich den Rucksack ins Gras schmeiße und mich erst mal danebenfallen lasse. Ich soll später darüber aufgeklärt werden, daß Knoblauch, in Üebermaßen genossen, eine toxische Wirkung haben kann. Sollte ich hier verenden, denke ich bei mir, dann würde es nachher heißen, ein Tourist, der sich überschätzt hat, ist an Erschöpfung gestorben. Und während ich so mit dem Gedanken spiele, wie sich ein hungriges Wolfsrudel an meinen sterblichen Überresten guttun würde, wird´s schlagartig lebendig im Tal. Den ganzen lieben langen Tag war mir keine Menschenseele begegnet, doch jetzt erkenne ich, wie durch die Brina Caprelor (Gemsensteig) zwei Personen abwärts klettern. Nur wenige Minuten später vernehme ich laute Stimmen und erkenne eine 5 - 6 köpfige Gruppe, die talaufwärts in Richtung Saua Hornurilor zieht. Mir ist zwar immer noch schlecht, aber es ist doch etwas Besserung eingetreten , weshalb ich beschließe, meinen Weg fortzusetzen. Es geht jetzt wieder bergan, über den genial durch die Wand verlaufenden Gemsensteig. Bis ich auf die beiden herabsteigenden Personen treffe, eine Frau und ein Mann mittleren Alters, habe ich mich bereits wieder soweit im Griff, daß ich wieder ein frisches "Buna ziua!" ertönen lassen kann.

Die Wegführung fasziniert durch großartige Ausblicke über´s Malaiesti - Tal, über den anschließenden Bergwald und das sich zu Füßen des Gebirges weit ausdehnende Burzenland (rum.: Tara Birsei), so der Name für das nördliche Karpatenvorland rings um Brasov. Seit ich in einem Fotoband über die rumänischen Karpaten zwei eindrucksvolle Bilder von der Malaiesti - Hütte, unter anderem eines von der Einweihung durch den Siebenbürgischen Karpatenverein im Jahre 1898, gesehen habe, hat sich bei mir der Spleen festgesetzt, dort irgendwann einmal eine Nacht verbringen zu müssen. Zu meiner Enttäuschung mußte im Laufe meiner Reiseplanung feststellen, daß das gute, alte Berghaus bereits im Jahr 1997 ein Raub der Flammen wurde, ein Schicksal, das tragischerweise schon viele traditionsreiche Berghütten in den Karpaten (auch in der Slowakei) ereilt hat. Mit Wohlwollen erkenne ich von meinem luftigen Standpunkt aus, daß auf der Lichtung, wo sich die Hütte einst befand, rege Bautätigkeit herrscht. Der Rohbau der neuen Hütte steht bereits, allerdings noch ohne Dach. Das Geräusch von Hämmern und Sägen dringt zu mir herauf und ich kann Leute beim Arbeiten erkennen. Die kleinere Hütte nebenan dürfte wohl ein Salvamont - Häuschen sein. Der Standort ist tatsächlich so traumhaft, wie es das Bilderbuch mir versprach, direkt am Rande des Bergwaldes, umgeben von prächtiger Felskulisse.

Der Gemsensteig zieht nun um den Berg herum und bringt mich somit auf die Südseite des Bucegi. In der Brina Caprelor (Gemsensattel) stößt der Pfad auf den von der Lichtung La Prepeleac heraufkommenden, sogenannten Friedrich - Deubel - Weg, welcher nicht zu verwechseln ist mit dem gleichnamigen Steig durch die Westwand des Königstein. Hier muß man bei Nebel aufpassen, daß man nicht dem zunächst ausgetretenen Pfad, der weiterhin um den Berg herum führt, folgt. Ich bemerke den Fehler, als dieser immer schwächer wird und schließlich ganz verschwindet. Der Weg führt vom Sattel aus steil den Berg hinauf, was von dort aus jedoch nicht eindeutig erkennbar ist. Es folgt nun die aussichtsreiche Überschreitung des Bucsoiu - Mare - Bergrückens, der Virful Bucsoiu stellt dabei mit 2492 Metern die höchste Erhebung. Herrlich läßt sich das obere Malaiesti - Tal, dem ich nun wieder parallel folge, einsehen. Die Saua Hornurilor und das Scara - Massiv lugen unter einer düsteren, grauen Wolkenwand hervor. Linkerhand, ergo östlich, gehen steile Abstürze in weglose, verlassene Täler über. Jetzt treten auch wieder andere Wandergruppen auf den Plan, denn mein Weg führt direkt zum Kulminationspunkt des Bucegi, dem Omul - Gipfel mit seiner romantischen Übernachtungsstätte. Diesmal will ich ernst machen mit dem Übernachten in der Berghütte, aber auch die fortgeschrittene Tageszeit läßt eigentlich keine weitere Möglichkeit mehr zu. Die einzige Sorge, die mich plagt, ist die, daß heute Samstag ist, und das Wetter für nicht allzu empfindliche Gemüter doch recht akzeptabel war. Die Omul - Baude hat nur eine begrenzte Kapazität an Schlafplätzen, weshalb unter Umständen damit zu rechnen ist, daß man von dort aus auf den Weiterweg zur Babele - Hütte bzw. zur Seilbahnstation geschickt wird. Eine weitere Alternative würde die Caraiman - Hütte bieten. Sollte mich heute abend dieses Schicksal ereilen, so würde dies ein Nachtmarsch bedeuten. Ich hatte mir noch ursprünglich vorgestellt, mich notfalls mit Schlafsack und Isomatte unter´s Vordach der Hütte oder der Wetterstation zu verkriechen, doch bei den zwischenzeitlich wieder herrschenden Windstärken hätte das ein Horrorbiwak bedeutet, und das Wetter soll sich noch im Laufe der Nacht verschlimmern! Auf das Mitführen eines Zeltes habe ich diesmal verzichtet, da ich meine Tour überwiegend in Gebieten mir relativ guter Infrastruktur durchführen werde. Im schlechter erschlossenen Retezat hatte ich vergangenes Jahr 8 Tage lang das Zelt mit mir herumgeschleppt, ohne es nur einmal zu benutzen.

Ich habe Glück, die umtriebige Hüttenwirtin weist mir einen Schlafplatz in einem Vierbettzimmer zu, in dem außer mir noch ein Amerikaner untergebracht ist, der sich mir als Michael vorstellt. Unten im Aufenthaltsraum ist ganz schön was los, und die Hütte soll sich im Laufe des Abends noch bis auf den letzten Schlafplatz füllen. Während wir uns Ciorba (typisch rumänische Suppe), Ceai (Tee) und Bratkartoffeln mit Würstchen munden lassen, komme ich mit Michael in ein interessantes Gespräch. Er hat noch bis vor Kurzem für eine Hilfsorganisation in Mazedonien gearbeitet, dort unter anderem ein Projekt für sanften Tourismus in Gang gesetzt, und nimmt sich nun die Zeit, sich auf dem Balkan, einschließlich Rumänien, als Tourist umzutun. So bleiben die Themen des Abends interessant, wir philosophieren und politisieren rund um den Balkan und die alten und neuen Staaten des ehemaligen Ostblocks. Zwischendurch drehen wir kurz eine Runde um die sturmumtoste Hütte, um uns zu verinnerlichen, wie gut es wir jetzt im Inneren des warmen, gemütlichen Refugiums haben. Großes Lob gebührt der Wirtin, die es völlig allein auf die Reihe kriegt, gut 50 Gäste zufriedenzustellen. Sie kocht, macht Tee, weist Neuankömmlingen ihre Schlafplätze zu, kümmert sich um den nur sporadisch funktionierenden elektrischen Strom, wechselt kaputte Birnen aus, und, und , und...

Die Nachtruhe werden wir mit vier weiteren Personen zubringen, die beiden noch eingetroffenen rumänischen Pärchen müssen je ein Bett zu zweit teilen. Unsere neuen Mitschläfer trauen der alten, etwas marod erscheinenden Gasheizung nicht, die in der Zimmerecke vor sich hinköchelt, dort zwar nicht gerade für Saunatemperaturen sorgt, aber trotzdem ein kleines Maß an Wärme spendet. Die Hüttenwirtin schaut noch kurz rein und beruhigt die Herrschaften. Bislang ist wohl noch keiner ihrer Gäste über Nacht erstickt. Wie schön ist doch eine geruhsame Nacht im sicheren Lager, während draußen der Wind heult und Regenfontänen gegen das Fenster prasseln!

Kurz vor halb acht begebe ich mich hinunter in den Aufenthaltsraum, trete zuvor mal kurz vor die Hüttentür. Draußen tobt immer noch ein heftiger Sturm, dichter Nebel verhindert jede Sicht. Beim Frühstück ist Selbstversorgung angesagt, die Hüttenwirtin offeriert jediglich Tee oder Kaffee, und man kann bei Bedarf Kekse oder Schokolade kaufen. Michael wird heute auf meine Empfehlung hin den Weg über´s Gaura - Tal hinunter nach Bran nehmen, während mir der Ostabstieg durch die Valea Cerbului (Hirschtal) im Sinn liegt. Am Eingang treffe ich noch einen Schweizer aus dem Berner Oberland, der zusammen mit seiner Freundin per Fahrrad durch Rumänien tourt. Die Räder haben sie unten in Busteni zurückgelassen.

Ein Jammer wäre es, die Wanderung durch das Hirschtal bei Nebel machen zu müssen, gilt es doch als das prächtigste Tal auf der Ostseite des Bucegi. Doch ich habe Glück. Ähnlich wie gestern im Malaiesti - Tal, beruhigt sich zunächst der auf der Kammhöhe immer noch mit unheimlicher Wucht brausende Wind, und kurz darauf lichtet sich zum ersten Mal der Nebel, Minuten später sind dann auch die letzten Schleier vertrieben und öffnen mir eine Perspektive, die mich sogleich in ihren Bann zieht. Die imposante Wand der Costila begrenzt das Tal nach Süden hin, während es nordseitig durch die Abstürze des Morarul - Rückens, aus welchen wiederum die Coltii Morarului wie Zacken einer Krone aufragen, begrenzt wird. Die am Wegesrand in die oberste Gletscherstufe gebettete Stina kann um diese Jahreszeit ohne die Belästigung durch Hirtenhunde passiert werden. Diese Talwanderung besticht wirklich durch außerodentliche Schönheit, auch als ich die Bergwaldzone erreiche, läßt meine Begeisterung nicht nach. Der wunderschöne Pfad ist den herrlichen Waldwegen im Retezat gleichzusetzen. An einem spärlich fließenden Wasserfall, wo man erstmals wieder Gelegenheit findet, die Wasserflaschen nachzutanken, hole ich die Schweizer und ihre rumänischen Begleiter ein. Irgendwie scheint es Knatsch zu geben zwischen dem Rumänen und dessen Freundin, was die Stimmung in der Gruppe merklich drückt, sodaß ich sie weiterziehen lasse und mich noch eine Weile allein am Wasserfall entspanne. Mein Weg wäre ohnehin in eine andere Richtung gegangen, da ich nicht vorhabe, nach Busteni hinunter zu marschieren.

In nicht allzu großer Entfernung gabelt sich der Waldweg, wo man rechtshändig, bzw. geradeaus, jeweils nach Busteni gelangt. Ich jedoch wende mich nach links, also gen Norden. Es folgt ein längeres Auf und Ab durch den Wald, bis ich schließlich die Lichtung Pichetul Rosu ("Rotes Zollhaus") erreiche. Ein paar Kühe grasen friedlich auf der Wiese, wo einst der Grenzposten zwischen Transsilvanien und der Walachei stand, wie der geographische Name bereits anzeigt. Endlich bietet sich wieder was Sensationelles für´s Auge: die Nordostwände des Bucegi bäumen sich hier mächtig vor dem Betrachter auf. Mit dem in westlicher Richtung aufwärts führenden Pfad lassen sich über die Wiese von La Prepeleac das Malaiesti - Tal, sowie der Omul über den gestern von mir begangenen Friedrich - Deubel - Weg erreichen. Ich wende mich von nun an ostwärts, wo ich kurz darauf zur schön auf einer Waldlichtung gelegenen Cabana Poiana Izvoarelor ("Hütte auf der Quellwiese") eintreffe. Das rotfarbene Holzhaus ist eine Bergeinkehr von schlichter Gemütlichkeit mit rumänischen Preisen, d.h., das Angebot der reichhaltigen Speisekarte ist auch für normalsterbliche Einheimische erschwinglich. Der freundliche Junge hinter der Theke spricht ein wenig deutsch, er hat Freunde in Oldenburg. Trotzdem bestelle ich zur Übung auf rumänisch. Ein junges Ehepaar gesellt sich zu mir, wie sich herausstellt, ist der Mann Deutscher und in einer Anwaltskanzlei in Bukarest tätig. Sie sind etwas überrascht, einen Deutschen zu treffen, der auf eigene Faust im hiesigen Gebirge unterwegs ist. Sie selbst haben wegen der Arbeit bisher nicht die Zeit für einen längeren Bergaufenthalt gefunden und sie kennen sich in der Hinsicht auch nicht so aus, weshalb ich ihnen in Bezug auf Hütten, Wanderwege etc. doch mit ein paar Informationen dienlich sein kann.

Durch Wald und über offene Weiden gelange ich zur Saua Baiului (1363 m), wo ich auf einen ungeteerten Fahrweg stoße. Etwas oberhalb hat sich an einem Holzhüttchen eine Jugendgruppe breitgemacht, zwei riesige Antennenmasten ragen in die Luft und weiter vorne kann ich ein grünes Haus ausmachen. Dieses Haus und die Antennen habe ich bereits aus einer anderen Perspektive gesehen, nämlich gestern, als ich auf dem Deubel - Weg unterwegs war. Das Gelände um das Haus ist eingezäunt, denn der ganze Komplex ist eine ehemalige Kaserne. Im Inneren der Absperrung stehen weitere Häuser, alles dient nun offenbar als Jausenstation und Touristenunterkunft. Doch solange das alte Verbotsschild neben dem verlassenen Wachhäuschen prangt und der riesige Müllhaufen vor dem aus der Ferne so romantisch wirkenden grünen Haus nicht wenigstens halbwegs beseitigt ist, dürfte der Erfolg in Bezug auf länger verweilende Gäste wohl bescheiden bleiben.

Ein Stück weit geht es noch durch den Mischwald, dann erscheint vor mir eine Geländekuppe. Es handelt sich um den Virful Leuca Mica (1448 m), von dessen Graskuppe aus sich eine prächtige Aussicht auf die nordöstlichen Bucegi - Wände bietet, welche sich über einem herbstlich leuchtenden Bergwald erheben. Die dolinenähnlichen Löcher sind Granateinschläge aus dem 1. Weltkrieg. Nicht weit von hier erhebt sich ein weiterer Grasbuckel, der Virful Grecului (1432 m), dessen Hang von einer Stina belegt ist, weshalb eine geruhsame Gipfelrast während der Sennzeit wegen der dann anwesenden Hunde eventuell beeinträchtigt sein könnte. Der Virful Grecului bietet eine noch prächtigere Aussicht und seine Hänge sind mit Granattrichtern nur so übersät. Die umfassende Aussicht, die außer den Bucegi - Wänden auch einen exzellenten Überblick hinunter ins Prahova - Tal zuläßt, und in Friedenszeiten Wanderer und Naturfotografen entzückt, war während der Schlacht im Prahova - Tal aufgrund obengenannter Beschaffenheit ein schwer umkämpfter strategischer Punkt. Auch von hier aus kann man gut die südlich und östlich sich auftürmenden Massive von Postavaru (Schulerau) und Piatra Mare (Hohenstein) sehen. Im Bereich der Gipfelkuppe kann man drei gezogene Kreise von Schützengräben erkennen, die Granateinschläge müssen wohl im oberen Bereich des Berges besonders heftig gewesen sein. Die Überschreitung der beiden Hügel war der Hauptgrund für mich, diesen Umweg zu nehmen, anstatt gleich einen der Pfade hinunter nach Busteni einzuschlagen. Laut meiner Wegbeschreibung soll der Abstieg nach Azuga über eine schlecht erhaltene gelbe Markierung verlaufen. Dieser folge ich schon seit geraumer Weile, sie taucht sporadisch zusammen mit der besser erhaltenen Blaumarkierung auf. Irgendwann jedoch verschwindet Gelb und es bleibt nur noch die blaue Markierung. Der Weg tendiert jetzt immer mehr Richtung Norden, und ich ahne, daß ich, statt, wie geplant in Azuga, wohl in nördlicher gelegenen Predeal herauskommen werde. Diese Tatsache stört mich aber nicht im geringsten, denn ich habe genügend Zeit und bin auch noch bei besten Kräften, hatte ich heute doch fast nur Abstiegsmeter zurückzulegen.

Im frühen Dämmerlicht setze ich also meinen Weg fort, wobei dichter Mischwald durch aussichtsreiche Bergwiesen aufgelockert wird. Immer wieder erhasche ich einen Blick auf die Ortschaft Predeal, die mit jeder erreichten Lichtung ein Stück näher rückt. Zu guter Letzt geht mir der Pfad verloren, da ich aber durch die Baumkronen bereits ein paar Hausdächer erspähe, will ich nicht mehr weiter nach dem richtigen Weg suchen, sondern steige quer durch den Wald ab, bis ich plötzlich vor einem übermannshohen Stacheldrahtzaun stehe. Ich umgehe das Hindernis und werde sogleich von drei garstigen Hunden empfangen. Es gelingt mir, sie zu beruhigen, und über einen kleinen Holzsteg gelange ich auf einen Schotterweg, der entlang einiger nach Verwaltung oder Schule aussehender Gebäude führt. Beim Nähertreten erkenne ich kleinere Gruppen von jungen Uniformierten, die vor den eingezäunten Gebäuden schwatzend und lachend beieinanderstehen. Am Ende des Weges steht ein militärischer Wachposten an einer heruntergelassenen Schranke, die dieser, die Hand zum steifen Kasernengruß an der Kappe, für mich öffnet. Auf meine Frage, ob es weit sei bis zum Bahnhof, erhalte ich nur ein lakonisches "Nein!". Bei den so offiziell aussehenden Gebäuden handelt es sich offenbar um eine Kaserne oder eine Militärakademie, und ich habe sicher gut daran getan, den Stacheldrahtzaun im Wald, trotz Hundebedrohung, nicht zu überklettern. Unterm Ceaucescu hätten sie mir dann wahrscheinlich den Arsch weggeschossen, oder zehn Jahre wegen versuchter Spionage aufgebrummt, denke ich noch schmunzelnd beim Weitergehen.

Ich befinde mich inzwischen auf einer asphaltierten Straße, an deren Ende ich eine Kreuzung erkennen kann. Eine Passantin hat mir zwischenzeitlich bestätigt, daß ich auf dem rechten Weg zum Bahnhof bin, ich müsse allerdings noch etwa drei Kilometer zurücklegen. An der Kreuzung angekommen, bestätigt sich, was ich nach einem Blick auf die Karte vermutet habe: Die Straße, an der ich herausgekommen bin, ist jene, die von der am Nordfuß des Bucegi gelegenen Stadt Risnov (Rosenau) ins Prahova - Tal hinaufführt und kurz hinter Predeal in die Paßstraße einmündet. Somit sind die ersten Häuser von Predeal rasch erreicht, als ich der Paßstraße aufwärts folge, der Bahnhof liegt zentral. Der neben mir gluggernde Bach ist dann auch die Prahova, die nicht unweit von hier ihrer Quelle entspringt.

Die Ortschaft Predeal wirkt weniger gediegen als Busteni oder gar Sinaia. Sie verfügt aber gleichfalls über viele touristische Einrichtungen und ist als Ausgangspunkt für Wanderungen zum Postavaru , der Piatra Mare oder die Baiou - Berge geeignet. Für direkte Exkursionen in den Bucegi eignet sich der Ort aufgrund der längeren Waldanmärsche nur bedingt. Die viertelstündliche, und besonders für westliche Touristen spottbillige Zugverbindung mit den schnell erreichbaren Nachbarorten eliminiert jedoch dieses Manko. Ich könnte mir vorstellen, daß hier, wie auch in Azuga oder in dem hinter Busteni gelegenen Poiana Tapului, die Übernachtungspreise vielleicht noch etwas günstiger sind. Tiefgraue Wolken hängen zwischenzeitlich über dem Prahova - Tal. In Azuga kann man vom Zug aus die desolaten Bauten der Brauerei sehen. Der Eindruck täuscht, Azuga - Bier genießt in Rumänien großes Ansehen, und die Leuchtreklame dieser Biermarke ist überall im Lande anzutreffen.

Sinaia ist vielleicht der mondänste Ort in ganz Rumänien und mit dem gleichnamigen Kloster und der Schloßanlage Peles verfügt er über zwei außergewöhnliche Sehenswürdigkeiten. Der gesamte Ort besteht zu einem guten Teil aus Prachtvillen, die noch in K.u.K. - Zeiten gebaut wurden, und von denen jede einzelne ein Kleinod darstellt. Kopfsteingepflasterte Gassen und Treppenaufgänge führen den Berg hinauf, Bahnhof und Einkaufszeile befinden sich im Talgrund. Auch ein Heldenfriedhof, ein weiterer Tribut an die einstige Schlacht um´s Prahova - Tal, befindet sich im Stadtgebiet.

Bereits am Bahnhof bekommt der Ankömmling den Eindruck einer gewissen Noblesse. Das Bahnhofsgebäude ist im Jugendstil erbaut, wirkt sehr gepflegt, und ist mit Blumentöpfen verziert. In der am obersten Ortsrand gelegenen Cabana Schiori ("Skifahrerhütte") glaube ich, eine schlichte, preisgünstige Herberge vorzufinden, mit landestypischer Atmosphäre. So entnehme ich es jedenfalls meinem leider nicht mehr ganz aktuellen Wanderführer. Die ehemalige Cabana trägt zwischenzeitlich nur noch den Namen, der Kellner mustert mich bereits beim Eintreten von oben bis unten, im Restaurant dinieren Gäste vom Typ Neureich und Halbseiden, der Alte an der Rezeption ist unfreundlich und die Preise haben Westniveau. Tja, die Zeiten ändern sich! Ich kehre zurück in den Nieselregen und auf die inzwischen dunkel gewordene Straße, und begebe mich hinunter zum nächstbesten Haus mit dem Schild "Cazare" (Privatzimmer). Auch hier ist es nicht unbedingt billig, zumal weder Abendessen noch Frühstück geboten werden, allerdings verspüre ich auch keine weitere Lust mehr, jetzt noch länger nach einer Alternative zu suchen. Das ist eben der Nachteil, wenn man zu Fuß unterwegs ist.

Um acht Uhr früh finde ich das große Holzportal des schmucken Sinaia - Klosters noch verschlossen vor, weshalb ich gleich weiter in die Unterstadt eile, um mich dort in den Läden mit etwas Proviant einzudecken. Als ich die Pension verlassen will, ist niemand anwesend und die verfluchte Hausür läßt sich von Außen nicht schließen. Ich versuch´s mal mit Klingeln, vielleicht ist in den oberen Stockwerken jemand anwesend. Prompt öffnet sich eine Zimmertür und zwei junge Männer treten heraus. Auch sie sind offenbar Gäste des Hauses, keine Rumänen, auch meine Erklärungsversuche auf englisch werden nur nach und nach verstanden, noch dazu scheinen die beiden Herren eine harte Nacht hinter sich zu haben. Endlich schließt sich die Tür doch noch hinter mir, und ich kann meinen Wiederaufstieg ins Gebirge angehen. Dichte, graue Wolken und beständiger Nieselregen verheißen allerdings nichts Gutes für den heutigen Tag. Trotzdem lasse ich mich nicht abschrecken, auch nicht von dem oberhalb der letzten Häuser im Weg stehenden Hund, der ein markerschütterndes Jaulen ertönen läßt, als ich mich ihm nähere. In Rumänien sind Hunde oft Tag und Nacht in Rudeln unterwegs, in denen ein ständiges Gezanke herrscht. Da ist es völlig normal, daß gelegentlich ein Tier als Opfer dieser gnadenlosen Hackordnung aus dem Rudel verstoßen wird. So vermute ich es jedenfalls, das herzzerrreißende Jaulen war wohl die Klage über das Unglück der vergangenen Nacht, und als ich auftauche, folgt mir der vierbeinige Geselle sofort auf Schritt und Tritt, anerkennt mich mit dem Instinkt des Rudeltiers sozusagen als sein neuer Herr. Eine lange Zeit geht es aufwärts durch Mischwald, auf einem fast durchgehend mit Naturstein gepflasterten Weg. Inzwischen hat sich noch ein zweiter, kleinerer Hund zu uns gesellt, doch nach einer Weile gibt es Streit, der Kleinere zieht von dannen. Am Rande einer Bergwiese passieren wir die Franz - Josef - Hütte, um erneut weiter durch den Wald aufwärts zu steigen. Dann und wann komme ich bei der einen oder anderen Aussichtskanzel vorbei, wo ich zwischen umherziehenden Nebelschwaden den einen oder anderen Blick hinunter auf die naßglänzenden Dächer von Sinaia erhaschen kann.

Ich will nicht ungerecht sein, bei schönem Wetter können auch auf diesem Weg sicher prächtige Eindrücke entstehen, trotzdem kann er mit den überwältigend schönen Auf - und Abstiegen der vergangenen drei Bucegi - Tage nicht mithalten. Wir haben zwischenzeitlich die Baumgrenze überschritten, das Wetter wird zunehmend ungemütlicher. Der ständige Nieselregen hat mich schon ziemlich aufgeweicht, zu einem Temperaturabfall gesellt sich jetzt noch ein verdammt harter Wind. Ich bewundere meinen vierbeinigen Begleiter, der mir nicht von der Seite weicht und der sich nicht, wie ich, mit zusätzlichen Kleidungsstücken vor der gnadenlosen Strenge der Natur schützen kann. Bald erreichen wir die wellige Plateauhöhe. Die Tour gerät zu einem Härtetest, mit genußvollem Wandern hat das rein gar nichts mehr zu tun. Da ich mich in Bezug auf Alpinismus und Höhenbergsteigen weiter formieren will, erachte ich es als gute Übung, ja sogar für nötig, mich dann und wann einem solchen Sauwetter auszusetzen. Solche Härtetests sollte man jedoch nur entweder in bekanntem oder in "leichtem" Gelände durchführen, das Wichtigste ist, daß man sich der Situation gewachsen fühlt. Wenn man das Gefühl hat, es könnte brenzlig werden, sollte man rechtzeitig abbrechen. Das Bucegi - Plateau ist hierfür ein geeignetes Terrain, es besteht praktisch keine Absturzgefahr, und auch bei dichtestem Nebel kann man sich hier mit etwas Erfahrung weiterhin orientieren.

Der Nieselregen hat sich inzwischen in ganz feine Hagelkörner verwandelt, die wie Nadeln auf der Haut stechen, wenn sie mir mit unbarmherzigen Windböen ins Gesicht fegen. Wenn ich mich entgegen der Windrichtung drehe, muß ich meine Augen mit den Händen schützen, damit diese nicht etwa durch die scharfen Nadelstiche dieser sandfeinen Eiskörnchen Schaden davontragen.

Die Piatra - Arsa - Baude (1950 m) ist ein gesichtsloser Hotelbau, wo in Ausdauer bringender Höhenluft auf dem zwischenzeitlich schon etwas vernachlässigten Sportplatz die nationalen Sporteliten zum Training gebeten werden. Kurz vor Erreichen des Gebäudes lichtet sich für kurze Zeit der Nebel, und läßt für wenige Minuten die Sonne durchscheinen, was mir einen Freudenjodler entlockt. Es wimmelt im Inneren der Baude tatsächlich von jungen Leuten, die allesamt in Trainingsanzüge mit der Aufschrift "Romania" gekleidet sind. Die rumänische Leichtathletik - Nationalmannschaft, verrät mir der Kellner. Im Warmen und Trockenen wieder auftauend, störe ich mich nicht allzu sehr an der Tatsache, daß die Ciorba ziemlich wässerig daherkommt. Sie ist auf alle Fälle warm, und Schnitzel und Pommes Frites tragen schließlich auch noch was zu meiner Wiedererstarkung bei. Warum kriege ich eigentlich in Rumänien immer Pommes Frites serviert, wo ich mir doch was drauf einbilde, daß ich die rumänische Bezeichnung für Bratkartoffeln kenne?
Leider ist aus der vermeintlichen Wetterbesserung nichts geworden, als ich vor die Tür trete, schlägt mir der gleiche garstige Wind entgegen, der mich mitsamt seinen fiesen Hagelkörnern und feuchtkalten Nebelschwaden bereits hierherbegleitet hat. Apropos Begleitung, der Hund hat doch glatt vor der Baudentür (Schild: Hunde verboten!) auf mich gewartet und so setzen wir erneut gemeinsam den Weg fort. Nachdem wir aus dem mannshohen Knieholzfeld bei der Cabana Piatra Arsa heraustreten, geht es nun wieder über offene Flächen weiter, völlig Wind und Wetter ausgesetzt. Die Bergstation der Seilbahn und die benachbarte Cabana Babele erfüllen kaum die Wünsche des naturliebenden Bergfreundes. Auch hier lieblose, funktionelle Bauten, und in nächster Umgebung fährt reichlich Müll herum. Die Sehenswürdigkeiten hier sind durch Erosion ausgewaschene Felsskulpturen, die ihre Namen ihren Formen verdanken. Die bekanntesten sind die Sphinx und die Babele (alte Weiber).

Von nun an geht´s wieder bergab, nämlich ins Ialomita - Tal, dem größten und wichtigsten der Bucegi - Täler. Dieses riesige Trogtal gibt dem Gebirge seine typische Hufeisenform, es schneidet von Süd nach Nord tief ins Massiv hinein. Es ist außerdem bewohnt, auch eine Fahrstraße führt hindurch. Nach Süden hin öffnet sich die Valea Ialomita, am Taleingang liegt der Stausee Lacul Bolboci, nördlich befindet sich unterhalb des Gavanele - Gipfels der Talabschluß. Statt durch wilde Felswände wird das Tal durch sanfte Wiesen- und Bergwaldhänge begrenzt.

Als wir nun hinunterwandern (der Hund ist immer noch an meiner Seite), hört wieder einmal schlagartig der Wind auf zu blasen, die Wolkendecke öffnet sich und das ganze Tal wird prachtvoll von einer wonnigen Abendsonne durchleuchtet. Nach den hinter mir liegenden Stunden geht mir das jetzt besonders zu Herzen. Dunkler Tannenwald, offene Wiesen und nur wenige, zum Teil weit auseinanderliegende Gebäude sind von hier oben auszumachen. Eindeutig kann ich bereits die inzwischen zu einem Vier - Sterne - Hotel umgebaute Cabana Pestera sowie die Talstation der Seilbahn definieren, von der man sagt, daß sie schon seit Jahren ihren Service eingestellt habe. Der Abstiegsweg selbst ist durch teilweise überirdisch verlaufende Rohrleitungen verschandelt.

Kurz hinter dem Hotel Pestera (1610 m) verlasse ich den nicht asphaltierten Fahrweg für einen kleinen Abstecher zu dem romantisch hinter einem Klammausgang an die Felsen sich schmiegenden Kloster Schitul Pestera. Der Name deutet bereits darauf hin, daß sich hier in der Nähe auch eine Höhle befindet. Es ist jedoch schon spät, und ich sehe auch auf Anhieb kein genaueres Hinweisschild, weshalb ich auf den Besuch der Höhle verzichte. Leider ist das Ialomita - Tal durch viel Unrat und vor sich hinrostenden Krimskrams wie alte Wellblechdächer, Rohrleitungen oder niedergerissene Zäune arg verschmutzt, was die außergewöhnliche Schönheit, die dieses Tal eigentlich besitzt, doch etwas dämpft. Es teilt das typische Schicksal von Naturphänomenen, die einfach per Auto, Seilbahn oder sonstwie ohne große Mühe erreichbar sind, und wie man das in praktisch allen Reiseländern, die nicht zu den westlichen Industriestaaten gehören, antrifft. Ich bin sicher und zuversichtlich, daß sich im Laufe der Jahre auch in Rumänien ein verbessertes Umweltbewußtsein etablieren wird, und auch die Tourismusindustrie wird sich früher oder später genötigt sehen, in diesem Bereich zu investieren, will sie weiterhin expandieren. Wer will schon in einem 4 - Sterne Hotel mit allem Service und Komfort einen längeren Urlaub verbringen, wenn die Natur ringsrum zwar pächtig ist, und zu allen möglichen Aktivitäten einlädt, aber teilweise völlig vermüllt ist? Eigentlich ist im Ialomita - Tal alles vorhanden, was das Herz des Naturfreundes begehrt: Eine eindrucksvolle Klamm mit einem alten Kloster, eine sehenswerte Höhle, ein klarer Gebirgsbach plätschert über weite Wiesen und durch düstere Tannenwälder, da und dort entdeckt man eine abgelegene Sennstation, ringsum steigen schöne Berge empor, und das weitläufige Pfadnetz ist gut markiert.

Das Sonnenintermezzo hat übrigens nur kurze Zeit angehalten, aus Richtung Omul - Gipfel drohen bereits tiefschwarze Wolken mit erneuten Schauern. Im Zusammenspiel mit der zunehmenden Dämmerung geben sie dem ganzen Tal etwas Unheimliches, Düsteres. Mein Etappenziel ist die Padina - Baude, die sich etwa zwei Kilometer südlich des Klosters befindet. Eigentlich habe ich erwartet, daß das wilde Hunderudel, welches um die Hütte streicht, meinem treuen Begleiter den Gauraus macht. Dieser setzt sich aber ziemlich schnell durch und wird prompt akzeptiert. Vielleicht findet er hier im Ialomita - Tal ein neues Zuhause, vielleicht nimmt ihn ein Schäfer in sein Rudel auf, er ist sicher ein ungewöhnlich starker und tapferer Hund.

Die Padina - Hütte (1525 m) ist eine Herberge ganz nach meinem Geschmack, aber leider ist man dort mitten bei der Innenrenovierung. Ich solle noch etwa 500 Meter weiter talauswärts gehen, rät mir die Wirtin. Dort würde ich in der Cabana Diana auf jeden Fall eine Unterkunft finden. Die Cabana Diana ist bereits vom Hügel der Padina - Hütte aus zu sehen, ein von außen für meinen Geschmack etwas zu modern geratener Bau mit einer kleinen Pergola, welche auf Stelzen in den benachbarten Weiher hineingebaut ist. Drei zünftige Herren mit herbem Charme empfangen mich. Kaum bin ich angekommen, beginnt es wie aus Kübeln zu schütten. Noch mal Glück gehabt!

Im Inneren ist die Hütte gemütlicher, als es zunächst den Anschein hatte. Ich bin der einzige Gast, und stehe zunächst etwas verloren in dem kalten, überdimensionalen Speisesaal. Ich werde jedoch sogleich in die Küche gebeten, in der es angenehm warm und heimelig ist. Auch meine drei Gastgeber machen es sich hier gemütlich. Heute gäbe es leider keinen Strom, bedauert der Ältere, als Lichtspender müssen ein paar Kerzen herhalten. Die Begrüßungstuika muß ich aus Prinzip ausschlagen, was den Mittleren, ein kräftiger Kerl um die Dreißig, mit eindeutig bäuerlichem Einschlag, dazu veranlaßt, gleich zwei aufeinander zu kippen. Im Verlauf der nächsten zwei Stunden soll er sich noch gut die halbe Flasche allein einverleiben, ohne dabei mit der Wimper zu zucken, oder irgendwelche auffälligen Ausfallserscheinungen davonzutragen.

Ich halte die Drei zunächst für Vater und Söhne, doch auf entsprechendes Nachfragen erfahre ich, sie seien "prieteni", also Freunde, und wenn ich recht verstehe, haben sie unterm Ceaucescu zusammen als Schäfer gearbeitet, der Jüngste der Drei muß dann damals noch ein Hirtenjunge gewesen sein. Zwischendurch fängt der Gasofen Feuer, aber mit einer kleinen Löschaktion ist das Problem gleich behoben. Aufgrund der wirtschaftlichen Not ist in Rumänien die Wegwerfmentalität noch nicht in der Form eingekehrt, wie das bei uns der Fall ist. Praktisch in sämtlichen Lebensbereichen wird mit veralteten oder mangelhaft funktionierenden Geräten hantiert. "Genies beherrschen das Chaos", dieser Spruch gehört in Rumänien zum Alltag. Hier ist Improvisationsgabe, Einfallsreichtum und Geschicklichkeit gefragt, will man nicht untergehen. Es sind im Grunde die selben Zustände, die mir aus Mexiko, der Heimat meiner Frau, bekannt sind. Dort ist beispielsweise jeder Autobesitzer mehr oder weniger ein Mechaniker. Hundsalte Karossen, die bei uns schön längst auf dem Schrottplatz eingestampft wären, werden mit den abenteuerlichsten Methoden wieder und wieder zum Laufen gebracht.

Nachts, beim Toilettengang, schaue ich durch´s Fenster: sternenklarer Himmel, und es ist schweinekalt. Nach dem Frühstück nehme ich Abschied von den drei Herren vom Ialomita - Tal. Die Übernachtung bei diesen bodenständigen Kerlen kann ich wärmstens empfehlen, der Preis betrug auch gerade mal ein Drittel von dem in Sinaia. Mein vierbeiniger Freund ist nicht mehr hier, ich hoffe, er hat inzwischen irgendwo wieder Anschluß gefunden. Das Wetter könnte heute besser nicht sein, strahlender Sonnenschein von einem tiefblauen, völlig ungetrübten Himmel herab. Allerdings ist es wirklich saukalt, und ein eisiger Wind tut sein Übriges dazu.

Mein Aufstieg erfolgt auf der westlichen Kammseite, wo sich die Saua Strunga befindet. Diese trennt den nach Norden hin auf den Omul zulaufenden Strunga - Kamm vom südwärts sich langsam absenkenden Deleanu Tatarul. Aus diesem Bergsattel heraus werde ich das Bucegi - Massiv verlassen und einen neuen Gebirgsabschnitt erreichen, das wenig bekannte und schwach erschlossene Leota - Gebirge. Hier existiert nur eine Schutzhütte, deren Erreichbarkeit von meiner Position aus etwa 8 bis 9 Stunden erfordern würde, was in etwa dem Zeitaufwand entspricht, den ich benötige, wenn ich den Durchmarsch über den Nordkamm des Massivs bis hinunter in die Ortschaft Podu Dimbovitei angehe. Von der Leota - Hütte aus müßte ich dann am folgenden Tag abermals mindestens 8-9 Stunden Marschzeit veranschlagen, um von dort aus nach Podu Dimbovitei zu gelangen. Dies ist aber nicht der Grund, warum ich die Variante über die Cabana Leota nicht mache, denn es wäre für mich durchaus reizvoll, das Leota - Gebirge, in dem ich ja noch nie zuvor war, genauer kennenzulernen. Vielmehr tut mich die Frage um, ob die Hütte überhaupt noch geöffnet ist. Ich kann nicht erwarten, nochmals das selbe Glück zu haben wie vergangenes Jahr an der Buta - Hütte (Retezat), als ich dort zusammen mit meinen ungarischen Freunden einen offenen Winterraum vorfand.

Der Virful Tatarului befindet sich mit seinem nach ihm benannten Kamm noch im Bucegi, und bei der Annäherung aus nördlicher Richtung kann er mit einer abrupt herunterbrechenden Westflanke durchaus imponieren, sein Rücken zieht im Gegensatz dazu wenig steil als Wiesenhang zum Gipfelpunkt hinauf. In der Saua Bucsa habe ich endgültig das Leota - Gebirge erreicht. Der Virful Tatarul büßt hier einiges an Ausdruckskraft ein, während die abstürzende Felsmauer des Strunga - Kammes, besonders aus dieser Nähe betrachtet, das in vielen Büchern oft hervorgehobenen Erscheinungsbild des Bucegi als eine von drei Seiten uneinnehmbar erscheinende Trutzburg in beispielhafter Weise widerspiegelt. Vorwärts gleitet mein Blick hinüber zur Piatra Craiului (Königstein). Der gesamte Kamm ist von hier aus überschaubar. Wie ein scharf gezacktes Sägeblatt hebt er sich aus dem Hügelland um den Bran - Paß (Törzburger Hochland) heraus. Aber auch die malerische Mittelgebirgslandschaft des Törzburger Hochlandes sucht an Schönheit ihresgleichen: Im gesamten Gebiet ragen zahlreiche Felswände auf, denn außer romantischen Dörfern und saftigen Schafsweiden findet man hier unten eine große Anzahl an interessanten Schluchten und Klammen. Besonders die Umgebung von Podu Dimbovitei ist ein wahres El Dorado für Schluchtenenthusiasten.

In völlig problemlosen auf- und Abstiegen nehme ich nun eine Gipfelkuppe nach der anderen. Die Markierung läuft meist um diese Kuppen herum, es gibt allerdings keinen driftigen Grund, auf die aussichtsreichen Überschreitungen zu verzichten. Wenngleich das Leota - Massiv kaum hochalpine Prägung besitzt, so ist die Wanderung über seine Graskuppen durch außergewöhnlich schöne Panoramen gekennzeichnet. Je mehr ich Richtung Westen vordringe, desto näher rücken die Kalkfelsen des Königstein, während ich mich von den großartigen Ostabbrüchen des Bucegi immer mehr entferne. Zu meiner Linken gräbt sich nun die Valea Neagra ("Schwarzes Tal") tief ins Gebirge ein. Dieses Tal macht seinem Namen alle Ehre, da es von dunklen, dichten Fichtenwäldern bestanden ist. Im Kontrast hierzu warten die Waldbestände des Törzburger Hochlandes zu meiner Rechten mit reichlich bunten Farbflecken auf, da die dortigen Fichtenbestände mit Lärchen und farbenfrohen Laubwäldern durchsetzt sind. Und während auf der Törzburger Seite sich zahlreiche Siedlungen zwischen die Hügel schmiegen, kann ich unten in der Valea Neagra jediglich zwei oder drei Schäferstationen ausmachen. In südöstlicher Richtung ragt die Leota - Spitze (2133 m) als höchste Erhebung aus dem gleichnamigen Massiv heraus. Obwohl das Leota - Gebirge, was seine alpine Ausprägung anbelangt, dem Bucegi und dem Königstein hinterhersteht, ist seine Flächenausdehnung um einiges größer, als die beiden zweitgenannten zusammen. Bären gäbe es hier auch viele, hatten mir die drei Herren vom Ialomita - Tal auf mein Anfragen hin erklärt, aber vor allen Dingen Wölfe. Daß so ein weitgehend unberührter, großflächiger Naturraum Platz für diese Tiere bietet, kann ich mir gut vorstellen. Ich leide dennoch nicht unter der Wahnvorstellung, von solchen Raubtieren aufgelauert zu werden, denn, wie gesagt, hier ist doch genügend Platz für uns alle und der Mensch steht im Allgemeinen nicht auf dem Speiseplan dieser Tiergattungen. Trotzdem kann es selbstverständlich unter unglücklichen Umständen zu eventuell gefährlichen Zusammentreffen zwischen Mensch und Bär kommen, besonders dann, wenn ein Muttertier mit dem Nachwuchs unterwegs ist. Von den Wölfen ist indes wenig zu befürchten, es sei denn, sie sind an Tollwut erkrankt, oder sie sind im Hochwinter völlig ausgehungert.

In einer Einsattelung finde ich eine kleine Sitzgelegenheit aus quergelegten Baumstämmen mit einem einfachen Holztischchen. Die Feuerstelle bezeugt, daß hier wohl auch gerne genächtigt wird. Hier treffe ich wieder auf Wandermarkierung. Das blaue Band müßte meiner Ansicht nach zur Leota - Spitze führen, während die Rotbandmarkierung für meinen Weiterweg von Bedeutung sein dürfte. Überhalb des Sattels zieht der Bergwald nun zum ersten mal komplett über den Kamm hinweg. Meiner Vermutung nach dürfte es sich bei dem bewaldeten Gipfel um die Sintilia Mare handeln. Bis hierher stimmen die Angaben meiner mitgeführten Wegbeschreibung mir den geographischen Verhältnissen überein. Als ich der Markierung weiterhin folge, zieht diese jedoch immer mehr bergab, und mir schwant schon Übles. Sicher, ich könnte jetzt kehrt machen, und die Gegebenheiten nochmals überprüfen. Ich muß aber auch an die Uhrzeit denken, und vor allem an die Tatsache, daß ich kein Zelt mit mir führe. Die heute von mir in Angriff genommene Etappe wird gewöhnlicherweise in zwei Tagesmärsche unterteilt, d.h. mit Zeltübernachtung auf dem Kamm, wo es ein paar sehr nette Biwakplätze gibt. Am empfehlenswertesten dürfte eine Nächtigung im Umkreis des Gipfels Duda Mare (1904 m) sein, wo in etwa die Hälfte der Gesamtetappe zurückgelegt ist, da dort, außer guten Zeltmöglichkeiten, auch frisches Quellwasser zur Verfügung steht.

Von der Höhe aus konnte ich vorhin eine kleine Ortschaft erspähen, und ich ahne nun, daß mich der immer weiter abwärts führende Weg wohl dorthin bringen wird. Tatsächlich gelange ich nach einem längeren bergab durch den Wald zu den Häusern eines Weilers. Am Ortseingang stoße ich auf ein Schild mit dem Hinweis "Fundata". Dieser Ortsname ist mir aus meiner mitgeführten Skizze geläufig. Anstatt mir die Skizze nochmals genauer anzuschauen, überfliege ich diese nur mit einem schnellen Blick und ich folge nun schnurstracks jener Markierung, die mich über einen bergaufwärts führenden, ungeteerten Fahrweg tatsächlich dorthin bringt. Unterwegs treffe ich Bauersfrauen, die zu Fuß unterwegs sind, ein alter Mann steuert sein Pferdefuhrwerk durch holprige Schlaglöcher. Als ich das Straßendorf Fundata erreiche, nehme ich mir schließlich mehr Zeit, mich anhand meiner Skizzen neu zu orientieren und stelle fest, daß es nicht unbedingt günstig für mich war, hierher zu marschieren.

Immer noch will ich an meinem Plan festhalten, Podu Dumbovitei zu erreichen. Laut Skizze dürfte es sich bei der kleinen Bauernsiedlung, die ich nach meinem Abstieg erreicht habe, um die Ortschaft Fundatica handeln, von wo aus Podu Dumbovitei über einen Wanderweg erreichbar gewesen wäre. Wie weit der Weg und wieviel Zeit dafür nötig gewesen wäre, läßt sich schwer sagen, da meine Skizze nicht maßstabgetreu ist. Jedenfalls scheint es wohl so zu sein, daß von Fundata aus nur der Weg entlang der Straße bleibt. Am Ortsende schockiert mich das Schild mit der Aufschrift "Podu Dumbovitei - 13 km"! Sicher könnte ich jetzt von mehreren Alternativmöglichkeiten Gebrauch machen, wie z.B. hier in Fundata zu übernachten, und tags darauf den nächstmöglichen Bus nach Podu Dumbovitei zu nehmen, oder aber zu trampen (was ich eigentlich nur im Notfall tue). Ich folge jedoch der Straße, und zwar in der Hoffnung, von dieser aus eine mögliche Abzweigung eines Wanderweges zu meinem Ziel zu finden.

Manchmal gleichen sich Ereignisse in frappierender Weise. Während meiner Reise im Spätherbst 2001 in die slowakische Tatra war ich nach Überschreitung des westlichsten Kammes (Sivy Vrch, Radove Skaly) der Zapadne Tatry (Westtatra) an einer Paßstraße herausgekommen, der ich über mehrere Kilometer zu Fuß gefolgt war, um die nächstgelegene Ortschaft zu erreichen. In meinem Erlebnisbericht liest sich das folgendermaßen: "Obwohl ich solcherlei Teermarschierereien normalerweise hasse, muß ich eingestehen, daß sich das rechts von mir ausbreitende Hügelland mit seinen zivilistaionsfernen Dörfern wirklich beeindruckt.... .... diese Landschaft erinnert mich an das Törzburger Hochland in Rumänien...". Es handelte sich übrigens um das Orava - Hochland, welches, genauso wie die Törzburger Gegend, als schwach besiedeltes, von der Landwirtschaft genutztes, mittelgebirgsähnliches Hügelland zwischen zwei Bergmassiven eingebettet ist.

Nach wenigen Kilometern erreiche ich die Siedlung Giuvala, welche, typisch für die Dörfer dieser Gegend, einen relativ wohlhabenden Eindruck macht. Zahlreiche Bewohner bieten hier an Straßenständen die Spezialitäten der Region feil. Dicke Käselaiber, saftige Schinken und Speckschwarten, sowie Erfrischungsgetränke werden feilgeboten. Eine perfekte Idylle in herrlichster Landschaft läßt mich beinahe den Frust darüber vergessen, daß ich nun schon mehrere Kilometer auf verhaßtem Asphalt zurückgelegt habe, von den stinkenden Abgasen der vorüberziehenden Fahrzeuge angeblasen, und von auf Hochtouren drehenden Motoren der bergauf keuchenden LKWs angebrüllt.

Die Landschaft erinnert fast ein wenig ans Berner Oberland. Wohlgenährte Kühe weiden auf saftigen Wiesen, schöne, rurale Holzhäuschen verteilen sich ober - und unterhalb der Paßstraße über die steilen Hänge, deren sattes Grün von einer golden scheinenden Spätnachmittagssonne durchflutet werden. Ein holpriger Fahrweg zieht in das tief einschneidende Tal hinunter und verschwindet hinter den letzten Häusern in ewig dunklen Tannenwald. Laut meiner Skizze müßte dieser Weg zurück nach Fundatica führen. Es wäre somit die geschicktere und wohl auch schönere Lösung gewesen, wenn ich von dort aus gleich diesen Weg eingeschlagen hätte, anstatt nach Fundata zu gehen.

Ich beschließe, mir eine Übernachtung zu suchen, um dann darüber zu sinnieren, wie es morgen weitergehen soll. Einer der Straßenverkäufer empfiehlt mir, zu diesem Zweck der Straße noch etwa weitere zwei Kilometer aufwärts zu folgen, wo sich ein Hotel, ein Hüttendorf und eine Pension befänden. Nun, auf die zwei Kilometer soll es heute auch nicht mehr ankommen und schließlich und endlich erreiche ich die touristischen Einrichtungen, die sich direkt in einer Kurve befinden. Ein junger Mann, der vor dem Hotel den Hof fegt, verweist mich auf die Pension, Hotel und Hüttendorf sind angeblich geschlossen. Während letztere Gebäude ganz offensichtlich noch aus der sozialistischen Aera stammen, befindet sich die mit einem Restaurant ausgestattete Pension in einem neuen Gebäude, das, außen wie innen mit viel Holz verkleidet, durchaus ansprechend ist. Ich bin der einzige Gast. Die Übernachtung ist nicht unbedingt billig, auch der Verkehrslärm dringt bis ins Zimmer, aber was will man machen! Als Entschädigung bietet sich vom Balkon aus ein sagenhafter Blick hinüber zum Königstein.

Heute soll es mir ähnlich wie dem heiligen Franz von Assisi ergehen. Ich soll jedoch nicht die Vögel, dafür aber die Rumänen verstehen. Es beginnt mit dem Gespräch, daß ich nach dem Frühstück mit den beiden Frauen der Pension, vermutlich Mutter und Tochter, führe. Bislang war es immer so, daß ich zwar verstanden wurde, wenn jedoch die Antwort auf rumänisch erfolgte, setzte bei mir meistens ein Blackout ein.

Nach dem Prachttag von gestern hätte ich für heute noch eine Zugabe erwartet, doch ich werde enttäuscht. Die Spitzen des Königstein bleiben bereits in den frühen Morgenstunden von einer dichten, dunkelgrauen Wolkendecke verschluckt. Über Nacht hat es geregnet und es ist weiterhin kalt. Etwa sechs Kilometer trennen mich noch von der Ortschaft Podu Dumbovitei, und frisch erholt und zu neuen Taten bereit beschließe ich, den Rest der Straßenetappe eben auch noch per Pedes durchzuziehen. Ich kürze die Serpentinen teilweise über die Hänge ab, und nach einer knappen Stunde habe ich den Ortsrand erreicht. Ich gehe an der Einmündung des Wanderweges vorüber, über welchen ich laut meinem ursprünglichen Plan hier hätte eintreffen sollen, und eine kurze Zorneswallung kann ich mir hierbei nicht verkneifen. Zahlreiche Skulpturen mit meist nationalen Darstellungen finden sich am Straßenrand, wie z.B. eine Tanzgruppe, oder drakische Krieger. Podu Dumbovitei brilliert durch eine exzellente Lage in einem nahezu kreisrunden Talkessel. Es ist ein wohlhabender Ort mit schönen Häusern und einem sehenswerten Dorfkirchlein. Von hier aus lassen sich Exkursionen durch verschiedene Schluchten angehen, was einen mehrtägigen Aufenthalt hier durchaus rechtfertigen würde.

In etwa Ortsmitte stoße ich auf eine Brücke, die Namensgeberin von Podu Dumbovitei ("Brücke über die Dumbovita"). Unmittelbar vor der Brücke biege ich rechts in eine Nebenstraße ein, der ich aufwärts folge, bis sich hinter den letzten Häusern die riesigen Felswände der Cheile Dumbovitoara wie ein riesiges Tor vor mir auftun. Durch diese wirklich eindrucksvolle Klamm führt eine teilweise betonierte Fahrstraße, denn in etwa der Schluchtmitte befindet sich die Ortschaft Dumbovitoara. Besonders imponierend erheben sich die Felswände im Bereich des Schluchteinganges. Neben dem Weg gluggert der Seaca - Pietrelor -Bach, wunderschöne Auen klemmen sich zwischen den Bach und den Fahrweg. Viele Feuerstellen, aber auch ein erhöhtes Müllaufkommen zeugen von der Beliebtheit der Schlucht als Picknick- und Campingplatz für Wochenendausflügler.

Dumbovitoara erscheint mir als faszinierend weltvergessener Ort, eigentlich nichts ungewöhnliches im ländlichen Rumänien. Außergewöhnlich ist aber sicher die Lage inmitten der Schlucht, durch welche diese romantische Ansiedlung auch nur zu erreichen ist. Im Bereich der Ortschaft machen die schroffen Schluchtenwände steilen Hängen Platz, kurz hinter dem Ort kann man die Dumboviciora - Höhle besichtigen, dann umschließen einem bald wieder steile Felswände. Bevor ich mein Zwischenziel, die Cabana Brusturet, erreiche, passiere ich abermals eine Häuseransammlung, ansonsten begegnet man hin und wieder der einen oder anderen einzelstehenden Domäne oder einem Restaurant, bis schließlich nach 8 Kilometern von Podu Dumbovitei aus die Brusturet - Hütte erreicht ist, welche aus einem Haupthaus, einem Restaurant und mehreren Ferienhütten besteht. Man kann von hier aus noch weiter dem Schluchtenweg folgen, ich aber beabsichtige, in das Massiv der Piatra Craiului (Königstein) aufzusteigen. Die wetterlichen Bedingungen sind zugegebenermaßen herzlich wenig zum Bergwandern geeignet, und die zahlreichen gesprächsfreudigen Leute, denen ich unterwegs begegnet war, haben mir allesamt abgeraten, heute noch in den Königstein zu gehen.

Leider ist die Brusturet - Hütte geschlossen, weshalb ich, anstatt mit einem warmen Menü im Restaurant mit einer schlichten Vesper auf der kalten Picknickbank vorlieb nehmen muß. Im Sitzen beginne ich bald zu frösteln, weshalb ein rascher Wiederaufbruch angesagt ist. Immer noch hängen tiefliegende, graue Wolken wie eine finstere Bedrohung über mir und seit den frühen Morgenstunden versucht ein beständiger Nieselregen, mich langsam, aber sicher aufzuweichen. Der vom Hüttenwirt zurückgelassene Schäferhund reagiert gelassen auf meine Anwesenheit. Erst, als eine Gruppe von Waldarbeitern mit ihrem Fahrzeug auf dem Plan erscheint, beginnt er zu tillen. Auch die Waldarbeiter schütteln verständnislos die Köpfe, als ich ihnen mein Vorhaben unterbreite.

Die Aufstiegsroute beginnt unmittelbar gegenüber der Cabana, hinter den kleinen Holzhütten, und zieht als wurzeldurchzogener Gratweg steil duirch den Wald aufwärts. Ich möchte den Hauptkamm im Funduri -Paß (1889 m) erreichen, und von dort aus die südliche Grathälfte bis in den Grind - Sattel begehen, von welchem ich dann wohl zu einer Zwischenübernachtung zum gleichnamigen Refugium absteigen werde. Als ich meine Fagarasch - Tour vor drei Jahren am Fuße der Königstein - Westwand beendete, war ich von dort aus über den abenteuerlichen Deubel - Weg in den Grindsattel hinaufgeklettert und dem Grat nach Norden bis in den Curmatura - Sattel gefolgt. Ich war damals nur einen Tag lang im Königstein, aber diesmal habe ich die Absicht, die gesamte Länge des Massives zu nehmen, einschließlich der am Nordende durch eine Scharte vom Hauptmassiv abgetrennten Piatra Mica (kleiner Königstein). Dadurch, daß ich in Podu Dumbovitei den Schluchtenweg gewählt habe, entgeht mir allerdings der exakte Anfang. Puristen gehen also bereits in Podu Dumbovitei die Königsteinroute an. Von dort aus ist es nämlich auch möglich, über einen laut Literatur nicht markierten Steig der Schneide des Königstein von Beginn an zu folgen. Allerdings erfordert dies auch einen langen Waldmarsch, bis sich das Massiv endlich mal richtig über die Baumgrenze erhebt. Ab der Saua Funduri jedoch ist bei gutem Wetter eine uneingeschränkte Aussicht gewährleistet, während man über die wilden Felszacken dieses Kalkmassivs von Gipfel zu Gipfel turnt.

Irgendwie bin ich heute nicht so gut drauf, mir scheint, ich habe leichtes Fieber. In Rumänien geht zur Zeit die Grippe um, und ich fürchte, mich irgendwo angesteckt zu haben. Ich erreiche eine Lichtung , auf der sich die Fundata - Schäferalm befindet. Hier erhebt sich die Königstein - Kette in prächtiger Erhabenheit vor dem Betrachter. Dieser Eindruck übermittelt sich auch mir, obgleich die Bergspitzen immer noch durch eine wüste Wolkendecke abgeschnitten sind. Auf dem ganzen Weg bin ich hin - un hergerissen von den zwei sich mir bietenden Möglichkeiten, den Wandertag fortzusetzen: entweder tatsächlich in diese Suppe hinaufzusteigen, oder aber dem am Kammfuß veralufenden Weg in Richtung Grind - Hütte zu folgen und das Unternehmen morgen mit genügend Zeit und hoffentlich besserem Wetter anzugehen. Oft schon habe ich mich in solchen Situationen für die riskantere Variante entschieden, manchmal auch für die mir subjektiv erscheinende vernünftigere. Ich bin mit meinen Intuitionen bislang immer gut gefahren, und als ich die Abzwiegung, welche hinauf zum Funduri - Paß führen würde, erreiche, sagt mir meine innere Stimme: "Geh´nicht hoch!", und somit sind die Würfel für heute gefallen: Ich schlage den Weg zum Refugiu Grind ein. Durch schönen Wald geht es hierfür aufwärts, bis ich auf eine Wiese hinaustrete, wo der Weg steil aufwärts zieht, weiter oben blinkt in roter Signalfarbe das ersehnte Refugium. Zwischenzeitlich ist, bedingt durch die erneut gewonnene Höhe, der Regen in Schneefall übergegangen.

Die Grind - Schutzhütte ist eine einfache Bergunterkunft mit spartanischer, aber praktischer Einrichtung. Eine zweistöckige Liegepritsche bietet Schlafplätze für etwa 8 bis 10 Personen (Schlafsack ist natürlich selbst mitzuführen!). Ein Kanonenofen sorgt für Wärme und Kochgelegenheit, ein kleines Tischchen mit einfachen Holzbänken ist für höchstens 5 bis 6 Personen gut. Die stabilen Blechwände halten stärksten Stürmen Stand, und somit dürfte jeder Wanderer sich glücklich schätzen, hier drinnen untergekommen zu sein, wenn draußen mal wieder richtig die Hölle los ist.

Meine Vorgänger haben Brot und Wasser in der Hütte zurückgelassen. Letzteres ist ein wichtiger Faktor bei der Königstein - Begehung, da man auf der Kammhöhe (Karst!) keines findet. Irgendwie haut´s mit dem Anfeuern des Ofens nicht richtig hin. Was soll´s, zur Mahlzeitbereitung führe ich meinen Esbit - Kocher mit, und wenn´s mich wirklich zu sehr frieren sollte, vergrabe ich mich halt in meinen Schlafsack. Da ohnhin nicht allzuviel Holz gebunkert ist, ist es sicher besser, dieses für Nachfolgende zurückzulassen , die vielleicht unter noch härteren Bedingungen hier eintreffen, und dann über einen ausreichenden Holzvorrat froh sind.

Kurz nach dem Essen geht´s dann los: Ich schaffe es gerade noch, die Klopapierrolle aus dem Rucksack zu ziehen und vor die Türe zu rennen. Die Magenkrämpfe, von denen ich unterwegs bereits geplagt wurde, hatten es schon angekündigt: Dünnpfiff, wird wohl ´ne aufkeimende Darmgrippe sein, denke ich, ein schöner Schlußakkord auf meiner diesjährigen Karpatenfahrt! Die grüne Wiese vor der Hüttentüre ist zwischenzeitlich weiß geworden, welches ich jetzt mit ordinärem Braun bedüngere. Ein Unglück kommt selten allein, und so nimmt eine harte Windböe meine neben mir blödsinnigerweise im Schnee abgelegte Toilettenpapierrolle mit sich. Oh Jemminee, Dünnpfiff ohne Klopapier, nicht auszudenken! Mit heruntergelassenen Hosen stürze ich der Rolle hinterher, die in rasender Geschwindigkeit den Berg hinunterrollt, und sich hierbei abwickelt. Gott sei Dank, ich kann das Ding gerade noch einfangen, raffe schnell das abgewickelte Papier zusammen und begebe mich eiligst zurück in die windsichere Hütte. Ich soll im Laufe der Nacht noch mehrere Male wegen erhöhter Darmtätigkeit vor die Hüttentür getrieben werden, wobei ich jedesmal die Rolle umklammere wie eine Mutter ihr Junges.

Zum Frühstück bereite ich mir eine doppelte Portion Nudeleintopf, die ich jedoch appetitlos in mich hineiwürge. Immer noch fühle ich mich unwohl, und das Wetter draußen scheint auch nicht vielversprechend. Großartig ist dennoch der Ausblick durch das Hüttenfenster hinüber zu den westlichen Bucegi - Wänden, und über die zwischen dem Siedlungsgebiet des Törzburger Hochlandes und dem Königstein sich einfügende Mittelgebirgskette. Beim Anblick dieser weit sich ausdehnenden, weiß angeschneiten Waldhügel wird mir bewußt, wie weit ich wohl von der nächsten Ortschaft entfernt sein muß. Obwohl die Situation diesen grandiosen Ausblick zuläßt, hängt immer noch eine undurchdringlich scheinende, tiefgraue Wolkendecke über´m Land, die Königstein - Spitzen bleiben weiterhin abgeschnitten. Draußen regiert eine grimmige Kälte und wüste Windböen verheißen nichts Gutes. Bis ich zusammengepackt habe und abmarschbereit bin, ist die Umgebung eingenebelt und es schneit wieder. Als ich vor die Hüttentür trete, nimmt mich eine beinharte, eiskalte Windbö schier von den Füßen. Der Entschluß ist schnell und spontan gefaßt: Königstein ade, diesmal gebe ich auf!

Aufgeben? Nicht ganz, denn rasch ist ein alternativer Plan gefaßt, nämlich die Erforschung des "unbekannten" Königstein. Hierzu werde ich zum Funduri - Paß aufsteigen und über den nicht markierten Teil des Königstein - Kammes nach Podu Dumbovitei zurückkehren. Ich nehme hierzu den gestern gegangenen Pfad abwärts bis zur ersten Wegekreuzung, wo ich in östlicher Richtung erneut auf die Schäferei stoße. Dort treffe ich einen alten Mann, der mir wieder einmal von meinem Vorhaben abrät. Wir gehen ein Stück weit zusammen, bis wir auf eine Gruppe von Waldarbeitern treffen. Auch bei ihnen finde ich wenig Verständnis für mein Vorhaben. Ich solle lieber nach Dumbovitoara hinuntergehen, und mir dort eine Mitfahrmöglichkeit in die nächsten Straßenortschaften wie Podu Dumbovitei oder Ruca suchen. "Von dort kannst du nach Brasov oder nach Bukarest! Viel schöner als dort oben, dort schneit es und es ist kalt!" war die einhellige Meinung. Ich schlage dennoch den Weg zum Funduri - Paß ein. Über steile Wiesenhänge führt die Stangenmarkierung aufwärts, in meinem Zustand recht mühevoll. Oben auf der Kammhöhe legt der ohnhin schon kräftige Wind nochmals zu, und ich finde mich in einem wilden Schneetreiben. Zur Westseite bricht der Grat senkrecht ab, wie ich das von der letzten Königsteintour her kenne. Ein faszinierendes Bild bieten die von wild umherfliegenden Schneeflocken umblasenen Felsnasen - und Türme, deren Aschgrau auf der Windseite mit feinem Weiß bestäubt ist. Unten im Tal schlängelt sich eine ungeteerte Forststraße durch den unendlich dichten Wald. Nur ein einziges Haus ist unten auszumachen, es dürfte sich hierbei wohl um die Cabana Garofita handeln. Die Ausläufer des Jezer - Papusa - Gebirges greifen wie Krakenarme in das weit ausladende Tal. Nordöstlich beginnt, oder endet, wenn man will, der Fagarasch, das höchste Gebirgsmassiv Rumäniens. Von dort war ich auf meiner ersten Rumänien - Reise gekommen, war im Bereich der Plaiul - Foii - Hütte in das unter mir liegende Waldtal abgestiegen, um in der letzten Etappe schließlich noch auf die Königstein - Höhen wiederaufzusteigen, wobei sich mir damals ein ähnliches Bild bot wie hier und heute: die Fagarasch - Ausläufer, die Forststraße, und mitten im undurchdringlich scheinenden Wald wie ein entlegenes Hexenhaus die Cabana Plaiul Foii.

Überraschenderweise finde ich in Südrichtung doch eine Markierung, die allerdings nur als ein dann und wann auf einen Stein oder einen Felsen gekleckster roter Pfeil erscheint. Im bereits leicht verschneiten Gelände ist der Pfad nicht allzu gut auszumachen, ich orientiere mich somit immer wieder am Kaummverlauf. Dabei überschreite ich auch den einen oder anderen Gipfel, gleich zu Beginn den La Arsuri, der sich mit 1896 Metern zwar über die Waldgrenze erhebt, aber dennoch deutlich niedriger ist, als die Gipfel im zentralen Kamm. Gelegentlich kämpfe ich mich durch Dickicht, treffe aber immer wieder auf Pfadspuren oder finde einen roten Pfeil. Auf dem Pietricia - Gipfel (1764 m) hält es mich wegen der unbarmherzigen Windböen nicht lange, es soll der letzte Aussichtspunkt vor einem äußerst unangenehmen Abstieg sein. Hinter einer großen Lichtung gelange ich noch mehr oder weniger auf dem Pfad zur Stina Pietricia, wo mir an der Holzwand der Sennerei ein letztes Mal der rote Pfeil begegnet. Ungefähr ab hier verliert sich die bislang klar verlaufene Kammlinie in mehreren Ausläufern, und durch Absinken des Höhenniveaus unter die Waldgrenze ist es auch vorbei mit der Übersicht. Ich folge einem engen Bachtal abwärts, und weiß, daß ich nun den richtigen Weg endgültig verloren habe. Die immer wieder neue Suche nach roten Pfeilen und Pfadspuren ist ziemlich zeitraubend, und ich muß schauen, daß ich irgendwie wieder herunterkomme, denn schließlich hält das Tageslicht, besonders um diese Jahreszeit, nicht unbegrenzt lange. Der Abstieg gerät zu einer Durchschlageübung, und ich verfluche unterwegs meinen Entschluß, dieses Unternehmen noch angegangen zu sein. Wie ein versprengter Montagnard kämpfe ich mich durch äußerst unbequemes Gelände abwärts, gerate immer wieder in schier undurchdringliches Unterholz, Zweige peitschen mein Gesicht, lassen eiskalten Schnee in meinen Nacken hineinrieseln, Buschwerk und Äste zerkratzen mir die Haut und zerren gemein an meinem Rucksack. Körperlich fühle ich mich beschissen und mir ist auch mental nicht allzu wohl. Hoffentlich findet mein unkontrollierter Abstieg nicht noch ein jähes Ende über einer steil abstürzenden Felswand. Auch die "Bärenangst" steigt jetzt in mir auf. Abseits aller Pfade, mitten im schier undurchdringlichen Bergwald, das ist der Lebensraum des Karpatenbären, der wohl durch ein Zusammentreffen mit mir sicher genauso erschreckt wäre wie ich, allerdings ist er der Stärkere, und die Bibel hat er leider auch nie gelesen!

Als ich mitten im Gehölz eine leere Platikflasche finde, bin ich gottfroh über diese Spur menschlicher Präsenz, doch es dauert immer noch eine gute Weile, bis ich zwischen Busch- und Baumwerk eine grüne Fläche ausmache. Diese entpuppt sich als Wiesenhang, unterhalb dessen ein Forstweg verläuft, und nur wenige Meter weiter unten stehe ich vor der geschlossenen Cabana Pietricia. Ich bin unendlich erleichtert, trotzdem werde ich wohl noch einige Kilometer zurücklegen müssen, um die nächste Ortschaft zu erreichen. Ich folge dem schönen Talweg entlang eines Baches, bis ich schließlich auf eine Gruppe von Waldarbeitern treffe. Diese schockieren mich zunächst mit einer unfrohen Botschaft: Bis zum nächsten Dorf seien es noch etwa 12 Kilometer. Allerdings würde ich nach wenigen Kilometern schon auf eine Hütte treffen, die zur Übernachtung geöffnet hätte, folgen die erleichternden Worte. Mein mitgeführtes Kartenwerk, das ohnehin dürftig ist, deckt den Bereich, in dem ich mich jetzt aufhalte, nicht mehr ab, ich befinde mich quasi im Blindflug. Immer weiter führt der durch die Fahrzeuge der Waldarbeiter wüst aufgewühlte Fahrweg bergab. An manchen Stellen versinke ich bis weit über die Knöchel im Morast. Schließlich kann ich durch die Baumwipfel hindurch bereits von Weitem ein Gebäude ausmachen, welches mir bestens bekannt ist. Der aggressiv bellende Hofhund beruhigt sich sofort, als ich auf ihn einrede. Auch er scheint mich jetzt wiederzuerkennen. Daß die Cabana Brusturit immer noch geschlossen ist, stört mich nicht weiter. Ich weiß jetzt endlich wieder, wo ich bin und daß mir zahlreiche Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen werden, die ich problemlos noch bei Tageslicht erreichen kann. Meine Wahl fällt auf ein Anwesen am Ortseingang der Siedlung, welche sich ein paar Kilometer vor Dumbovitoara befindet.

Ein altes Mütterchen nimmt mich am Hoftor in Empfang. Leider haben die beiden alten Leute weder Dusche noch Badewanne, und für den Toilettengang muß ich mich zum entsprechenden Häuslein auf dem Hof hinaus bemühen, dafür werde ich mit unverfälschter rumänischer Gastfreundlichkeit aufgenommen, und der Übernachtungspreis ist niedrig. Ein Teller mit verschiedenen Käseprodukten, Spiegeleier, eine warme Milch und eine Kanne voll Kamillentee (Tribut an meinen Dünnpfiff!) werden mir aufgetischt. Man habe leider nichts anderes, da man heute nicht mit Gästen gerechnet habe, beteuert die alte Frau. Ich bin sehr dankbar über diese Gaben, obwohl ich eigentlich keinen Hunger habe und diese schwere Kost vielleicht nicht unbedingt für die momentane Verfassung meines Verdauungsapparates geeignet ist. Trotzdem muß ich, um wieder zu Kräften zu kommen, was essen, und ich zwinge somit appetitlos einen Großteil des Gebrachten in mich hinein, den Rest werde ich morgen zum Frühstück verspeisen. Sprichwörtlich noch vor den Hennen begebe ich mich zur Bettruhe, ertrinke in der durchgelegenen Matratze des uralten Himmelbetts und kuschle mich unter die bleischwere, warme Decke, welche die Tatsache, daß das Zimmer nicht beheizt ist, bedeutungslos werden läßt. Klopapierrolle und Stirnlampe deponiere ich griffbereit neben meinem Schlafgemach. Die gut 13 Stunden Schlaf werden nur durch zwei Toilettengänge unterbrochen, die Laktate haben sich überraschend gut mit meinen Verdauungssäften vertragen.

Das fiebrige Gefühl ist zwar am nächsten Morgen verflogen, nicht jedoch die Magen - Darmkrämpfe. Die Erkrankungsursache rührt wohl von meinem allzu leichtfertigen Umgang mit dem Wasser. Gelegentlich habe ich mich nämlich mit Wasser aus dem Hahn bedient, so auch, als ich vor dem Abmarsch aus der Pension bei Podu Dumbovitei meine Wasserflasche auf diese Weise wieder aufgefüllt hatte. Beim Abschied von den alten Leuten muß ich förmlich darauf bestehen, das Essen extra zu bezahlen. Dafür muß ich aber einen Sack Äpfel mit auf den Weg nehmen. "Kommen Sie bei uns vorbei, wenn Sie wieder mal hier sind!" sagt die alte Frau zum Abschied. Gerne will ich bei entsprechender Gelegenheit dieser Einladung folgen.

Ich bin überhaupt nicht bestürzt darüber, daß ich den Schluchtenweg nun ein zweites Mal innerhalb von zwei Tagen gehen muß. Gerade jetzt, in den frühen Morgenstunden, fährt hier kaum ein Auto. Ein junger Kerl, dem der Vollrausch vom Vortag noch aus den Augen glänzt, reitet auf seinem Gaul daher und krächzt ein verschlagen klingendes "Buna Dimineata!". Eines der wenigen Fahrzeuge, denen ich begegne, hupt und der Fahrer hält neben mir. Als ich vor zwei Tagen schluchtaufwärts marschiert war, war er mir bereits begegnet. Er gehörte zu einer Gruppe von Waldarbeitern, die mir, wie so viele, von meinem Gang in den Königstein abgeraten hatten. Mit den unter seinem rundlichen Hut hervorquellenden schwarzen Locken war er mir gleich als Prototyp eines Bilderbuchrumänen erschienen, was ungefähr der Vorstellung mancher Amerikaner oder Japaner gleichkommen dürfte, die in einem mit Gamsbichel und Lederhosen bekleideten Urbayer den typischen Deutschen zu erkennen glauben. Den Hut von vorgestern hat er immer noch auf, heute jedoch trägt er statt schlichter Arbeitskluft Anzug und Krawatte, wie wenn er zur eigenen Hochzeit unterwegs wäre. Wir begrüßen uns herzlich wie zwei alte Freunde, und ich schildere ihm kurz meine Odyssee im Königstein. "Siehst du, ich hab´s dir gleich gesagt!" antwortet er lachend.

Bis Podu Dumbovitei muß ich mich noch zweimal notgedrungen ins Gebüsch schlagen. Glücklicherweise handelt es sich um einen einigermaßen kontrollierbaren Durchfall, der kleinste Streß kann jedoch zum sofortigen Toilettengang zwingen. Viel zu früh komme ich in Podu Dumbovitei an, der nächste Bus fährt erst um 1 Uhr, jetzt ist es nicht einmal 11. Ich kaufe mir eine Riesentafel Schokolade im Alimentar neben der Brücke und vertreibe die Zeit mit ein bißchen Lesen.

Die knapp 60 Kilometer lange Busfahrt nach Brasov führt über den Fundata - Paß, genau zwischen Königstein und Bucegi, in wilder Kurverei hinunter nach Bran, eine Traumstrecke, die als eine der schönsten in ganz Rumänien gilt. Die Törzburg, welche ich ja ursprünglich zu Fuß zu erreichen gedachte, zeigt sich mir nun für wenige Augenblicke, wie zum Trost, durch das Fenster unseres an der nahen Haltestelle stoppenden Busses. Sie mag wohl die bekannteste Burg Rumäniens sein, ob sie aber die schönste und eindrucksvollste ist, wage ich nicht zu behaupten. Nur wenige Kilometer weiter, bei Rysnov (Rosenau) thront weit sichtbar auf einem bewaldeten Hügel eine Burganlage, die sich mindestens genauso eindrucksvoll präsentiert, und gleichfalls bestens erhalten zu sein scheint.

Als ich bei meiner ersten Rumänienreise in Kronstadt übernachtete, konnte ich vom Fenster meines Zimmers aus über die Mauern hinweg ins Innere der Fabrikanlage des Käseherstellers Kraft spähen. Mehr zufällig als beabsichtigt, gelange ich prompt vor die Tore der Fabrik, es gelingt mir aber nicht, trotz zweimaliger Umrundung der Fabrikmauern, das Haus meines damaligen Vermieters wiederzuerkennen. Hinter dem feudalen Hotel Aro Crown befindet sich in einer unscheinbaren Nebengasse das schlichte, preisgünstige Hotel Aro Sport, in dem ich schließlich unterkomme. Ich hatte mich ja bereits bei meiner ersten Rumänienreise mit der Stadt Brasov angefreundet, und das Herumspazieren in den Straßen und Gassen der Altstadt macht mir auch diesmal wieder Spaß, trotz meiner weiterhin anhaltenden Magen - Darmkrämpfe.

Bis zur Rückfahrt tritt keine Besserung ein. Sicher hätte ich mir in Brasov ohne Weiteres in einer Apotheke ein paar Tabletten besorgen können. Mit dem Durchfall will jedoch der Körper die ihn krank machenden Bakterien ausscheiden und starke Gegenmittel heilen nicht, sondern unterbrechen nur diesen nötigen Prozeß. Alle drei Stunden hält der Bus und diese Abstände reichen in meinem Fall aus, um das Problem unter Kontrolle zu halten. Nur widerwillig lasse ich mir unterwegs von meinen besorgten Mitreisenden eine Pille aufdrängen, und nur mit der Zusage, daß es sich dabei um ein harmloses Pflanzenheilmittel handelt. Naja, Reisen fordert eben gelegentlich auch Tribute, doch woraus sind Abenteuer gemacht und sind es nicht oft die scheinbar negativen Erlebnisse, die uns jahrzehntelang in Erinnerung bleiben und mit denen wir vielleicht einmal unsere Enkel in Erstaunen versetzen werden? Und a propos Abenteuer, wer sie sucht, der begebe sich am Besten selbst nach Rumänien!

Auf 26 Zoll durch den Jura

Zu Ostern 2003 im "anderen" Gebirge der Schweiz



Unser Zug hat sich noch nicht allzu weit aus Basel entfernt, da wird´s vom Fenster aus schon spannend: linkerhand fließt uns malerisch die Birs entgegen, beidseitig recken sich immer wieder Kalktürme und ausgewaschene, aalglatte Felswände empor, dazwischen jede Menge hügliges Grün und ausgedehnte Tannenwälder, die die umliegenden Höhenzüge überdecken, woraus immer wieder weiße Kalkfelsen hervorlugen. Wir sind im Jura und die draußen vorüberziehende Landschaft eine typische für dieses bei vielen Bergfreunden doch wenig bekannt gebliebene Mittelgebirge. Während sich die Aktivitäten der meisten Bergler doch auf die Schweizer Alpen beschränken, bleibt der Jura meist links liegen. Auch ich selbst wußte vom Jura bislang nicht allzu viel, es war vielmehr mein Drang, etwas Neues zu entdecken, und die relativ gute und rasche Erreichbarkeit von meiner Heimatregion aus, die mich und meinen Kameraden Magnus "Mäggi" Gaiser hierher brachten. Bis zuletzt trieb mich die Frage um, ob unsere Reise in den Jura nicht etwa doch vielleicht eine etwas mäßig interessante Tour werden könnte, bei der Vorbereitung fielen mir Bücher mit eher prosaischem Inhalt in die Hände, in denen oft nur auf die "sanftere" Seite des Jura eingegangen wurde, seine saftigen Bergwiesen, würzig duftenden Tannenwälder, Leben und Tradition in den Tälern, sowie Kulinarisches und geschichtliche Aspekte, und der Hinweis auf weite Horizonte, die sich dem Wanderer im Jura auftun. Alles Dinge, die in mir einerseits eine gewisse Lust am Entdecken dieser Region geweckt hatten, die Ambitionen des selbsternannten "Bergforschers" mit alpiner Ausrichtung zunächst jedoch eher zurückstellten.

Um es vorweg zu nehmen, beides ist im Jura vorhanden und zu entdecken: ruhige Täler, sanft gewelltes Weideland, ausgedehnte Waldgebiete, typische Gehöfte, Spuren der Geschichte und noch am Leben gebliebene Traditionen, aber auch subalpine Berggipfel, steil abstürzende Felswände, tosende Wasserfälle und beängstigend enge Felsschluchten werden Kulturbeflissene, Wanderer, Kletterer, Radfahrer und Motorradfreaks (kurvige Bergstraßen!) gleichfalls zufrieden stellen und nur die Aufmerksamkeit auf all diese Aspekte kann ein wirkliches Bild dieses Stücks "unbekannter" Schweiz vermitteln. Eine Besonderheit des Jura - Gebirges, die zunächst nicht offensichtlich ist, will ich unbedingt noch erwähnen: Höhlen. Wie viele andere Kalkgebirge hat auch der Jura zu eigen, daß er seine Wasser oft unterirdisch verschwinden läßt, um sie dann andernorts wieder hervorsprudeln zu lassen. Unter seinen Kalksteinen und Wiesenmatten verbirgt der Jura also ein riesiges und teils noch unerforschtes Höhlen - und Grottensystem, ein Abenteuerspielplatz für Späologen.

Irgendwo hinter dem Ort Laufen passieren wir die Sprachgrenze, abrupt, wie so oft in der Schweiz. Hier nennt man diese Grenze auch den "Röstigraben", in Anlehnung an die Nationalspeise der Deutschschweizer. Der Unterschied zwischen der deutschen und der sogenannten welschen Schweiz beschränkt sich jedoch bei weitem nicht nur darauf, daß die einen ihre Rösti und die anderen das Käsefondue erfunden haben. In vieler Hinsicht weht hier der Hauch Frankreichs, mit dem man sich hier oft näher verbunden fühlt, als mit dem schwyzerdütschen Bern, die Abstimmungsergebnisse zur Beitrittsfrage der Schweizer in die EU ergaben hier ein klares "Ja". Wir erreichen Delemont, der Hauptstadt des erst seit 1974 bestehenden Kantons Jura, der sich schließlich aufgrund dieser Unterschiede aus dem Kanton Bern herausgelöst hat. Hier heißt es nochmal Umsteigen.

Bald fährt der Zug durch einen mehrere Kilometer langen Tunnel, an dessen Ende schließlich der Ausgangspunkt unserer Tour erreicht ist, das wunderschöne, alte Städtchen Ste. Ursanne (494 m), traumhaft an den Ufern des Flusses Doubs gelegen, dessen Lauf wir stromaufwärts zu folgen beabsichtigen. Vor etwa anderthalb Jahren habe ich meine Kampfsporttätigkeiten dezimiert und dafür eine neue Disziplin in mein Trainingsprogramm aufgenommen: das Mountainbiken. Außer den sportlichen bietet das Mountainbike weitere Möglichkeiten in Bezug auf Alpinismus: zum einen als konditions- und geschicklichkeitsförderndes Sportgerät, zum anderen als rasches Fortbewegungsmittel, zum Beispiel in Form von "Bike and Hike", d. h. so weit und so gut wie möglich mit dem Rad anzufahren, und wo ein weiteres Fortkommen mit demselben nicht mehr möglich ist, als Fußwanderer weiterzumarschieren. Es ist für uns beide die erste mehrtägige Ausfahrt mit Mountainbike, wobei wir unser gesamtes Gepäck, Zelt Lebensmittel und Kleidung für vier Tage in unseren Rucksäcken auf dem Rücken mitführen. Die Wegstrecke selbst soll einen Mix darstellen aus nur für Mountainbikes geeigneten, sogenannten Single - Trails, d.h. wurzel- und steinübersäte, gelegentlich exzessiv steile Bergpfade, geschotterte Feld- und Forstwege, ruhige, wenig oder gar nicht befahrene Asphaltsträßlein und Landwirtschaftswege, und - wo nicht anders machbar - auch vom Autoverkehr häufiger frequentierte Straßen.

Der erste Tag soll uns gänzlich am Ufer des Doubs entlangführen, und hinter Ste. Ursanne geht´s gleich los mit einem traumhaften Single - Trail. Traumhaft für mic