Sonntag, 17. Dezember 2006

Auf dem Aussichtsbakon der Slowakei

Teildurchquerung der Niederen Tatra und Stipvisite im südlichen Slovensky Raj (20.03. - 25.03.2005)

Des Längeren habe ich es mir bereits vorgenommen, nun soll der Plan Wirklichkeit werden: die komplette Durchquerung der Niederen Tatra (slowak.: Nizke Tatry) soll endlich in die Tat umgesetzt werden. Daß es zu einer Winterbegehung kommen soll, war ursprüngling zwar nicht vorgesehen, mit der Idee hatte ich allerdings bereits zu früheren Zeitpunkten geliebäugelt. Aus dem ursprünglich vorgesehenen Reisetermin Ende Mai wurde kurzfristig die Woche vor Ostern, welche heuer recht früh – nämlich Ende März - anberaumt war.

Mit einer Länge von 80 Kilometern bildet die Niedere Tatra die längste und einer Flächenausdehnung von 811 qkm auch flächenmäßig größte Gebirgsgruppe in der Slowakei. Ihre Ausdehnung erfolgt in West – Ost Richtung, eingekeilt von der Großen Fatra (Vel´ka Fatra) im Westen und dem Slovensky Raj (Slowakisches Paradies) im Osten. Südlich wird die Niedere Tatra durch die Horehronske Podolie (das Tal der Hron, dt. Gran) begrenzt, hinter welcher sich die sanften Kuppen der Slovenske Rudohorie (Slowakisches Erzgebirge) anschließen. Im Norden fügt sich zwischen der Niederen Tatra und den direkt ihr gegenübergestellten Hochgebirgen der Zapadne Tatry (Westliche oder auch Liptauer Tatra) und Vysoke Tatry (Hohe Tatra) das Liptauer Becken ein, in welches sich Städte wie Ruzomberok, Poprad, Martin oder Liptovsky Mikulas und der blaue Spiegel des Staubeckens Liptovska Mara betten.

Traditionell wurde die Niedere Tatra in erster Linie durch Bergbau erschlossen, aber auch Alm- und Forstwirtschaft spielten eine Rolle bei der Besiedlung ihrer Täler. Heute ist das gesamte Territorium durch Nationalparkstatus geschützt. Allerdings gibt es hier, im Gegensatz zu West- und Hoher Tatra nur geringfügige Wintersperrungen. Diese beziehen sich auf den vom Kotliska – Gipfel nach Süden abzweigenden Kamm der Skalka (1980 m) und den von der Pol´ana gen Norden ziehenden Kamm des dreizackigen Bor (1888 m).

In der an Bergen so reichen Region der Nordslowakei stellt sich die Niedere Tatra bezüglich der Höhe mit an die Spitze der Gebirgsgruppen und wird nur noch von der Hohen und der Westtatra übertrumpft. Die drei höchsten Gipfel übersteigen knapp die 2000 – Meter Grenze: Dumbier (2043 m), Chopok (2024 m), und Derese (2004 m). Es handelt sich bei der Niederen Tatra um kein klassisches Hochgebirge, dazu verläuft der Hauptkamm zu oft knapp über oder über lange Strecken auch unter der Waldgrenze, ganz zu Schweigen von den Bergen jenseits der Hauptkammlinie, welche fast immer bis obenhin mit Tannenwald überzogen sind. Allerdings greifen auch zahlreiche Nebenkämme mit kahlen Kuppen und gelegentlich auch recht schroff anzusehen, wie Krakenarme süd – und nordseitig weit in die unter ihnen sich ausbreitenden düsteren Bergwälder hinein.In ihrem zentralen Teil, welcher sich zwischen dem Sedlo Durkovei und der Stefanik – Hütte erhebt, zeigt die Niedere Tatra dennoch deutliche Hochgebirgsprägung, wenngleich sich das Gebirge durch eine relativ schwache Gliederung und nur mäßig ausgeprägte Kuppen auszeichnet. Die Kare in diesem Bereich brechen besonders nordseitig in schroffer Senkrechte hunderte von Metern in den Bergwald hinunter und zeigen so manches felsig – kantiges Gesicht.Besonders wild bleibt der Eindruck im Winter, wo in oft steilen Hängen auch die gegebene Lawinensituation zu berücksichtigen ist. Oberhalb der Waldgrenze findet man überwiegend Gras- und Latschenbewuchs, zu gegebener Jahreszeit sollen die Bergwiesen vielerorts mit schönen Blumen besprenkelt sein. Einzelstehende Bäume oder Sträucher finden sich gelegentlich auf steilen Bergwiesen und wirken oft wie vom Wind zerzaust. Vielerorts tritt aber auch schroffer Granit zutage und bildet die eine oder andere ansehnliche Felsskulptur.

In der einzigen mir zur Verfügung stehenden Literatur wird von einer Gesamtbegehung der Niederen Tatra zur weißen Jahreszeit eher abgeraten. Der Grund dafür ist in den weit auseinanderliegenden Unterkünften zu suchen. Die Begehung im Winter ist von gut konditionierten Ski- oder Schneeschuhgehern jedoch durchaus zu bewerkstelligen. Vorraussetzung hierfür ist jedoch eine wintertaugliche Biwakausrüstung, falls es aus irgendwelchen Gründen nicht gelingen sollte, eine der tatsächlich weit auseinanderliegenden Unterkünfte nicht zu erreichen. Zudem ist bei diesen Hütten nicht immer mit Bewirtschaftung zu rechnen. Manchmal handelt es sich nur um schlichte Biwakhütten, die eine komplette Selbstverpflegung nötig machen.

Touristisch gesehen ist die Niedere Tatra dennoch, insbesondere in ihrem zentralen Teil, recht gut erschlossen. Das bekannteste und größte Touristenzentrum ist das Demänovska dolina, welches sich nördlich des Chopok erstreckt. Auch das Donovaly und die Certovica sind vor allem im Winter beliebte Skistationen, die sich jedoch in keiner Weise mit den großen Skizirkussen der Alpen vergleichen lassen. Trotz des Rufes, eines der besterschlossenen Gebirge der Slowakei zu sein, birgt die Niedere Tatra eine Unzahl von Kuriositäten, wie Eis- und Tropfsteinhöhlen, alte Bergarbeiterdörfer, eine artenreiche Flora und Fauna (darunter auch Bär und Wolf), bizarre Schluchten, Felsgebilde und vieles mehr. Vor allem erschließt sich dem Begeher eine prächtige Natur und über weite Strecken eine großartige Bergeinsamkeit. als besonders unerschlossen und verlassen gilt der Ostabschnitt zwischen der Certovica und der Kralóva holá.

"The best panorama in Slovakia!", so bescheinigte mir der Mann von der slowakischen Bergrettung auf dem Gipfel des Dumbier, denn der sensationelle Verlauf der Gebirgskette der Niederen Tatra praktisch parallel zu den beiden höchsten und zweifellos auch attraktivsten Gebirgsgruppen der Slowakei – und das oft nur wenige Kilometer Luftlinie von diesen getrennt – macht die Niedere Tatra zum Panoramagebirge par excellence – zum Aussichstbalkon der Slowakei!



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Die Jahreszeit scheint nochmal um ein paar Wochen zurückmarschiert zu sein. So jedenfalls kommt es mir vor, als ich morgens um 7.30 Uhr dem Schlafzug Prag – Kosice entsteige. Gestern in München war´s noch frühlingshaft warm, der Schnee bei uns in Süddeutschland blieb nur noch auf den Bergen haften, und selbst im Bayernwald hat sich das weiße Element bereits in weiten Gebieten rar gemacht. Doch trotz garstiger Minustemperaturen überspannt ein strahlend blauer Sonnenhimmel die gesamte Bergwelt der Nordslowakei. Ruzomberok (dt. Rosenberg, 494 m) ist ein Industriestädtlein inmitten des Liptauer Beckens und hervorragender Ausgangspunkt für Bergexkursionen in die Niedere Tatra, das Choc – Gebirge oder die Vel´ka Fatra. Wie war mir diese Stadt erschienen, als ich sie vor Jahren das erste mal bei Tageslicht mit dem Zug passierte! Wie eigentlich die meisten Städte in der Slowakei und auch in Tschechien, gibt Ruzomberok vom Bahnhof aus betrachtet ein denkbar schlechtes Bild ab. Doch hinter dieser häßlichen Fassade aus Rohrleitungen und abgetakelten Fabrikgebäuden versteckt sich ein angenehmes Städtchen, in dem man es sich durchaus ein paar Tage gemütlich machen kann.

Das Los des Fußgängers ist, daß er oft mit der nächstbesten Unterkunft vorlieb nehmen muß, will er nicht stundenlang mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken im Stadtgebiet umherirren. Das feudale Hotel im Stadtzentrum übersteigt aber schon meine Vorstellungen für den Übernachtungspreis, doch die Dame an der Rezeption weist mir den Weg zur Pension Vila Gross, welche zwar auch nicht gerade mit Spottpreisen aufwartet (1210 Kronen für´s Doppelzimmer entsprechen 30 Euro), für zwei Personen gerechnet würde sich das Ganze jedoch relativieren.

Trotz der freundlichen Unterstützung durch Einheimische, die sich wirklich sehr bemühen, mir zu helfen, verpasse ich den Bus nach Valaska Dubova durch eine Dummheit meinerseits, die ich hier nicht mehr weiter erläutern will. Somit entgeht mir zunächst die geplante Besteigung des Choc (1611 m). Dieser Gipfel ist die höchste Erhebung des gleichnamigen Massivs und aufgrund seines isolierten Standortes gilt er als Paradeaussichtsberg der Slowakei. Man kann diesen Berg auch direkt von Ruzomberok aus angehen, allerdings mit einer 9 – stündigen Gehzeit allein schon im Sommer, so daß diese Möglichkeit aufgrund der bereits fortgeschrittenen Uhrzeit für mich nicht in Betracht kommt. Wenn man in Ruzomberok den Blick über die Vah (dt.: Waag) flußabwärts schweifen läßt, fällt einem sofort ein zu einer kecken Spitze zulaufender Waldberg in´s Auge. Der Cebrat mag wegen seiner geringen Höhe wohl zunächst wenig interessant erscheinen, für mich jedoch ist er bei den gegebenen Umständen genau der Richtige! Zwei Gipfel hat der Hausberg von Ruzomberok, 1060 und 943 Meter. Der niedrigere von beiden genießt den Ruf eines äußerst lohnenden Panoramagipfels. Besonders der umfassende Tiefblick hinab auf Ruzomberok wird in der Literatur hochgepriesen!

Los geht´s mit roter Bandmarkierung ab Bahnhof, wobei mir nach wenigen hundert Metern klar wird, daß der Verlauf meiner Markierung nicht mit der in meiner Beschreibung übereinstimmt. Egal, ich laß´mich mal überraschen, denn schließlich habe ich ja den ganzen Tag Zeit und die Tour ist ja nicht allzu lang. Statt am Ufer der Vah entlangzuführen, geht mein Weg durch das nördlich an Ruzomberok anschließende Dorf Likavka (540 m). Diese Ortschaft beginnt bereits nördlich der Vah bzw. der Bahnlinie, somit liegt meine Pension bereits in diesem Dorf. Beim Durchschreiten erlebe ich eine angenehme Sonntagmorgenruhe, nur wenige Spaziergänger oder Messebesucher sind in den ruhigen Gassen unterwegs. Schließlich gelange ich an die Ausfahrstraße Richtung Dolny Kubin, welche ich überquere und einen Wiesenhang emporsteige. Jenseits geht es zunächst noch mit der bekannten Marierung auf einem mit böckelhartem Firn bedeckten Landwirtschaftsweg weiterhin aufwärts. Schon ergibt sich eine Übersicht hinweg über die Hausdächer von Likavka auf Hügelland, wo die Schneedecke bereits grüne und braune Lücken von Wiesen und Feldern preisgibt. Zuvor war mir rechterhand, unterhalb der bewaldeten Hänge des Choc – Massivs, eine Burgruine aufgefallen. Burgen findet man übrigens zahlreich in der Slowakei vor, darunter einige exzellent erhaltene, wie etwa die von Orava, wo auch schon Draculafilme abgedreht wurden. Die mitgeführten Schneeschuhe bleiben bei dieser Tour übrigens im Tagesrucksack, da der gut durchgehärtete Firn deren Benutzung erübrigt.

Im Weiterweg taucht die rote Bandmarkierung, welche durch je ein weißes Band oben und unten begrenzt ist, irgendwann einmal nicht mehr auf, stattdessen erscheinen jetzt nur rote Bänder an den Bäumen. Aufgrund meiner bisherigen Erfahrungen mit den Wandermarkierungen in der Slowakei sollt mich dies stutzig machen, aber ich denke, vielleicht gibt es hier mehrere Zustiegsmöglichkeiten und die roten Bänder sind jediglich eine lokale Markierungsart. Zunächst folgt diese auch noch einer gewissen Logik. Am Ende des breiten Fahrweges führt sie auf einem schmalen Waldpfad in die Südflanken des Berges hinein. Viele Bäume sind zusätzlich noch mit einem Kreuz versehen. Komisch. Ich übersteige zwei Lawinenkegel, wieder einmal Belege dafür, welche die vielverbreitete Theorie, im Wald können keine Lawinen abgehen, Lügen straft. Bald tauchen im gesamten Waldgebiet wahllos dieselben Bänder und Kreuze an allen möglichen Bäumen auf. Jetzt erst wird mir klar, daß das alles nur Waldarbeitermarkierungen sind. Im gesamten Südhang kann ich denn auch keine einzige vernünftige Aufstiegsmöglichkeit erkennen, denn das Gelände ist viel zu steil. Ich beschließe endlich, wieder umzukehren, um den richtigen Weg zu suchen. Diesen finde ich dann auch. Sehr früh weist bereits ein nicht allzu günstig aufgemalter Pfeil in Aufstiegsrichtung rechts aufwärts und über einen schönen Serpentinenpfad gelange ich in kurzer Zeit zum Südostgipfel. Die Exkursion durch die südlichen Waldflanken hat mich übrigens gut zwei Extrastunden gekostet, fast soviel, wie der gesamte Aufstieg von Ruzomberok entlang der Vah gedauert hätte. Heute habe ich noch genügend Zeit und ich hab´s denn auch nicht eilig mit dem Wiederabstieg, allerdings sollten solche Fehler ab morgen, mit dem Beginn meiner großen Durchquerung der Niederen Tatra, dann nicht mehr passieren. Dort nämlich sind sehr lange Tagesetappen zu bewältigen, die besonders zu dieser Jahreszeit keine Verhauer mehr erlauben. Da die Tour durch die Niedere Tatra mit nur wenigen, weit auseinanderliegenden Unterkünften gesegnet ist, würde ein Nichterreichen des Etappenziels eine Biwakübernachtung unter freiem Himmel bedeuten. Ich bin zwar auch für solche Fälle ausgerüstet, allerdings würde eine derartige Nächtigung doch recht unlustig werden und so gilt es, eine solche zu vermeiden.

Zurück zum Cebrat. Die Aussicht hält, was sie verspricht. Prächtig ist der Nahblick hinunter in die 30.000 – Einwohner - Stadt Ruzomberok und die umliegenden Hügel und Dörfer. Eine besondere Note erhält die Stadt durch den Durchfluß der Vah und die sich auf einem Hügel aus dem übrigen Stadtgebiet heraushebende Kirche. Auch weitere historische Gebäude, darunter ein auffällig großes mit rechteckigem Innenhof, sind dort unten auszumachen. Dann noch das Gebirgspanorama: im Norden erheben sich die Gebirgsteile Choc, Zapadne Tatry (Westtatra) und in der Verlängerung Vysoke Tatry (Hohe Tatra), südöstlich und südlich zieht sich die Nizke Tatry (Niedere Tatra) dahin, an die schließlich im Südwesten die Vel´ka Fatra (Große Fatra) Anschluß findet. Zwischen den nördlichen und den südlichen Gebrigsteilen weitet sich das Liptauer Becken (auch Ebene von Poprad), wo in der Ferne die noch angeforene Oberfläche des 21 qkm großen Stausees Liptovska Mara ("Liptauer Meer") etwas stumpf wiederspiegelt. Die Zipser Übersetzung von "Mara" mit "Meer" ist übrigens ein wenig geschummelt, denn Liptovska Mara war der Name einer der 13 Ortschaften, welche ganz oder teilweise zwischen den Jahren 1970 bis ´75 geflutet wurden, als dieses riesige Staubecken entstand. Flüchtig betrachtet wirkt dieser See übrigens gar nicht so künstlich, man könnte ihn durchaus für ein in der Eiszeit ausgehobeltes Gletscherbecken halten. Am anderen Ende des Sees liegt die 35.000 Einwohner zählende Stadt Liptovsky Mikulas (dt.: Liptauer St. Nikolaus), von welcher aus ich bei meinem letzten Slowakeiaufenthalt die Rückreise angetreten hatte. Die deutschen Bezeichnungen haben hier in der Nordslowakei durchaus ihre historische Berechtigung, siedelten doch bis vor dem 2. Weltkrieg über Jahrhunderte die sogenannten Zipser Sachsen, nach denen auch ein Landstrich nördlich der Stadt Poprad benannt wurde. Besonders dort, in der Zips, sind noch viele kulturelle Relikte dieser Volksgruppe zu bewundern.

Da mir immer noch genügend Zeit bleibt, lege ich noch etwas Fleißarbeit hin, und mache mich auf zum Nordwestgipfel des Cebrat. Hierzu ist dem Kamm durch den Wald zu folgen, bis man schließlich nach etwa 30 Minuten auf 1060 Metern Höhe den höchsten Punkt des Cebrat erreicht. Wer wegen der Aussicht dorthin gehen will, kann sich die Mühe sparen, denn dieser Gipfel ist völlig vom Wald zugewachsen. Da der Südwestgipfel jedoch keinerlei Chancen im Hinblick auf Westen bietet, kann man von hier aus durch die Bäume hindurch wenigstens einen, allerdings wenig befriedigenden, Blick auf die Mala Fatra (Kleine Fatra) erhaschen. Meine Rückkehr in´s Tal trete ich schließlich in der späten Abendsonne an.

Der riesige Supermarkt auf der anderen Seite des Waagufers bietet noch Einkaufsmöglichkeiten bis in die späten Abendstunden, und das noch an Sonn- und Feiertagen! Was gut ist für den Kunden, ist für die Belegschaft sicher sehr unangenehm, denn vermutlich werden hier kaum entsprechende Zuschläge ausgezahlt. Die Preise für Lebensmittel sind im Allgemeinen etwas billiger, als bei uns, verglichen mit dem hiesigen Lohnniveau allerdings sauteuer. Auch bei Kleidung und Markenartikeln sind die Unterschiede zu Deutschland oft nicht mehr allzu groß. Da Gastronomie und Hotellerie vergleichsweise günstig bis sehr günstig, Benzinpreise niedrig und Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmittel schon fast unverschämt billig sind, bleibt die Slowakei für uns weiterhin ein sehr preiswertes Urlaubsland.

Morgens um 7 nehme ich das Frühstück an einem kleinen Tisch direkt am Fenster ein, wo mich die Aussicht auf den gestern bestiegenen Cebrat sowie ein tadellos blauer Himmel erfreuen. Die morgendliche Busfahrt fürt durch das Tal der Revuca. Dieser kleinere Flußlauf vereinigt sich übrigens in Ruzomberok mit der Vah. Das Tal trennt das Bergmassiv der östlich gelegenen Niederen Tatra von der im Westen sich erhebenden Großen Fatra ab. Am Scheitelpunkt einer Paßstraße liegt auf 980 Metern die Skistation Donovaly, Ausgangspunkt meiner geplanten Durchquerung. Außer einem alten Kirchlein begegne ich auf Anhieb nichts Althergebrachtem. Der Ort scheint fast ausschließlich aus modernen Hotelbauten und Pensionen zu bestehen. In unmittelbarer Umgebung ziehen Schlepplifte die verschneiten Hänge empor und ein paar Skifahrer kurven bereits die Pisten hinunter. Im fairen Vergleich zu den kleinen Skiorten in den Alpen herrscht hier eine ungekannte Ruhe.

Zunächst folge ich der Fahrstraße aufwärts, bis sich selbige gabelt. Rechts hinunter geht´s nach Bully, geradeaus hinein nach Polianka. Beides sind winzig kleine Erholungsorte, zum großen Teil aus Feriendatschen angelegt und einen recht angenehmen Eindruck machend. Oberhalb von Polianka führt die rote Bandmarkierung in den Tannenwald hinein, wo der hart verfirnte Pfad in mäßiger Steigung bergauf führt. Auch hier wären die Schneeschuhe nicht nötig, doch ich habe die Wahl, sie entweder an den Füßen, oder auf dem ohnehin schon genügend schweren Rucksack zu tragen, denn heute bin ich selbstverständlich in voller Montur unterwegs. Anbetrachts der Jahreszeit befindet sich der dicke Winterschlafsack mit im Gepäck, Kocher, Essgeschirr, Proviant, warme Kleiung, sowie Kleidung zum Wechseln sind unter anderem die wichtigsten Utensilien, die auf einer solchen Tour Pflicht sind. Nur wenige, meist weit auseinander liegende Hütten säumen den Weg, manche sollen auch nur unbewirschaftete Einfachstunterkünfte sein, wobei ich mich nicht darauf verlassen möchte, daß dort auch immer eine Heizmöglichkeit in Form einer Feuerstelle oder eines Bullerofens besteht.

Das zunächst zu durchquerende Waldgebiet gehört de facto noch nicht zur Niederen Tatra. Es handelt sich um die Starohorsky Vrchy, eine zum großen Teil aus Waldbergen zusammengesetzte Bergkette, welche Nieder Tatra und Große Fatra über die Donovaly – Paßhöhe hinweg verbindet. Am Rande einer Lichtung kommt mir ein junger Kerl entgegen und fragt, ob ich Feuer hätte. Ich begleite ihn bis zu einem kleinen Hüttchen am Waldrand. Da ich selbst nur ein Feuerzeug bei mir habe (habe gestern übrigens vergessen, im Supermarkt noch eins ersatzweise dazuzukaufen) warte ich bis er den Kanonenofen zum Brennen gebracht hat. Seine beiden Kameraden seien für zwei Tage auf dem Kamm unterwegs, nur er sei zurückgeblieben und würde hier auf sie warten. Hätte ich von der Existenz dieser schlichten, aber praktischen Unterkunft gewußt, so hätte ich gestern sicher noch den späten Bus um 12 Uhr 30 nach Dnovaly genommen und hätte hier zwischenübernachtet. Aufgrund des Zeitmangels kann ich denn auch seiner Einaldung auf einen Schnaps oder Tee nicht folgen, denn die heutige Etappe ist die wohl längste der gesamten Tour, und es zeichnet sich jetzt schon ab, daß ich wohl ein Stück in der Dunkelheit zurücklegen muß, um die nächste Übernachtungsmöglichkeit Utulna pod Sedlom Durkovei zu erreichen. Ich habe eine Stirnlampe dabei, doch mein Freund aus Banska Bistrita erkärt mir, das sei nicht nötig, ich würde den Weg bei den derzeitigen Verhältnissen gut bei Mondschein finden. Dein Wort in Gottes Ohr!

Ich verabschiede mich und gehe den ersten Gipfel des Tages an, der nun endlich aus dem Wald hinaus auf aussichtsreiche Wiesenmatten hinaufführt. Da die Kammlagen in den Bergen oft abgeblasen sind, neigen sie auch dazu, im Frühjar schnell auszuapern, weshalb sich hier oben schon ausgedehnte Graslücken ausbreiten. Die beiden Gipfelkuppen Kecka (1225 m) und Hadlanka (1212 m) eröffnen das Panorama hinüber nach Westen, zum schneeweißen Hauptkamm der Vel´ka Fatra. Aus dem Sedlo Hadlanka heraus gehe ich unbedarft den Gipfel des Kozi chrbat (dt.: Ziegenrücken, 1330 m) an, wo beim Abstieg auf der anderen Seite eine unangenehme Überraschung auf mich wartet. Denn hier geht es sausteil zunächst durch den Tannenwald hinunter, wo ich an den Bäumen immer wieder Halt finde, aber auch darauf bedacht bin, nicht zum Sturz zu kommen und somit auf einen Baumstamm aufzulaufen. Ich quere rechts hinaus in den steilen, hartgefrorenen Firnhang, keine allzu kluge Enscheidung, denn hier habe ich keinen Halt mehr. Meine Schneeschuhe sind sogenannte "Classics", deren Harschkrallen, viel weniger ausgeprägt sind, als das bei den sogenannten "Moderns" der Fall ist. Hinzu kommt noch, daß ich auf meiner vorletzten Bergtour die hintere Harschkralle, die direkt unter der Sohle liegt, verloren habe, was sich in einfachem Gelände nicht allzu tragisch auswirkt, hier jedoch zu einer sehr ungünstigen Instabilität beiträgt. Nach einer Zitterpartie finde ich mich schließlich sturzfrei und unversehrt im Hiadel´ske sedlo (1099 m) wieder. Kleine Erklärungshilfe zwischendurch: slowakisch Sedlo bedeutet Paß, Scharte, Sattel.

Im Sattel finde ich ein Schild, welches über den Partisanenkrieg aufkärt, welcher in diesem Bereich der slowakischen Karpaten offenbar recht heftig getobt haben soll. Leider sind die Erklärungen nur in slowakisch abgefasst, aber wenigstens anhand der Karte kann man die Stützpunkte und Landungspunkte sowohl der deutschen als auch der Slowaken entnehmen. Der Hiadl´ske sedlo trennt schließlich die Starohrske vrchy von der Niederen Tatra, die somit erst jetzt ihren Anfang nimmt.

Ein junger Mann begegnet mir im Wald oberhalb des Sattels, einer der beiden Kameraden des in der Hütte Zurückgebliebenen, wie es sich herausstellt. Ich weise ihn auf den vereisten Hang hin, doch er weiß schon Bescheid und wird die Umgehung vorziehen. Ein Angstgipfel bezüglich der Lawinengefahr war bereits beim Kartenstudium zu Hause der folgende Gipfel. Die 1652 Meter hohe Prasiva weist tatsächlich einen verdammt steilen Hang auf. Hinsichtlich der derzeitigen Verhältnisse dürfte die Gefahr eines Abganges jedoch sehr gering sein. Trotzdem wundere ich mich ein wenig darüber, daß die Stangenmarkierung voll durch den steilen Hang zieht, während das teilweise von Bäumen durchsetzte, deutlich abgeflachter nach oben ziehende Gelände rechterhand offensichtlich viel sicherer erscheint. Was die winterliche Stangenmarkierung anbelangt, ist man in der Slowkei offensichtlich von den früher üblichen Eisenstangen abgekommen und hat stattdessen Holzstangen angebracht, welche sich doch etwas dezenter in die Landschaft einfügen. In diesem westlichen Kammbereich ist die Markierung aber nicht durchgehend vorzufinden.

Im bequemen Durchmarsch gelange ich über die Mala Chocul´a (1719 m) hinauf zur Vel´ka Chocul´a (1753 m), wo sich die Aussicht nun mehr der West- und der Hohen Tatra zuwendet, der wohl eindrucksvollsten Bergkette der Slowakei. Die Vel´ka Fatra indes bleibt mir weiterhin erhalten, selbst der bereits weit entrückt scheinende Startpunkt Donovaly sowie der gesamte bislang zurückgelegte Weg lassen sich überblicken. Das sich durch das langgezogene Tal unter mir hindurchstreckende Großdorf heißt Liptovská Lúzna und ist für schöne traditionelle Holzhäuser bekannt. Auch die Bevölkerung soll dort noch sehr in ihren Wurzeln verhaftet geblieben sein. Ein schroffer Felsenberg, dessen messerscharfer Grat wie ein Hahnenkamm erscheint, protzt über den Waldbergen im Norden. Es ist dies der Salatin (1650 m). Mit 1694 Metern folgt für mich der Kosarisko, hinter dem sich die Kammhöhe wieder etwas absenkt. Viel Zeit ist seit meinem Aufbruch am Donovaly verstrichen, und ein Nachtmarsch scheint sich nicht mehr verhindern zu lassen, will ich heute noch die Útulna pod Sedlom Durkovei (Hütte unter´m Durkova – Sattel, 1625 m) erreichen, was mir sehr am Herzen liegt, da mir sonst eine Biwaknacht unter freiem Himmel blüht.

Die Skal´ka erreicht gerade noch 1549 Meter, im Sedlo pod Skalkou, fällt die Höhe gar bis auf 1476 Meter zurück. Eine herrlich goldene Abendsonne überflutet die Kammhöhen, und während ich zunächst die Vel´ka hol´a (1640 m) und hernach die Latiborska hol´a überschreite, versinkt die blaue Himmelskuppe an ihrer nach Westen gerichteten Peripherie mehr und mehr in gelb – rote Pastellfarben über schneeweißen Bergkuppen. Die Zamoststka hol´a (1612 m) und die Durkova (1750 m) überschreite ich schließlich bei Mondschein. Diese letzte Stunde im schummernden Licht eines noch nicht ganz vollendeten Vollmondes unter einem sternenklaren Firmament hat sogar einen besonderen Reiz. Im Sedlo Durkovei finde ich einen Wegweiser, der mir die von mir angestrebte Hütte mit 15 Gehminuten unterhalb des Sattels anzeigt. Größer, als ich es erwartet habe, präsentiert sich mir das bis zum Boden herabgezogene Schrägdach der Útulna pod Sedlom Durkovei (1625 m).

Als ich zur Eingangstür schreite, scheint ein mattes Licht durch´s Fenster. Es ist also schon jemand anwesend. Drinnen sitzen drei Männer beim schalen Schein einer Karbidlampe am Tisch. Der Ältere empfängt mich zunächst mit einem mißmutigen Blick, und auf meine Frage, ob er deutsch spräche, erhalte ich ein barsches "Nein", gefolgt von dem deutsch gesprochenen Befehl: "Setzen Sie sich da rüber! Wollen Sie eine Suppe?" Als er gleich darauf vermutlich in die Küche verschwindet, frage ich die beiden Verbliebenen, ob er der Hüttenwart sei. Sie bejahen auf englisch und fügen hinzu "The soup is very good!" Da kehrt auch schon der Hüttenwart mit einer großen Tasse heißem, wohltuendem Tees zurück, er wirkt jetzt schon viel entspannter, fast schon freundlich und als ich Schuh´und Strümpfe ausziehe, bringt er mir sofort ein Paar Hausschuhe. Kurz darauf folgt die mit reichlich Knoblauch angereicherte Suppe. Selten habe ich eine Suppe so genossen, wie jetzt, denn schließlich war ich den ganzen Tag in der Kälte unterwegs, eine lange und anstrengende Etappe liegt hinter mir. Ein unglaubliches Gefühl von Gemütlichkeit und Zufriedenheit erfüllt mich, während ich die Suppe gierig in mich hineinlöffle und beim Herbergsvater eine weitere Tasse köstlichen Tees ordere. Ich habe hier eigentlich keine bewirtschaftete Hütte vorzufinden geglaubt, sondern jediglich eine Art Notunterkunft, in der ich vorraussichtlich allein sein würde, und wo ich selbst kochen und einen hoffentlich vorhandenen Ofen erst einmal anheizen hätte müssen, wenn denn überhaupt ausreichend Holz und Reisig hierfür vorhanden gewesen wäre. Stattdessen finde ich mich nun in einer wonnig beheizten Stube, die mit ihrer schlichten Einrichtung eine urige Gemütlichkeit ausströmt und kann sogar feucht gewordene Klamotten auf die Leine über dem Ofen zum Trocknen aufhängen.

Nach einer gut durchschlafenen Nacht im Matratzenlager unter dem Hüttendach ziehe ich von dannen, allerdings nicht, ohne mir zuvor zum von mir mitgebrachten Proviant an Brot und Marmelade einen stärkenden Turecka Cava (türkischer Kaffee) vom Hüttenwirt eingeflößt zu haben. 137 slowakische Kronen sollte die Nächtigung inclusive Suppe, Tee, Wasser und Kaffee kosten, was wenig mehr als 3 Euro entspricht. Ich runde die Summe auf 200 Kronen auf und verabschiede mich. Es ist halb Acht, und das Hüttenthermometer zeigt in der Sonne plus 3 Grad, was allerdings nicht über die wirkliche Kälte, die Nachts und immer noch schattseitig herrscht, hinwegtäuschen soll. Ein makellos blauer Himmel kündigt auch für heute wieder bestes Tourenwetter an.

Schnell bin ich wieder zurück im Sattel. Von den drei Gipfeln des Chabenec ist der mittlere mit 1955 Metern der höchste, zuvor überschreite ich den Westgipfel mit 1840 m und nach dem Hauptgipfel folgt der Ostgipfel mit 1843 m. Einen berauschenden Anblick bietet hier vor allem die Kette der West- und der Hohen Tatra. Bestens gelaunt und unbefangen steige ich zur Kotliska ( 1937 m) empor. Eines der charakteristischen Merkmale der Niederen Tatra – ganz im Gegensatz zur größeren Schwester – ist ihre relativ schwache Gliederung. Die typischen Gipfel in der Niederen Tatra sind nicht etwa schroff und spitz zulaufend, sondern oft weich geformte und gewellte Graskuppen, von denen allerdings einige in recht wilden Karen vorwiegend nordseitig senkrecht abstürzen. Dies trifft in erster Linie auf den zentralen Kamm zwischen Kotliska und Dumbier zu, wo das Mischgebilde aus Mittel –und Hochgebirge eindeutige Hochgebirgszüge trägt.

Der Tatsache, daß der Schnee komplett überfroren ist, war ich bislang – außer beim Intermezzo am Kozi Chrbat – mit wenig Sorge begegnet. Allerdings nehmen die nach Süden abfallenden Flanken nun immer mehr an Steilheit zu. Dieses Gelände ist bei entsprechend heiklen Verhältnisse auf alle Fälle lawinös. Zum jetzigen Zeitpunkt spielt die Lawinengefahr jedoch eine untergeordnete Rolle. Ich muß jetzt vielmehr darauf bedacht sein, daß meine leider nicht mehr allzu intakten Harschkrallen richtig greifen. Ausgerechnet der talseitige rechte Schneeschuh hat eine Macke. Auf einer meiner letzten Touren ging mir die direkt unter der Sohle angebrachte harschkralle verloren, was in steilem Gelände zu einer heiklen Instabilität führt.

Als ich zur anderen Seite des Kotliska - Gipfels hinuntersteigen will, steigt dort gerade ein Tourenskifahrer im Sidestep hinauf. Sehr behutsam setzt der dabei ein Brett über´s andere, und ich muß sagen, dieser nicht allzu hohe, dafür aber sausteile Abhang entzückt mich unter der gegebenen Situation wenig. Ich wechsle noch ein paar Worte mit dem polnischen Skiwanderer, und er gibt mir noch auf den Weg, außer an dieser Stelle, auch weiter vorn, am Chopok, vorsichtig zu sein. Wir wünschen uns gegenseitig guten Weg, und während er westwärts in die Richtung weiterzieht, aus der ich gekommen bin, mache ich mich behutsam an den Abstieg. Rechts unter mir erblicke ich die Geländekante. Dort sollte ich im Falle eines Sturzes keinesfalls drübergehen, denke ich. Prompt rutsche ich aus und nehme auf dem harten Eis ruckzuck Fahrt auf. Da ich auch keinen Eispickel dabei habe, ist es auf so einem Untergrund fast nicht mehr möglich, abzubremsen. Mit schwimmartigen Bewegungen schaue ich, daß ich wenigstens von der Kante wegkomme, während es mir meine Schneeschuhe verdreht, und ich mit allen Mitteln versuche, die Talfahrt zu bremsen. Glücklicherweise endet der "Downhill" im unten wieder flach werdenden Sattel, wenige Meter links von der höchstgefährlichen Absturzkante. Mit dem Schrecken und ein paar harmlosen Aufschürfungen bin ich gerade nochmal davongekommen. Mein rechter Schneeschuh scheint nun fast endgültig den Löffel abgegeben zu haben, denn durch das Verdrehen im Sturz hat es eine der Nieten meiner Bindung herausgerissen. Bis die andere herausreißt, ist dann wohl nur noch eine Frage der Zeit. Im Augenblick ist mir das jedoch wurscht, denn ich bin froh, gerade nochmal heil davongekommen zu sein. Welches Ausmaß ein Abgang über die Geländekante gehabt hätte, wird erst im Weitergehen richtig sichtbar. Unterhalb der Kante wäre es gut 200 Meter unaufhaltsam abwärts gegangen. Wäre ich dort heruntergesaust, so wär´s mit aller Wahrscheinlichkeit meine letzte Bergtour gewesen!

Der Schock sitzt tief und bleibt mir für den Rest des Nachmittags in den Knochen. Immer wieder drehe ich mich um und blicke zurück zur Absturzstelle und mit Schaudern in die Steilflanke unterhalb der Geländekante.

Mit ensprechender Vorsicht und Respekt arbeite ich mich weiter vorwärts in Richtung Chopok. In diesem Kammbereich sind die Wintermarkierungen wieder üppig, sie folgen allerdings für meinen Geschmack zu weit in die Flanken hinein, was sich sowohl bei Lawinengefahr, als auch jetzt, mit meinem nicht mehr voll funktionsfähigen rechten Schneeschuh, fatal auswirken könnte. Somit versuche ich, wenn es möglich ist, der direkten Kammlinie zu folgen, allerdings ohne dabei zu weit nach links (Norden) auszuweichen, denn ich habe keine Lust, mit einer Wächte zu Tal zu stürzen. Aus dem tief unterhalb der Kotliska liegenden Krizske sedlo (1775 m) ziehe ich zunächst hinauf zur Pol´ana (1890 m), dann abermals hinunter in den Sattel Sedlo Pol´any, um schließlich über verschiedene kleinere Vorgipfel mit der Derese (2004 m) den dritthöchsten Gipfel der Niederen Tatra zu erreichen. Unterhalb des Gipfels verkehrt ein Schlepplift für Skifahrer, von denen nun auch immer wieder welche zu sehen sind. Oben auf dem Kammweg bleibe ich jedoch weiterhin allein. Bereits von der Kotliska aus war die Bergstation des Chopok – Sessellifts zu erkennen, die nun immer näher ins Blickfeld rückt. Sie erscheint mir wie eine Insel der Zivilisation inmitten unberührter Bergnatur. Dort oben scheinen auch immer Gruppen von Leuten herumzustehen. Mir ist immer noch Bange ob der Warnung des ponischen Skifahrers, doch der Anstieg zum Chopok soll sich als nicht schwieriger oder gefährlicher herausstellen, als das hinter mir liegende Gelände. Auf dem letzten Vorgipfel begegnen mir bereits ebenfalls mit Schneeschuhen ausgerüstete Snowboarder und in den Hängen ziehen viele Skifahrer ihre Schleifen durch den eisigen Grund. Dennoch hält sich das Menschenaufkommen hier vergleichbar in Grenzen. Vor mir liegt dann auch mein Tagesziel, die sich an den Ostgipfel schmiegende Kamenna chata ("Hütte aus Fels"), deren Standort auf über 2000 Metern ihr das Prädikt "höchstgelegene Hütte der Niederen Tatra" beschert.

An und in der Hütte treiben sich zahlreiche Skifahrer herum. Drinnen empfängt mich eine freundliche und gemütliche Atmosphäre, die für kurze Zeit mein Gemüt ob meines Beinahe – Absturzes wieder beruhigen. Nachdem ich was gegessen habe, versuche ich zunächst einen Aufstieg zum Ostgipgfel, der steil nur wenige Gehminuten über der Hütte thront. Wenige Meter unterm Gipfel muß ich aufgeben, der steile, komplett gefrorene Anstieg läßt sich mit meinem maroden Werkzeug einfach nicht machen! Mit intakten Schneeschuhen oder Steigeisen, es hätten vielleicht auch schon ein Paar Grödeleisen gereicht, wäre dieser Aufstieg ein Kinderspiel gewesen. Jetzt aber muß ich mit äußerster Behutsamkeit wieder abwärts klettern.

Ich beschließe, den für morgen vorgesehenen Weiterweg in Richtung Dumbier zu erkunden. Hierzu umgehe ich den Chopok – Ostgipfel vorsichtig in seiner Südflanke und arbeite mich noch ein gutes Stück gen Osten vor, wo ich auf einem sonnenbeschienenen Felsen Rast mache und genaue Einsicht nehme. Deutlich sichtbar zieht eine Spur durch die steile Südflanke der Kruppova hol´a (1922 m) und weiter durch die noch steilere Dumbier – Südflanke. Ich überlege kurz und beschließe, daß ich diese Etappe unter den gegenbenen Umständen nicht machen werde. Einmal ausrutschen würde genügen, dann gäbe es dort oben keinen Halt mehr! Ich beschließe, morgen mit dem Sessellift zum Srediecko hinunterzufahren und den Weg durch´s von dort aus ostwärts verlaufende Waldtal zu nehmen, von wo aus ein Wiederaufstieg über eine mäßig steile Rinne zur Chata generala Stefanika möglich sein müsste. Die Bergstation des Sdriecko – Sessellifts befindet sich auf dem Wetgipfel des Chopok, der ebenfalls in wenigen Gehminuten von der Kamenna – Hütte aus erreichbar ist. Als ich am frühen Nachmittag auf die Hütte zugesteuert war, habe ich dem halbverrosteten Ding über mir keine große Beachtung geschenkt. Zu meinem Entsetzen stelle ich fest, daß der Lift nicht fährt. Die vereisten Eisenteile zeigen mir schon von Weitem, daß der Sessellift nicht nur tageszeitlich bedingt nicht verkehrt, sondern wohl auf Dauer außer Betrieb ist. Somit kann ich morgen nicht mehr vorwärts, über die steile Skipiste nicht mehr hinunter und wohl auch nicht mehr zurück, denn die beiden in der Karte verzeichneten Abstiege aus dem Sedlo pol´ana nach Norden und aus dem Krizske sedlo nach Süden werden wohl genauso vereist und auch steil sein, wie das ganze Gelände rings um mich herum. Ich stelle fest, ich sitze in der Mausefalle!

Ich komme mir vor wie ein Depp, als ich den Skifahrern zuschaue, wie sie in ihre Bindungen springen und wagemutig durch die vereisten Hänge talwärts sausen. Dabei wäre alles so einfach, wenn meine Schneeschuhe noch intakt wären und ich einen Eispickel bei mir hätte. Jetzt aber balanciere ich langsam wie eine Schnecke die lächerlichen paar Meter vom Westgipfel bis zur Hütte hinunter. Da kann nur noch der Hüttenwirt mit einer Auskunft weiterhelfen. Die Wirtsleute der Kamenna – Hütte sind übrigens sehr freundlich und umgänglich. Während die Frau nur English spricht, kann man mit ihm auch auf Deutsch kommunizieren. In der Hütte befindet sich übrigens ein großes Plakat von der Weltmeisterschaft im Skibergsteigen in Perra menta in den französischen Hochalpen. Wie ich später noch erfahren soll, ist der Hüttenwirt der derzeit beste Skibergsteiger der Slowakei und hat schon mehrfach in diesem Event teilgenommen.

Der Hüttenwirt erklärt mir, daß der Sessellift schon lange außer Betrieb ist, er sei völlig veraltet, was wahrlich unübersehbar ist! Die Bergstation wird sowohl von einer südlichen als auch von einer von Norden heraufkommenden Trasse erreicht. Somit war früher eine überschreitene Skifahrerei in den Süd- und Nordhängen des Chopok machbar, und hiermit auch eine Verbindung zwischen der nördlichen Demänovska Dolina und dem Srediecko im Süden hergestellt. Der weiter drüben verkehrende Schlepplift kann mir natürlich auch nicht hilfreich sein. Der Wirt sieht für mich die einzige Möglichkeit im Abstieg über die Skipiste, wobei er mir empfiehlt, nicht zu früh abzusteigen, sondern lieber ein wenig zu warten, bis die Sonne den böckelharten Firn vielleicht ein wenig aufgeschmolzen hat. Heute allerdings hat die Sonne das bei schattseitig minus 13 Grad den ganzen Tag nicht geschafft, rosige Aussichten! Er stellt mir außerdem eine junge Slowakin vor, die sich hier schon gut auskennt und auch gut und gerne deutsch spricht. Somit füllt sich der Abend mit einem unterhaltsamen Gespräch. Die Kleine geht übrigens in Österreich auf eine Schule, weshalb sich bein ihr bereits amüsante ostösterreichische Dialektgewohnheiten eingeschlichen haben. Sie gehört mit mir zu den wenigen Gästen, die auch über Nacht in der Hütte bleiben. Die meisten kehren zurück zum Hotel Kosodrevina oder fahren noch weiter hinab zum Sdriecko. Ein Versuch, den Chopok – Ostgipfel nur mit Wanderschuhen zu besteigen, war übrigens am frühen Abend vorzeitig gescheitert, nachdem ich schon kurz hinter der Hüttentür auf der Nase lag. Mit seinen 2024 Metern nimmt der Chopok übrigens den zweiten Platz in der Rangliste der höchsten Gipfel der Nizke Tatry ein. Der alles überragende Dumbier (2043 m) wird mir morgen wohl durch die Lappen gehen, aber momentan ist das zweitrangig, denn ich sorge mich mehr um ein unfallfreies Ankommen beim morgigen Abstieg.

Über Nacht geschieht das Wunder. Bereits während der Nachtstunden war es wärmer geworden, und am folgenden Morgen ist die Temperatur im Vergleich zur selben Uhrzeit gestern um mindestens 10 Grad gestiegen. Was habe ich bloß für ein Glück! Nach einem herzhaften Frühstück verabschiede ich mich von den Wirtsleuten und meiner slowakischen Freundin und mach mich an den Abstieg hinunter zum Hotel Kosodrevina, welches ich schließlich etwas langsam, aber dennoch problemlos erreiche. Aber wehe, der Hang wäre noch geforen gewesen! Ein tödlicher Unfall wäre hier zwar unwahrscheinlich gewesen, und zudem hätte es zahlreiche Augenzeugen vom wenige Meter von mir entfernten Schlepplift bzw. auf der Piste gegeben, die dann sicher die rasch die unten stationierte Bergrettung alarmiert hätten, aber ein Ende meines Abenteuers in einem slowakischen Krankenhaus wäre gar nicht nach meinem Geschmack gewesen!

Am Hotel Kosodrevina (1690 m) befindet sich eine (funktionierende!) Sesselliftstation, die nach Striecko hinunterführt.Für die Talfahrt muß ich übrigens nichts bezahlen. Vom der Talstation mit dem Hotel Srdiecko aus folge ich der Teerstraße ein paar Serpentinen abwärts, bis aus einer Kurve heraus die grüne Markierung nach Osten in den Wald hineinführt. Auf dem schönen Waldweg geht es mäßig aufwärts. Unterwegs treffe ich den "Biersherpa" der Stefanik – Hütte, der sich gerade schwer schwitzende zu einer Pause niedergelassen hat. Viele Berghütten in der Slowakei werden noch auf diese Weise versorgt. Alles, was oben an Lebensmitteln benötigt wird, einschließlich das Bier, wird auf Kraxen mühsam den Berg hinaufgetragen. Man muß den dennoch sehr moderaten Preisen auf den Hütten Respekt zollen! Die grüne Markierung führt nun steil aufwärts, irgendwo links oder rechts im Gelände soll sich eine sehenswerte Höhle befinden. Gestern, von meiner Aussicht aus, war mir die weiter links hinaufziehende Rinne günstiger erschienen, ich folge aber lieber der Markierung. Schließlich gelange ich auf die Kammhöhe. Es ist dies der Anfang des südlich dahinziehenden Seitenkammes Vel´ky Gapel´, dahinter thront die Stefanik – Hütte (1730 m). Ich sehe jetzt den Bierträger im oberen Teil der nördlicher verlaufenden Rinne. Es soll sich herausstellen, daß ich den Sommerweg eingeschlagen habe, während der Kraxenmann richtigerweise den Winterweg genommen hat. Der sich von hier aus im Norden aufstemmende Dumbier bildet einen massiven Rücken aus, der schließlich ins Tal abfällt. Der weitere Verlauf des Hauptkammes setzt sich dann weiter südlich fort, und ist mit dem Dumbier – Massiv durch einen kurzen Kamm verbunden. Dort, wo dieser auf den Hauptkamm trifft, befindet sich der aussichtsreiche und strategisch günstige Standort der Stefanik – Hütte.

An der Hütte treffe ich meine slowakische Freundin wieder. Sie schlägt vor, gemeinsam zum Dumbier aufzusteigen. Ich habe diesen Berg eigentlich schon abgeschrieben, doch sie hat recht, denn die Situation ist heute eine ganz andere, und es dürfte auch im Gipfelbereich keine Probleme geben. Ich lasse mein Gepäck auf der Hütte zurück und wir gehen´s an. Problemlos erreichen wir den Gipfel. Auch ein Mitglied der slowakischen Bergrettung ist oben eingetroffen. Die Aussicht ist phänomenal, und die Aussage des Bergretters, dies sei der großartigste Aussichtspunkt der Slowakei, ist bestimmt nicht fehl am Platz! Wo sonst noch kann man praktisch alle bedeutenden Bergketten der Nordslowakei einschließlich der Paradeansicht der gesamten Tatra – Kette bewundern! Ganz zu schweigen von der Niederen Tatra selbst, wo weit im Westen die Vel´ka Chochula den ersten nennenswerten Hochgipfel bildet, und ganz hinten im Osten mit der von einem auffälligen Sendemasten besetzten Kral´ova hol´a (1946 m) der letzte große Berg dem Sammelsurium an Gipfeln, Kuppen und Einsattelungen ein fulminantes Ende setzt.

Als erstes macht sich der Mann von der Bergrettung davon, dann nehme ich Abschied von meiner slowakischen Freundin. Sie möchte über den Weg, den ich heute ursprünglich zu gehen beabsichtigte, in umgekehrter Richtung zur Kamenna – Hütte zurückkehren. Ich kehre zurück auf unserer Aufstiegsroute, den weiteren Kammverlauf und die ferne, schneeweiße Kuppe der Kral´ova hol´a fest im Auge. Unterwegs begegnen mir noch zwei Gruppen von Gipfelanwärtern. Eigentlich wenig für so einen hervorragenden Gipfel. Ich stärke mich zunächst bei Tee und Coca Cola in der Chata generala Stefanika. Der alte, aber große und kräftig gebaute Hüttenwirt erscheint mir in seiner verschlissenen Militärhose wie ein alter Partisan. Er spricht etwas und versteht noch mehr deutsch. Als ich den Weiterweg aufnehme, ist es bereits fortgeschrittener Nachmittag, doch ich denke, mein Tagesziel, die Notunterkunft Ramza könnte ich vielleicht gerade noch kurz vor oder nach Sonnenuntergang erreichen. Der erste Gipfel in der folgenden Kette heißt Kralicka (1785 m). Tief unter mir erkenne ich die einladende Stefanik – Hütte, zu meiner Linken gebärdet sich der mächtige Dumbier – Kamm wie ein urzeitliches Ungetüm. In abgelegen und völlig verlassen scheinende Taleinschnitte mit düsteren Wäldern greifen die schneeweißen Armen verschiedener Nebenkämme hinein. In völliger Bergeinsamkeit überschreite ich genußvoll und problemlos eine Gipfelkuppe nach der anderen. Der zunächst harmlos einsetzende Wind hat sich zwischenzeitlich zu einem gartigen Lüftlein entwickelt, die leichten Eintrübungen am Himmel tun der großartigen Aussicht aber keinen Abbruch. Der Wetterfrosch von der meteorologischen Station des Chopok, welche sich übrigens in direkter Nachbarschaft zur verwaisten Seilbahnstation befindet, hat ja bereits für heute eine Wetterverschlechterung prophezeit, die sich allerdings bis dato in Grenzen hält. Seit Verlassen des Dumbier – Massivs hat sich der Hauptkamm wieder abgesenkt, führt manchmal nur knapp über die Baumgrenze und zieht durch schneebedeckte Latschenfelder, wobei nun immer wieder einzelne oder kleine Gruppen von Büschen, Bäumchen oder hochgewachsenen Latschen aus der Schneedecke ragen. Die überschrittenen Gipfel heißen in Reihenfolge: Besna (1807 m), Panska hol´a (1635 m) und zum Schluß noch der auffällige Lajstroch (1602 m). Zwischen den aufgezählten Gipfeln befindet sich noch eine Reihe namenloser Bergkuppen, die von mir gleichfalls überschritten werden. Vom Gipfel des Laistroch aus erkenne ich tief unten in Nordost Kirchturm und Häuser der Siedlung Vysna Boca (951 m), die sich unterhalb des Passes Certovica befindet. Es herrscht bereits Dämmerstimmung, herrlich einsam, kalt und ernst. Solche Situationen geben mir immer ein gewisses Gefühl von Ausgesetztsein, ohne daß ich mich dabei allzu sehr ängstige. Es ist eher ein leichter Schauer, der mich beschleicht, vielleicht ist es das selbe Gefühl, das Menschen haben, wenn sie ganz weit ins Meer hinaus schwimmen, im Bewußtsein, aus eigener Kraft und Regie wieder ans sichere Ufer zurückzukehren.

Hinterm Lajstroch geht es kontinuierlich abwärts, in den Tannenwald hinein, wo mir schon der Duft von Kaminrauch der sich nähernden Ortschaft in die Nase kriecht. Bald befinde ich mich oberhalb einer kleinen Skipiste, an deren Rand ich mich hinunterwühle. Da die letzte Niete meines Schneeschuhs zwischenzeitlich auch hinüber ist, bin ich nun ohne diese unterwegs. Der hier in den tieferen Lagen doch schon recht weiche Schnee macht mir zum Schluß hin doch noch einiges zu schaffen. Es ist kurz vor Sonnenuntergang, als ich auf der Paßstraße der Certovica stehe. Dieser eigentlich nur aus Pensionen bestehende Ort wirkt auf mich nun unheimlich anziehend und heimelig. Im Gegensatz zum protzigen und verbauten Donovaly scheint die Certovica etwas liebliches, einladendes zu haben. Die Pensionen sind durchwegs schöne Häuser im landestypischen Baustil, manche noch etwas heruntergekommen, und an sozialistische Zeiten erinnernd. Ich stehe neben dem Wanderschild, das mir den Weiterweg anzeigt. Es ist spät geworden und wenn ich die Ramza – Hütte heute noch erreichen will, dann nur noch bei Nacht. Dort würde mich sicher ein kaltes, heruntergekommenes Quartier erwarten. Im Gegensatz dazu würde ich hier auf der Certovica mit einem guten Essen, einer heißen Dusche und einem warmen Bett verwöhnt. Rasch sind die Würfel gefallen und ich betrete die nächstbeste Pension. Dort bietet man mir Halbpension für 700 Kronen (ca. 17 Euro). ich werde darum gebeten, sofort im Speisesaal Platz zu nehmen, da das Essen nun serviert wird. Selten hat mir eine Mahlzeit so gemundet, denn seit dem Frühstück in der Kamenna – Hütte hatte ich mich nur noch von Zwischenmahlzeiten in Form von Schokoriegeln ernährt. Die Pension wirkt übrigens sehr gepflegt und hat sich trotzdem noch ein gutes Stück ländlich – slowakischer Atmosphäre bewahrt. Im beheizten Zimmer mache ich das Fenster weit auf, um den Duft der umliegenden Tannenwälder hereindringen zu lassen.
Mit der Certovica ist der tiefste Punkt in der Nizke – Tatry – Durchquerung erreicht. Auf 1238 Metern hat die Paßstraße, welche Liptovske Mikulas im Liptauer Becken mit der südlich des Gebirges liegenden bekannten Bergbaustadt Banska Bistrica verbindet, ihr höchstes Niveau erlangt. Die Certovica kann als das Zwischenziel bei der Gesamtdurchquerung angesehen werden, denn sie trennt den algemein besser erschlossenen Westteil vom "wilden" Osten des Gebirges. Oft wird sie als Beginn oder Ende mehrtägiger Bergexkursionen benutzt. In der Certovica steckt wahrlich der Teufel. Cert bedeutet auf slowakisch "Teufel", und der Name soll aus dem alten Volksglauben herrühren, daß dort oben der Herr der Finsternis regelmäßig während der Walpurgisnacht ein Stelldichein mit Hexen und Dämonen gab. Aus diesem Grund wurde der Paß in alten Zeiten oft gemieden.

Eine lange Etappe erwartet mich anderntags, denn von der Certovica bis zu meinem Etappenziel "Utulna touristica Andrejcova" sind gut 9 Stunden (Sommergehzeit!) zu veranschlagen. Bis ich die Pension verlasse, ist es bereits 8.40h. Es herrscht heute trübes Wetter, die hinter mir gelassenen Berggipfel bleiben schon teilweise vom Nebel verschluckt. Dennoch scheint mir das Wetter besser, als vorhergesagt. Die gestiegenen Temperaturen und die relativ geringe Seehöhe brocken mir nun einen unangenehm nassen und weichen Schnee ein. Die Markierung führt zunächst problemlos in Südostrichtung unterhalb des Gipfels Certovica svadba ("Teufelshochzeit", 1463 m) entlang. Mit dem Gehen tue ich mich schwer, ständig sinke ich ein. Um das Ganze etwas zu mildern, trage ich rechts den intakten Schneeschuh und stemme mich somit mit diesem wieder aus dem Schnee hinaus, wenn ich linksfüßig einsinke, was fast ständig – mal tiefer, mal weniger tief – der Fall ist. Genau südlich des Gipfels macht der Weg laut Karte einen spitzen Winkel und läuft wohl unter der Ostflanke des Gipfels in Richtung Nordost weiter. Diese Schnittstelle wird in der Karte als Sedlo za Lenivou (1378 m) bezeichnet. Von diesem aus führt weiterhin ein grün markierter Weg auf einen nach Süden hinausziehenden Nebenkamm. Ich finde im Sedlo za Lenivou auch einen Wegweiser, dann noch ein Wegzeichen im hier stark abgeholzten Wald. Es beginnt ein Suchen und Umherirren, zu guter Letzt finde ich mich auf dem Gipfel der Certovica svadba wieder. Bedingt durch das Handicap mit dem kaputten Schneeschuh geht alles viel zu langsam und enorm kraftraubend. Eigentlich habe ich bereits zu viel Zeit verloren, dennoch will ich mich noch nicht geschlagen geben, versuche noch den Gipfel der nahen Konciste (1474 m) zu erreichen. Dabei gelange ich zwar zunächst auf den Nebengipfel, welcher sich zwischem Certovica svadba und Konciste befindet, verirre mich dann abermals und stehe bald abermals auf der Certovica svadba. So etwas kann schnell passieren, indem man mehreren Kurven in dieselbe Richtung folgt. Das summiert sich, und ehe man sich´s versieht, marschiert man in die Gegenrichtung. Mir fällt der Fehler auf, als ich plötzlich wieder den Funkturm erblicke, der sich über dem Certovica – Paß auf einem Hügel befindet, und ich die Skifahrer auf der nahen Piste wiedersehe, und zwar auf der aus meiner Sicht falschen Seite!

Viel Zeit habe ich nun verplempert und habe mich effektiv nur wenig von meinem morgendlichen Ausgangspunkt entfernt. Im Westteil des Gebirges habe ich eigentlich immer Ski- und/oder Fußspuren gefunden. Das ist hier vorbei, dazu kommt nun, daß keine Stangenmarkierung mehr vorhanden, und die Sommermarkierung an den Bäumen offenbar durch Holzeinschlag stark beeinträchtigt ist. Unter der geschlossenen Schneedecke sind schmale Wanderpfade meist nicht mehr auffindbar. Somit ist mein Unternehmen schon so gut wie gescheitert.

Ich werde nun versuchen, in südlicher Richtung abzusteigen, um meine Wanderung in einem der Dörfer auf der Südseite der Niederen Tatra zu beenden. Dabei werde ich wohl zwangsläufig auch den Kammweg kreuzen. Somit besteht noch die winzige Hoffnung, dabei irgendeinen Anhaltspunkt, sei es eine Spur, Markierung oder die Kontur eines Wanderpfades unterhalb der Schneedecke zu finden, und es dann weiterhin noch zu probieren. Zur Not könnte ich ja eine Zwischenübernachtung auf der Ramza einlegen. Doch ich habe kein Glück. Stattdessen gerate ich wieder einmal in eine meiner berüchtigten Durchschlageübungen, wie es mir auf meinen Karpatenwanderungen schon so oft ergangen ist. Allerdings ist die Situation jetzt im Winter mit kaputten Schneeschuhen und somit dem auspowernden Einsinken im Schnee doch noch etwas schwieriger. Nachdem ich ausreichend lang zwischen Büschen und Bäumen talwärts gestolpert bin, erreiche ich einen Fahrweg. Dieser ist selbstverständlich zugeschneit, doch Fahrwege sind unter geschlossener Schneedecke wegen ihrer Breite praktisch immer zu erkennen. Hier muß ein teuflischer Sturm gewütet haben. Die umliegenden Berghänge sind von enormen Sturmschneisen gezeichnet. Mein "Fahrweg" ist über und über mit Sturmholz versperrt. Mühseelig, langsam und auch nicht ganz ungefährlich bahne ich mir meinen Weg über und unter Bäumstämmen und Ästen hindurch. Nicht ganz ungefährlich deshalb, weil man in einem solchen Gelände besonders tief und abrupt mit dem Fuß einsinken und sich dabei verletzen kann. Meine Devise lautet nun, so gut und sicher wie möglich abwärts. Teils mit Weg, teils ohne, weiterhin zwischen dichtgewachsenen Waldpartien und umgestürzten Bäumen über- unter- und zwischendurch gelange ich endlich zu einem kleinen, verkommenen Hüttchen. Als Notunterkunft würde diese auf spartanische Weise ihren Zweck erfüllen, allerdings haben irgendwelche Dreckferkel einen ganzen Müllsack drinnen zurückgelassen, so daß Gestank und der nächtliche Besuch von Mäusen garantiert sind. Eine Notübernachtung kommt für mich jedoch nicht in Frage, denn ich habe immer noch genügend Zeit, um auf irgendeine Weise das Tal zu erreichen.

Sehr zu meiner Erleichterung entdecke ich an einem Baum in der Nähe des Hüttchens eine blaue Markierung. Endlich kann ich mich mit Hilfe der Karte neu orientieren. Ich stelle fest, daß ich mich nun auf dem blau markierten Weg vom Dorf Bacuch zum Bacusske sedlo befinde. Der Bacusske sedlo (1319 m) wäre der nächste geographisch markante Punkt gewesen, den ich auf dem Kammweg vom Sedlo za Lenivou aus erreicht hätte. Für mich gibt es jetzt jedoch nur noch eins: weiterhin abwärts, und dies zunächst auf einem abermals mit umgestürzten Bäumen gespickten Fahrweg, bis ein unter der nun schon deutlich dünneren Schneedecke recht gut erkennbarer, schöner Serpentinenweg hinunter zum Bach Bacusske potok führt. Endlich erreiche ich einen schneefreien, total vermatschten Fahrweg. Ein Wanderschild weist diesen Punkt als Podvrch – Razcestie (715 m) aus. In der Nähe steht ein Holzfällerwaggon, und ein paar halbverrostete, Benzingeruch verströmende Waldarbeiterutensilien fahren in der Gegend herum. Jetzt brauche ich nur noch dem Fahrweg entlang des Baches talauswärts zu folgen, um schon bald die ersten Häuser der Ortschaft Bacuch (629 m) zu erreichen. Ich treffe im Ort einen Busfahrer, der mir bei meinem Weiterkommen behilflich ist. Bereits unterwegs hatte ich mir überlegt, was ich denn nun als nächstes anstellen werde. Ein Wiederaufstieg in die Niedere Tatra macht ohne intakte Schneeschuhe keinen Sinn mehr, und überhaupt kommt jetzt bezüglich Bergwandern nicht mehr viel in Frage, da ich bei den derzeitigen Verhältnissen praktisch überall auf die gleichen Probleme stoßen werde. Ursprünglich geplant war, daß ich nach der vollständigen Durchquerung der Niederen Tatra, die ich vorraussichtlich mit dem Abstieg ins Dorf Telgart (881 m) morgen mittag oder abend abgeschlossen hätte, ins sehr nahe gelegene Slovensky Raj weitergereist wäre, um dort im Südteil des Nationalparks die einzige Schlucht zu begehen, die mir unter all den zur Begehung Zugelassenen in diesem faszinierenden Nationalpark bislang noch fehlt: die Zojmarska roklina. Mit Hilfe des Busfahrers finde ich, wie gesagt, die dementsprechende Verbindung. Die Fahrt führt durch das lange Tal der Horehronske Podolie, die sich parallel zum Südabhang der Niederen Tatra entlangzieht. Die Dörfer, durch die wir kommen, machen einen ärmlichen und vernachlässigten Eindruck, der Anteil von Sinti oder Roma in der Bevölkerung ist hier unübersehbar groß. Mein Endziel ist das kleine Dörflein Stratena, welches ich mit Hilfe der Karte als günstigen Ausgangspunkt für die Erkundung der Zojmarska roklina auserkoren habe. Innerlich bange ich, daß ich nicht etwa in einem verwahrlosten Zigeunernest lande, doch nach einem Umstieg in Telgart passiert der Bus wieder ansehnlichere Ortschaften, und die Landschaft wird atemberaubend. Die Fahrt entlang des Südrandes der Niederen Tatra hatte mich diesbezüglich nicht besonders entzückt, hier aber, wo der kurvige Straßenverlauf die Grenze zwischen den beiden Nationalparks Nizke Tatry und Slovensky raj zieht, werde ich mit der Ansicht von bizarren Felsskulpturen, von ansehliche Waldgipfel trennenden Taleinschnitten und Bachläufen, die die Schneedecke wie schwarze Fäden durchziehen, verwöhnt. Von der gegenüberliegenden Seite her grüßt die pompöse Kral´ova hol´a, das heute sehr ernste Gesicht halb durch einen Nebelschleier verdeckt.

Stratena gefällt mir auf Anhieb. Der kleine Ort liegt weltvergessen zwischen dunklen Waldgipfeln. Selbst die sich in unzähligen Kurven durch dieses Gebiet schlängelnde, recht viel befahrene Verbindungsstraße von Poprad nach Brezno erscheint mir wie eine Landstraße ans Ende der Welt, ganz zu schweigen von der parallel dazu verlaufenden Bahnlinie, über deren Brücken und Viadukte meist nur kleine Schienenbusse schippern, die schon fast nostalgisch wirken.Es ist zwar schon recht spät, doch nachdem ich in einer Pension Quartier genommen habe, zieht es mich noch mal hinaus zu einer kleinen Wanderung. Besagter Straße folgend, die direkt durch den Ort führt, biege ich hinter den letzten Häusern nach rechts in einen verschneiten Weg, der laut Karte durch den Stratenska Kanion führt. Die Strecke ist kurz, doch da ich ständig im naß – weichen Schnee einsinke, auch recht mühsam. Dennoch bringt diese kleine Wanderung wunderschöne Eindrücke. Sie führt durch eine von Felsen begrenzte Schlucht und quert den sprudelnden Bach über romantische Holzbrücklein. Das Ganze im dämmernden Abendlicht macht den kleinen Ausflug zu einer lohnenden Sache. Bis ich die Pension wieder erreiche, ist es bereits finster.

Am nächsten Morgen verlasse ich Stratena am entgegengesetzten Ortsausgang. Die rote Markierung der Cesta hrdinov SNP, auch hier immer noch Teil des Europawanderweges E 8, verläßt die Straße nach links und verfolgt nun auf einem Fahrweg weiterhin dem Bachlauf des Hnilec. Es ist dies der selbe Bach, der auch den Stratena Kanion durchschneidet. Ich erreiche eine Weggabelung, wo das Gewässer einen breiten Arm ausbildet und einen Zufluß von Norden her erhält. Diese Stelle ist ein sehr schöner Flecken. Die adretten Ferienhüttchen dienen sicher im Sommer Familien, die zum Wandern oder vielleicht zum Angeln, Paddeln und Entspannen hierherkommen. Jetzt herrscht hier eine Art Winterstarre, das Wasser ist partiell zugefroren und die Umgebung menschenleer. Ich folge, in Gedanken versunken, dem Hauptweg aufwärts, und nachdem längere Zeit keine Wanderzeichen an den Bäumen mehr erscheinen, regt sich der Verdacht, offenbar falsch zu sein. Nichts desto trotz setze ich meinen Weg unbeirrt fort, irgendwie werde ich wohl den nahen Ort Dedinki doch noch erreichen. Der kleine Ski- und Erholungsort Dedinki (795 m) liegt pittoresk an einem kleinen See, durch den auch der Hnilec – Bach fließt und ist unmittelbarer Ausgangspunkt für die Begehung der Zojmarska roklina. Da Dedinki weder von der Landstraße noch von der Bahnlinie unmittelbar berührt wird, habe ich Stratena als Unterkunftsort den Vorzug gegeben.

In ausladenden Serpentinen zieht der Fahrweg höher und höher. Bald schon soll sich diese außerplanmäßige Exkursion als lohnend outen, denn zwischen den Bäumen hindurch und gelegentlich an lichten Stellen – dann besonders beeindruckend – bietet sich mir an diesem wunderschönen Morgen ein erstaunliches Bild: eine Ansammlung von bewaldeten Schluchten und Bergen, deren Gipfel sich oft als bizarre Felsgebilde inszenieren, dahinter, entrückt, schimmert die Kette der Hohen Tatra wie das Trugbild einer Fata Morgana. Als ich schließlich auf einen mit gelber und grüner Markierung versehenen Weg stoße, bestätigt sich in etwa meine Annahme über den bisherigen Wegverlauf. Bald schon erreiche ich den rot markierten Pfad der Glacka cesta, welche den Nationalpark der Länge nach durchquert. Wenige Kilometer nordwärts befindet sich der äußerste Punkt, der von mir und Udo Acker in Zusammenhang mit unseren bislang unternommenen ausgiebigen Touren in diesem Nationalpark berührt wurde, nämlich der Ausgang der Rothova roklina. Heute aber folge ich dem Weg in den Südwesten hinunter, wo ich, wie erwartet, nur etwa hundert Meter unterhalb eines verwaisten Hotels und der Bergstation des von Dedinki hier heraufführenden Sessellifts, auf den Ausgang der Zojmarska roklina treffe. Wie fast alle Schluchten im Slovensky raj, so ist auch diese Klamm eigentlich nur zur Begehung in eine Richtung erlaubt, nämlich von unten nach oben. Nun, Ausnahmen bestätigen die Regel, zudem sind wir auf unseren Klammbegehungen, die wir ja immer in etwa zur selben Jahreszeit wie jetzt vornahmen, so gut wie nie einer Menschenseele begegnet.

Wie´s der Teufel so will, begegne ich bereits im obersten Klammabschnitt einer mehrköpfigen Wandergruppe, und ich werde sogleich auf meine scheinbare Irrung aufmerksam gemacht. Für das Verbot sehe ich zwei Gründe: der eine liegt sicher in der erhöhten Absturzgefahr, der weniger Trittsichere oder nicht ganz schwindelfreie Personen ausgesetzt sind, wenn diese von oben nach unten gehen, der andere ist wohl der, daß Gegenverkehr auf diesen engen und glitschigen Steigen, wo man sich über zahlreiche Tritte und Leitern nach oben hangelt, sehr lästig ist. Besonders zur vielbesuchten Hauptsaison, die wohl ab Mitte Mai beginnt, und sich bis in den Spätherbst ausdehen dürfte, wäre beidseitiger Verkehr fatal. Der Feiertag, die gute Erreichbarkeit per Auto und eine nahe touristische Infrastruktur sind wohl daran schuld, daß mir heute, trotz winterlicher Konditionen, doch noch die einen oder anderen Mitwanderer begegnen.

Zusammen mit der im äußersten Norden des Parks sich befindlichen Klastoriska roklina, ist die Zojmarska roklina die kleinste unter den Klammen im Slovensky raj. Auf diesem bei aller Ruhe nicht einmal 45 Minuten in Anspruch nehmenden Abstieg bietet sie mir jedoch sämtliche Eigenheiten einer typischen Slovensky – raj - Schlucht. Auf einem Kilometer überwindet die Klamm eine Höhendifferenz von 228 Metern (Zugang Mlinky Biele vody 804 m, Ausstieg Geraly 1032 m),der höchste Wasserfall hat eine Fallhöhe von 22,5 Metern. Der Weg führt, wie üblich, über abenteuerliche Eisenleitern und Drahtseilversicherungen durch diese wildromantische Szenerie. Die Klamm wurde übrigens 1963 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

In Dedinki kommt mein knurrender Magen endlich auf seine Kosten, und nachdem ich das Mittagsmahl mit einem kräftigen Turecka Cava abgeschlossen habe, wühle ich mich mit neuerwachten Kräften durch weitgehend unverspurtes Gelände zurück nach Stratena. Diesmal nehme ich auf dem Rückweg den auf dem Anmarsch verpassten rotmarkierten Pfad, der schön über Serpentinen durch den Wald verläuft und mir einen sehenswerten Ausblick auf den Hlinec bietet, über welchen die Eisenbahnbrücke des aus dem Tunnel tretenden Gleiskörpers führt.

Eine Fehlinformation in meiner Pension führt dazu, daß ich mich zu einem weiteren Ausflug hinreißen lasse, und dadurch knapp den Bus verpasse. Da heute Feiertag ist, muß ich jetzt Ewigkeiten auf den nächsten Bus warten, der mich nach Poprad bringen soll. Mit halberfrorenen, nassen Füßen (habe die Schuhe längere Zeit nicht mehr präpariert) steige ich endlich zu. Die Rückfahrt nach Poprad über eine Paßstraße nach Vernar (778 m) ist landschaftlich sehr schön. Ein orangener Mond leuchtet in der späten Abenddämmerung über dem Slovensky raj. Jetzt fehlt nur noch die Fledermaus davor, dann wäre das Karpatenklischee wieder mal perfekt! Bis wir in Hranovica (615 m) eintreffen, ist es bereits Nacht.

Mein weiterer Aufenthalt in der Slowakei hängt nun am seidenen Faden, denn wegen der kaputten Schneeschuhe bleiben mir kaum noch Tourenmöglichkeiten. Es bestünde allerdings noch eine letzte Option: von Poprad aus mit dem Bus nach Cerveny Klastor zu fahren und dort morgen eine etwa vierstündige Wanderung, die vor allem entlang des sagenhaften Dunajec – Durchbruch verläuft, zu unternehmen. Aufgrund der geringen Seehöhe dürfte es dort wohl schon weitgehend schneefrei sein. In der Saison von Mai bis Ende Oktober bieten die dort ansässigen Goralen Floßfahrten mit anschließenden Grillfesten an. Der Dunajec bildet dort zudem die Grenze zu Polen. Auch das Cerveny Klastor (Kloster von Cerveny) soll schon für sich allein eine kleine Attraktion sein.

Der Busfahrplan in Poprad zeigt mir prompt eine direkte Verbindung nach Cerveny Klastor auf, allerdings erst nach 23 Uhr. Zusätzlich noch mit einem ominösen Buchstaben versehen, könnte das durchaus heißen, daß dieser Bus am heutigen Feiertag gar nicht fährt. Der Zugfahrplan wiederum offeriert mir die Möglichkeit, mit dem "Cassovia" in einer halben Stunde die Rückreise anzutreten. Die Entscheidung fällt spontan zugunsten des "Cassovia". Dennoch fällt mir der Abschied schwer. Die Nordslowakei und ihre bezaubernden Berge sind mir durch meine zahlreichen Besuche der letzten Jahre vertraut geworden, ja selbst der abgetakelte Bahnhof von Poprad vermittelt mir ein eigenartiges Gefühl der Vertrautheit, gemischt mit dem Wunsch nach Wiedersehen, dem ich denn auch durch ein innerliches Versprechen Genugtuung verleihe.

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